{"id":9591,"date":"2003-11-07T19:49:53","date_gmt":"2003-11-07T18:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9591"},"modified":"2025-05-09T10:31:47","modified_gmt":"2025-05-09T08:31:47","slug":"markus-10-1-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-10-1-12\/","title":{"rendered":"Markus 10, 1-12"},"content":{"rendered":"<h3><b><span style=\"color: #000099;\">20. Sonntag nach Trinitatis | 2. November 2003 |<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\"> Markus 10, 1-12 | Richard Engelhardt |<\/span><\/b><\/h3>\n<p><em>&#8222;Und er brach auf von dort und kommt ins Gebiet von Jud\u00e4a und ins Ostjordanland, und wieder str\u00f6men die Scharen zu ihm, und wie er gewohnt war, lehrte er sie wieder. Und einige fragten ihn: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen? damit wollten sie ihn versuchen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? Sie aber sagten: Mose hat gestattet, &#8222;einen Scheidebrief zu schreiben und zu entlassen&#8220;. Jesus aber sprach zu ihnen: Wegen eurer Herzensh\u00e4rtigkeit hat er euch dies Gebot geschrieben. Von Anbeginn der Sch\u00f6pfung aber &#8222;hat er sie als Mann und Weib erschaffen&#8220;. &#8222;Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und die beiden werden ein Fleisch sein.&#8220; Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was Gott zum Paar verbunden hat, soll der Mensch nicht scheiden. Und zu Hause fragten ihn wieder seine J\u00fcnger deswegen. Und er sprach zu ihnen: Wer seine Frau entl\u00e4\u00dft und eine andere heiratet, der bricht an ihr die Ehe. Und wenn sie ihren Mann entl\u00e4\u00dft und einen anderen heiratet, bricht sie die Ehe.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Die junge Frau, die da vor meiner T\u00fcr stand, kannte ich von Ansehen. Die Mutter Kind Gruppe fiel mir ein, jetzt waren ihre beiden Kinder in unserem Kindergarten. Ich sah diese Kinder vor mir: sch\u00fcchtern, zur\u00fcckgezogen, nach M\u00f6glichkeit in einer Ecke allein spielend. Jetzt stand also die Mutter vor der T\u00fcr und bat um ein Gespr\u00e4ch. Sie trug eine Sonnebrille. Ihr Gesicht war verquollen. Als sie mir die Hand gab, sah ich den Blutergu\u00df. Und m\u00fchsam erz\u00e4hlte sie: Nach wenigen Ehejahren begann ihr Mann zu trinken. Gewi\u00df, er war vor der Ehe schon manchmal mit seinen Freunden unterwegs und kam &#8222;angeheitert&#8220; nach Hause. Jetzt aber wurde er, wenn er betrunken nachts in die Wohnung kam, brutal. Er schlug seine Frau. Er schlug die Kinder. Es gab \u00c4rger mit den Nachbarn. Das Geld wurde knapp. Der Arbeitgeber hatte die K\u00fcndigung angedroht. Die junge Frau war verzweifelt.<\/p>\n<p>Wochenlang haben wir miteinander geredet, einen guten Arzt gesucht, einen Therapieplatz gefunden. Der Ehemann lehnte jedes Gespr\u00e4ch ab und schlug immer h\u00e4ufiger zu. Nach vielen Wochen des Leidens der Frau habe ich ihr empfohlen, sich von ihrem Mann zu trennen. Heute ist sie geschieden, hat eine kleine eigene Wohnung mit ihren Kindern, verdient ihr eigenes Geld und kehrt langsam ins Leben zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich steht da die Frage: Darf ich das als Pastor, zu einer Scheidung raten? Ist da nicht das Gesetz Jesu, wie wir es in unserem heutigen Predigttext vor uns haben, das eine Scheidung kategorisch verbietet? Auf den ersten Blick mag es so scheinen. Nun steht aber im Matth\u00e4us Evangelium der gleiche Bericht mit einigen Umstellungen und \u00c4nderungen (Mt 19,1 9). Das sollte uns bewegen, auch \u00fcber unseren Text noch einmal nachzudenken.