{"id":9598,"date":"2003-11-07T19:49:45","date_gmt":"2003-11-07T18:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9598"},"modified":"2025-05-09T10:41:33","modified_gmt":"2025-05-09T08:41:33","slug":"lukas-1720-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1720-24\/","title":{"rendered":"Lukas 17,20\u201325"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 9. November 2003 | Lukas 17,20\u201325 | Werner Schwartz |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wie kriege ich nur beides zusammen: die tr\u00fcbe Stimmung der Novembertage<br \/>\nund die Hoffnung, dass das Leben sich lohnt; den Gang zum Friedhof in<br \/>\ndiesen k\u00fcrzer werdenden Tagen, die Gedanken an die Verstorbenen<br \/>\nunserer Familien und an die Verg\u00e4nglichkeit, die uns allen droht,<br \/>\nund den ganz allt\u00e4glichen Lebenswillen, der das alles an den Rand<br \/>\nzu dr\u00e4ngen versucht; die Erinnerung an die Vernichtung eines Volkes,<br \/>\ndie mit planvoller Propaganda begann und sich schrittweise zum erkennbaren<br \/>\nVerbrechen steigerte, und die ganz normale Sehnsucht nach einem gl\u00fccklichen,<br \/>\nerf\u00fcllten Leben und einer heilen Welt?<\/p>\n<p>Wie kriege ich nur beides zusammen? Wenn es sich \u00fcberhaupt zusammenkriegen<br \/>\nl\u00e4sst. Wenn nicht beides einfach unverbunden nebeneinander stehen<br \/>\nbleiben muss als Zeichen daf\u00fcr, dass das Leben zwiesp\u00e4ltig<br \/>\nist und seine Spannungen nicht ausgeglichen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Haben nicht die recht, die sagen: So ist die Welt, voller Sehnsucht<br \/>\nund voller Grausamkeit, daran \u00e4ndert sich nichts, so lange sie besteht?<br \/>\nMenschen suchen nach Gl\u00fcck, und Menschen qu\u00e4len einander, auch<br \/>\ndeshalb, weil sie das Gl\u00fcck f\u00fcr sich selbst reservieren m\u00f6chten,<br \/>\nes nicht teilen m\u00f6chten mit anderen. Das muss man hinnehmen?<\/p>\n<p>Da bleibt kaum anderes als den Kopf einzuziehen, damit das Elend wenigstens<br \/>\neinen selbst nicht trifft. Durchkommen, \u00fcberleben, das Beste daraus<br \/>\nmachen, irgendwie wird&#8217;s schon weitergehen, es wird schon wieder werden,<br \/>\ndas wird zur Lebensmaxime.<\/p>\n<p>So ist die Welt. <em>Gl\u00fccklich ist, wer vergisst, was doch nicht<br \/>\nzu \u00e4ndern ist <\/em>, und sich aufs eigene Leben konzentriert und<br \/>\nzusieht, dass es einigerma\u00dfen gut geht. Das scheint die Regel<br \/>\nzu sein, nach der wir leben. Vergessen, verdr\u00e4ngen, sich dr\u00fcber<br \/>\nweghelfen, irgendwie weiterwursteln, es wird schon weitergehen.<\/p>\n<p>Doch selbst in diesem Weiterwursteln, ein bisschen resigniert, auch<br \/>\nwenn sich die Resignation als Lebensklugheit gibt, bleibt doch eine Sehnsucht<br \/>\nwach: Die Sehnsucht nach einem Leben, das gelingt. Nach Liebe und Geborgenheit,<br \/>\nnach Sinn, den man entdecken m\u00f6chte im Leben, einem St\u00fcck Sinn<br \/>\nwenigstens, wenn schon das Ganze nicht zu finden ist. Etwas Sinnvolles<br \/>\ntun, einen Beruf finden oder haben und behalten, eine Partnerschaft erleben,<br \/>\ndie Geborgenheit gibt und Gl\u00fcck, Erfolg