{"id":9568,"date":"2003-10-07T19:49:45","date_gmt":"2003-10-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9568"},"modified":"2025-05-08T18:16:10","modified_gmt":"2025-05-08T16:16:10","slug":"matthaeus-1521-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-1521-28\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 15,21-28"},"content":{"rendered":"<h3>17. Sonntag nach Trinitatis | 12. Oktober 2003 | Mt 15,21\u201328 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jesus zog sich zur\u00fcck. So beginnt diese Geschichte.<\/p>\n<p>Das kennt man ja von ihm. Wenn das Gedr\u00e4nge um ihn herum zu arg<br \/>\nwurde, suchte er einen Ort, wo er allein war. Allein mit sich und allein<br \/>\nmit Gott. Gewi\u00df, die Not der Menschen um ihn herum ging ihm nahe.<br \/>\nDoch auffressen lie\u00df er sich nicht davon. Er brauchte Abstand und<br \/>\nSelbstvergewisserung im Gebet, um sich seiner Aufgabe an anderer Stelle<br \/>\nvon neuem widmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier geht es um einen l\u00e4ngeren R\u00fcckzug. Nicht nur f\u00fcr<br \/>\neinige Stunden sucht er die Einsamkeit. Nein, er geht au\u00dfer Landes.<br \/>\nSo wie wir das auch gerne tun, wenn wir in Urlaub gehen. Sehr weit braucht<br \/>\ner nicht zu wandern, um die Grenze zu \u00fcberschreiten, die das Land<br \/>\nseines Volkes vom heidnischen Ausland trennt. Im Unterschied zu seinen<br \/>\nsonstigen R\u00fcckzugsgewohnheiten hat er seine J\u00fcnger mitgenommen.<br \/>\nOffenbar will er auch ihnen einige Tage der Entspannung g\u00f6nnen.<br \/>\nWie gesagt, sehr weit war die Reise nicht. Aber die Grenze, die einen<br \/>\ndavor sch\u00fctzte, st\u00e4ndig angesprochen und in Anspruch genommen<br \/>\nzu werden, hatte man hinter sich.<\/p>\n<p>Hier unter den nichtj\u00fcdischen Bewohnern Pal\u00e4stinas &#8211; den Kanaan\u00e4ern,<br \/>\nwie man sie damals nannte, oder unter Pal\u00e4stinensern, wie wir heute<br \/>\nsagen &#8211; waren sie Fremde. Und Juden wie sie w\u00fcrden hier auch Fremde<br \/>\nbleiben. Denn die Einheimischen mochten sie nicht, die Juden, die in<br \/>\nfr\u00fcheren Zeiten das ganze Land beherrscht und die Einheimischen<br \/>\nimmer als Menschen zweiter Klasse behandelt hatten. Weil sie andere G\u00f6tter<br \/>\nhatten, die die Juden ver\u00e4chtlich als &#8222;G\u00f6tzen&#8220; abtaten.<\/p>\n<p>Nein, mit diesen unduldsamen und arroganten Br\u00fcdern wollten die<br \/>\nKanaan\u00e4er nichts zu tun haben. Doch pl\u00f6tzlich war es vorbei<br \/>\nmit der Ruhe. Eine einheimische Frau n\u00e4herte sich der j\u00fcdischen<br \/>\nM\u00e4nnergruppe.<br \/>\n&#8220; Was willst du denn von denen?&#8220; rief man ihr nach. &#8222;Bleib<br \/>\nhier. Und mach dich und uns nicht l\u00e4cherlich!&#8220;<br \/>\nDoch die lie\u00df sich nicht beirrren, fing sogar noch an zu schreien<br \/>\nund ihren Anf\u00fchrer anzuflehen: &#8222;Ach, Herr, du Sohn Davids!&#8220;<\/p>\n<p>War die denn von Sinnen? Wie konnte sie einen Juden als Herrn anreden<br \/>\nund dann auch noch als Sohn Davids! Auf den warteten die ja wie auf einen<br \/>\nErl\u00f6ser. F\u00fcr Kanaan\u00e4er aber stand der Gro\u00dfk\u00f6nig<br \/>\nDavid f\u00fcr dem\u00fctigende j\u00fcdische Vorherrschaft.<\/p>\n<p>Das alles war der Frau jetzt egal. Wenn dieser Mann den Juden helfen<br \/>\nk\u00f6nnte, dann auch ihr. &#8222;Hab Erbarmen mit mir. Denn meine Tochter<br \/>\nwird von einem b\u00f6sen Geist \u00fcbel geplagt.&#8220;<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Not, ein Kind zu haben, das von M\u00e4chten beherrscht<br \/>\nwird, auf die man als Mutter und Vater keinen Einflu\u00df hat.<\/p>\n<p>Wie alle anderen auch m\u00f6chte man sein Kind f\u00f6rdern, ihm helfen,<br \/>\nseine Gaben zu entfalten und seinen eigenen Platz im Leben zu finden.