{"id":9588,"date":"2003-10-07T19:49:45","date_gmt":"2003-10-07T17:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9588"},"modified":"2025-05-09T10:22:43","modified_gmt":"2025-05-09T08:22:43","slug":"matthaeus-5-2-10-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-5-2-10-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5, 2-10"},"content":{"rendered":"<h3>Reformationstag | 31. Oktober 2003 | Mt 5,2\u201310 | Friedrich-Otto Scharbau |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das ist die Botschaft von der Freude Gottes. Gott hat seine Freude an<br \/>\nden Armen im Geist, den Leidenden und Traurigen, den Ohnm\u00e4chtigen<br \/>\nund Schwachen, an denen, die hungert und d\u00fcrstet nach Gerechtigkeit,<br \/>\nan den Barmherzigen, den Aufrichtigen, an denen, die nach Frieden suchen,<br \/>\ndie um einer gerechten Sache verfolgt werden. Sein Herz sucht sie; sie<br \/>\nwerden in die Mitte gestellt: Schaut sie an! Sie sind es, nach denen<br \/>\nGott fragt. Die Last wird von ihnen genommen und etwas Neues beginnt.<\/p>\n<p>Die Botschaft von der Freude Gottes ist die Zusage von Heil und Erl\u00f6sung.<br \/>\nIn Christus hat Gott sie entdeckt, diese Menschen am Rande, die mit der<br \/>\nWelt, so wie sie ist, nicht zurechtkommen, armselig in ihrem Kampf ums<br \/>\nLeben, um Hoffnung, um Erkenntnis, immer wieder zur\u00fcckgeworfen mit<br \/>\nihren Erwartungen, mit ihren Ideen f\u00fcr eine bessere, gerechtere,<br \/>\nfriedliche Welt, nicht ernst genommen, ausgelacht, versto\u00dfen. In<br \/>\nChristus hat Gott sie entdeckt, die Gescheiterten und ewig Scheiternden.<br \/>\nUnd nun sind sie aufgenommen: Geht ein zur Freude eures Herrn.<\/p>\n<p>Es ist nicht unbedingt das Lied der kleinen Leute, das hier gesungen<br \/>\nwird, derer, die in H\u00fctten wohnen, in Lagern, in Ghettos, in den<br \/>\nTownships. Es sind die Nachdenklichen, wenn man so will, die sich in<br \/>\nallen Schichten finden, die nicht der Eigengesetzlichkeit dieser Welt<br \/>\nin Wirtschaft und Politik, in B\u00fcrgerkriegen, im Kampf ums nackte \u00dcberleben<br \/>\nfolgen; sie haben eigene Orientierungen, vielleicht auch Ideale, und<br \/>\ndenen folgen sie. Albert Schweitzer z. B. oder Mutter Theresa, Friedrich<br \/>\nvon Bodelschwingh und Franz von Assisi. Sie suchen erf\u00fclltes Leben<br \/>\njenseits von Welterfahrung und Selbstverwirklichung, weil sie sich begreifen<br \/>\nals Menschen vor Gott und ihm zu folgen trachten. Darum werden sie Gottes<br \/>\nKinder genannt, zu ihm geh\u00f6rig. Familia Dei, Gottes Familie.<\/p>\n<p>Zu ihnen spricht Christus das erl\u00f6sende Wort, es dr\u00e4ngt sie<br \/>\nnicht an den Rand, sondern es best\u00e4tigt sie: Selig seid ihr; Gott<br \/>\nhat euch gesucht und gefunden. Geht ein zur Freude eures Herrn: Der Himmel<br \/>\nsteht euch offen wie die Erde und sie geh\u00f6ren euch; ihr werdet getr\u00f6stet<br \/>\nwerden; alte Verhei\u00dfungen werden an euch sich erf\u00fcllen: die<br \/>\nvon dem Land, in das Gott sein Volk f\u00fchren und in dem es zur Ruhe<br \/>\nkommen wird; und die von dem Himmel, der sich \u00f6ffnen wird \u00fcber<br \/>\ndem, der zu ihnen spricht in diesem Augenblick: Selig seid ihr. (Joh<br \/>\n1, 51) Der Hunger wird gestillt, der Durst gel\u00f6scht, und ihr werdet<br \/>\nBarmherzigkeit finden. Ihr werdet Gott schauen und seine Freude wird<br \/>\neuch umfangen.