haben und vielleicht eine<br \/>\nFamilie, wenigstens zu bestimmten Zeiten ein gl\u00fcckliches Leben genie\u00dfen,<br \/>\nim Urlaub, an den Wochenenden, in der Freizeit, mit den Schwierigkeiten<br \/>\nzurechtkommen, vor die das Leben stellt. Die kleine M\u00fcnze f\u00fcr<br \/>\ndie gro\u00dfe Suche nach Sinn und Erf\u00fcllung, nach Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Von da ist so weit gar nicht zu der Frage dieses Bibelabschnitts: Wann<br \/>\nkommt das Reich Gottes? Wann werden wir den guten Zustand der Welt erreichen?<br \/>\nDieses Bild, das Reich Gottes, steht ja f\u00fcr die Erwartung auf Gl\u00fcck,<br \/>\ndie wir haben, vollkommenes, unendliches Gl\u00fcck, und nichts fehlt<br \/>\nmehr daran. Ob es sich lohnt, auf die Antwort hinzuschauen, die Jesu<br \/>\nauf die Frage nach dem Reich Gottes gibt?<\/p>\n<p>Drei oder vier Dinge sind mir wichtig geworden beim Nachdenken dar\u00fcber.<\/p>\n<p>(1) Noch vor der Frage, wann das Reich kommt, die andere Frage: Was<br \/>\nist das denn, das Reich Gottes? Klingt ein bisschen fremd, auch wenn<br \/>\nwir&#8217;s im Vaterunser immerzu beten, gleich zweimal in diesem Gebet: <em>Dein<br \/>\nReich komme. Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in<br \/>\nEwigkeit. Amen. <\/em><\/p>\n<p>Reich Gottes, Herrschaft Gottes, das sind Begriffe, die in der j\u00fcdischen<br \/>\nTradition so schwer gar nicht zu verstehen sind.<\/p>\n<p>Die Geschichte ist ja einfach: Gott hat die Welt geschaffen, <em>und<br \/>\nsiehe, sie war sehr gut <\/em>. Bis dann die Freiheit des Menschen diese<br \/>\ngute Welt aufs Spiel gesetzt hat. Die Arbeit wird zur M\u00fche, <em>im<br \/>\nSchwei\u00df deines Angesichts sollst du dein Brot essen. <\/em> Und<br \/>\nmit dem Neid kommen Mord und Totschlag in die Welt, sichtbar an Kain,<br \/>\nder den Abel erschl\u00e4gt, Verderbtheit bis hin zu Zust\u00e4nden<br \/>\nwie in Sodom und Gomorra.<\/p>\n<p>Dieser Geschichte des Verderbens will Gott Einhalt gebieten, sie umkehren.<br \/>\nEr erw\u00e4hlt sich sein Volk, Israel, mit Abraham, Isaak und Jakob,<br \/>\nMose und Aaron, gibt ihm Gebote f\u00fcr ein gutes Zusammenleben und<br \/>\nsorgt durch seine Propheten daf\u00fcr, das Volk immer wieder auf den<br \/>\nWeg zu Frieden und Gerechtigkeit zu rufen. Sein Gesetz soll gelten: Leben<br \/>\nund Gerechtigkeit f\u00fcr alle; <em>im Kult <\/em> die Vergewisserung \u00fcber<br \/>\ndie Ordnung der Welt, in der wir leben, <em>im Recht <\/em> die Regelung<br \/>\ndes Zusammenlebens und <em>im Erbarmen <\/em> der Ausgleich f\u00fcr die<br \/>\nArmen und Schwachen, denen das Leben nicht von allein das bietet, was<br \/>\nsie brauchen. Ein komplexes System, dieses System von Recht und Kult<br \/>\nund Erbarmen, das ein einziges Ziel hat: Der gute Gott soll in der Welt<br \/>\nherrschen, sein Wille, sein Gesetz soll die Welt ordnen, damit alle leben.<\/p>\n<p>Herrschaft Gottes, Reich Gottes \u0096 Ausgang und Ziel der Weltgeschichte,<br \/>\nAnfang und Ende und Richtschnur f\u00fcr das Leben dazwischen.<\/p>\n<p>(2) Wenn das das Reich Gottes ist, dann bleibt die Frage, wo es jetzt,<br \/>\nin der Zeit zwischen Anfang und Ende, zu erfahren ist.