{"id":9558,"date":"2003-09-07T19:49:44","date_gmt":"2003-09-07T17:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9558"},"modified":"2025-05-08T17:50:00","modified_gmt":"2025-05-08T15:50:00","slug":"matthaeus-6-25-34-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-6-25-34-3\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 6, 25-34"},"content":{"rendered":"<h3>15. Sonntag nach Trinitatis | 28. September 2003 | Mt 6,25\u201334 | Ulrich Nembach |<\/h3>\n<p>Mt. 6, 25-34:<br \/>\n25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer<br \/>\nLeben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was<br \/>\nihr anziehen werdet. Ist<br \/>\nnicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?<br \/>\n26<br \/>\nSeht die V\u00f6gel unter dem Himmel an: sie s\u00e4en nicht, sie<br \/>\nernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer<br \/>\nVater ern\u00e4hrt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?<br \/>\n27<br \/>\nWer ist unter euch, der seines Lebens L\u00e4nge eine Spanne zusetzen<br \/>\nk\u00f6nnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?<br \/>\n28 Und warum sorgt ihr<br \/>\neuch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen:<br \/>\nsie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.<br \/>\n29 Ich sage euch, dass auch<br \/>\nSalomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine<br \/>\nvon ihnen.<br \/>\n30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch<br \/>\nheute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht<br \/>\nviel mehr f\u00fcr<br \/>\neuch tun, ihr Kleingl\u00e4ubigen?<br \/>\n31 Darum sollt ihr nicht sorgen und<br \/>\nsagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir<br \/>\nuns kleiden?<br \/>\n32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer<br \/>\nVater wei\u00df,<br \/>\ndass ihr all dessen bed\u00fcrft.<br \/>\n33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes<br \/>\nund nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.<br \/>\n34 Darum<br \/>\nsorgt nicht f\u00fcr morgen, denn der morgige Tag wird f\u00fcr<br \/>\ndas Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.<\/p>\n<p><strong>Das biblische Antiprogramm zur modernen Gesellschaft \u2013 Gottes<br \/>\nSorglospaket<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wie ein Antiprogramm erscheint unser Predigtext, ein Antiprogramm gegen<br \/>\nsoziale Sicherungssysteme und ein Antiprogramm zu unserer heutigen Wirtschaft.<\/p>\n<p>Wer sorglos lebt, leben soll, der braucht keine soziale Sicherung, weder<br \/>\neine Altersicherung noch eine Krankenversicherung. Damit ist nicht nur<br \/>\ndie Versicherungswirtschaft betroffen, ja, in ihrem Kern getroffen,<br \/>\ndas gilt f\u00fcr die Wirtschaft insgesamt. Warum soll ich heute Produktionsstra\u00dfen<br \/>\naufbauen, die morgen produzieren? Da m\u00fcsste ich mir ja Gedanken<br \/>\nmachen \u00fcber das Morgen, mich um das Morgen sorgen!<\/p>\n<p>Unser Predigttext ist ein \u201eSorglosprogramm\u201c, aber ein so<br \/>\nganz anderes, als die Versicherungswirtschaft es anbietet. Diese will,<br \/>\ndass wir uns als Verbraucher m\u00f6glichst vielf\u00e4ltig versichern<br \/>\nsollen, um so gegen alle Zuf\u00e4lle gesch\u00fctzt zu sein, z.B. \u201esorglos<br \/>\nreisen\u201c zu k\u00f6nnen. Das biblische Angebot ist ebenfalls umfassend.<br \/>\nEssen, Trinken, Kleidung \u2013 alles umfasst das biblische Sorglospaket.<br \/>\nNur, daf\u00fcr ist kein Geld zu bezahlen. Das ist in der Tat ein Antiprogramm<br \/>\nzu den Angeboten der Versicherungswirtschaft.