{"id":9586,"date":"2003-10-07T19:49:54","date_gmt":"2003-10-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9586"},"modified":"2025-05-09T10:16:30","modified_gmt":"2025-05-09T08:16:30","slug":"matthaeus-5-2-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-5-2-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5, 2-10"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Reformationstag | <\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">31. Oktober 2003 |<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\"> Matth\u00e4us 5, 2-10 |<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\"> Gerhard M\u00fcller |<\/span><\/b><\/h3>\n<p>Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.<\/p>\n<p>Der Predigttext steht Matth\u00e4us 5, 2 \u2013 10 und lautet:<\/p>\n<p><em>\u201eJesus tat seinen Mund auf, lehrte seine J\u00fcnger und sprach:<\/em><br \/>\n<em>Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getr\u00f6stet werden.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind die Sanftm\u00fctigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind, die da hungert und d\u00fcrstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder hei\u00dfen.<\/em><br \/>\n<em>Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Soweit die Worte der Heiligen Schrift.<\/p>\n<p>In der reformatorischen Verk\u00fcndigung sei es darum gegangen \u2013 so steht es in dem wichtigsten Bekenntnis der Reformation &#8211; die Menschen zu <strong>tr\u00f6sten<\/strong>. Sie h\u00e4tten gelehrt werden m\u00fcssen, um nicht angesichts der unklaren und dadurch unbegrenzten Anforderungen der Kirche sich selbst hilflos ausgeliefert zu sein. In der Tat ging es den Reformatoren um die Unterscheidung zwischen dem, was Gottes ist, und dem, was wir Menschen zu tun verm\u00f6gen \u2013 und auch tun sollen. Ein Text, der zu tr\u00f6sten vermag, sind die Seligpreisungen Jesu am Beginn seiner Bergpredigt. Mit einfachen Worten werden diejenigen selig, gl\u00fccklich gepriesen, die in rechter Weise J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger Jesu sind. Ein erf\u00fclltes Leben wird denen zugesagt, die sich arm und elend f\u00fchlen, die das, was ist, nicht f\u00fcr das Ziel aller Wege halten, sondern die hungern und d\u00fcrsten nach Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Wie f\u00fchlen <strong>wir<\/strong> uns? Das d\u00fcrfte h\u00f6chst unterschiedlich sein: Manche k\u00f6nnen Erfolge konstatieren, andere dagegen leiden unter Niederlagen; hier gibt es Zufriedenheit, dort berechtigten Anla\u00df zur Klage. Aber uns alle verbindet, da\u00df wir uns etwas sagen lassen wollen. Vielleicht wird uns eine Zusage erreichen, vielleicht auch eine Anfrage. Jedenfalls will Jesus mit den Seligpreisungen den Seinen das Ziel zeigen, das vor ihnen liegt: Gottes Herrschaft, das Himmelreich, wie es am Beginn und auch am Schlu\u00df unseres Bibelabschnittes hei\u00dft. Heil sind die, die von seinen Worten getr\u00f6stet und bewegt werden. Seligkeit breitet sich bei ihnen aus. Das ist mehr als ein kurzer Augenblick der Zufriedenheit \u2013 obwohl wir ja manchmal dankbar sind, wenn uns \u00fcberhaupt solch ein guter Augenblick beschieden wird.<\/p>\n<p>Denn normalerweise breitet sich Unsicherheit aus. Da gibt es die Debatten \u00fcber Reformen, die alle darauf hinauszulaufen scheinen, da\u00df sie uns weh tun werden. Da gibt es Anforderungen, die schwindelerregend sind: Beweglich m\u00fcssen wir sein; so hei\u00dft es. Berufswechsel sollen auf uns warten; das Ende der Anspr\u00fcche wird eingel\u00e4utet. Was geht eigentlich vor? Wir befassen uns nur noch wenig mit Gott \u2013 aber wir alle reden von den politischen und sozialen Ver\u00e4nderungen, die wir noch gar nicht kennen, aber umso mehr f\u00fcrchten. Von Nachhaltigkeit wird geredet. Aber die G\u00fcltigkeit politischer Entscheidungen wird immer k\u00fcrzer. Werden wir die Geister nicht mehr los, die wir gerufen haben?