<\/p>\n<p><em>20 Als er von den Pharis\u00e4ern gefragt wurde: Wann kommt das<br \/>\nReich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt<br \/>\nnicht so, dass man&#8217;s beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen:<br \/>\nSiehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist<br \/>\nmitten unter euch. <\/em><\/p>\n<p>Was im griechischen Neuen Testament steht, ist doppeldeutig. Das zeigen<br \/>\nschon die \u00dcbersetzungen, die die Lutherbibel \u00fcber die Jahrhunderte<br \/>\nhinweg bietet. <em>Das Reich Gottes ist inwendig in euch. <\/em>Und: <em>Das<br \/>\nReich Gottes ist mitten unter euch. <\/em><\/p>\n<p>Beides scheint einander zu widersprechen: Innerlich <em>oder <\/em> \u00e4u\u00dferlich,<br \/>\naber doch nicht beides zugleich. Eine Sache des Gef\u00fchls, des Vertrauens,<br \/>\nder Verinnerlichung, der Religiosit\u00e4t \u0096 <em>oder <\/em> eine Sache<br \/>\nder Weltgestaltung, der Aktion, der erfahrbaren Gerechtigkeit und Liebe.<br \/>\nWas denn nun?<\/p>\n<p>(2.1) Unbestritten: Religion hat mit Innerlichkeit zu tun. Es geht um<br \/>\nGef\u00fchle, um Vertrauen, um das Wissen, dass wir kleine Menschen eingebettet<br \/>\nsind in den gro\u00dfen Zusammenhang der Welt, dass ein Gr\u00f6\u00dferer<br \/>\nuns tr\u00e4gt, Gott, der die Welt geschaffen hat und vollenden will.<\/p>\n<p>Aber Innerlichkeit nicht im Sinn einer Erleuchtung, \u00fcber die man<br \/>\nkaum mehr sprechen kann, einem geheimen Wissen, das einen zum R\u00fcckzug<br \/>\nvon der Welt treibt, ins K\u00e4mmerlein mit dem Buch, in den Zirkel<br \/>\nvon Gleichgesinnten, esoterisch-solipsistisch oder dogmatisch-fanatisch<br \/>\nins Aus der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Innerlichkeit eher als der Halt, den ich erfahre, wo ich wei\u00df,<br \/>\nwoher meine Welt kommt und wohin sie geht. Als Vergewisserung meines<br \/>\nStands in der Welt, der mir Gelassenheit gibt und mich freimacht zum<br \/>\nTun.<\/p>\n<p>(2.2) Das n\u00e4mlich geh\u00f6rt f\u00fcr jeden Glauben, der sich<br \/>\nauf die Bibel beruft, den j\u00fcdischen wie den christlichen, zum Heiligen,<br \/>\nzur Religion hinzu: das Tun des Gerechten, die Ethik, die Moral, die<br \/>\nGebote, der Einsatz f\u00fcr die N\u00e4chsten. Ohne Tun ist der Glaube<br \/>\ntot. Und wenn tausendmal das Rechte geglaubt wird. Oder besser: Das Rechte<br \/>\nwird halt nicht geglaubt, wo es nicht zum Einsatz f\u00fcreinander freimacht.<\/p>\n<p>So einfach ist die Br\u00fccke zwischen beiden M\u00f6glichkeiten, diesen<br \/>\nSatz zu verstehen: <em>Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Das Reich<br \/>\nGottes ist mitten unter euch. <\/em>Was inwendig in mir ist, dr\u00e4ngt<br \/>\nnach au\u00dfen. Und was nach au\u00dfen hin geschieht, ist die einzige<br \/>\nM\u00f6glichkeit, dass sich sichtbar zeigt, was ich innen empfinde und<br \/>\nwei\u00df. Die Verinnerlichung des Glaubens f\u00fchrt unmittelbar zur<br \/>\nVerwirklichung des Glaubens.