{"id":9580,"date":"2003-10-07T19:49:45","date_gmt":"2003-10-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9580"},"modified":"2025-05-09T10:06:57","modified_gmt":"2025-05-09T08:06:57","slug":"markus-2-1-12-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-2-1-12-3\/","title":{"rendered":"Markus 2, 1-12"},"content":{"rendered":"<h3>19. Sonntag nach Trinitatis | 26. Oktober 2003 | Markus 2,1\u201312 | Werner Kl\u00e4n |<\/h3>\n<p>Liebe Schwestern in Christus, liebe Br\u00fcder<br \/>\nim Herren!<\/p>\n<p>\u00dcberraschend wird deutlich, was es mit Jesus auf sich hat. \u00dcberraschend<br \/>\nist zu erfahren, worum es Ihm geht . \u00dcberraschend ist auch, was<br \/>\nEr f\u00fcr wichtig h\u00e4lt; \u00fcberraschend nicht zu letzt wie Er<br \/>\nhandelt; \u00fcberraschend in dem, was Er dem Gel\u00e4hmten zuspricht; \u00fcberraschend<br \/>\njeden falls, was Er f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Alle diese \u00dcberraschungen<br \/>\nsind geb\u00fcndelt in dem einen Satz aus Jesu Mund:\u201c Mein Sohn,<br \/>\ndeine S\u00fcnden sind dir vergeben.!\u201c<\/p>\n<p>Was vielen unter uns im Gottesdienst selbstverst\u00e4ndlich vorkommen<br \/>\nmag, ist in diesem Evangelium das Au\u00dfergew\u00f6hnliche; was vielen<br \/>\nunseren Zeitgenossen (und dem Zeitgenossen in uns selbst) abseitig vorkommen<br \/>\nmag, bildet in diesem Evangelium den Mittelpunkt: Jesus schenkt Heil,<br \/>\nwo Menschen Heilung erwarten \u2013 und dann die Heilung dazu. Er gew\u00e4hrt<br \/>\nVergebung, bevor Er dem Gel\u00e4hmten zur Bewegung verhilft. Er erl\u00e4sst<br \/>\ndie S\u00fcnden und hilft dann auch zu k\u00f6rperlicher Gesundung. So<br \/>\nerf\u00e4hrt der Gel\u00e4hmte, wiederf\u00e4hrt ihm Genesung in der<br \/>\nBegegnung mit Jesus.<\/p>\n<p>Wir wollen versuchen, den \u00dcberraschungen in diesem Evangelium auf<br \/>\ndie Spur zu kommen; sie kreisen alle um den einen Kernsatz und haben<br \/>\ndoch alle ihre Eigenart.<\/p>\n<p>1. Da ist zuerst die \u00dcberraschung f\u00fcr Jesus selbst: Von oben<br \/>\nherab wird Ihm der Gel\u00e4hmte vor die F\u00fc\u00dfe gelegt. Mitten<br \/>\nin der Predigt, die eine Menge Leute anzieht, die unausgesprochene, und<br \/>\ndoch ganz deutliche Bitte um Heilung. Die Freunde des Gel\u00e4hmten<br \/>\nsteigen Jesus aufs Dach und demolieren es, nur um den Behinderten in<br \/>\nJesu N\u00e4he zu bringen. Sie lassen sich von ihrem Vorhaben nicht abbringen;<br \/>\nsie bleiben zielstrebig, hartn\u00e4ckig; sie geben nicht auf, entwickeln<br \/>\nungew\u00f6hnliche L\u00f6sungen und unternehmen wagemutige Anstrengungen:<br \/>\nEin Ziel verfolgen sie unbeirrt &#8211; , dass ihr Freund zu Jesus kommt, der<br \/>\nhelfen kann. Ihr Freund kann das nicht selbst, Hindernisse gibt es auch<br \/>\nsonst genug. Die Freunde aber st\u00f6rt es nicht, dass sie den Prediger<br \/>\nund die Predigt st\u00f6ren. Es beunruhigt sie nicht, dass sie die Ruhe<br \/>\nund die Andacht der Zuh\u00f6rer beeintr\u00e4chtigen.