{"id":9570,"date":"2021-10-07T19:49:53","date_gmt":"2021-10-07T17:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9570"},"modified":"2025-05-08T18:18:44","modified_gmt":"2025-05-08T16:18:44","slug":"matthaeus-15-21-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-15-21-28\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 15, 21-28"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">17. Sonntag nach Trinitatis | 12. Oktober 2003 |<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\"> Matth\u00e4us 15, 21-28 | Birte Andersen |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Gott ist unver\u00e4nderlich und kann nicht irren. Das ist eines der Bilder, die wir von Gott haben. Dieses Gottesbild stammt aus einer Gedankenwelt, die die Wirklichkeit in zwei Bereiche aufteilt: Teils eine Welt, die \u00fcber Zeit und Geschichte erhaben ist mit einer ewigg\u00fcltigen, unver\u00e4nderlichen und unverr\u00fcckbaren Wahrheit &#8211; und teils die Welt, die das Verg\u00e4ngliche und Sterbliche enth\u00e4lt, das nichts bedeutet, eben weil es sich ver\u00e4ndert und letztlich zugrundegeht.<\/p>\n<p>Auch wenn dieser Gedankengang nicht besonders biblisch ist, scheint Jesus von ihm beeinflu\u00dft gewesen zu sein. Es sieht so aus, da\u00df er es &#8211; bis zu seiner Begegnung mit der Frau &#8211; als seine Aufgabe angesehen hat, eben das Haus Davids zu erl\u00f6sen, d.h. das Haus Davids von der allzu verg\u00e4nglichen und relativen Sph\u00e4re zu befreien hin zur wahren, ewigen Welt.<\/p>\n<p>Aber in dieser Geschichte mit der kanaan\u00e4ischen Frau werden die Rollen und Begriffe vertauscht. Meist ist es Jesus, der Menschen begegnet, hier aber ist er es, dem jemand begegnet. Hier im Grenzgebiet zwischen seinem eigenen Haus und den fremden H\u00e4usern, da wird die Wirklichkeit auf die Probe gestellt. Und hier brechen die Vorstellungen Jesu zusammen, und dadurch wird die Wirklichkeit gr\u00f6\u00dfer und offener. Es entsteht etwas Neues aus dieser Begegnung. Etwas Neues in der Welt der Menschen und in der Welt Gottes. Etwas, das zugleich zeigt, da\u00df diese beiden Welten nicht zwei Gegens\u00e4tze sind, sondern nun ineinander fallen und in einer Schicksalsgemeinschaft leben, die an Umfang w\u00e4chst.<\/p>\n<p>Vielleicht hat Jesus f\u00fcr eine Weile sein eigenes Haus verlassen, weil er auf Widerstand gesto\u00dfen ist bei seinem Versuch, die Auffassung von rein und unrein zu ver\u00e4ndern, die bis dahin sein eigenes Haus verpestet hatte (Matth. 15,1-20). Und hier im Grenzland wird nun das best\u00e4tigt, wovon er bis dahin nur geredet hatte, n\u00e4mlich da\u00df Reinheit und Unreinheit nicht eine Frage danach ist, was ein Mensch aufnehmen kann, sondern was er von sich gibt.<\/p>\n<p>Die verzweifelte kanaan\u00e4ische Frau wei\u00df sehr wohl, was ihr entgegen steht. Das ist nicht wenig! Die fertige Vorstellung Jesu von seiner Aufgabe, die Distanz zu den Fremden, die kulturelle Diskriminierung, die Diskriminierung wegen des Geschlechts, die Gewohnheit, der gute Ton etc. Aber weil ihre Not grenzenlos ist, \u00fcberschreitet sie alle Grenzen.<\/p>\n<p>Das Kostbarste, was sie hat, ihre Tochter, ist ernsthaft krank. Ihre grenz\u00fcberschreitende Hartn\u00e4ckigkeit bewegt Jesus und erzwingt seine Reaktion. Ein Glaube, der von der Begegnung der Menschen mit ihm ausgel\u00f6st wird, einem solchen Glauben kann er die Erf\u00fcllung nicht versagen. Wenn das Brot f\u00fcr die Kinder gebrochen wird, fallen unweigerlich Brosamen auf die Erde. Dieses Bild, an das die Frau in ihrer Not ihre Hoffnung h\u00e4ngt, erwirkt eine gewaltige Ver\u00e4nderung im Selbstverst\u00e4ndnis Jesu und im Verst\u00e4ndnis seiner Aufgabe. Jesus sieht nun den \u00dcberflu\u00df in seinem eigenen Haus &#8211; nicht den Mangel, ein \u00dcberflu\u00df, der das Haus zu einem reichen und ger\u00e4umigen Haus macht.<\/p>\n<p>Diese Begegnung und diese Ver\u00e4nderung eben sind kennzeichnend f\u00fcr das biblische Denken. Hier ist Bedeutung etwas, was sich zeigt. Die Wahrheit wird in der gemeinsamen geschaffenen Wirklichkeit offenbart &#8211; hier entsteht die Wirklichkeit &#8211; als etwas, was verpflichtet oder erfreut oder Menschen mit Trauer und Verzweiflung schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Menschen werden von der Wirklichkeit bek\u00e4mpft und herausgefordert, weil die Wirklichkeit etwas ist, das stattfindet. Die Wahrheit liegt nicht fix und fertig in einem \u00fcberirdischen geschlossenen Raum, sondern entsteht erst in der geschaffenen Wirklichkeit.