{"id":9579,"date":"2003-10-07T19:49:49","date_gmt":"2003-10-07T17:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9579"},"modified":"2025-05-09T09:27:47","modified_gmt":"2025-05-09T07:27:47","slug":"markus-1228-34","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-1228-34\/","title":{"rendered":"Markus 12,28-34"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Die Gr\u00f6\u00dfe der Liebe | 18. Sonntag nach Trinitatis | 19. Oktober 2003 |<\/strong> Markus 12,28-34 | Ulrich Nembach |<\/h3>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nes ist schon einige Zeit her, da bekam ein junger Mann die Chance, auf\u00a0einem wundersch\u00f6nen Schiff mitfahren zu k\u00f6nnen. Er bekam\u00a0die Chance buchst\u00e4blich in letzter Minute. Er ist ganz gl\u00fccklich.\u00a0Er kann sein Gl\u00fcck gar nicht fassen. Auf dem Schiff f\u00e4hrt\u00a0ein junges M\u00e4dchen mit. Sie, genau genommen ihr Verlobter ist\u00a0sehr reich. Der junge Mann ist arm. Die Fahrkarte f\u00fcr die Schiffsreise\u00a0konnte er nicht bezahlen. Er gewann sie beim Kartenspiel. Der junge,\u00a0arme Mann und die junge Verlobte des reichen Mann verlieben sich. Alles\u00a0andere ist f\u00fcr sie fortan unwichtig. Sie fahren auf dem Schiff\u00a0in getrennten Welten. Sie wohnt, speist bei den Reichen und er bei\u00a0den Armen. Damals fuhren arm und reich streng getrennt. Die Trennung \u00fcberwinden\u00a0die beiden Liebenden. Das viele Geld ihres reichen Verlobten interessiert\u00a0das M\u00e4dchen gar nicht. Ihre Mutter ist entsetzt.\u00a0Sie, liebe Gemeinde, haben l\u00e4ngst gemerkt, dass ich von dem Film \u201eDer\u00a0Untergang der Titanic&#8220; spreche.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, Jahrhunderte fr\u00fcher, spielt eine \u00e4hnliche Geschichte.\u00a0Zwei Familien sind spinnefeind mit einander. Sie sind schon seit langem\u00a0miteinander verfeindet. Da verlieben sich ein M\u00e4dchen aus der einen\u00a0Familie und ein junger Mann aus der anderen Familie. Auch hier vergessen\u00a0die Liebenden alles andere, auch die Feindschaft ihrer Familien, die\u00a0ihren Eltern noch immer wichtig ist. Auch hier haben Sie l\u00e4ngst gemerkt, dass ich von einer bekannten\u00a0Geschichte erz\u00e4hle, von Romeo und Julia.<\/p>\n<p>Bei beiden Geschichten h\u00f6rten Sie mir zu, obwohl Sie die Geschichten\u00a0kannten.\u00a0Von dem Roman von Hanns-Josef Ortheil, &#8222;die gro\u00dfe Liebe&#8220; \u2013 er\u00a0kam gerade bei der Buchmesse in Frankfurt\/M gro\u00df heraus \u2013 bekennt\u00a0ein Rezensent im Internet: \u201eHabe es in einer Nacht durchgelesen.\u00a0Konnte es nicht mehr weglegen.\u201c Am Schluss seiner Rezension schreibt\u00a0er: \u201eLese es sicher bald wieder.\u201c\u00a0Menschen begegnen sich, verlieben sich und alles andre wird unwichtig.\u00a0Wer zuschaut, davon h\u00f6rt, davon liest, ist begeistert.<\/p>\n<p>Die Liebe ist schon merk-w\u00fcrdig. Kein Wunder ist es darum, dass\u00a0Jesus und ein Besucher sich daran einig sind, dass die Liebe das wichtigste\u00a0Gebot unter allen 613 j\u00fcdischen Geboten ist.\u00a0H\u00f6ren Sie unseren heutigen Predigttext:<\/p>\n<p>Markus 12,28 \u2013 34:<br \/>\n<em>&#8222;Es trat zu ihm der Schriftgelehrten einer, der ihnen zugeh\u00f6rt\u00a0hatte, wie sie sich miteinander befragten, und sah, dass er ihnen fein\u00a0geantwortet\u00a0hatte, und fragte ihn: Welches ist das vornehmste Gebot vor allen ?