<\/p>\n<p>Doch was als Ruhest\u00f6rung, als Unversch\u00e4mtheit, gar als Hausfriedensbruch<br \/>\ngedeutet werden k\u00f6nnte, erscheint Jesus als Glauben, Hinter dem<br \/>\nL\u00e4rm, den Lehmbrocken, dem Aufruhr, der Unterbrechung sieht er das<br \/>\nZutrauen, das die Freunde des Gel\u00e4hmten bewegt; ein Zutrauen, das<br \/>\nsich nicht abschrecken l\u00e4sst, wo es scheinbar \u2013 oder wirklich \u2013 kein<br \/>\nDurchkommen gibt; eine Zuversicht, die keinen noch so ungew\u00f6hnlichen<br \/>\nUmweg scheut; eine Hoffnung auf Hilfe, die sich zu dem, der helfen kann,<br \/>\ndurchschl\u00e4gt, nur um bei Ihm, Jesus dem Arzt, zu landen.<\/p>\n<p>2. Die \u00dcberraschung f\u00fcr diese Freunde, den Gel\u00e4hmten<br \/>\nselbst und die \u00fcbrigen Zeugen dieses Vorganges, ist: Jesus gibt \u2013 zun\u00e4chst<br \/>\njedenfalls \u2013 nicht Gesundheit, sondern vergibt S\u00fcnden. Er<br \/>\ntut das Unerwartete; damit hatte niemand gerechnet. Diese Anrede, diese<br \/>\nZusage, dieser Zuspruch sind ungewohnt und au\u00dfergew\u00f6hnlich.<br \/>\nJesus unterl\u00e4uft und \u00fcberbietet damit die Erwartungen, die<br \/>\nan Ihn herangetragen werden. Im ersten Anlauf zumindest tut Er nicht,<br \/>\nwozu Er aufgefordert wurde, sondern redet scheinbar von etwas ganz anderem.<\/p>\n<p>Aber gerade so, in dem Er scheinbar nicht tut, was von Ihm verlangt<br \/>\nwird, tut Er unendlich viel mehr: Er redet zu dem Kranken wie zu einem<br \/>\nKind. So liebevoll wendet Er sich dem Gel\u00e4hmten zu. Allein mit dieser<br \/>\nAnrede: \u201e Mein Sohn!\u201c, ist eine neue Beziehung gestiftet.<br \/>\nWie Er selbst, Jesus, der ewige Sohn des himmlischen Vaters ist, nimmt<br \/>\nEr jetzt den Kranken hinein in dieses besondere Verh\u00e4ltnis zu Gott.<br \/>\nHier tun sich neue Aussichten auf, \u00f6ffnen sich neue Horizonte, geht \u2013 sozusagen<br \/>\ndurch das offene Dach des Hauses Jesu in Kapernaum \u2013 der Himmel<br \/>\nauf. Seine Zuwendung macht den Weg zu Gott frei.<\/p>\n<p>Zugleich erfolgt durch Jesus Zuspruch eine Bereinigung der Lebensgeschichte<br \/>\ndes Kranken: \u201eWas dich belastet, ist weggenommen; was dich dr\u00fcckt,<br \/>\nist aus der Welt geschafft; was dich l\u00e4hmt, ist in nichts aufgel\u00f6st.<br \/>\nWas dich in der Tiefe h\u00e4lt und hemmt, ist ausger\u00e4umt; was dich<br \/>\nlebensbedrohlich fesselt und festh\u00e4lt, ist aufgel\u00f6st und aufgehoben.<br \/>\nWas dich in deinem Verh\u00e4ltnis zu Gott behindert, beeintr\u00e4chtigt,<br \/>\nbewegungslos macht, ist bedeutungslos, wirkungslos, nichtig. Die Vergangenheit,<br \/>\ndie dich gefangen hielt und befangen machte, ist endg\u00fcltig vergangen!\u201c<\/p>\n<p>Damit ist in Jesu Augen das alles Entscheidende schon geschehen, so<br \/>\nunscheinbar es klingen mag. Denn wir k\u00f6nnen mit dem Leben nicht<br \/>\nzurande kommen &#8211; ohne Vergebung. Wir leben ja nicht \u201ejenseits von<br \/>\nGut und B\u00f6se\u201c, sondern wir tragen Verantwortung f\u00fcr unser<br \/>\nLeben, f\u00fcr unsere Taten, auch f\u00fcr unsere Fehler. Und Jesus,<br \/>\nder am Besten \u00fcber uns Bescheid wei\u00df, tut darum das Entscheidende,<br \/>\nin dem er vergibt: \u201eDeine S\u00fcnden sind dir vergeben.\u201c<\/p>\n<p>3. In solcher Zusage Jesu liegt zugleich ein Anspruch, der nun die anwesenden<br \/>\nSchriftgelehrten \u00fcberrascht: \u201eWie kann Jesus so reden? Was<br \/>\nsagt Er da? Was tut Er da? \u2013 Er handelt, wie nur Gott handeln kann,<br \/>\nund spricht, wie nur Gott reden darf!