{"id":9565,"date":"2003-10-07T19:49:45","date_gmt":"2003-10-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9565"},"modified":"2025-05-08T18:06:59","modified_gmt":"2025-05-08T16:06:59","slug":"lukas-12-13-21-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-12-13-21-2\/","title":{"rendered":"Lukas 12, 13-21"},"content":{"rendered":"<h3>16. Sonntag nach Trinitatis \/ Erntedank | 5. Oktober 2003 | Lukas 12,13\u201321 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister,<br \/>\nsage meinem Bruder, da\u00df er mit mir das Erbe teile.<br \/>\nEr aber sprach<br \/>\nzu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter \u00fcber<br \/>\neuch gesetzt?<br \/>\nUnd er sprach zu ihnen: Seht zu und h\u00fctet euch vor aller Habgier;<br \/>\ndenn niemand lebt davon, da\u00df er viele G\u00fcter hat.<br \/>\nUnd er sagte<br \/>\nihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld<br \/>\nhatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach:<br \/>\nWas soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Fr\u00fcchte sammle.<br \/>\nUnd sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und gr\u00f6\u00dfere<br \/>\nbauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorr\u00e4te und<br \/>\nwill sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen gro\u00dfen Vorrat<br \/>\nf\u00fcr viele Jahre; habe nun Ruhe, i\u00df, trink und habe guten Mut!<br \/>\nAber<br \/>\nGott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir<br \/>\nfordern; und wem wird dann geh\u00f6ren, was du angeh\u00e4uft hast?<br \/>\nSo<br \/>\ngeht es dem, der sich Sch\u00e4tze sammelt und ist nicht reich bei<br \/>\nGott.<\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>der Mann, der von Jesus Unterst\u00fctzung erwartet hatte, ging entt\u00e4uscht<br \/>\ndavon. Vor seinen Augen hatte er noch h\u00e4misches Grinsen, in den<br \/>\nOhren noch vergeblich unterdr\u00fccktes Hohngel\u00e4chter einiger der<br \/>\nUmstehenden. Das kr\u00e4nkte ihn, und von diesem Jesus hatte er etwas<br \/>\nanderes erwartet, als da\u00df er ihn \u00f6ffentlich zum Negativbeispiel<br \/>\nf\u00fcr Habgier machte. Blo\u00dfgestellt hatte er ihn, und das vor<br \/>\nden Augen und Ohren eines gro\u00dfen Publikums.<\/p>\n<p>Fast alle aus dem Publikum, dessen war der Mann sicher, hatten von seiner<br \/>\nErbauseinandersetzung mit seinem Bruder geh\u00f6rt. Erbstreitereien<br \/>\ngab es zwar h\u00e4ufig, trotz eines altbew\u00e4hrten Erbrechts. Das<br \/>\naber konnte nicht alle Einzelf\u00e4lle regeln, und so mu\u00dfte immer<br \/>\nwieder ein Rabbi, manchmal auch ein \u00c4ltestenrat einen Erbstreit<br \/>\nrichten und schlichten. Und nat\u00fcrlich nahmen die Leute an den Streit<br \/>\nteil, besprachen die Angelegenheit auf dem Markt und in der Nachbarschaft<br \/>\n&#8211; besonders gern, wenn es sich um eine prominente Familie handelte. Das<br \/>\nInteresse und auch die Schadenfreude der Leute war um so gr\u00f6\u00dfer,<br \/>\nje bedeutender und bekannter die sich streitende Familie war. Das mochte<br \/>\ndaran liegen, da\u00df man von solchen Familien einerseits Vorbildfunktion<br \/>\nerwartete, ihnen andererseits ihr gesellschaftliche Position neidete,<br \/>\num dann mit Genugtuung festzustellen: Die sind auch nicht besser als<br \/>\nwir kleinen Leute. Dem Mann selber und seinesgleichen war das zwar klar,<br \/>\ndie breite Bev\u00f6lkerung aber sah das anders. Ob dieser Jesus auch<br \/>\nim Denken der kleinen Leute verhaftet war? Aber der stammte doch aus<br \/>\neiner Handwerkerfamilie, sein Vater hatte einen mittelst\u00e4ndischen<br \/>\nBetrieb, da mu\u00dfte der Sohn doch wohl wissen, was das bedeutete!