<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Ist dies nicht vielleicht zu optimistisch, zu einfach gedacht \u2013 zu<br \/>\neinfach gedacht von mir oder gar von der Bibel? M\u00fcssen Sch\u00fclerinnen<br \/>\nund Sch\u00fcler nicht heute lernen f\u00fcr morgen? Nicht f\u00fcr die<br \/>\nSchule, sondern f\u00fcr das Leben? M\u00fcssen Stra\u00dfen nicht heute<br \/>\ngeplant werden f\u00fcr morgen?<\/p>\n<p>Richtig, und doch nicht richtig. Richtig ist, dass die Schule heute<br \/>\nf\u00fcr morgen, f\u00fcr die Zukunft besucht werden muss. Aber richtig<br \/>\nist auch, dass der Schulbesuch heute kein sorgloses Leben morgen garantiert.<br \/>\nEs f\u00e4ngt schon damit an: Finde ich eine Lehrstelle? Bekomme ich<br \/>\neinen Studienplatz in dem gew\u00fcnschten Fach, denn schlie\u00dflich<br \/>\nhabe ich daf\u00fcr in der Schule gepaukt? Wie geht es dann weiter? Bekomme<br \/>\nich einen guten Job?<\/p>\n<p>Stra\u00dfen, die heute geplant werden, heute f\u00fcr morgen geplant<br \/>\nwerden m\u00fcssen, werden sie zu Orten werden, auf denen Menschen sterben<br \/>\nwerden? Gut, es muss nicht gleich so schlimm kommen, aber Unf\u00e4lle<br \/>\nwird es geben. Au\u00dferdem kostet das Ganze Geld, Geld, das wir nicht<br \/>\nhaben!<\/p>\n<p>So wenig die als sch\u00f6n, als sorglos, von der Versicherungswerbung<br \/>\ndarstellte Welt existiert, so wenig sind Schulen, Stra\u00dfen, Investitionen \u00fcberhaupt<br \/>\nGaranten f\u00fcr eine heile Welt von morgen.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Gehen wir darum einen Schritt weiter, bohren wir tiefer!<\/p>\n<p>Wir brauchen Schulen und Stra\u00dfen f\u00fcr morgen, auch wenn sie<br \/>\nnicht garantieren, nicht garantieren k\u00f6nnen, dass morgen alles gut<br \/>\nund sch\u00f6n sein wird. Die Bibel sieht dieses Problem, aber sie l\u00f6st<br \/>\nes anders als wir. Sie sieht das Problem, aber l\u00f6st es anders!<\/p>\n<p>Im Neuen Testament wird auf Abraham verwiesen. Der Verweis erfolgt unter<br \/>\neinem ganz bestimmten Gesichtspunkt. Wie die Apostelgeschichte erz\u00e4hlt,<br \/>\nverh\u00f6rte der Hohepriester einen verhafteten Christen, Stephan, und<br \/>\ndieser sagt: \u201eDer Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater<br \/>\nAbraham, als er noch in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, und<br \/>\nsprach zu ihm: \u201eGeh aus deinem Land und von deiner Verwandtschaft<br \/>\nund zieh in das Land, das ich dir zeigen will.\u201c (Act.7, 2f., s.<br \/>\nGen. 12, 1). Abraham soll jetzt ausziehen, aber er wei\u00df nicht,<br \/>\nwohin er ziehen soll. Gott will ihm erst in der Zukunft irgendwann dieses<br \/>\nLand zeigen.<\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden fragen \u2013 und genauso fragten die Menschen zur<br \/>\nZeit des Neuen Testaments und zur Zeit des Alten \u2013: \u201eJa,<br \/>\nwohin soll ich denn ziehen? Ich kann nicht alles einpacken und losgehen.<br \/>\nSelbst, wenn ich einfach losginge, m\u00fcsste ich wissen, in welche<br \/>\nRichtung ich gehen soll!\u201c<\/p>\n<p>Andererseits, auch dies geh\u00f6rt zu uns, die Fahrt ins Blaue. Wir<br \/>\nsteigen in einen Bus und lassen uns von dem Fahrer zu einem uns unbekannten<br \/>\nOrt hinfahren. Zugegeben, solche Fahrten unternehmen wir nicht oft. Darum<br \/>\nhaben sie den Reiz des Au\u00dfergew\u00f6hnlichen, des Exotischen.<br \/>\nDeshalb \u2013 nicht selten \u2013 nur deshalb unternehmen wir eine<br \/>\nFahrt ins Blaue. Wenn wir das zugeben, und wir m\u00fcssen es zugeben,<br \/>\ndann gestehen wir damit ein, dass wir im Grunde genommen immer planen,<br \/>\nVorsorge treffen, Pl\u00e4ne machen f\u00fcr morgen.