\u201c Ganz recht! Die Kenner der<br \/>\nheiligen Schriften kennen sich aus; sie erkennen sogar ansatzweise, was<br \/>\nhier geschieht und verkennen es zugleich. Sie wissen Bescheid und deuten<br \/>\nganz richtig, was Jesus hier tut; aber verweigern sich selber dem, was<br \/>\nvor sich geht.<\/p>\n<p>Innerlich bestreiten sie Jesus das Recht, so zu reden und so zu handeln.<br \/>\nGefangen in den Richtigkeiten ihrer Bibelkenntnis, gel\u00e4hmt durch<br \/>\nihr festgestelltes Bild von Gott, gefesselt an wohlbegr\u00fcndete \u00dcberzeugungen<br \/>\ndavon, wer Gott und wie Gott ist, klagen sie Jesus heimlich an: \u201eDas<br \/>\nist Gottesl\u00e4sterung, wie er sich verh\u00e4lt, wie er handelt! Das<br \/>\nist \u00fcberheblich, anma\u00dfend, gottfeindlich!\u201c<\/p>\n<p>Sie durchschauen nicht, was wirklich vorgeht. Aber Jesus durchschaut<br \/>\nsie. Er sieht klar, wer hier in Wirklichkeit gel\u00e4hmt ist. Die Kenner<br \/>\nder heiligen Schriften wehren die Einsicht ab, die ihnen vor Augen steht,<br \/>\nund bleiben gebunden an ihr altes Welt- und Gottesbild. Sie bleiben verschlossen<br \/>\ngegen die neuen M\u00f6glichkeiten, bleiben abgeschottet gegen die neue<br \/>\nWirklichkeit, die Jesus ins Werk setzt und Gestalt gewinnen l\u00e4sst.<br \/>\nDie \u2013 f\u00fcr sie \u00e4rgerliche \u2013 \u00dcberraschung f\u00fchrt<br \/>\nbei ihnen nicht zum Aufbruch, sondern zur Abwehr; sie bringt nicht in<br \/>\nBewegung sondern bel\u00e4sst sie in ihrer geistigen und frommen Erstarrung.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndert auch nichts, dass Jesus das scheinbar Schwerere tut,<br \/>\nals Er den k\u00f6rperlich Gel\u00e4hmten zum Aufstehen auffordert. S\u00fcnde<br \/>\nzu vergeben, mit Gott ins Reine zu bringen, Heil zu bringen, ist in Jesu<br \/>\nAugen tats\u00e4chlich schwerer und wiegt auch schwerer, als gesund zu<br \/>\nmachen. Dass Jesus die Heilung nun doch auf dem Fu\u00dfe folgen l\u00e4sst<br \/>\nmacht deutlich: Er kann beides, weil Gott Ihm Macht zu beidem gibt &#8211;<br \/>\nden ganzen Menschen heil zu machen n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>4. Jetzt erst steht der Gel\u00e4hmte auf, rollt seine Matratze zusammen<br \/>\nund begibt sich in den aufrechten Gang. Die Augenzeugen dieses Vorgangs<br \/>\nsind nun ihrerseits \u00fcberrascht, verwirrt wohl auch, hin- und hergerissen<br \/>\nzwischen Erstaunen und Gotteslob. Aber sie geben den Weg frei, nachdem<br \/>\nsie zuvor wie eine undurchdringliche Wand waren. Nun ist auch in sie<br \/>\nBewegung gekommen: Bewegt von dem Ereignis der S\u00fcndenvergebung und<br \/>\nder Wiederherstellung der Bewegungsm\u00f6glichkeiten des Kranken, werden<br \/>\nsie am Ende doch zum Gottes Lob bewogen: \u201eUnerh\u00f6rt, nie gesehen,<br \/>\nunerwartet, unverhofft, nie da gewesen \u2013 so etwas!\u201c<\/p>\n<p>Jesus l\u00f6st Fesseln und bricht L\u00e4hmungen auf. Die Menge, die<br \/>\nzuvor gebannt an Jesu Lippen hing, l\u00e4sst sich nun mitrei\u00dfen<br \/>\nund in Bewegung bringen, f\u00e4ngt selber an, erstaunt zuerst noch,<br \/>\nGott zu preisen. Und damit beginnt auch f\u00fcr sie, wie f\u00fcr den<br \/>\ngeheilten Menschen, ein neuer Weg.