<\/p>\n<p>Der Mann dachte an seinen eigenen Vater, an den Flei\u00df, mit dem<br \/>\ner sein Gesch\u00e4ft aufgebaut hatte, an die vielen Gedanken, die er<br \/>\nsich gemacht hatte, um das Gesch\u00e4ft zu vergr\u00f6\u00dfern, es<br \/>\num weitere Gesch\u00e4ftszweige zu erg\u00e4nzen. Der Mann dachte auch<br \/>\ndaran, wie er selber bei und vor allem von seinem Vater gelernt hatte,<br \/>\nwie er dann in jungen Jahren mit v\u00e4terlicher Unterst\u00fctzung<br \/>\nin der n\u00e4chstgelegenen Stadt auch ein Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen<br \/>\nkonnte. Es lief gut, er hatte zuverl\u00e4ssige Angestellte, die die<br \/>\nArbeit machten, und inzwischen konnte er es sich leisten, gro\u00dfe<br \/>\nTeile des Tages in der Synagoge zu verbringen. Auch das hatte er von<br \/>\nseinem Vater gelernt, da\u00df man die richtigen Leute eher als im eigenen<br \/>\nGesch\u00e4ft in der Synagoge traf und dort wichtige Kontakte kn\u00fcpfen<br \/>\nkonnte. Darin war er seinen Vater bald \u00fcbertroffen, und der war<br \/>\nm\u00e4chtig stolz auf ihn gewesen.<\/p>\n<p>Darum hatte er auch fest damit gerechnet, das v\u00e4terliche Gesch\u00e4ft<br \/>\nzu erben. Doch genau das war nicht passiert, sondern der Vater hatte<br \/>\nalles seinem zweiten Sohn vermacht \u2013 ausgerechnet ihm, der seinen<br \/>\nEltern so viel Sorgen und \u00c4rger bereitet hatte. Der einige Jahre<br \/>\nein unstetes Wanderleben gef\u00fchrt, von Gelegenheitsarbeiten gelebt<br \/>\nhatte und schlie\u00dflich mit einer Heidin als Frau zur\u00fcckgekommen<br \/>\nwar. Vater hatte ihn im Gesch\u00e4ft angestellt, und dort \u2013 das<br \/>\nmu\u00dfte man ihm lassen \u2013 hatte er eine gute Figur gemacht,<br \/>\nhatte das Gesch\u00e4ft modernisiert und durch die Verwandtschaft seiner<br \/>\nFrau das Angebot noch erweitert.<\/p>\n<p>Trotzdem: Der Mann h\u00e4tte nach dem Tode des Vaters gern die H\u00e4lfte<br \/>\ndes Gesch\u00e4ftes ausgezahlt bekommen; schlie\u00dflich hatte auch<br \/>\ner viel Zeit und Kraft in das Gesch\u00e4ft gesteckt, bevor er sich selbst\u00e4ndig<br \/>\nmachte und w\u00e4hrend sein Bruder sich in der Weltgeschichte herumtrieb.<br \/>\nUnd rein rechtlich stand ihm ja auch die H\u00e4lfte zu \u2013 notfalls<br \/>\nw\u00e4re das abzuziehen, was der Vater ihm als Startkapital gegeben<br \/>\nhatte. Deshalb hatte er nach dem Tod des Vaters seinen Anspruch, seinen<br \/>\nRechtsanspruch angemeldet, sein Bruder hatte sich auf den letzten Willen<br \/>\ndes Vaters berufen. So war es zum Streit zwischen ihnen gekommen, schlie\u00dflich<br \/>\nzum Zerw\u00fcrfnis, und nicht einmal ihre Kinder sprachen noch miteinander.<\/p>\n<p>Vor sich selber konnte er zugeben, da\u00df er finanziell auf das Erbe<br \/>\nnicht angewiesen war. Aber es stand ihm zu, geh\u00f6rte ihm also eigentlich \u2013 warum<br \/>\nsollte er darauf verzichten! Au\u00dferdem: Man konnte ja nie genug<br \/>\nhaben \u2013 f\u00fcr den Fall, da\u00df die Zeiten schlechter w\u00fcrden.<br \/>\nEin gutes Geldpolster zu haben, ist ein beruhigendes Gef\u00fchl in bewegten<br \/>\nZeiten.<\/p>\n<p>Der Mann erinnerte sich an die Geschichte von dem reichen Getreidebauern,<br \/>\ndie Jesus ihm erz\u00e4hlt hatte; was war verwerflich am Verhalten des<br \/>\nBauern? Er hatte gut geerntet und freute sich dar\u00fcber, hatte bestimmt<br \/>\nauch sein Erntedankopfer gebracht. Was also hatte er falsch gemacht?