<br \/>\nUnd dann erleben zu m\u00fcssen, wie sich das alles ins Gegenteil verkehrt,<br \/>\nwie alle Hilfen abgewehrt werden, die Gaben verk\u00fcmmern und das Kind<br \/>\nmit den Jahren immer weiter zur\u00fcckgeworfen wird und die Unselbst\u00e4ndigkeit<br \/>\nzunimmt. Warum das uns? Und warum das diesem Kind, das doch nun wirklich<br \/>\nnichts dazu kann!<\/p>\n<p>Wer das erlebt, der pfeift auf Schicklichkeit und Konventionen, geht<br \/>\njedes Risiko ein, wenn es eine Aussicht auf Hilfe gibt.<\/p>\n<p>Doch Jesus reagierte \u00fcberhaupt nicht, w\u00fcrdigte die Frau, die<br \/>\nbeherzt alles auf eine Karte setzte, auch nicht eines einzigen Wortes.<\/p>\n<p>So viel Unnahbarkeit ging sogar den J\u00fcngern, die ihn sonst ja gerne<br \/>\nabschirmten, gegen den Strich:<br \/>\n&#8220; La\u00df sie doch gehen. Nun tu doch was, damit wir sie wieder<br \/>\nloswerden. Die schreit ja den ganzen Ort zusammen. Und schlie\u00dflich<br \/>\nsind wir hier nicht zu Hause.&#8220;<\/p>\n<p>Endlich kommt eine Reaktion von Jesus. Doch sie macht ihn noch unnahbarer,<br \/>\nals er ohnehin schon erschien:<br \/>\n&#8220; Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.<br \/>\nF\u00fcr Heiden bin ich nicht zust\u00e4ndig.&#8220;<\/p>\n<p>Das wars dann ja wohl. Wenn Gott sich bei seinem Erw\u00e4hlungshandeln<br \/>\nselbst begrenzt hat, was will und kann sein Gesandter dagegen ausrichten?<br \/>\nGegen\u00fcber der Forderung von Mitmenschlichkeit werden von Jesus theologische<br \/>\nSchranken aktiviert. Ob die Frau das mitgekriegt hat? Aber von einem<br \/>\nj\u00fcdischen Erl\u00f6ser h\u00e4tte sie ohnehin nicht erwarten k\u00f6nnen,<br \/>\nda\u00df er die von Gott gesetzte Grenze \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p>Doch, sie erwartet mehr, geht weiter, wirft sich ihm zu F\u00fc\u00dfen:<br \/>\n&#8222;Herr, hilf mir! Die Gedanken, die du dir machst, die \u00dcberzeugungen,<br \/>\ndie du vertrittst, sind jetzt nicht dran. Jetzt ist die Not dran, die<br \/>\nmich zu dir getrieben und mich vor dich auf die Knie gezwungen hat. Und<br \/>\ndamit lasse ich jetzt nicht von dir ab.&#8220;<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte hier noch widerstehen k\u00f6nnen?<br \/>\nJesus.<\/p>\n<p>Er, dem Not und Leiden sonst an die Nieren gehen, zeigt sich v\u00f6llig<br \/>\nunger\u00fchrt. Mehr noch: Der Erw\u00e4hlungslehre, die ihn gefangenh\u00e4lt<br \/>\nund ihm das Herz verschlie\u00dft, gibt er gegen\u00fcber der Frau am<br \/>\nBoden sogar noch eine verletzende Spitze:<br \/>\n&#8220; Es ist nicht gut, da\u00df man den Kindern ihr Brot nimmt und wirft es vor die Hunde.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist erschreckend, wie lieblos, wie aggressiv Theologie machen kann,<br \/>\ndie im &#8222;Gott-f\u00fcr-uns-Denken&#8220; wurzelt. Auch Jesus war in diesem Denken zu Hause.<\/p>\n<p>Wer mag sich da einbilden, frei davon zu sein? Unsere Bekenntnisse sprechen<br \/>\nzwar von der grenzenlosen Liebe Gottes und von der Rechtfertigung des<br \/>\nGottlosen. Und doch f\u00fchlen wir uns st\u00e4ndig gezwungen, bei der<br \/>\nUmsetzung zu differenzieren ud zu unterscheiden. Schlie\u00dflich leben<br \/>\nwir noch nicht im Reich Gottes, sondern in einer Welt, die ihre eigenen<br \/>\nGesetze hat und die auch f\u00fcr Christen gelten.<\/p>\n<p>Und die Notleidenden, die nicht warten k\u00f6nnen, uns aber beim Differenzieren<br \/>\nund Herumeiern erleben &#8211; was m\u00fcssen die f\u00fcr ein Bild von Gott<br \/>\nbekommen? Wie glaubw\u00fcrdig ist eine Kirche, die predigt, da\u00df die<br \/>\nLiebe Gottes nicht an der Leistung von Menschen h\u00e4ngt, die gleichwohl<br \/>\nim Umgang mit den ihr anvertrauten Geldern nach dem Prinzip verf\u00e4hrt:<br \/>\nJe mehr Verantwortung einer bei uns hat, desto besser wird er und sie<br \/>\nauch bezahlt und &#8211; im Falle der Ehrenamtlichen &#8211; desto gro\u00dfz\u00fcgiger<br \/>\nfallen die Spesen aus.