<\/p>\n<p>Damit ist ein gro\u00dfes Thema der j\u00fcdisch-christlichen Religion<br \/>\nangesprochen. Die Sicht einer Welt, die Gott gut geschaffen hat und nach<br \/>\nall den Katastrophen, die in ihr geschehen, die weitaus meisten durch<br \/>\nMenschenschuld, gut werden lassen will. In einem Prozess, der lange schon<br \/>\nbegonnen hat und uns zur Mitarbeit braucht. Das Reich Gottes kommt, weil<br \/>\nes <em>inwendig in uns <\/em> und <em>mitten unter uns <\/em> ist, weil<br \/>\nwir andere werden und anders handeln.<\/p>\n<p>Nach der Entstehung der Welt, der <em>kosmischen Evolution <\/em>, der<br \/>\nEntwicklung der Elemente, der <em>chemischen Evolution <\/em>, und der<br \/>\nEntfaltung des Lebens, der <em>biologischen Evolution <\/em>, steht der<br \/>\nvierte Abschnitt der Evolution noch aus: die <em>kulturelle Evolution <\/em>.<br \/>\nWir m\u00fcssen lernen, miteinander zu leben, eine Kultur zu entfalten,<br \/>\ndie \u00fcber den Urzustand des Kampfes um das Leben ( <em>struggle for<br \/>\nlife <\/em>, Charles Darwin) und des \u00dcberlebens der T\u00fcchtigsten<br \/>\n( <em>survival of the fittest <\/em>) hinausf\u00fchrt. Eine Motivation<br \/>\nbraucht das, Regeln, Gebote vielleicht, die Normen setzen. Eine ganze<br \/>\nKultur der Werte muss sich entfalten, und das braucht viele, braucht<br \/>\nalle, die mittun.<\/p>\n<p>In dieses Szenario ist das eingebunden, wovon die Bibel spricht: die<br \/>\nZusage Gottes und die Hoffnung der Menschen, die Erwartung des Reiches<br \/>\nGottes und die M\u00fche um Regeln des Zusammenlebens. Wir haben nur<br \/>\nin den letzten Jahrzehnten im Rausch der Selbst\u00e4ndigkeit, mit dem<br \/>\nwir unsere M\u00fcndigkeit gefeiert haben, die tragenden Strukturen des<br \/>\nLebens vergessen. Wir haben die Autonomie der einzelnen zelebriert und<br \/>\ngemeint, alle Schranken hinter uns lassen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir haben verbraucht, was uns tragen kann: Kultur, Moral, Ethik, Werte.<br \/>\nUnd wir kommen in diesen Tagen manchmal ans Erschrecken und fragen verzweifelt,<br \/>\nwoher wir die Kraft finden, etwas davon wieder zu restaurieren. Wir entdecken,<br \/>\ndass wir diesen Prozess nicht fortsetzen d\u00fcrfen, dass wir umkehren<br \/>\nund uns neu orientieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Dazu l\u00e4dt dieser doppelte Satz ein. Die Wurzeln des Ethos neu finden.<br \/>\nIn dem Prozess, in dem Gott die Welt ver\u00e4ndert. Und dann mittun<br \/>\nan unserer Stelle. <em>Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Das Reich<br \/>\nGottes ist mitten unter euch. <\/em>Beides, innen und au\u00dfen. Die<br \/>\nWelt gestaltet sich um, und das ist schon da, in uns und um uns, unter<br \/>\nuns.<\/p>\n<p>[(3) Und wann kommt dieses Reich Gottes, am Ende, wenn es kommt?<\/p>\n<p><em>22 Er sprach zu den J\u00fcngern: Es wird die Zeit kommen, in der<br \/>\nihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und<br \/>\nwerdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!<br \/>\nOder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn<br \/>\nwie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis<br \/>\nzum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein. <\/em><\/p>\n<p>Das kennen wir, die Aufgeregtheit derer, die das Weltende erwarten.