\u00a029 Jesus aber antwortete ihm: Das vornehmste Gebot vor allen Geboten\u00a0ist das: &#8222;H\u00f6re\u00a0Israel, der HERR, unser Gott, ist ein einiger Gott;\u00a030 und du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele,\u00a0von ganzem Gem\u00fcte und von allen deinen Kr\u00e4ften.&#8220; Das ist das\u00a0vornehmste Gebot.\u00a031 Und das andere ist ihm gleich: &#8222;Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben\u00a0wie dich selbst.&#8220; Es ist kein anderes Gebot gr\u00f6\u00dfer denn diese.\u00a032 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrlich recht geredet;\u00a0denn es ist ein Gott und ist kein anderer au\u00dfer ihm.\u00a033 Und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gem\u00fcte, von ganzer Seele,\u00a0und von allen Kr\u00e4ften, und lieben seinen N\u00e4chsten wie sich selbst,\u00a0das ist mehr denn Brandopfer und alle Opfer.\u00a034 Da Jesus aber sah, dass er vern\u00fcnftig antwortete, sprach er zu ihm: &#8222;Du\u00a0bist nicht ferne von dem Reich Gottes.&#8220; Und es wagte ihn niemand weiter\u00a0zu fragen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Was macht eigentlich die Liebe zur Liebe? Ein Gebot \u2013 sagt der\u00a0Predigttext. Gut, fragen wir weiter: Was macht die Liebe zum vornehmsten\u00a0Gebot?\u00a0Als ich \u00fcber diese Frage nachdachte, kam mir eine Idee: Wenn viele\u00a0Israelis und Araber sich ineinander verliebten, w\u00e4ren Dschihad,\u00a0Hamas, Panzer, Hubschrauber usw. vergessen. Liebe l\u00e4sst Hass, Streit,\u00a0ja selbst Krieg vergessen. Liebe ist die Abwesenheit von Hass und Streit.\u00a0Liebe\u00a0ist grenzenlose Zuwendung zum anderen. Liebe ist darum sch\u00f6n \u2013 so\u00a0sch\u00f6n, dass wir gern, ja fasziniert zuh\u00f6ren, die ganze Nacht\u00a0durchlesen.\u00a0Liebe ist die Umwertung aller Werte. Liebe ist die Neubestimmung von\u00a0Priorit\u00e4ten. Nur noch eine bzw. einer z\u00e4hlt: Julia bzw. Romeo.<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen Meyerschen Lexikon wird Liebe beschrieben als \u201estarke\u00a0Zuneigung, intensive Liebeserkl\u00e4rung\u201c. Ich finde, wer so schreibt,\u00a0hat noch nie geliebt. Wir k\u00f6nnen Liebe gar nicht definieren. Sie\u00a0ist daf\u00fcr viel zu gro\u00df. Ich habe darum eben eine ganze Aufz\u00e4hlung\u00a0gegeben, was Liebe alles ist. Sie ist so gro\u00df, dass uns daf\u00fcr\u00a0die Worte fehlen. Unsere Sprache ist am Alltag orientiert. Liebe findet\u00a0im Alltag statt, aber ver\u00e4ndert, ja sprengt ihn. Wir m\u00fcssen\u00a0darum, wenn wir von der Liebe sprechen, auf Begriffe ausweichen, die\u00a0viel zu klein, zu blass sind, um das auszudr\u00fccken, was gesagt werden\u00a0muss. Wir m\u00fcssen darum einen Roman oder ein Theaterst\u00fcck schreiben,\u00a0einen Film drehen. Vielleicht schreiben deshalb unsere Zeitungen so viel \u00fcber\u00a0Krieg, Hass, Gewalt, weil sie die beschreiben k\u00f6nnen. Aber wir lassen\u00a0uns damit nicht abspeisen. Trotz Kriegsberichte laufen wir in den Film\u00a0&#8222;der Untergang der Titanic&#8220;. Ja, merkw\u00fcrdig eine Schiffskatastrophe\u00a0wird zum Rahmen f\u00fcr eine gro\u00dfe Liebe.