<\/p>\n<p>Dabei hatte man uns doch ein sorgenfreies Leben versprochen. Die Werbung teilt uns mit, was wir uns alles verdient haben \u2013 und wir sind stolz darauf, da\u00df andere einsehen, wie bedeutend wir sind. In Wahrheit will man mit solchen Aussagen nur an unser Geld. Man gaukelt uns vor, wir w\u00fcrden sparen, wenn wir dort Geld ausgeben, wo gerade alles so phantastisch billig ist \u2013 aber was nun eben doch seinen fast schamhaft verschwiegenen Preis kostet. Unter einer Spa\u00df-Gesellschaft haben sich viele eigentlich etwas anderes vorgestellt. Aber damit wir nicht nachdenklich werden, werden wir mit immer neuen Angeboten \u00fcbersch\u00fcttet. Da ist es nicht verwunderlich, da\u00df wir zu klagen anfangen: Alles wird immer schlechter, teurer und schwieriger. Vor allem die \u00c4lteren unter uns kommen nicht mehr mit. Aber auch sie sind nicht vergessen, sind sie doch ein Markt, der immer gr\u00f6\u00dfer wird \u2013 mit allen sozialen Belastungen, die sich daraus f\u00fcr die nachwachsende, kleingewordene Generation ergeben.<\/p>\n<p>Auch wir sind deswegen dankbar, wenn uns tr\u00f6stende Worte erreichen, Worte, die nicht \u00fcber unser Ohr hinwegrauschen, sondern die in unser Herz hineingehen, die Labsal sind und die uns aufrichten. Wir unterscheiden uns wohl doch nicht stark von den Menschen in unserem Land, die vor 450 Jahren gelebt haben, denen um Trost bange war. Belehrung und Trost sind dann willkommen, wenn sie uns in unserem Alltag erreichen. Das war schon immer der Wille der Worte Jesu: Er wendet uns ab von den Allt\u00e4glichkeiten, die unsere Zeit verbrauchen und die unsere Kr\u00e4fte verzehren. Er wendet unseren Blick auf lohnende Ziele: auf Barmherzigkeit, auf Frieden, auf Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>Wir merken unsere Grenzen. Wir sind unsicher im Hinblick auf das, was wir zu erreichen verm\u00f6gen und auch im Hinblick auf das, was kommt. Wir erkennen, wie die Zeit unwiderbringlich verrinnt. Wir leiden unter Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen, unter der fehlenden Kraft f\u00fcr ein kl\u00e4rendes und vielleicht auch hilfreiches Gespr\u00e4ch: mit den Mitmenschen und auch mit Gott, an den wir uns im Gebet kindlich vertrauensvoll wenden k\u00f6nnten. Es sind die Armen, die gl\u00fccklich, die heil, die selig gepriesen werden. Ihnen steht kein Besitz im Weg, der ihre Gedanken bindet. Schwer ist es f\u00fcr Menschen, die Verantwortung durch Reichtum auf sich geladen haben, sich davon zu befreien und sich anderen oder gar Gott zuzuwenden. Wer geistlich arm ist, wer sich also nichts auf seine Klugheit einbildet oder auf seine Fr\u00f6mmigkeit, die von so vielen Menschen bewundert wird, vor denen steht die Herrschaft Gottes, das Himmelreich; sie k\u00f6nnen sich dieser Herrschaft zuwenden und sich befreien lassen von der Sorge um den morgigen Tag.<\/p>\n<p>Auch die Leidenden werden selig gepriesen. Sie sollen in ihrem Leid nicht ersticken, sondern ihnen soll Trost, Befreiung zuteil werden von dem, was ihre Seele und ihr Herz zusammenschn\u00fcrt. Seltsam: Wir halten die Zufriedenen und die Reichen f\u00fcr gl\u00fccklich. Jesus aber preist die Zukurzgekommenen selig, die Einflu\u00dflosen, die h\u00e4ufig gar nichts mehr vom Leben erwarten. Nein, so sagt er, gerade ihr, die ihr eure Armut erkennt, die ihr leidet unter den Unzul\u00e4nglichkeiten des Lebens, <strong>ihr<\/strong> seid selig! Das ist keine vage Zusage auf eine unbestimmte Zukunft, sondern es ist ein Zuspruch f\u00fcr die, deren Tag dunkel ist.<\/p>\n<p>Selig sind nicht die M\u00e4chtigen, die Gewalt anwenden, sondern die Sanftm\u00fctigen. Sie sind nicht auf Konflikte aus, sondern sie bem\u00fchen sich um Verst\u00e4ndigung. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler werden zu Mediatoren ausgebildet, zu Leuten, die ein gutes Wort einlegen und die nicht die glimmenden Streitigkeiten zu hellem Feuer entfachen. Mediatoren, Leute, die sich um Verst\u00e4ndigung und um die Beilegung von Konflikten bem\u00fchen, m\u00fcssen mutig sein, um sanft sein zu k\u00f6nnen, eben sanft-<strong>mutig<\/strong>, sanftm\u00fctig. Solchen Menschen wird zugesagt, da\u00df sie auf Erden wohnen, da\u00df sie auf ihr eine Heimat finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Jesus spricht auch von Gerechtigkeit. Sie ist auch uns wichtig. Um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Sch\u00f6pfung bem\u00fchen sich in unserer Zeit viele Christen. Wir nennen dies den konziliaren Proze\u00df, weil wir auf diesem Weg nur gemeinsam vorankommen k\u00f6nnen und weil es ein Weg ist, ein beschwerlicher Weg, auf dem auch R\u00fcckschl\u00e4ge nicht ausbleiben, zu dem es aber gleichwohl keine Alternative gibt. Schon zur Zeit Jesu mangelte es an Gerechtigkeit, und es gab Leute, die nach ihr hungerten und d\u00fcrsteten \u2013 es ist ihnen also wirklich ernst damit und nicht nur ein hohles Gerede. Denn der gr\u00f6\u00dfte Feind der Gerechtigkeit ist die Verschleierung der Wahrheit. Wo Unrecht vertuscht wird, kann sich Gerechtigkeit nicht mehren. Jesus sagt den J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern, denen es um Gerechtigkeit zu tun ist, zu, da\u00df ihr Wunsch erf\u00fcllt wird. Das kann sich nur auf die Herrschaft Gottes beziehen, denn wir Menschen m\u00fcssen uns immer wieder neu um Gerechtigkeit m\u00fchen. Aber bei Gott gibt es kein Ansehen der Person. Er handelt und urteilt gerecht.<\/p>\n<p>Wir wollen uns nicht alle Seligpreisungen Jesu vornehmen. Sie alle zeigen uns, da\u00df die ein erf\u00fclltes Leben f\u00fchren, die sich nicht \u00fcber ihre Mitmenschen hinwegsetzen, sondern die sich um sie m\u00fchen, mit einem Wort: die N\u00e4chstenliebe \u00fcben. Das findet nicht immer Anerkennung, ja es f\u00fchrt h\u00e4ufig zu Abwehr, denn solche Liebe war und ist in unserer Ellenbogengesellschaft immer anst\u00f6\u00dfig, ja \u00e4rgerlich. Deswegen lautet die letzte Seligpreisung unseres Bibelabschnittes: \u201eSelig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.\u201c Das hat sich schnell und immer wieder als richtig herausgestellt: Jesus selbst wurde zu einem schm\u00e4hlichen Tod verurteilt; und viele seiner J\u00fcnger und J\u00fcngerinnen wurden M\u00e4rtyrer, Menschen, die ihr Eintreten f\u00fcr Gottes Gerechtigkeit mit dem Tod bezahlen mu\u00dften. Auch in der Reformationszeit und bis in unsere Tage hinein ist dies immer wieder der Fall gewesen. Deswegen ist Jesu Zusage hilfreich und tr\u00f6stlich: \u201eSelig sind, die um der Gerechtigkeit verfolgt werden.\u201c<\/p>\n<p>Jesu Seligpreisungen lehren uns, da\u00df wir getrost und unverzagt sein k\u00f6nnen. Sie sind Trost und erwecken Zuversicht \u2013 Zuversicht auch in einer Zeit, die Sorgen hervorruft. Denn wir sind es nicht, die die Welt regieren k\u00f6nnten. Das wollen wir ihrem Sch\u00f6pfer \u00fcberlassen, der uns erh\u00e4lt. Aber was wir tun k\u00f6nnen, das sei zuversichtlich angegangen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p>Liedvorschlag: Evangelisches Gesangbuch 307.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Landesbischof i.R. Prof. Dr. Gerhard M\u00fcller, Erlangen<br \/>\n<a href=\"mailto:gmuellerdd@compuserve.de\">gmuellerdd@compuserve.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reformationstag | 31. Oktober 2003 | Matth\u00e4us 5, 2-10 | Gerhard M\u00fcller | Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen. 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