<\/p>\n<p>5. Wohin geh\u00f6ren wir in dieser Geschichte, in diesem Evangelium?<\/p>\n<p>5.1 Ein Teil von uns \u2013 und ich bin \u00fcberzeugt, das jede\/r<br \/>\nvon uns in sich mehr oder weniger Anteil an diesen Teilen hat, so dass<br \/>\nes sich nicht um Gruppen in unserer Gemeinde, sondern um Lebensbereiche<br \/>\nin uns selbst handelt \u2013 ein Teil von uns ist wohl immer auch Abwehr,<br \/>\nwenn es um neue Erfahrungen mit Gott geht. Es gibt uns Sicherheit, wenn<br \/>\nwir uns an das Gewohnte, Ge\u00fcbte, Bekannte, \u00dcberlieferte halten.<br \/>\nAber das Klammern an die liebgewordenen Gewohnheiten kann uns auch l\u00e4hmen,<br \/>\nzum Stillstand bringen, wenn wir nur darauf bedacht sind, das alles bleibt,<br \/>\nwie es immer war. Dieser Teil von uns wird mit dem \u00fcberraschenden,<br \/>\nin Erstaunen und Bewegung versetzenden Handeln Jesu konfrontiert. Gebe<br \/>\nGott, dass wir uns nicht l\u00e4hmen lassen!<\/p>\n<p>5.2 Ein Teil von uns sp\u00fcrt wohl auch diese L\u00e4hmung und sehnt<br \/>\nsich danach, in Bewegung gebracht zu werden, aus den inneren Verkrustungen<br \/>\nbefreit zu werden, aus den Erstarrungen des Seelenlebens heraus zu kommen.<br \/>\nDieser Teil von uns wird an Jesus gewiesen, der sich in unsere Richtung<br \/>\nin Bewegung gesetzt hat, damit wir nicht l\u00e4nger an unsere gewohnten<br \/>\nSichtweisen gefesselt bleiben. Uns wird vor Augen gestellt, wie Jesus<br \/>\nalte Bindungen und Bande sprengt, so dass ein vorher gel\u00e4hmter Mensch<br \/>\nwieder fr\u00f6hlich springen kann. Gebe Gott, dass wir uns bewegen lassen!<\/p>\n<p>5.3 Ein Teil von uns wird sich darin best\u00e4tigt sehen, dass das<br \/>\nEntscheidende im Evangelium doch die Vergebung ist, und dass sie bei<br \/>\nJesus zu finden ist. Diesem Teil wird hier eine Kl\u00e4rung und Vertiefung<br \/>\nseiner Sicht zu teil: Wie liebevoll Jesu Zuwendung ist! Wie gr\u00fcndlich<br \/>\nEr mit meiner Vergangenheit aufr\u00e4umt! Wie kr\u00e4ftig er mir Entlastung<br \/>\nzu Teil werden l\u00e4sst! Wie befreiend Sein heilsamer Zuspruch wirkt!<br \/>\nWie freundlich Er mich in die Gottesgemeinschaft hinnimmt!<\/p>\n<p>5.4 Ein Teil von uns will sicher gern behilflich sein, dass anderen<br \/>\ngeholfen werde \u2013 besonders, wenn wir selbst Hilfe erfahren haben.<br \/>\nDiesem Teil wird hier Mut gemacht, sich nicht von Hindernissen aller<br \/>\nArt davon abbringen zu lassen, Menschen zur Begegnung mit Jesus zu f\u00fchren,<br \/>\nzu bringen, notfalls auch zu tragen und zu schleppen. Nur, dass sie zu<br \/>\nJesus kommen, weil wir ahnen, hoffen, wissen, dass er das Entscheidende,<br \/>\ndas in der Tiefe Hilfreiche tut.<\/p>\n<p>5.5 Ein Teil von uns schlie\u00dflich wird erstaunt und verwundert<br \/>\nsein, doch offen, in das Gotteslob einzustimmen, weil Jesus S\u00fcnden<br \/>\nvergibt, einen neuen Anfang schenkt und auch uns in Bewegung bringt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Werner Kl\u00e4n, Oberursel<br \/>\n<a href=\"mailto:werner.klaen@gmx.de\">werner.klaen@gmx.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>19. Sonntag nach Trinitatis | 26. 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