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr die Liebe\u00a0zwischen Mann und Frau gilt, trifft auch auf die Liebe generell zu. Die\u00a0Liebe zum N\u00e4chsten l\u00e4sst einen Gesch\u00e4ftsmann\u00a0sein Gesch\u00e4ft vergessen und einem Armen, am Stra\u00dfenrand Liegenden\u00a0zu helfen. Die Geschichte ist so packend, dass sie rund um die Welt\u00a0geht, zu den bekanntesten Geschichten der Bibel wurde, die Geschichte\u00a0von dem Gesch\u00e4ftsmann aus Samaria, dem barmherzigen Samariter, wie\u00a0wir ihn auch nennen. Ja, dieser Gesch\u00e4ftsmann vergisst vor lauter\u00a0Mitgef\u00fchl seine Furcht. Er sorgt sich nicht um seine Gesundheit,\u00a0um seine Waren, obwohl R\u00e4uber hier waren. Was sie hinterlassen haben,\u00a0spricht eine eindeutige Sprache und die hei\u00dft eigentlich: Nichts\u00a0wie weg! Aber die Liebe spricht lauter, st\u00e4rker, l\u00e4sst ihn\u00a0bleiben. Heute helfen M\u00e4nner im Irak, eine Schule an einem Ort aufzubauen,\u00a0wo alle anderen Helfer abgereist sind, weil die Sicherheitslage dort\u00a0so schlimm ist.<\/p>\n<p>Ebenso stark ist die Liebe von Menschen zu Gott. Menschen bekannten\u00a0sich zu Gott unter Hitler, unter Stalin, in der DDR und anderswo. Sie\u00a0bekannten,\u00a0obwohl das Bekennen f\u00fcr sie gef\u00e4hrlich werden konnte und f\u00fcr\u00a0manche gef\u00e4hrlich wurde. Ihre Liste ist lang. Wir haben eine eigene\u00a0Bezeichnung f\u00fcr diese Menschen seit den Anf\u00e4ngen der Kirche:\u00a0M\u00e4rtyrer.<\/p>\n<p>Diese Liebe von Mensch zu Mensch wie die von Mensch zu\u00a0Gott hat auch einen Gegensatz. Haben Romeo und Julia als Gegensatz zu\u00a0ihrer Liebe die\u00a0Feindschaft ihrer Familien, so steht der Liebe von Mensch zu Mensch die\u00a0Habgier gegen\u00fcber. Der Gegensatz zur Liebe von Menschen zu Gott\u00a0ist Ablehnung oder Interesselosigkeit, die heute verbreiteste Form der\u00a0Antiliebe zu Gott.<\/p>\n<p>Zu dieser Antiliebe des Menschen zu Gott steht im\u00a0Gegensatz Gottes Liebe zum Menschen. Ja, wer von der Liebe spricht, kann\u00a0nur in Gegens\u00e4tzen\u00a0reden. Liebe ebnet Gegens\u00e4tze ein. Wo ihr das nicht gelingt, wird\u00a0der Gegensatz zum so gr\u00f6\u00dfer. Warum sind Menschen gegen Gott,\u00a0wo Gott f\u00fcr sie ist, sie liebt? Wie gro\u00df diese Liebe Gottes\u00a0ist, wird in der Bibel immer wieder deutlich. Darum stehen die sch\u00f6nsten\u00a0Liebesgeschichten in der Bibel. Die Bibel hat die meisten Erfahrungen\u00a0mit der Liebe.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>Die Bibel kennt viele Liebesgeschichten. Sie f\u00e4ngt gleich mit einer\u00a0an, mit der von Adam und Eva. Die sch\u00f6nste von allen diesen Liebesgeschichten\u00a0steht fast am Schluss der Bibel. Es wird dort beschrieben, nicht definiert.\u00a0Gott wendet sich ganz dem Menschen zu. Er tut das in einer Art und Weise,\u00a0wie eine Mutter ihrem kleinen Kind hilft. Das Kleine kommt angelaufen.\u00a0Das Gesicht ist ganz mit Tr\u00e4nen verschmiert. Die Mutter tr\u00f6stet;\u00a0sie wischt die Tr\u00e4nen ab. Die Kinderwelt ist wieder in Ordnung.<\/p>\n<p>Ich lese die Geschichte, wie Gott uns tr\u00f6stet ( Offenb. 21,3f):<br \/>\n<em>&#8222;Und ich h\u00f6rte eine gro\u00dfe Stimme von dem Stuhl, die sprach:\u00a0Siehe da, die H\u00fctte Gottes bei den Menschen! und er wird bei ihnen\u00a0wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen,\u00a0wird ihr Gott sein;\u00a04 und Gott wird abwischen alle Tr\u00e4nen von ihren Augen, und der Tod\u00a0wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr\u00a0sein; denn\u00a0das Erste ist vergangen.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:Ulrich.Nembach@Theologie.Uni-Goettingen.de\">Ulrich.Nembach@Theologie.Uni-Goettingen.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gr\u00f6\u00dfe der Liebe | 18. Sonntag nach Trinitatis | 19. Oktober 2003 | Markus 12,28-34 | Ulrich Nembach | I. 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