{"id":9613,"date":"2003-11-07T19:49:45","date_gmt":"2003-11-07T18:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9613"},"modified":"2025-05-09T14:03:45","modified_gmt":"2025-05-09T12:03:45","slug":"matthaeus-24","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-24\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 25,1\u201313"},"content":{"rendered":"<h3>Ewigkeitssonntag | 23. November 2003 | Matth\u00e4us 25,1\u201313 | J\u00f8rgen Demant |<\/h3>\n<p>Heute ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die<br \/>\nZeit verrinnt. Der Ton wird h\u00e4rter. Hier wird zu Erwachsenen geredet. Und zu Erwachsenen<br \/>\nkann man vom j\u00fcngsten Gericht reden. Und hier handelt es sich in<br \/>\nder Tat um einen Text vom j\u00fcngsten Gericht. Auch wenn das Gleichnis<br \/>\nvon einer Hochzeit erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Das Besondere und Eigenartige am Evangelisten Matth\u00e4us ist, da\u00df mehrere<br \/>\nseiner Gleichnisse, die von einem Fest als Rahmen erz\u00e4hlen, mit<br \/>\neiner Katastrophe enden. So werden G\u00e4ste herausgeworfen, weil sie<br \/>\nnicht richtig angezogen waren. Und heute: Es soll Hochzeit gefeiert werden,<br \/>\naber einige sind nicht mit dabei. Das ist bedrohlich, katastrophal. Das<br \/>\nliegt schon in der Einleitung des Gleichnisses: &#8222;Dann wird das Himmelreich<br \/>\ngleich sein &#8230;&#8220;. Dieses drohende &#8222;dann&#8220;. Ein Verh\u00e4ngnis \u00fcber<br \/>\nder Zukunft, ein Damoklesschwert \u00fcber dem Kopf. Nicht ein: Wenn<br \/>\ndu dies tust, &#8230;. dann!. Denn dann kannst du dich ja retten, indem du<br \/>\netwas tust! Nein, da liegt etwas Unwiderrufliches in diesem &#8222;dann&#8220;!.<br \/>\nEs weist nach vorn &#8211; in eine Zukunft. Eine Ank\u00fcndigung, da\u00df es<br \/>\nzu sp\u00e4t sein k\u00f6nnte. Es gibt Dinge, die man nicht aufschie\u00adben<br \/>\nkann. Dinge, die man nicht \u00e4ndern kann. Es ist etwas Unwiderrufliches<br \/>\nim Dasein. Das ist das Gericht des Evangeliums: Es gibt ein &#8222;zu sp\u00e4t&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist vielleicht gut zu wissen, da\u00df das Gleichnis von den Brautjungfrauen<br \/>\neng mit einer orientalischen Hochzeitsszene zusammenh\u00e4ngt und nicht<br \/>\nmit einer d\u00e4nischen oder europ\u00e4ischen. Bei einer orientalischen<br \/>\nHochzeit &#8211; auch heute noch kann man das bei einer muslimischen Hochzeit<br \/>\nerleben &#8211; geschieht dies, da\u00df sich die G\u00e4ste fr\u00fch am<br \/>\nAbend versammeln und gemeinsam essen und trinken, w\u00e4hrend man auf<br \/>\nden Br\u00e4utigam wartet. Er kommt erst zur Nachtzeit, die H\u00f6hepunkt<br \/>\nund Abschlu\u00df des Hochzeitsfestes ist: Der n\u00e4chtliche Einzug<br \/>\ndes Br\u00e4utigams in das Haus seiner Eltern. Nach stundenlangem Warten<br \/>\nkommt dann endlich eine halbe Stunde vor Mitternacht der Br\u00e4utigam,<br \/>\num die Braut zu holen, begleitet von seinen Freunden in einem Lichtmeer<br \/>\nvon brennenden Kerzen, er wird von den G\u00e4sten empfangen, die ihm<br \/>\nentgegengehen. In einem festlichen Umzug macht sich die Hochzeitsgesellschaft<br \/>\ndann auf, wieder in einem Meer von Licht, zum Haus des Vaters der Braut,<br \/>\nwo die Heirat und ein erneutes Gastmahl stattfindet.<\/p>\n<p>Wenn wir die Erz\u00e4hlung des Matth\u00e4us h\u00f6ren, h\u00f6ren<br \/>\nwir ja nicht nur vom Hochzeitsfest &#8211; die Feier der Vereinigung zwischen<br \/>\nBraut und Br\u00e4utigam, das gemeinsame Essen und Trinken, die Reden,<br \/>\nder Tanz. Nein, hier ist es der Auftakt zum Fest, die Vorbereitung und<br \/>\nder spezielle Teil der Vorbereitung &#8211; n\u00e4mlich das Warten auf das<br \/>\nKommen des Br\u00e4utigams. Und wieder geht es Matth\u00e4us darum zu<br \/>\nbetonen, da\u00df dann das Himmelreich gleich sein wird den zehn Jungfrauen.