<\/p>\n<p>Der Mann hatte pl\u00f6tzlich die Stimme Jesu im Ohr: \u201eDu Narr!<br \/>\nDiese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann geh\u00f6ren,<br \/>\nwas du angeh\u00e4uft hast?\u201c Und dann h\u00f6rte er in der Erinnerung<br \/>\nseinen Bruder im Zorn schreien: \u201eZur H\u00f6lle mit dir!\u201c J\u00e4he<br \/>\nAngst durchfuhr ihn, da\u00df ihm etwas zusto\u00dfen, da\u00df er<br \/>\npl\u00f6tzlich sterben k\u00f6nnte \u2013 und dann h\u00e4tte er nichts<br \/>\nmehr von seinem Wohlstand, dann n\u00fctzte ihm auch sein Erbe nichts<br \/>\nmehr. Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern \u2013 galt diese<br \/>\nDrohung ihm? Und wer konnte \u201eman\u201c sein \u2013 Gott selbst?<br \/>\nWegelagerer und Stra\u00dfenr\u00e4uber? Sein Bruder? Neidische Nachbarn<br \/>\noder unzufriedene Tagel\u00f6hner, die er ab und zu besch\u00e4ftigte?<br \/>\nDa\u00df es unter ihnen Unruhestifter gab, die gerechtere L\u00f6hne<br \/>\nverlangten, war ihm zu Ohren gekommen, und da\u00df viele ihrer Kinder<br \/>\nnicht \u00e4lter als drei, vier Jahre wurden, war ihm bekannt. Aber \u2013 war<br \/>\ndas sein Problem? Er war Gesch\u00e4ftsmann, und das waren Tagel\u00f6hner,<br \/>\nzwei Welten eben mit eigenen Regeln. Und \u00fcberhaupt, was w\u00fcrde<br \/>\nes an der Not der Tagel\u00f6hner \u00e4ndern, wenn er eine Hand voll<br \/>\nvon ihnen fest anstellte? Das w\u00fcrde nur andere neidisch und ihn<br \/>\nbei seinen Gesch\u00e4ftsfreunden l\u00e4cherlich machen. Au\u00dferdem<br \/>\ngab er regelm\u00e4\u00dfig seine Spende f\u00fcr die Armen und warf<br \/>\njedem Bettler eine kleine M\u00fcnze vor die F\u00fc\u00dfe. Das war<br \/>\ndoch wohl genug. Oder?<\/p>\n<p>\u201eDu Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und<br \/>\nwem wird dann geh\u00f6ren, was du angeh\u00e4uft hast?\u201c klang<br \/>\nihm die Stimme Jesu wieder im Ohr, und sie klang scharf und hart, wollte<br \/>\ngar nicht recht zu dem Bild passen, das er sich vor der Begegnung von<br \/>\nJesus gemacht hatte. Wie ja auch die Begegnung v\u00f6llig anders als<br \/>\nerwartet verlaufen war. Als habgierig hatte Jesus ihn hingestellt, als<br \/>\njemanden, dem Geld und Gut mehr wert war als der Familienfriede.<\/p>\n<p>Ein leiser Gedanke durchfuhr ihn, doch er verwarf ihn schnell wieder:<br \/>\nW\u00fcrde er ihm folgen, st\u00fcnde er als Verlierer da, als jemand,<br \/>\nder auf sein Recht verzichtet. Was w\u00fcrden seine Frau, seine Kinder<br \/>\nsagen, w\u00fcrden sie ihm nicht berechtigte Vorw\u00fcrfe machen? Doch<br \/>\nder Gedanke wurde immer lauter, und ihm fiel immer mehr ein, was daf\u00fcr<br \/>\nsprach, diesem absonderlichen Gedanken zu folgen. Schlie\u00dflich gab<br \/>\ner dem Gedanken nach und machte sich auf den Weg zu seinem Bruder, um<br \/>\nihm zu sagen: Ich verzichte auf mein Erbe. La\u00df uns Frieden schlie\u00dfen,<br \/>\nwir sind Br\u00fcder.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Provinzialpfarrer i. R., Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Mail: Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis \/ Erntedank | 5. Oktober 2003 | Lukas 12,13\u201321 | Paul Kluge | Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, da\u00df er mit mir das Erbe teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter \u00fcber euch gesetzt? 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