<\/p>\n<p>Das ist Leben in dem Kraftfeld von Kreuz und Auferstehung. Das Scheitern<br \/>\nwird herrlich hinausgef\u00fchrt zu einer Zukunft, die Gott erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Luther sagt in einer Predigt \u00fcber diesen Text, \u201edass unser<br \/>\nlieber Herr Christus uns hier vormalt, was er f\u00fcr J\u00fcnger habe,<br \/>\nwie es ihnen in der Welt gehen werde und was sie hoffen sollen\u2026dass<br \/>\nwir lernen, wie wir uns halten, wessen wir uns erw\u00e4gen und tr\u00f6sten<br \/>\nsollen.\u201c (WA 52, 552, 9-15) Es ist durchaus m\u00f6glich, dass<br \/>\ner \u00fcber diesen Text auch am Allerheiligentag des Jahres 1517 gepredigt<br \/>\nhat, denn dieser Abschnitt mit dem Beginn der Bergpredigt war damals<br \/>\nund ist noch heute in der r\u00f6mischen Kirche das Evangelium f\u00fcr<br \/>\nden Allerheiligentag. Tags zuvor, am 31. Oktober, hatte er durch einen<br \/>\nAnschlag an der Schlosskirche in Wittenberg seine 95 Thesen zum Ablass<br \/>\nbekannt gemacht und zur Diskussion dar\u00fcber eingeladen, zu der allerdings<br \/>\nniemand kam. Wohl weniger, weil sich niemand daf\u00fcr interessierte,<br \/>\nsondern weil diese Thesen sich in Windeseile ausgebreitet hatten, bevor<br \/>\nes noch zu einem akademischen Disput dar\u00fcber in der Universit\u00e4t<br \/>\nhatte kommen k\u00f6nnen. Und es waren Texte wie dieser aus der Bergpredigt,<br \/>\ndie Luther begreifen lie\u00dfen, was das Evangelium sei, das ihm in<br \/>\nseiner Kirche versch\u00fcttet schien und das er wieder zu Geh\u00f6r<br \/>\nbringen wollte. So sagt er in einer Predigt zu diesem Abschnitt am Allerheiligentag<br \/>\n1522: \u201eEure Liebe wei\u00df nu, hoff ich wohl, was das Evangelium<br \/>\nsei, n\u00e4mlich nichts anderes als ein gut Geschrei, eine gute Predigt<br \/>\nvon Christus, wie der Herr Christus von Gott dem Vater her dazu angetan<br \/>\nsei, dass er allen Leuten helfe und das Heil antue an Leib und Seel,<br \/>\nzeitlich und ewiglich.\u201c Und: \u201eAlso ist das ganze Evangelium<br \/>\nnichts als ein freundliches gutes Geschrei von Christus, der allen Leuten<br \/>\nHilf und Gnad anbietet und nichts mehr fordert, sondern allein freundlich<br \/>\nlocket.\u201c (WA 10 III, 400, 3-15; M\u00fchlhaupt, Evangelienauslegung,<br \/>\nBd. 2, 1939, S. 55) Und deshalb, weil es um das Evangelium geht, sind<br \/>\ndie Verhei\u00dfungen der Seligpreisungen \u201enicht hinzugetan als<br \/>\nVerhei\u00dfungen des Lohns, den wir verdienen sollen, sondern als eine<br \/>\nliebliche Reizung und Lockung, mit der Gott uns dazu Lust macht, fromm<br \/>\nzu sein; es muss von selber folgen, wir sollen\u2019s nicht suchen,<br \/>\nsondern es ist eine gewisse Folge des guten Lebens.\u201c (WA 10 III,<br \/>\n401, 16-20; M\u00fchlhaupt S. 56) Luther versteht also die Seligpreisungen<br \/>\nganz von der Mitte der Schrift her: dass der Mensch vor Gott gerecht<br \/>\nsei allein durch den Glauben und nicht durch seine Werke. Die Werke folgen<br \/>\nvielmehr dem Glauben und haben allein in ihm ihren Grund.