<\/p>\n<p>In der Umgebung Jesu wie im gesamten vorderen Orient war die Rolle der Frau eine dem Mann strikt untergeordnete. In der Ehe war die Frau gleichsam Eigentum des Mannes. Er heiratete die Frau und zahlte daf\u00fcr einen Preis an deren Familie. Er konnte sich unter Einhaltung sehr einfacher Formen nach seinem Belieben auch wieder von ihr trennen. In dieser Hinsicht war die Frau rechtlos. Juristisch war zu Jesu Zeit auch noch die Mehrehe m\u00f6glich wenn ein Mann dazu reich genug war. Schlie\u00dflich konnte ein Mann vom Gesetz her die Ehe nur dann brechen, wenn er sozusagen Diebstahl beging und in eine fremde Ehe einbrach und damit einem anderen Mann Schaden am Eigentum zuf\u00fcgte. Seine eigene Ehe konnte er gar nicht brechen. Er war Herr der Ehe nicht nur beim Beginn oder bei der Beendigung, sondern auch in der Gestaltung. Hurerei oder Ehebruch waren in der Regel Delikte, deren nur Frauen bezichtigt werden konnten.<\/p>\n<p>Sehen wir uns den Bericht, der unser heutiger Predigttext ist, vor diesem Hintergrund noch einmal an.<\/p>\n<p>Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem, auf seinem letzten Weg zum Kreuz auf Golgatha. Immer noch str\u00f6men Scharen von Menschen zu ihm. Sie erwarten viel. Heil, Heilung ihres Lebens, Nachricht von der Liebe Gottes, Befreiung aus all den \u00c4ngsten und Zw\u00e4ngen, die sie umgeben. Aus dieser Menge kommt die Frage einige \u00dcberlieferungen sagen, Pharis\u00e4er h\u00e4tten die Frage gestellt: Wie ist es mit dem Recht des Mannes, sich ohne weiteres seiner Frau durch willk\u00fcrliche Scheidung zu entledigen? Jesu Antwort: &#8222;Wer seine Frau entl\u00e4\u00dft und eine andere heiratet, der bricht an ihr die Ehe.&#8220;<\/p>\n<p>Dieser eine Satz durchschl\u00e4gt das gesamte Denk und Rechtsgeb\u00e4ude der M\u00e4nner. Dieser Satz Jesu bedeutet: Die Frau hat ein Recht auf sich. Sie ist dem Mann gleichgestellt und gleichberechtigt. Die J\u00fcnger, die diesen Satz Jesu als erste h\u00f6ren, und die ersten Christen, die sich nach Ostern zusammenfinden und ihre Erinnerungen an Jesus zusammentragen, sind offenbar tief beeindruckt. Sie erinnern sich der Begegnungen Jesu mit Frauen, wie er sie ernstgenommen hat, wie er sie gleichberechtigt aufgenommen hat. Hier ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr die neue Erkenntnis des uralten Thoratextes: Gott hat den Menschen als einen Mann und eine Frau erschaffen. Gleichwertig, gleichberechtigt, gleich von Gott geliebt. Und nur in der Verbindung eines Mannes und einer Frau k\u00f6nnen die beiden eine Person werden, die Ganzheit des von Gott geliebten Menschen erfahren.<\/p>\n<p>&#8222;Und Gott schuf den Menschen sich zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und eine Frau.&#8220;(Gen. 1, 27) Diesen Satz aus dem Sch\u00f6pfungsbericht legt Jesus aus und stellt fest: Erst die &#8222;Herzensh\u00e4rtigkeit&#8220; des Mannes hat einen Graben zwischen Mann und Frau aufgeworfen. Wegen dieser &#8222;Herzensh\u00e4rtigkeit&#8220; hat Mose die Scheidung erlaubt und der Mann hat sie mi\u00dfbraucht und der Frau die von Gott gegebene W\u00fcrde genommen.