<br \/>\nEs ist die Zeit vor dem Fest, die wichtig ist. Hier in der Wartezeit<br \/>\nentscheidet sich die Zukunft. Jetzt trifft das bedrohliche &#8222;zu sp\u00e4t&#8220; ein.<\/p>\n<p>Auch die Braut und der Br\u00e4utigam stehen nicht im Mittelpunkt der<br \/>\nGeschichte. Von ihnen h\u00f6ren wir nichts. Im Mittelpunkt stehen indessen<br \/>\ndie Brautjungfern. Und sollen ja nicht den Br\u00e4utigam heiraten. Das<br \/>\nsoll dagegen die Braut, von der wir gar nichts h\u00f6ren. Die Jungfrauen<br \/>\naber sollen mit beim Fest dabeisein. Sie sind dabei als Gefolge. Als<br \/>\njemand, der als Diener dabei ist, als Helfer, zur Unterst\u00fctzung.<br \/>\nUnd dann nat\u00fcrlich als Festteil\u00adnehmer. Der Br\u00e4utigam kommt<br \/>\nunter allen Umst\u00e4nden &#8211; pl\u00f6tzlich und \u00fcberraschend.<\/p>\n<p>Stellen wir uns einmal vor, da\u00df wir die Brautjungfern sind. Wir,<br \/>\ndie wir hier versammelt sind. Wir sind das Volk der Erwartung. Es geht<br \/>\ndarum, in der Erwartung zu leben, jetzt. Der Sinn des Wartens.<br \/>\nAber mit dem drohenden &#8222;zu sp\u00e4t&#8220; als ein Damoklesschwert \u00fcber dem Kopf.<br \/>\nDie Klugen leben in der Erwartung, die T\u00f6richten nicht. \u00a0Die Klugen bleiben<br \/>\nder Erwartung treu. Die Dummen verraten sie &#8211; und deshalb haben sich nicht Teil am Fest.<\/p>\n<p>Die Erwartung ist ein Morgenlicht in uns. Die Sonne schafft ja auch,<br \/>\nnoch ehe sie sich \u00fcber den Horizont erhoben hat und den neuen Tag<br \/>\nerm\u00f6glicht hat, die Morgenr\u00f6te am Himmel. So ist es, wenn die<br \/>\nSonne kommt. Und so ist es auch mit allem, was kommt: Noch ehe es in<br \/>\ndie Gegenwart reicht und den Augenblick, hat es bereits ein Morgenlicht<br \/>\nder Erwartung in uns angez\u00fcndet.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen durch die Erwartung erleuchtet werden, aber wir k\u00f6nnen<br \/>\nsie nicht schaffen. Sie wird durch die kommende Wirklichkeit hervorgebracht,<br \/>\nvon etwas, das von au\u00dfen kommt. Wenn wir selbst Licht anz\u00fcnden,<br \/>\ndann wird das nicht Erwartung, sondern Tagtr\u00e4umerei und Phantasie.<br \/>\nNur die Wirklichkeit, die zu uns kommt, kann in uns Erwartung schaffen.<\/p>\n<p>Wie in der Erz\u00e4hlung sind die Brautjungfrauen voller Erwartung<br \/>\ngegen\u00fcber dem Br\u00e4utigam. Sie nehmen alle ihre Lampen und gehen<br \/>\nihm entgegen, es gibt keinen gro\u00dfen Unterschied.<\/p>\n<p>Wie in der Erz\u00e4hlung, wo die Brautjungfrauen erwartungs\u00advoll<br \/>\nsind gegen\u00fcber dem Br\u00e4utigam, der kommen soll. Sie nehmen alle<br \/>\nihre Lampen und gehen ihm entgegen. Es gibt keinen sonderlich gro\u00dfen<br \/>\nUnterschied zwischen dem Verhalten der Klugen und der T\u00f6richten.<br \/>\nSie haben den Eifer gemeinsam, aber auch die M\u00fcdig\u00adkeit, als<br \/>\nes sp\u00e4t wird und die Nacht kommt. Der Unterschied macht sich bemerkbar,<br \/>\nals der Ruf erklingt: Jetzt kommt er! Da erwachen sie alle und ergreifen<br \/>\ndie Lampen, und erst jetzt zeigt sich ein Unterschied zwischen den Dummen<br \/>\nund den Klugen. Die letzteren haben \u00d6l f\u00fcr die Lampen, das<br \/>\nhaben die ersteren nicht.<\/p>\n<p>Das Morgenlicht der Erwartung brannte zwar in allen, aber f\u00fcr dieses<br \/>\nMorgenlicht gilt wie f\u00fcr alle Morgend\u00e4mmerungen der Natur,<br \/>\nda\u00df wir dem nicht treu sein k\u00f6nnen, indem wir nur an den Tag<br \/>\ndenken, der kommt. Wir k\u00f6nnen der Erwartung nur treu sein, indem<br \/>\nwir den Tag beginnen, in dem Glauben beginnen, da\u00df es gelingt.