{"id":9615,"date":"2003-11-07T19:49:47","date_gmt":"2003-11-07T18:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9615"},"modified":"2025-05-09T14:11:42","modified_gmt":"2025-05-09T12:11:42","slug":"031123-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/031123-4\/","title":{"rendered":"Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod | Ewigkeitssonntag | 23. November 2oo3 | Ulrich Braun |<\/strong><\/h3>\n<p><strong> Requiem und Sp\u00e4tmoderne &#8211; \u00dcberlegungen zur Funktion des Ewigkeitsmotivs in jenseitsloser Zeit <\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">(1)<\/a><\/p>\n<p>(<a href=\"http:\/\/www.kirchenmusik.kaufbeuren.de\/TextVerdi.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Text des Requiems: http:\/\/www.kirchenmusik.kaufbeuren.de\/TextVerdi.htm<\/a>)<\/p>\n<p>Der Tod ist ein gro\u00dfes Lebensthema. Er besch\u00e4ftigt Religion<br \/>\nund Kunst gleicherma\u00dfen und diese Besch\u00e4ftigung begr\u00fcndet<br \/>\nzu einem nicht geringen Teil beider Verwandtschaft. Eine der h\u00f6chsten<br \/>\nFormen der Verschmelzung von Religion und Kunst findet sich im Requiem.<br \/>\nDie aus der Totenmesse erwachsene musikalische Gattung hat alle Umformungen<br \/>\nder Religion, ihrer Bild- und Symbolwelten, weitgehend intakt \u00fcberstanden.<br \/>\nUnd wenn es f\u00fcr Protestanten, Agnostiker \u0096 und vielleicht sogar<br \/>\nden einen oder anderen Atheisten \u0096 einen Zugang zu r\u00f6misch-katholischer<br \/>\nFr\u00f6mmigkeit gibt, so f\u00fchrt er \u00fcber das zur Kunst gewordene<br \/>\nSeelenamt, die Totenmesse, deren erste Worte lauten: requiem aeternam<br \/>\ndona eis, deus \u0096 Ewige Ruhe gib ihnen, Herr.<\/p>\n<p>Als \u00e4sthetische und musikalische Gattung stellt das Requiem damit<br \/>\neine Ausnahme im Gesamt der kirchlichen Lehren dar. Ja, es scheint, als<br \/>\nhabe es als liturgisch-\u00e4sthetisch-musikalische Gattung sogar denjenigen<br \/>\nParadigmenwechsel nahezu unbeschadet \u00fcberstanden, der doch den gr\u00f6\u00dften<br \/>\nTeil der in ihm enthaltenen und ausgemalten Bild- und Symbolgehalte selbst<br \/>\naufgel\u00f6st, der Unverst\u00e4ndlichkeit oder der Anst\u00f6\u00dfigkeit<br \/>\npreisgegeben hat. Gemeint ist der sukzessive Verlust der Jenseitsvorstellungen<br \/>\ninsgesamt, besonders aber die im dies irae entfaltete Vorstellung vom<br \/>\nStrafgericht des J\u00fcngsten Tages.<\/p>\n<p>Lang und erlesen ist die Reihe derjenigen Komponisten, denen wir je<br \/>\neigene Fassungen und Akzentsetzungen zum Requiem verdanken: Mozart, Haydn,<br \/>\nBerlioz, Bruckner, Britten, Palaestrina, Dvorak, Cherubini, Liszt, Reger<br \/>\nund viele andere haben sich darum bem\u00fcht. Vorklassik, Klassik, Romantik<br \/>\nund Moderne sind in der Reihe vertreten. Sogar ein ausgesprochen protestantischer<br \/>\nWurf, n\u00e4mlich der von Johannes Brahms im Deutschen Requiem, f\u00fcr<br \/>\ndas der Hanseat die traditionellen lateinischen Teile durch biblische<br \/>\nTexte ersetzt hat.