<br \/>\nSie versuchen die Zeichen der Zeit zu deuten, meinen Schlimmes zu sehen<br \/>\nund machen manchmal Angst. Wir nehmen sie nicht ernst. Das ist uns alles<br \/>\nzu abenteuerlich, zu verschroben. <em>Siehe, hier! Siehe, da! <\/em> Das<br \/>\nnehmen wir ihnen nicht ab.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt Jesus uns recht darin. Obwohl wir gerade ihm solche<br \/>\nWeltuntergangserwartungen doch auch zugetraut h\u00e4tten. Es gef\u00e4llt<br \/>\nuns, wenn er hier zur N\u00fcchternheit mahnt, nicht den falschen Propheten<br \/>\nhinterherzulaufen.<\/p>\n<p>Er wird uns allerdings unbequem, wenn wir weiter dr\u00fcber nachdenken. <em>Siehe,<br \/>\nda! Siehe, hier! <\/em> Das ist doch unsere Art, mit den Phantasien<br \/>\nvom Gl\u00fcck, der Erwartung der besseren Welt umzugehen. Das noch<br \/>\nhaben, jenes kaufen, Weihnachten steht vor der T\u00fcr. Die Zahl der<br \/>\nProspekte, die ins Haus flattern, zeigt&#8217;s deutlich. Sie suggerieren,<br \/>\ndas Heil sei im Konsum zu finden, die Unendlichkeit im Irdischen.<\/p>\n<p>Ein guter Teil unseres Lebens ist auf dieser Erwartung aufgebaut. Unser<br \/>\nLebensplan, unsere Arbeit, mit den allerbesten Absichten, unsere Freizeitgewohnheiten,<br \/>\nnahezu alles.<\/p>\n<p>Dem erteilt Jesus eine Abfuhr. So ist&#8217;s nicht. Lauft dem nicht nach.<br \/>\nDas ist tr\u00fcgerisch. Das wahre Gl\u00fcck, das Reich Gottes, liegt<br \/>\njenseits des Sichtbaren. <em>Mein Reich ist nicht von dieser Welt. <\/em><\/p>\n<p>Es ist so total anders, dass die st\u00e4rksten Bilder nur ausreichen,<br \/>\nes auch nur ann\u00e4hernd zu beschreiben.]<\/p>\n<p>(4) Aber\/Und wie kommt&#8217;s dann zu uns?<\/p>\n<p><em>24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des<br \/>\nHimmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.<br \/>\n25 Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. <\/em><\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich, \u00fcberraschend. Richtig beschreiben l\u00e4sst sich<br \/>\nda nichts. Wo doch soviel Sehns\u00fcchte und Erwartungen, entt\u00e4uschte<br \/>\nHoffnungen und erlittene Entt\u00e4uschungen in diesem Hoffnungsziel<br \/>\naufgehoben sind: Reich Gottes. Es kommt wie ein Blitz, pl\u00f6tzlich,<br \/>\nunvermittelt. Es leuchtet auf. Und \u0096 wenn das Bild vom Blitz stimmt:<br \/>\ndann ist es auch schon wieder unsichtbar. So ist das mit dem Reich Gottes.<\/p>\n<p>Dass das Reich Gottes aufbricht, mitten im Allt\u00e4glichen, das haben<br \/>\nwir immer schon erlebt. All die Liebe und Barmherzigkeit, die uns begegnen.<br \/>\nEin ermutigendes Wort, wo wir es nicht erwartet haben. Verl\u00e4ssliche<br \/>\nFreundschaft, die Krisen \u00fcbersteht. Das Erstaunen, die Kraft zu<br \/>\nfinden, \u00fcber den eigenen Schatten zu springen, gro\u00dfz\u00fcgig<br \/>\nzu sein, verzeihend, offen und freundlich. Der heilige Zorn, der in uns<br \/>\naufsteigt, wenn wir sehen, dass in unserem reichen Land die sozialen<br \/>\nProbleme eher immer schlimmer werden. Reich Gottes, das aufblitzt, mitten<br \/>\nim Alltag. Die Zeit bleibt stehen, eine andere Wirklichkeit bricht in<br \/>\nsie ein.