<\/p>\n<p>Man sp\u00fcrt, wie Luther auch bei diesem Text um die Formulierung<br \/>\njener Erkenntnis ringt, von der man sp\u00e4ter einmal sagen wird, dass<br \/>\nmit ihr die Kirche stehe und falle, d.h. damit ist sie Kirche oder sie<br \/>\nist es nicht. (Zur Entstehung der Formel articulus stantis et cadentis<br \/>\necclesiae vgl. Gunther Wenz, Theologie der lutherischen Bekenntnisschriften,<br \/>\nBd. 2, S. 60 Anm. 1) Das ist die zentrale Erkenntnis, \u201evon der<br \/>\nman nichts weichen oder nachgeben kann, es falle denn Himmel und Erde<br \/>\nund was nicht bleiben kann.\u201c (Schmalkaldische Artikel 2, 1; BSLK<br \/>\n415, 21 f.) Diese Erkenntnis f\u00fchrt Luther zwangsl\u00e4ufig in die<br \/>\nAuseinandersetzung mit seiner Kirche, mit ihrem Verst\u00e4ndnis der<br \/>\nRechtfertigung des Menschen vor Gott, mit ihrem Verst\u00e4ndnis von<br \/>\nden Sakramenten, vor allem von der Bu\u00dfe, mit ihrem Verst\u00e4ndnis<br \/>\nvon der Kirche und ihren \u00c4mtern. Dass der Mensch vor Gott gerecht<br \/>\nsei allein durch den Glauben \u2013 von dieser Erkenntnis her rollt<br \/>\ner gleichsam das ganze Feld auf und l\u00f6st schlie\u00dflich eine<br \/>\nBewegung aus, die den ganzen europ\u00e4ischen Kontinent erfasst, wenn<br \/>\nauch in unterschiedlicher Wirkung. Dass es zur Bildung eigener Kirchen<br \/>\nkam, lag weder in der Absicht Luthers noch seiner Freunde, aber es wurde<br \/>\nunausweichlich, als seine Kirche sich der Reformation verweigerte. Dabei<br \/>\nging es Luther nicht sozusagen um ein dogmatisches Prinzip; es ging ihm<br \/>\num das getr\u00f6stete Gewissen, um die Gewissheit vor Gott. Wer auf<br \/>\nseine Leistung setzt: Wird der jemals davon ausgehen k\u00f6nnen, dass<br \/>\nsie ausreicht und dass er nicht noch mehr tun m\u00fcsste und immer wieder<br \/>\nmehr? Luther hat diese Qual des Zweifels an sich selbst in seiner Beziehung<br \/>\nzu Gott intensiv erlebt und sah sich Tod und H\u00f6lle nahe. (EG 341,<br \/>\n3) Es ging ihm nicht um Protest; aber es ging ihm um den Trost der Wahrheit.<\/p>\n<p>Also um das Evangelium. Von ihm sagt Luther in der 62. seiner 95 Thesen,<br \/>\ndass es der wahre Schatz der Kirche sei. Das hat die Reformation neu<br \/>\nans Licht bringen wollen: \u201eDer wahre Schatz der Kirche ist das<br \/>\nhochheilige Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.\u201c (WA<br \/>\n1,236; Bornkamm-Ebeling, Bd 1, S. 33)<\/p>\n<p>Luther war davon \u00fcberzeugt, dass die Kirche seiner Zeit diesen<br \/>\nSchatz verspielt und darum die Leute um den Glauben und um die Gewissheit<br \/>\ndes Herzens gebracht hatte. Darum seine Thesen zum Ablass, darum sein<br \/>\nRingen um die Wahrheit, darum seine Verachtung f\u00fcr alle, die leichtfertig<br \/>\numgingen mit der Wahrheit. Der Kirche ist das Evangelium anvertraut,<br \/>\ndas hat sie zu begreifen, das hat sie zu verk\u00fcndigen, dessen darf<br \/>\nsie sich nicht sch\u00e4men. Wenn sie das Evangelium hat, hat sie alles,<br \/>\nwas sie braucht. Und wenn die Predigt des Evangeliums in ihr nicht lebendig<br \/>\nist, dann ist sie leer, dann hat sie keine Mitte, dann hat sie nichts<br \/>\nzu sagen und dann wird sie auch nichts ausrichten.