<\/p>\n<p>Wer in der Not auch noch auf theologisch begr\u00fcndete und ein gutes<br \/>\nGewissen machende Abwehr und auf Zur\u00fccksetzung st\u00f6\u00dft<br \/>\n&#8211; was bleibt ihm, was bleibt ihr?<\/p>\n<p>Der Blick auf eine Frau, die sich das Bitten und Flehen theologisch<br \/>\nnicht verbieten l\u00e4\u00dft. Im Gegenteil: Theologischer Borniertheit<br \/>\ngegen\u00fcber legt sie Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit an den<br \/>\nTag: &#8222;Wenn du schon meinst, Herr, dich meiner Bitte entziehen<br \/>\nzu k\u00f6nnen mit dem Bild von dem Brot, das man den Kindern, aber nicht den Hunden<br \/>\ngibt dann bedenke doch bitte: Wo Kinder satt werden, da f\u00e4llt auch<br \/>\nf\u00fcr die Hunde im Haus noch ewas ab.&#8220;<\/p>\n<p>Und damit ist Jesus geschlagen. was will er der Frau jetzt noch entgegensetzen?<br \/>\n&#8222;Frau, dein Glaube ist gro\u00df&#8220;, sagt er und gesteht damit<br \/>\nein, da\u00df er dazu gelernt hat. N\u00e4mlich dies:<br \/>\nGlaube an Erl\u00f6sung und Befreiung l\u00e4\u00dft sich nicht beschr\u00e4nken<br \/>\nauf die Menschen, denen das zuerst von Gott zugesagt ist. Und dann lassen<br \/>\nErl\u00f6sung und Befreiung selbst sich auch nicht l\u00e4nger beschr\u00e4nken<br \/>\noder aussetzen.. Und damit kommt seine heilende F\u00e4higkeit einer<br \/>\nglaubenden Heidin genauso zugute wie den ihn bittenden Juden.<\/p>\n<p>Und was sagt uns der Blick auf die Frau mit dem gro\u00dfen Glauben?<br \/>\nMir sagt er: Eine sich den Leidenden faktisch verschlie\u00dfende Kirche<br \/>\nist darauf angewiesen, da\u00df die Bittsteller beharrlich bleiben und<br \/>\nsich selbstbewu\u00dft und kreativ auseinandersetzen mit unserer Beschr\u00e4nktheit.<\/p>\n<p>Und noch eins:<br \/>\nAuch wenn Beter bisweilen verzweifelt lange darauf warten<br \/>\nm\u00fcssen, da\u00df sie Antwort bekommen und Hilfe sich zeigt: Letztlich wird der<br \/>\nGlaube nicht am Boden liegenbleiben, sondern aufstehen und in ein geheiltes<br \/>\nLeben gehen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent Rudolf Rengstorf, Stade<br \/>\n<a href=\"mailto:Rudolf.Rengstorf@evlka.de\">E-Mail: Rudolf.Rengstorf@evlka.de<br \/>\n<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. Sonntag nach Trinitatis | 12. Oktober 2003 | Mt 15,21\u201328 | Rudolf Rengstorf | Liebe Gemeinde! Jesus zog sich zur\u00fcck. So beginnt diese Geschichte. Das kennt man ja von ihm. Wenn das Gedr\u00e4nge um ihn herum zu arg wurde, suchte er einen Ort, wo er allein war. Allein mit sich und allein mit Gott. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[36,538,1,727,157,853,114,472,349,3,109,200],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9568","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-matthaeus","category-17-so-n-trinitatis","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-15-chapter-15-matthaeus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-rudolf-rengstorf"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9568","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9568"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9568\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23804,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9568\/revisions\/23804"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9568"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9568"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9568"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9568"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9568"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9568"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9568"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}