<\/p>\n<p>Historisch gesehen stimmt das. Tote \u00c4gypter lie\u00dfen sich einbalsamieren,<br \/>\ndamit ihr K\u00f6rper nicht verwest, sondern Dauer gewinnt und auch morgen<br \/>\nund \u00fcbermorgen noch existiert. Umgekehrt lassen heute manche ihre<br \/>\nAsche ins Meer streuen, damit morgen niemand ihr Grab zu betreuen braucht,<br \/>\noder weil sie dem Meer nahe sein wollen, das sie sehr lieben. Welche<br \/>\nMotive Menschen auch leiten, es geht ihnen immer ums Morgen.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>Unser Text enth\u00e4lt in der Tat ein anderes Programm. Die gesamte<br \/>\nBibel folgt einem anderen Konzept. Was Abraham tut \u2013 und tun soll \u2013,<br \/>\nist entgegensetzt zu dem, was seine Zeitgenossen tun. Wenn Menschen als<br \/>\nJ\u00fcngerinnen und J\u00fcnger mit Jesus durchs Land ziehen, tun sie<br \/>\netwas, was die meisten ihrer Zeitgenossen nicht tun. Wenn Jesus dazu<br \/>\naufruft, nicht f\u00fcr das Morgen zu sorgen, bietet er einen neuen Weg.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr wird in unserem Text gesagt. Klar und deutlich<br \/>\nerkl\u00e4rt Jesus, warum wir uns nicht um das Morgen sorgen sollen.<\/p>\n<p>30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht<br \/>\nund morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr f\u00fcr<br \/>\neuch tun, ihr Kleingl\u00e4ubigen?<br \/>\n31 Darum sollt ihr nicht sorgen und<br \/>\nsagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir<br \/>\nuns kleiden?<br \/>\n32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer<br \/>\nVater wei\u00df,<br \/>\ndass ihr all dessen bed\u00fcrft.<br \/>\n33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes<br \/>\nund nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.<\/p>\n<p>\u201e&#8230; denn euer himmlischer Vater wei\u00df, dass ihr all dessen \u2013 n\u00e4mlich,<br \/>\nzu essen, zu trinken, sich zu kleiden \u2013 bed\u00fcrft\u201c (V.<br \/>\n32).<\/p>\n<p>Der biblische Horizont ist nicht dem Leichtsinn verpflichtet oder zu<br \/>\nkurz gedacht. Er hat einen festen Grund, den festesten aller denkbaren<br \/>\nGr\u00fcnde: Gottes Weisheit.<\/p>\n<p>In der lateinischen \u00dcbersetzung unseres Textes steht das Wort: \u201escit\u201c.<br \/>\nDas hei\u00dft w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: Er, Gott, \u201ekennt\u201c das,<br \/>\nwas wir brauchen. Der griechische Text sagt,<br \/>\nebenfalls w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt, dass unser \u201ehimmlischer<br \/>\nVater dies alles kennt\u201c, vielleicht etwas freier \u00fcbersetzt: \u201e\u00fcberblickt\u201c.<\/p>\n<p>Luther \u00fcbersetzt mit \u201ewei\u00df\u201c: Gott wei\u00df das<br \/>\nalles. \u201eWissen\u201c meint kennen und mehr. Wenn ich \u201eWissen\u201c habe,<br \/>\ndann habe ich etwas erkannt und bin in der Lage, damit umzugehen, wei\u00df,<br \/>\nwas zu tun ist. Dies ist hier gemeint. Gott \u00fcbersieht die Lage;<br \/>\ner \u00fcbersieht sie klar und deutlich, und ebenso klar und deutlich<br \/>\nwei\u00df er, was jetzt getan werden muss, und schlie\u00dflich ist<br \/>\ner in der Lage, das Gesehene und das zu Tuende auch zu tun. Gott bleibt<br \/>\nnicht beim Zuschauen stehen. Er h\u00f6rt auch nicht mit einem sch\u00f6nen<br \/>\nPlan auf. Er handelt schlie\u00dflich.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Diese drei Aspekte, Sehen, Planen und Handeln, umfasst Gottes Weisheit.<br \/>\nDarum k\u00f6nnen wir auf ihn vertrauen, brauchen uns nicht um das Morgen<br \/>\nzu sorgen. Gottes \u201eSorglospaket\u201c l\u00e4sst uns sorglos sein.<\/p>\n<p>Gott sei Dank!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<br \/>\n<a href=\"mailto:ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de\">ulrich.nembach@theologie.uni-goettingen.de<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. Sonntag nach Trinitatis | 28. 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