<\/p>\n<p>Wie steht es um unsere Kirche? Ist sie beim Evangelium geblieben? Das<br \/>\nmancherlei St\u00f6hnen \u00fcber die Last eines regelm\u00e4\u00dfigen<br \/>\nPredigtdienstes, manche theologische Oberfl\u00e4chlichkeit, die sich<br \/>\nmehr bei Allerweltsweisheiten aufh\u00e4lt als bei einer biblisch-reformatorischen<br \/>\nVerk\u00fcndigung; kirchliche Stellungnahmen zu politischen und gesellschaftlichen<br \/>\nFragen: wo steckt da eigentlich das Evangelium? Haben wir es uns getraut,<br \/>\nbei der Diskussion \u00fcber den Wegfall des Bu\u00dftages etwa an das<br \/>\n3. Gebot zu erinnern? Wir haben stattdessen von der Feiertagskultur und<br \/>\ndem Freizeitwert solcher Tage gesprochen. Und waren \u00fcberrascht,<br \/>\nwie schnell man sich \u00fcber solche Argumente weghelfen konnte.<\/p>\n<p>Ist die Evangeliumspredigt nur noch das Sonntagsgesicht der Kirche und<br \/>\nim \u00dcbrigen taucht sie ab in die Strudel allgemeiner gesellschaftlicher<br \/>\nAuseinandersetzungen, damit sie jedenfalls mitredet, auch wenn sie nichts<br \/>\nzu sagen hat? Und mancher fragt, ob die Kirche \u00fcberhaupt einen politischen<br \/>\nAuftrag hat? Und wenn sie ihn hat: Worin besteht er dann?<\/p>\n<p>Von den Seligpreisungen am Anfang der Bergpredigt Jesu sagt man gern,<br \/>\nsie h\u00e4tten keinen politischen Horizont und mit ihnen k\u00f6nne<br \/>\nman keine Politik machen. Weil sie eine Gesinnung predigten, in der politischen<br \/>\nWelt dagegen komme es auf die \u00dcbernahme von Verantwortung an. Wir<br \/>\nhaben das in der Friedensdiskussion der achtziger Jahre immer wieder<br \/>\nhei\u00df diskutiert und nie gekl\u00e4rt. Weil die Seligpreisungen<br \/>\nder Bergpredigt wie die Bergpredigt insgesamt sich dieser Alternative<br \/>\nvon Gesinnung und Verantwortung nicht f\u00fcgen.<\/p>\n<p>Ist denn Friedfertigkeit etwa nur eine Gesinnung? Oder ist sie nicht<br \/>\ngerade ein Verantwortungshorizont, dem jedenfalls Christenmenschen, wenn<br \/>\nsie ihr Mandat f\u00fcr das Wohl und den Frieden von Menschen und V\u00f6lkern<br \/>\nrichtig aus\u00fcben, nicht ausweichen d\u00fcrfen? Oder Barmherzigkeit:<br \/>\nIst sie nur eine Gesinnung, ohne dass aus ihr auch eine Verantwortung<br \/>\nf\u00fcr den barmherzigen Umgang mit Kranken und Schwachen und Zur\u00fcckgebliebenen<br \/>\nerw\u00e4chst? So wie bei Bodelschwingh oder Mutter Theresa; das ist<br \/>\nallgemein anerkannt. Aber kann unser verfasstes Gemeinwesen als Ganzes<br \/>\nauf Strukturen und Institutionen der Barmherzigkeit verzichten? M\u00fcssen<br \/>\nwir nicht gerade das Recht auf Leben auch der Alten und Kranken gegen<br \/>\nalle m\u00f6glichen Formen \u00f6konomischer Engf\u00fchrung behaupten?<\/p>\n<p>Oder das reine, aufrichtige Herz: nur eine Gesinnung? Macht sich nicht<br \/>\ngenau an dieser Stelle immer mehr und immer wieder Entt\u00e4uschung<br \/>\nfest \u00fcber vermutete Motive, denen Verantwortliche in Politik und<br \/>\nWirtschaft und Gesellschaft, in \u00f6ffentlichen Institutionen und Einrichtungen, \u00fcbrigens<br \/>\nauch in der Kirche folgen? Dass Leute, die etwas zu sagen haben, leicht<br \/>\nihre eigentlichen Ziele und Intentionen verschweigen? K\u00f6nnen wir<br \/>\nEhrlichkeit des Denkens und Handelns in unserem politischen Alltag \u00fcberhaupt<br \/>\nnoch voraussetzen? Soll ich etwa die Diffamierungen und Disqualifizierungen,<br \/>\ndie Herabsetzungen und Verleumdungen und all die verbalen Schnellsch\u00fcsse<br \/>\nin der \u00f6ffentlichen Auseinandersetzung f\u00fcr den Ausdruck eines<br \/>\nreinen, lauteren Herzens und eines ehrlichen Wollens halten? Lieber nicht!