<\/p>\n<p>Allerdings nicht ohne Leiden. Das geh\u00f6rt hinzu. Das Leiden. Die<br \/>\nHoffnung auf Gottes Reich schlie\u00dft das Leiden, die Angst nicht<br \/>\naus. Denn das ist Gottes Weg. Nicht auf den Gipfeln entlang, nicht mit<br \/>\nden Arrivierten und T\u00fcchtigen, den Leistungstr\u00e4gern und Hochm\u00f6genden.<br \/>\nSondern unten, wo die Schwachen leben, die Kleinen. All die, deren Leben<br \/>\nverk\u00fcmmert, die getreten werden und schon abgestumpft sind. Mit<br \/>\ndenen ist er.<\/p>\n<p>Der Weg Gottes ist nicht der K\u00f6nigsweg der menschlichen Herrschaft<br \/>\nund Macht. <em>Mein Reich <\/em><em>ist nicht von dieser Welt <\/em>. Sein<br \/>\nHerrschaftsprinzip hei\u00dft Sorge f\u00fcreinander, Liebe, Erbarmen,<br \/>\nSolidarit\u00e4t, Hilfe f\u00fcr die Schwachen. Weil die Welt erst dann<br \/>\ngut und das Leben erst dann erf\u00fcllt ist, wenn alle am Leben teilhaben,<br \/>\nwenn alle haben, was sie brauchen, und keine und keiner leer ausgeht.<\/p>\n<p>In den Spitzenzeiten unseres Lebens kommt uns eine Ahnung davon an:<br \/>\nDas Leben gelingt, wo wir teilen, wo wir uns f\u00fcreinander einsetzen,<br \/>\nmiteinander an dem Ziel arbeiten, dass die Welt sch\u00f6n und das Leben<br \/>\nmenschlich wird.<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Hoffnung, diese Hoffnung auf das Reich Gottes. Und<br \/>\neine gro\u00dfe Aufgabe, daf\u00fcr t\u00e4tig zu sein. Aber eben auch<br \/>\ndie Zusage, im Gleichklang mit der Kraft Gottes zu leben und zu arbeiten,<br \/>\ndie in dieser Welt am Werk ist. Eine Perspektive, in der wir leben k\u00f6nnen.<br \/>\nMit dem gro\u00dfen Ziel vor Augen, in den kleinen Schritten unseres<br \/>\nAlltags.<\/p>\n<p>Mit der Last unseres Lebens, all dem Verkorksten, das es auch gibt,<br \/>\nall den Verletzungen, die wir haben hinnehmen m\u00fcssen und die wir<br \/>\nanderen zugef\u00fcgt haben. Mit der Last der Geschichte, ihren Greueln,<br \/>\ndie das Leben vergiften, auf Jahrzehnte hinaus.<\/p>\n<p>Doch wir haben die Chance, das Leben neu zu sehen und in dieser Sph\u00e4re<br \/>\nzu leben: Das Reich Gottes bricht an. Das feiern wir ja auch, wenn wir<br \/>\nAbendmahl feiern. Wir bitten um Vergebung f\u00fcr die Schuld, die wir<br \/>\nalle auf uns geladen haben, kleine und gro\u00dfe Schuld. Wir feiern<br \/>\ndie Liebe Gottes, die diese Welt erl\u00f6sen will. Und wir lassen uns<br \/>\nst\u00e4rken f\u00fcr den Weg, den wir gehen, in der Spur, die er vorzeichnet,<br \/>\nin der Hoffnung auf sein Reich, <em>inwendig in uns, mitten unter uns. <\/em> Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Werner Schwartz, Vorsteher<br \/>\nEvangelische Diakonissenanstalt, 67343 Speyer am Rhein<br \/>\nTelefon 06232 &#8211; 22 1202, Fax 22 1587, eMail w.schwartz@diakonissen-speyer.de<br \/>\nprivat: Hilgardstra\u00dfe 9, 67346 Speyer<br \/>\nTelefon 06232 &#8211; 919 610, Fax 919 612<br \/>\n<a href=\"mailto:werner.schwartz@t-online.de\"> eMail werner.schwartz@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres | 9. 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