<\/p>\n<p>So wie die Begegnung zwischen Jesus und der Frau verl\u00e4uft, ist es eher sie als Jesus, die das Bild Gottes ausdr\u00fcckt. Denn der Gott der Bibel ist keineswegs erhabene Unver\u00e4nderlichkeit. Und da\u00df sich Jesus bewegen l\u00e4\u00dft, betont eben dies. Gott erweist sich als dynamisch und l\u00e4\u00dft sich bewegen und einbeziehen &#8211; besonders dort, wo wir nicht meinen, da\u00df es Gott gibt. Dort, wo alles zweideutig ist, in unsicherer Bewegung, Leiden und Tod unterworfen &#8211; fern von den hohen Himmeln, wo man sonst allein Gott finden zu k\u00f6nnen meint. Gott ist der, der sich etwas bieten l\u00e4\u00dft, auch f\u00fcr ihn etwas Neues. So schafft Gott immer wieder neu.<\/p>\n<p>Jesus hat die Vorstellungen dieser Frau in besonderer Weise angesprochen. Sie mu\u00df von seiner Ungeduld angesichts menschlicher Leiden geh\u00f6rt haben. Oder es ist seine Weise, zu sein, die f\u00fcr sie dazu bringt, darauf zu bestehen, an der Form von Leben Anteil zu haben, die die neue Sch\u00f6pfung in sich birgt. Etwas betet in ihr, und mit ihrem Gebet \u00f6ffnet sie das Herz Gottes. Im Unterschied zu uns, die wie die Neigung haben, da\u00df wir erst wissen wollen, ob es etwas n\u00fctzt, ob es Gott gibt, ob Gott solche Wege geht, im Unterschied dazu klammert sie sich an den Schimmer von Leben, dem sie in der Person Jesu begegnet ist, und deshalb verlangt sie, an diesem Leben teilzuhaben. F\u00fcr ihre Tochter &#8211; und f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p>Und indem sie das verlangt, was man nicht verlangen darf, etwas was religi\u00f6s wie gesellschaftlich unannehmbar ist, da erh\u00e4lt diese schamlose Frau in unseren Augen Form und Farbe. Sie zeigt sich als die, die nicht aufgibt, nicht gleichg\u00fcltig wird, als die, die sich weigert, sich den Verh\u00e4ltnissen anzupassen, als die, die das Leben bis zum \u00c4u\u00dfersten angeht. Und indem sie selbst sichtbar wird, ruft sie die Wirklichkeit hervor &#8211; eine neue Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Die Wirklichkeit \u00e4ndert sich, indem sie sie fordernd anruft und den herausfordert, in dem sie die Kraft des Lebens sieht. Von der kanaan\u00e4ischen Frau k\u00f6nnen wir Schamlosigkeit lernen. Innere wie \u00e4u\u00dfere Schamlosigkeit. Wenn wir mit ihr in Kontakt kommen. Ansonsten m\u00fcssen wir damit beginnen zu fragen, was unser gr\u00f6\u00dfter Mangel ist. Und ansonsten k\u00f6nnen wir weiter das als eine Forderung durchsetzen, an das wir unser leben gebunden haben &#8211; unsere tiefsten Werte &#8211; trotz Vorsicht, Konventionen und Vorstellungen dar\u00fcber, was respektabel ist.<\/p>\n<p>Wenn wir diese Geschichte heute h\u00f6ren sollen, so deshalb, weil Gott dort sein will, wo wir nicht glauben, da\u00df er da ist &#8211; er will sich bewegen lassen in Richtung auf unsere Not und unser Verlangen, so da\u00df wir ihm als einer Macht begegnen k\u00f6nnen, die etwas von sich gibt in dieser Begegnung, und nicht als ein erstarrtes Bild.<\/p>\n<p>Das Gebet und das Verlangen des einzelnen tragen wir in unseren Herzen vor das Angesicht Gottes, aber unser gemeinsames Gebet k\u00f6nnte heute so lauten:<\/p>\n<p>Gott, du Unbekannter,<br \/>\nwir suchen dich an Orten,<br \/>\ndie du schon verlassen hast,<br \/>\nund wir sehen dich nicht,<br \/>\nwenn du direkt vor uns stehst.<br \/>\nAuferstandener Christus,<br \/>\ndeine Abwesenheit l\u00e4\u00dft uns erstarren,<br \/>\nund deine Gegenwart ist \u00fcberw\u00e4ltigend.<br \/>\nWehe uns an<br \/>\nmit deinem \u00dcberflu\u00df an Leben,<br \/>\nso da\u00df wir, wo wir nicht sehen k\u00f6nnen,<br \/>\nMut haben zu glauben,<br \/>\nda\u00df wir mit dir auferweckt werden.<\/p>\n<p>Gesegnet seist du, Christus,<br \/>\nder du mit uns gehst auf dem Weg unserer Trauer<br \/>\nund erkannt wirst im Brechen des Brotes.<br \/>\nWir preisen dich mit der Frau, die dich gebar,<br \/>\nmit der Frau, die sich deiner annahm und dich n\u00e4hrte,<br \/>\ndie mit dir stritt und dich anr\u00fchrte,<br \/>\nmit der Frau, die dich zu deinem Tode salbte,<br \/>\nmit der Frau, die dir begegnete, auferstanden von den Toten,<br \/>\nmit all denen, die dich durch die Jahrhunderte geliebt haben.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Birte Andersen<br \/>\nEmdrupvej 42<br \/>\nDK-2100 K\u00f8benhavn-\u00d8<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 39 18 30 39<br \/>\n<a href=\"mailto:bia@km.dk\">e-mail: bia@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17. 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