<\/p>\n<p>Zweimal noch auf seinem Weg nach Jerusalem, auf seinem Weg zum Kreuz stellt Jesus so berichtet es das Markus Evangelium Frauen als Vorbild f\u00fcr die Glaubenden vor. \u00dcber die arme Witwe, die ihr Scherflein in den Gotteskasten legt, h\u00f6ren die J\u00fcnger: Alle haben von ihrem \u00dcberflu\u00df gegeben, diese hat von ihrer Armut alles, was sie hatte, eingelegt (Mk 12,43f). Und \u00fcber jene Frau, die in Bethanien kostbares Salb\u00f6l nach Meinung einiger M\u00e4nner f\u00fcr Jesus verschwendet, sagt Jesus: &#8222;La\u00dft sie in Frieden, was macht ihr sie traurig? Sie hat ein gutes Werk an mir getan&#8220;. (Mk 14,3ff) Das ist befreiende frohe Botschaft. Die Frauen erfahren: Ihr seid Kinder Gottes. Ihr habt Recht und W\u00fcrde. Vor Gott gilt kein Unterschied zwischen Mann und Frau.<\/p>\n<p>In der Ehe wird dies alles konkret. Mann und Frau Ehemann und Ehefrau sind gleichwertig und gleichw\u00fcrdig. Da, wo sich beide Ehepartner dessen bewu\u00dft sind, ist eine Scheidung immer eine Verletzung. Nicht nur die Ehepartner verletzen sich, auch die gute Ordnung Gottes, die Sch\u00f6pfungsordnung wird verletzt. Und genau dies geh\u00f6rt zu unserer menschlichen Wirklichkeit: Wir verletzen die gute Ordnung Gottes und verletzen zugleich uns, einer den anderen. Verbote, Gesetze, Verordnungen k\u00f6nnen diese Verletzungen, die wir anrichten, nicht verhindern und noch weniger heilen. Allenfalls k\u00f6nnen sie uns an Schuld erinnern und hier und da warnen.<\/p>\n<p>Jesus antwortet nicht wie Gott nach der Sintflut (Gen 8,21)mit einer gewissen Resignation: &#8222;das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist b\u00f6se von Jugend auf.&#8220; Er geht seinen Weg nach Golgatha weiter. Sp\u00e4ter kann die Gemeinde der Christen ein profetisches Wort aufnehmen (Jes 53,4f) und \u00fcber diesen Weg Jesu sagen: &#8222;Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.&#8220; &#8222;Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden h\u00e4tten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.&#8220;<\/p>\n<p>Dies gilt auch da, wo wir in einer Ehe scheitern. Wir wissen, da\u00df wir gescheitert sind, da\u00df wir aneinander schuldig geworden sind. Aber da, wo wir keinen gemeinsamen weiteren Weg finden k\u00f6nnen, steht eben trotz unseres Scheiterns unsere Zuversicht auf Gottes Liebe: &#8222;Durch seine Wunden sind wir geheilt.&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>(Anmerkung: Hilfreich war mir die Exegese in GPM 1972\/73 S.451ff von Eberhard H\u00fcbner\/M\u00fcnster. Die \u00dcbersetzung des Textes stammt von Julius Schniewind: Das Evangelium nach Markus (NTD).)<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor i.R. Richard Engelhardt<br \/>\nAugust Bebel Str.18A<br \/>\n19055 Schwerin<br \/>\nTel.: 0385 5815432<br \/>\nFax : 0385 5815431<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20. Sonntag nach Trinitatis | 2. November 2003 | Markus 10, 1-12 | Richard Engelhardt | &#8222;Und er brach auf von dort und kommt ins Gebiet von Jud\u00e4a und ins Ostjordanland, und wieder str\u00f6men die Scharen zu ihm, und wie er gewohnt war, lehrte er sie wieder. 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