{"id":9596,"date":"2003-11-07T19:49:53","date_gmt":"2003-11-07T18:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9596"},"modified":"2025-05-09T10:38:36","modified_gmt":"2025-05-09T08:38:36","slug":"lukas-17-20-33","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-17-20-33\/","title":{"rendered":"Lukas 17, 20-33"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 9. November 2003 |<\/span><span style=\"color: #000099;\"> Lukas 17, 20-33 | Hanne Sander |<\/span><\/h3>\n<p>Der Gedanke vom Reich Gottes hat die Menschen stets mit Ungeduld erf\u00fcllt. Lukas erz\u00e4hlt hier, da\u00df einige f\u00fchrende Juden zu Jesus kamen, um etwas \u00fcber das Reich Gottes zu erfahren. Wann kommt es? Ihr Hintergrund war ein Land und ein Volk, das von den R\u00f6mern besetzt war. Ihre politische und wirtschaftliche Selbstbestimmung war ihnen genommen, und deshalb hofften sie nat\u00fcrlich auf Ver\u00e4nderung und bessere Zeiten, ja faktisch war es so, da\u00df die Hoffnung mehr und mehr wuchs und st\u00e4rker wurde, auch wenn sie immer wieder entt\u00e4uscht wurde.<\/p>\n<p>Der Gedanke an das Reich Gottes hat auch im Laufe der Zeit Menschen dazu veranla\u00dft, die Sache in die eigene Hand zu nehmen &#8211; wenn sie am ungeduldigsten wurden und meinten, da\u00df aus der Verbesserung der Welt nichts w\u00fcrde.<\/p>\n<p>H\u00f6rt mal auf einen Festredner in einem revolution\u00e4ren Klub in Ru\u00dfland, der in den 1840er Jahren so redete: Ein neues Leben erwartet die Welt. Es ist unsere Aufgabe, die Millionen darauf vorzubereiten, es zu empfangen, Wir sollen die edlen, starken und br\u00fcderlichen Eigenschaften bei all den bislang Unterdr\u00fcckten freimachen. Wir werden Gro\u00dfst\u00e4dte und Hauptst\u00e4dte niederrei\u00dfen und das Material f\u00fcr neue Geb\u00e4ude verwenden. Dieses ganze Leben in Leiden und Elend, Furcht und Armut werden wir in ein Leben im \u00dcberflu\u00df verwandeln, in einen Reichtum an Freude und Gl\u00fcck. Die ganze Erde werden wir mit Pal\u00e4sten und bl\u00fchenden G\u00e4rten \u00fcberziehen. Hier bei uns wir die Verwandlung stattfinden, und so stark wird sie leuchten, da\u00df die ganze Welt nachfolgt&#8220; (nach Knud Hansen: Om at haver mod til livet, dt. Vom Mut zum Leben, S. 238).<\/p>\n<p>Man konnte dasselbe 100 Jahre sp\u00e4ter in Deutschland h\u00f6ren. Die Ver\u00e4nderung und das neue Leben erforderte angeblich die Ausrottung des j\u00fcdischen Volkes und aller Schwachen und Behinderten &#8211; daf\u00fcr sollte das neue Reich dann aber auch kommen.<\/p>\n<p>Die Weltgeschichte weist viele Beispiele auf f\u00fcr die Ungeduld der Menschen mit der Welt, die verbessert werden soll &#8211; und sie liefert noch immer Beispiele. Das brauchen nicht immer unmenschliche und fanatische Beispiele zu sein, aber die Menschen, die mit dem Zustand der Welt am ungeduldigsten sind, sind in der Regel auch, die, die am meisten von ihrer eigenen Rechtgl\u00e4ubigkeit \u00fcberzeugt sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber bedarf die Welt nicht der Verbesserung? Ist es nicht verst\u00e4ndlich, da\u00df Menschen auf ein neues Leben und eine neue und bessere Welt hoffen?<\/p>\n<p>In der Tat, Jesus gesteht dies hier in diesem Text zu. Er kann den J\u00fcngern gut folgen, wenn sie manchmal den gro\u00dfen Umsturz herbeisehnen.<\/p>\n<p>Aber &#8211; und diese Pause mu\u00df lang sein, denn Jesus kehrt ihre Vorstellungen um und schickt den Gedanken an das Reich Gottes dorthin zur\u00fcck, wo er herkam.<\/p>\n<p>Das Reich Gottes ist nicht etwas, was ihr in der Zukunft erwarten sollt, das Reich Gottes ist nicht etwas, das sich woanders befindet als dort, wo ihr sein. Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Das Reich Gottes ist immer Gegenwart.<\/p>\n<p>In der Taufe im Gottesdienst h\u00f6ren wir auch, da\u00df das Reich Gottes den Kindern geh\u00f6rt: &#8222;Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihnen geh\u00f6rt das Reich Gottes&#8220;.<\/p>\n<p>Ja, wenn die Kinder schon im Reich Gottes sind und der, der das Reich Gottes nicht empf\u00e4ngt wie ein Kind, nicht hineinkommt &#8211; was ist das dann \u00fcberhaupt, das Reich Gottes?<\/p>\n<p>Und was haben Kinder oder was k\u00f6nnen Kinder, was die Erwachsenen nicht k\u00f6nnen? Ja sie k\u00f6nnen im Jetzt leben und sein. Sie k\u00f6nnen so mit einem Spiel besch\u00e4ftigt sein, da\u00df sie ganz im Augenblick gegenw\u00e4rtig sind. Ohne es zu wissen, geben sie sich hin, das Jetzt erh\u00e4lt Ewigkeit.<\/p>\n<p>S\u00f8ren Kierkegaard gebraucht ein Bild von jemandem, der in einem Boot rudert, um etwa dasselbe zu sagen: &#8222;Wer ein Boot rudert, kehrt dem Ziel, dem er sich doch entgegenarbeitet, den R\u00fccken zu &#8230; Wenn ein Mensch mit des Ewigen Hilfe als ein in de Tag heute Vertiefter lebt, so kehrt er dem morgigen Tag den R\u00fccken zu&#8220; (Christliche Reden 1848, Gesammelte Werke 20, S. 77; d\u00e4nische Ausg.; SV, 3. Aufl., 13, S. 74).<\/p>\n<p>Und wenn wir wieder dem Text bei Lukas folgen, so geht Jesus in seinen Gedanken von der Zeit noch weiter. Wenn man sich n\u00e4mlich das Reich Gottes bzw. das neue Leben als etwas vorstellt, das in der Zukunft liegt, wird es oft mit dem Gedanken vom Weltuntergang verkn\u00fcpft. Aber auch hier will Jesus seinen Zeitgenossen nicht folgen in Spekulationen und Auslegungen von m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Zeichen des Unterganges.<\/p>\n<p>Noch einmal: Nicht etwa deshalb, weil Jesus von den Bedingungen nichts wissen will, unter denen wir Menschen leben. Es ist richtig, da\u00df alles sein Ende finden wird. Das Leben des einzelnen Menschen hat seine Zeit &#8211; und der Tod geh\u00f6rt genauso sehr zum Leben des Menschen wie Essen und Trinken und Heiraten und Einkaufen und Pflanzen und Bauen und was man sonst noch nennen kann.<\/p>\n<p>Das Besondere ist, da\u00df Jesus im Hinblick auf das Reich Gottes nicht ungeduldig wird, auch nicht in Panik verf\u00e4llt, wenn er an das Ende der Zeit denkt. &#8222;Er lebte nicht f\u00fcr etwas, was kommen sollte, sondern f\u00fcr das, was um ihn herum war, f\u00fcr den Anblick der Lilien auf dem Felde und die V\u00f6gel unter dem Himmel, die den L\u00e4rm der Kinder, die Fl\u00f6te Spielen oder Klagelieder sangen, Hochzeit spielten oder Beerdigung, f\u00fcr Menschen, die ihn in Beschlag nahmen und ihn nicht in Ruhe lassen konnten&#8220; (Knud Hansen). Er lebte in einer befreiten Aufmerksamkeit f\u00fcr die Gegenwart &#8211; ohne von der Vergangenheit festgehalten zu werden und ohne in die Zukunft zu fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>So einleuchtend und richtig es ist, da\u00df man nur in der Gegenwart sein kann, weil die Vergangenheit nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist &#8211; genauso schwierig ist es, gegenw\u00e4rtig zu sein.<\/p>\n<p>Hin und wieder aber erleben wir doch &#8211; auch als Erwachsene, die sich der Zeit bewu\u00dft sind &#8211; da\u00df wir sind, da\u00df die Zeit still steht, wie wir sagen, da\u00df der Augenblick in die Ewigkeit hineinreicht. Und dann ist das Reich Gottes mitten unter uns. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrerin Hanne Sander<br \/>\nPrins Valdemarsvej 62<br \/>\nDK-2820 Gentofte<br \/>\nTel.: 39 65 52 72<br \/>\n<a href=\"mailto:sa@km.dk\">e-mail: sa@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 9. 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