<\/p>\n<p>So ist es mit dem Morgenlicht der Erwartung. Es fordert mich, meine<br \/>\nKonzentration, meine Wachsamkeit. Meinen Willen, auf das zu achten, was<br \/>\nkommt. Der Wirklichkeit voraussein, die mir entgegenkommt. Ich kann nicht<br \/>\nselbst die Wirklichkeit schaffen, die kommt, aber ich kann bereit sein,<br \/>\nsie zu empfangen. Meine Einstellung, meine Haltung, meine Empf\u00e4nglichkeit<br \/>\nsind entschei\u00addend daf\u00fcr, wie die Dinge werden. Man kann vielleicht<br \/>\nvon einer &#8222;Erwartungs-Pflicht&#8220; sprechen.<\/p>\n<p>Wenn meine Erwartung an das Leben etwa so klingt wie ein: &#8222;Ja,<br \/>\nvielleicht&#8220;, gleichsam h\u00e4ngem\u00e4ulig und h\u00e4ngeohrig,<br \/>\naufgebend oder zweifelnd &#8211; dann wird es auch danach, wir werden dem leeren<br \/>\nGrabe der Langeweile \u00fcberlassen, bis uns das Leben aus dem Ruder l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Ist meine Erwartung an das Leben etwa ein &#8222;vielleicht, vielleicht,<br \/>\nso mit einer sorgenvollen Miene, h\u00e4nderingend und mit vielen Reden,<br \/>\nja dann ist das nichts anderes als ein Appell daran, da\u00df die anderen<br \/>\nmir helfen sollen. Ich ergehe mich in der Rolle des Selbstmitleids und<br \/>\ndes Opfers &#8211; eine Rolle, die f\u00fcr einen selbst sehr angenehm sein<br \/>\nkann, aber unertr\u00e4glich f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Klingt meine Erwartung etwa wie ein &#8222;Na ja, vielleicht&#8220;, \u00fcberlegen,<br \/>\nhochm\u00fctig und arrogant, so als h\u00e4tte das Leben nichts zu bieten,<br \/>\nwas mich verwundern oder \u00fcberraschen k\u00f6nnte &#8211; dann bleibt nichts<br \/>\nanderes als Spott und Hohn. Abgestumpfte Zyniker und zur\u00fcckgelehnte<br \/>\nBetrachter des Lebens gibt es viele in unserem Lande.<\/p>\n<p>Seht ihr nicht die Bautjunfrauen vor euch, die h\u00e4ngem\u00e4ulige,<br \/>\ndie sorgenvolle, die sp\u00f6ttische? Das wird ein sch\u00f6ner Hochzeitszug!<\/p>\n<p>Aber wie kann man der Erwartung treu sein? Wie im Morgen\u00adlicht der<br \/>\nErwartung leben? Das bedeutet froh und zuversichtlich dastehen, ruhend<br \/>\nin der Gewi\u00dfheit, die sagt: Das soll geschehen. Niemals entt\u00e4uscht<br \/>\nsein oder aus der Bahn geworfen, weil etwas zun\u00e4chst nicht so geschieht,<br \/>\nwie man es sich gew\u00fcnscht und ausgerechnet hat. Aber immer glauben<br \/>\nund hoffen und sagen: Es soll geschehen! Glauben hei\u00dft stets das<br \/>\nFreudige, das Gl\u00fcckliche und das Gute erwarten.<\/p>\n<p>Das ist der Tag des Gerichts. Und das Urteil lautet: Du bist zur Erwartung<br \/>\nverurteilt. Der Kern des Christentums ist dieses eine: Du kannst erwarten,<br \/>\nda\u00df Gott zu dir kommt. Du betest darum &#8211; auch jetzt nach der Predigt<br \/>\n&#8211; im Vaterunser: &#8222;Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme&#8220;.<br \/>\nSein Reich komme &#8211; mit Gutem, mit Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Du<br \/>\nh\u00f6rst es auch gleich beim Abendmahl: Gesegnet sei, der da kommt<br \/>\nim Namen des Herrn&#8220;. Und Gott spottet nie \u00fcber einen Menschen<br \/>\noder macht ihn l\u00e4cher\u00adlich. Er wird stets unserer Erwartung<br \/>\nentgegenkommen. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-45 88 40 Lyngby<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 45 88 40 75<br \/>\n<a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">email: j.demant@wanadoo.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ewigkeitssonntag | 23. November 2003 | Matth\u00e4us 25,1\u201313 | J\u00f8rgen Demant | Heute ist der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Die Zeit verrinnt. Der Ton wird h\u00e4rter. Hier wird zu Erwachsenen geredet. Und zu Erwachsenen kann man vom j\u00fcngsten Gericht reden. Und hier handelt es sich in der Tat um einen Text vom j\u00fcngsten Gericht. 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