<\/p>\n<p>Oder der Hunger und der Durst nach Gerechtigkeit: ist das nur der Traum<br \/>\nder Zur\u00fcckgesetzten, der um Ansehen und W\u00fcrde Gebrachten? Oder<br \/>\ngeh\u00f6rt das nicht \u00fcberhaupt zu den entscheidenden Motiven verantwortlicher<br \/>\nWeltgestaltung, nicht nur das Schreien von Menschen nach Gerechtigkeit<br \/>\nzu h\u00f6ren, sondern selbst Gerechtigkeit f\u00fcr sie zu wollen? Dass<br \/>\ndie Starken Gerechtigkeit f\u00fcr die Schwachen suchen? Dass sie Hunger<br \/>\nund Durst haben nach Gerechtigkeit f\u00fcr die anderen? Das hat die<br \/>\nVerhei\u00dfung Jesu!<\/p>\n<p>Ich m\u00fcsste selbst unsicher geworden sein \u00fcber das, was Verhei\u00dfung<br \/>\nhat f\u00fcr den Bestand unserer Gemeinschaft, wenn ich diese Alternative<br \/>\nvon Gesinnung und Verantwortung einfach hinnehmen w\u00fcrde ohne zu<br \/>\nfragen: Wo steht das eigentlich? Jesus jedenfalls sagt es anders, und<br \/>\ner sagt es f\u00fcr den Alltagsgebrauch, nicht f\u00fcr eine Scheinwirklichkeit.<\/p>\n<p>Und der Glaube derer, die ihm folgen, wird das Antlitz dieser Erde ver\u00e4ndern.<br \/>\nLassen wir uns nicht abdr\u00e4ngen in den Herrgottswinkel weltuntauglicher<br \/>\nGesinnungsschw\u00e4rmerei. Herz-Jesu-Sozialismus war einmal solch ein<br \/>\nSchlagwort, mit dem man eine bestimmte Sozialpolitik einerseits charakterisieren,<br \/>\nzum anderen aber auch als eine l\u00e4cherliche Verharmlosung abtun wollte.<\/p>\n<p>Jesus schafft Wirklichkeit. Nat\u00fcrlich im Widerspruch zu einer sich<br \/>\nselbst gen\u00fcgenden und allein an ihren Gesetzen sich orientierenden<br \/>\nWelt. Aber mit diesem Widerspruch will er die Welt ver\u00e4ndern, nicht<br \/>\nwie durch ein neues Gesetz, das sich letztlich doch nur wieder totlaufen<br \/>\nw\u00fcrde, sondern in der Tat so, dass er das Herz der Menschen sucht<br \/>\nund ihnen Perspektiven er\u00f6ffnet, ihren Erwartungen einen Grund gibt,<br \/>\nHoffnungen freisetzt, eben den Menschen in all ihrer Bed\u00fcrftigkeit<br \/>\nund Durchschnittlichkeit eine Verhei\u00dfung gibt und sie damit aus<br \/>\nder reinen Weltlichkeit ihrer Existenz herausholt.<\/p>\n<p>Und wir wissen: Ohne Verhei\u00dfung bleibt unser Leben leer. Wer sich<br \/>\nselbst gen\u00fcgt, st\u00f6\u00dft irgendwann an seine Grenzen und<br \/>\ndie Vergeblichkeit seines Tuns holt ihn ein. \u201eEs ist umsonst, dass<br \/>\nihr fr\u00fch aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit<br \/>\nSorgen,\u201c lautet eine alte biblische Weisheit, \u201edenn den Seinen<br \/>\ngibt es der Herr im Schlaf.\u201c (Ps 127, 2) Das hei\u00dft ja nicht,<br \/>\ndass man das Leben am besten verschlafen soll, aber so etwas wie \u201edie<br \/>\nLeichtigkeit des Seins\u201c kann nur da entstehen und wachsen, wo ich<br \/>\nnicht mir selbst das Leben abverlange, es zu meistern und ihm einen bleibenden<br \/>\nSinn zu geben, sondern wo ich wei\u00df, dass es ohne mein Zutun aufgehoben<br \/>\nist und gehalten wird von st\u00e4rkeren H\u00e4nden. Das meine ich,<br \/>\nwenn ich von der Verhei\u00dfung spreche, ohne die mein Leben leer bliebe.