<\/p>\n<p>Das Verdi-Requiem ist vielleicht besonders geeignet, die Fragen nach<br \/>\nden Paradigmenwechseln der Moderne zu traktieren. Von Anfang an war es<br \/>\nin mehrfacher Hinsicht umstritten. Verdi selbst empfand es zun\u00e4chst<br \/>\nals h\u00f6chst \u00fcberfl\u00fcssig, noch eine Fassung einer von ihm<br \/>\nals \u00fcberfl\u00fcssig empfundenen Form zu fertigen. Er selbst war<br \/>\nnicht Mitglied einer Kirche und den Vorstellungen von Jenseits und Gericht<br \/>\nwohl ebenso abholt wie man es von einem modernen Zeitgenossen nur erwarten<br \/>\ndarf. Andererseits hat er sich dann doch der darin enthaltenen dramatischen<br \/>\nPotentiale mit einer Inbrunst angenommen, dass sich eine Unterstellung<br \/>\nwohl von allem Anfang an verbieten m\u00fcsste: die Unterstellung n\u00e4mlich,<br \/>\nes k\u00f6nnte sich bei seinem Requiem um eine Parodie handeln.<\/p>\n<p>Dass sich die Unterstellung im Grunde verbieten m\u00fcsste, hei\u00dft<br \/>\nnicht, dass sie nicht doch gemacht worden w\u00e4re. Jedenfalls bildet<br \/>\nsie wohl den Hintergrund derer, die Guiseppe Verdi beschuldigen, aus<br \/>\ndem Requiem eine Oper gemacht zu haben. Damit will doch wohl gesagt sein,<br \/>\ner habe die Form des Requiem durchaus unangemessen bearbeitet, habe aus<br \/>\nder Totenmesse ein Spektakulum gemacht. Im g\u00fcnstigeren Falle w\u00e4re<br \/>\nihm das unterlaufen, weil er des religi\u00f6sen Verst\u00e4ndnisses<br \/>\nermangelte, im ung\u00fcnstigeren, weil er bewusst auf Karikatur abgezielt<br \/>\nh\u00e4tte.<\/p>\n<p>Es ist m\u00fc\u00dfig, \u00fcber Verdis wahre Motive zu spekulieren.<br \/>\nWie bei aller Kunst k\u00f6nnen wir das Urteil dar\u00fcber getrost denen \u00fcberlassen,<br \/>\ndie sein Requiem h\u00f6ren, die sich davon anr\u00fchren und bewegen<br \/>\nlassen. \u00dcberaus lohnend ist es dagegen, Verdis Requiem zum Anlass<br \/>\nf\u00fcr eine Betrachtung der Form der Totenmesse selbst zu nehmen, ihre<br \/>\nTransformationen zu betrachten und den Paradigmenwechsel der Moderne<br \/>\nin den Blick zu nehmen, welchen wir wohl mit Recht f\u00fcr Verdi selbst<br \/>\nvoraussetzen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Eine kurze Geschichte des Requiems <\/strong><\/p>\n<p>Requiem aeterna \u0096 ewige Ruhe, mit diesen Worten beginnt die Traditionelle<br \/>\nlateinische Totenmesse. Ihre Wurzeln hat sie bereits in den Begr\u00e4bnisfeiern<br \/>\nder Alten Kirche. Auf die Weise wie Paulus es formuliert hatte, wurde<br \/>\nder Tod nicht als das Ende beklagt, sondern im Licht der \u00f6sterlichen \u00dcberwindung<br \/>\nbegangen. \u0084Tod, wo ist dein Stachel? H\u00f6lle, wo ist dein Sieg?\u0093 (1.Korinther<br \/>\n15,55). So jedenfalls \u00fcbersetzte Martin Luther. Inwiefern es aus<br \/>\nseiner Perspektive noch einmal die \u00dcberwindung der H\u00f6lle festzuhalten<br \/>\nund zu formulieren galt, darauf werden wir zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>In der Alten Kirche jedenfalls lag ein starker Akzent der Begr\u00e4bnisfeier<br \/>\nauf diesem Motiv der \u00dcberwindung. Der paulinische Ton bestimmte<br \/>\ndie Feier: \u0084Christus ist mein leben und Sterben mein Gewinn\u0093. (Philipper<br \/>\n1,21) Oder gar: \u0084Ich habe Lust aus der Welt zu scheiden und bei Christus<br \/>\nzu sein, was auch viel besser w\u00e4re\u0093 (Philipper 1, 23). Entsprechend<br \/>\nwurden die Toten in wei\u00dfe Kleider geh\u00fcllt und gegebenenfalls<br \/>\nsogar mit einem Lorbeerkranz geschm\u00fcckt, also mit Insignien der \u00dcberwindung<br \/>\nund des Sieges versehen.