<br \/>\nDie Verhei\u00dfungen der Seligpreisungen in der Bergpredigt Jesu entfalten<br \/>\ndiese eine Grundverhei\u00dfung, die zugleich meine Grundgewissheit<br \/>\nist: ob es nun um das Himmelreich geht oder um den Besitz der Erde, immer<br \/>\ngeht es darum, dass mir Zukunft zugesagt wird; nicht dass mein Traum<br \/>\nvon der Zukunft auf die Probe gestellt wird, sondern mir wird Zukunft<br \/>\nzugesagt; nicht ich muss sie gestalten: sie kommt. Aber ich kann sie<br \/>\nauch verpassen, wenn ich sie nicht in Glauben und Gehorsam erwarte. Anders<br \/>\ngesagt: Wenn ich mich nicht Christus und seinem Wort anvertraue.<\/p>\n<p>Wenn man diese Verhei\u00dfungen genauer anguckt, dann sind es Verhei\u00dfungen<br \/>\nzwischen Himmel und Erde. Auf der einen Seite: das Himmelreich geh\u00f6rt<br \/>\nihnen; und auf der anderen: Sie werden das Erdreich besitzen. Unser Glaube<br \/>\nist geerdet. Er gibt sich nicht mit dem Himmel zufrieden. Er will zwar<br \/>\nauch nicht den Himmel auf Erden. Aber er wei\u00df, dass er in diesem<br \/>\nErdenleben sich bew\u00e4hren und seine Gestalt finden muss. So fragmentarisch<br \/>\nunser Glaube auch sein mag, angefochten, z\u00f6gernd, vorsichtig suchend,<br \/>\nso geh\u00f6rt er doch in dieses Leben gerade in seiner Weltlichkeit<br \/>\nhinein und er weist uns nicht nur an den Himmel, sondern an die Welt.<br \/>\nDie Hervorhebung der Leidtragenden, der Sanftm\u00fctigen, der Traurigen,<br \/>\nder Barmherzigen, der Friedfertigen \u2013 das alles sind ja auch Weltbez\u00fcge<br \/>\nund der Glaube nimmt sie wahr und entdeckt ihre Verhei\u00dfung. Sie<br \/>\nsind keine Randerscheinungen. Sondern mitten in dieser Welt wendet Gott<br \/>\nsich ihnen zu und schenkt ihnen seine ganze Liebe.<\/p>\n<p>Am Ende einer seiner reformatorischen Hauptschriften des Jahres 1520, \u201eVon<br \/>\nder Freiheit eines Christenmenschen\u201c, sagt Luther: \u201eEin Christenmensch<br \/>\nlebt nicht in sich selbst, sondern in Christus und seinem N\u00e4chsten;<br \/>\nin Christus durch den Glauben, im N\u00e4chsten durch die Liebe. Durch<br \/>\nden Glauben f\u00e4hrt er \u00fcber sich in Gott, aus Gott f\u00e4hrt<br \/>\ner wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und<br \/>\ng\u00f6ttlicher Liebe\u2026\u201c (WA 7, 38, 6-10; Bornkamm-Ebeling,<br \/>\nBd. 1, S. 263)<\/p>\n<p>Die Gemeinde der unter den Seligpreisungen Jesu Versammelten ist seine<br \/>\nGemeinde unter dem Kreuz. Nicht mehr: Es ist das Kreuz Christi als Erfahrung<br \/>\nder Fremdheit Gottes in dieser Welt. Aber auch nicht weniger: Es ist<br \/>\nzugleich Ort der verborgenen Gegenwart Gottes. Da hat er sich zu ihnen<br \/>\ngestellt, zu den Armen, den Leidtragenden, den Sanftm\u00fctigen usw.<br \/>\nUnd er legt sie uns ans Herz.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Friedrich-Otto Scharbau<br \/>\n<a href=\"mailto:F.O.Scharbau@t-online.de\">F.O.Scharbau@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reformationstag | 31. Oktober 2003 | Mt 5,2\u201310 | Friedrich-Otto Scharbau | Liebe Gemeinde, das ist die Botschaft von der Freude Gottes. 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