<\/p>\n<p>Diese Auffassung vom Tod und der noch wenig ausgemalten jenseitigen<br \/>\nWelt schl\u00e4gt sich in den St\u00fccken requiem und lux aeterna deutlich<br \/>\nnieder. Die \u00dcberwindung des Todes im sanctus und im agnus dei.<\/p>\n<p>Diese St\u00fccke aus der Messe hatten bald ihren festen Platz in den<br \/>\nSeelenmessen und Toten\u00e4mtern, welche dann auch zu den Gedenktagen<br \/>\nf\u00fcr die Entschlafenen, in der Folge auch individuell zum Beispiel<br \/>\nam Jahrestag des Todes gefeiert wurden.<\/p>\n<p>Von allem Anfang an geh\u00f6rt auch die Vorstellung vom Gericht zum<br \/>\nchristlichen Glauben, wie sie etwa im Matth\u00e4usevangelium zu finden<br \/>\nist (z.B. Matth\u00e4us 25, 31ff.) Sie schl\u00e4gt sich etwa im offertorio<br \/>\nnieder:<\/p>\n<p>Domine Jesu Christe, rex gloriae,<br \/>\nlibera animas omnium fedelilum defunctorum<br \/>\nde poenis inferni et de<br \/>\nprofundo lacu.<br \/>\nLibera eas de ore leonis,<br \/>\nne absorbeat eas tartarus,<br \/>\nne cadant in obscurum:<\/p>\n<p>Herr Jesus Christus, K\u00f6nig der Ehren,<br \/>\nbefreie die Seelen der Abgeschiedenen<br \/>\nvon den Strafen der H\u00f6lle und von dem<br \/>\ntiefem Abgrund.<br \/>\nErrette sie aus dem Rachen des L\u00f6wen,<br \/>\nda\u00df die H\u00f6lle sie nicht verschlinge und<br \/>\nsie nicht fallen in die Tiefe:<\/p>\n<p>In diesen St\u00fccken zeichnet sich bereits die Auffassung ab, es k\u00f6nnte<br \/>\nmit dem Eingang ins Paradies doch am Ende nicht ganz so einfach und gar<br \/>\nso sicher sein. Die \u00dcberwindung der Todesm\u00e4chte muss jeweils<br \/>\nneu geleistet und will erbeten sein.<\/p>\n<p>Hostias et preces tibi, Domine,<br \/>\nlaudis offerimus.<br \/>\nTu suscipe pro animabus illis, quarum hodie memoriam facimus:<br \/>\nFac eas, Domine, de morte transire ad vitam,<\/p>\n<p>Opfer und Gebete bringen wir dir, Herr,<br \/>\nlobsingend dar.<br \/>\nNimm sie gn\u00e4dig an f\u00fcr jene Seelen, derer wir heute gedenken:<br \/>\nLa\u00df sie, o Herr, vom Tod zum Leben \u00fcbergehen,<\/p>\n<p>Mit der Zeit ist eine Verschiebung der Akzente eingetreten. Nicht mehr<br \/>\ndie in Christus verb\u00fcrgte \u00dcberwindung des Todes steht im Zentrum,<br \/>\nsondern die Bedrohung durch den ewigen Tod. Mit dem Eintritt des empirischen<br \/>\nTodes scheint das ganze Drama erst recht zu beginnen; denn nun geht es<br \/>\nerst recht um die endg\u00fcltige Entscheidung. In diesem Sinne bed\u00fcrfen<br \/>\ndie Verstorbenen der F\u00fcrbitte der Hinterbliebenen ebenso wie der<br \/>\nF\u00fcrsprache der Heiligen. Dass es nicht nur um jenseitige Entscheidungsk\u00e4mpfe<br \/>\nf\u00fcr die bereits Verstorbenen, sondern um das Lebensthema des Todes \u00fcberhaupt<br \/>\ngeht, verr\u00e4t die erste person im libera me:<\/p>\n<p>Libera me, Domine, de morte aeterna, in die ille tremenda \u0096<br \/>\nBefreie mich,<br \/>\nHerr, vom ewigen Tod an jenem furchtbaren Tag.<\/p>\n<p>Der Tod ist hier die Drohung mit endg\u00fcltiger Vernichtung. Es ist<br \/>\nein bezeichnendes Detail in der Geschichte des Requiems, dass das dies<br \/>\nirae erst im dreizehnten Jahrhundert in die Abfolge eingetreten ist.<br \/>\nIn ihm nun hat die Bedrohung eine Gestalt. Es ist das Gericht, der Tag<br \/>\ndes Zorns, der einerseits in die ewige Verdammnis, aber auch in den ewigen<br \/>\nFrieden und die Gegenwart des ewigen Lichts zu f\u00fchren vermag.<\/p>\n<p>Der textliche Umfang den das dies irae im Requiem einnimmt, l\u00e4sst<br \/>\nR\u00fcckschl\u00fcsse auf seine dominierende Position in den Jenseitsvorstellungen<br \/>\nder zeit zu. Der K\u00fcrze halber verbinden wir mit dieser Beobachtung<br \/>\nden Hinweis auf die Fegefeuer-Vorstellungen, wie sie uns dann als einer<br \/>\nder Ausl\u00f6ser der Reformation im Ablassstreit begegnen.<\/p>\n<p>Mit der Reformation verbindet sich dann der n\u00e4chste Paradigmenwechsel.<br \/>\nWaren bislang die F\u00fcrbitten f\u00fcr den Verstorbenen ein entscheidender<br \/>\nTeil der Trauerfeierlichkeiten gewesen, ja hatte man die F\u00fcrsorge<br \/>\nauch auf die Jahrestage des Todes ausgedehnt und konnte Ablass sogar<br \/>\nden schon l\u00e4nger Verblichenen durch Erwerb von Abl\u00e4ssen die<br \/>\nL\u00e4uterungsstrafen verk\u00fcrzen, nimmt die Reformation in dieser<br \/>\nSache eine vollkommene Kehrtwende vor. Trauerfeiern richten sich fortan<br \/>\nnur noch an die Angeh\u00f6rigen. Den Verstorbenen und sein jenseitiges<br \/>\nWohlergehen vertrauen die nachreformatorischen Beerdigungsagenden vollkommen<br \/>\nder Liebe Gottes an.<\/p>\n<p>In diesem an den Beerdigungsagenden ablesbaren Paradigmenwechsel lassen<br \/>\nsich vergleichsweise leicht die Auswirkungen von Martin Luthers Rechtfertigungslehre<br \/>\nausmachen. Nach Luthers Lehre von der Rechtfertigung des S\u00fcnders<br \/>\naus Gnade soll der wert des Menschenlebens eben \u00fcberhaupt nicht<br \/>\nvon empirischen Tatbest\u00e4nden und Leistungen abh\u00e4ngen. Auch<br \/>\nnicht von solchen der Hinterbliebenen.<\/p>\n<p>Orientieren wir uns zur Illustration dessen einmal an den Worten, die<br \/>\nLuther selbst auf dem Sterbebett gesprochen haben soll, wird es noch<br \/>\neinmal deutlich. \u0084Wir sind Bettler. Das ist wahr!\u0093, fasst auch noch einmal<br \/>\nseine Theologie zusammen. Nichts kann der Mensch tun, sich vor Gott gerecht<br \/>\nzu machen. Eigene Leistung kann nach Luthers \u00dcberzeugung nichts<br \/>\nausrichten. Dass jenseitiges Wohl und Wehe von Verstorbenen auch noch<br \/>\nvon M\u00f6glichkeit und Bereitschaft der Hinterbliebenen abh\u00e4ngen<br \/>\nsollten, f\u00fcr aufwendige Seelen\u00e4mter und nennenswerten Ablass<br \/>\nzu sorgen, war dem Reformator ein Greuel. Nichts k\u00f6nne ein Mensch<br \/>\ndaf\u00fcr tun, vor Gott gerecht zu werden, als auf Gottes Liebe trauen.<\/p>\n<p>Diese Auffassung ver\u00e4nderte in Hinsicht auf die Bestattungsbr\u00e4uche<br \/>\ndie Blickrichtung. Nicht mehr das Wohl der Verstorbenen stand in Frage,<br \/>\nsondern das der Hinterbliebenen. So jedenfalls in der protestantischen<br \/>\nVersion.<\/p>\n<p><strong>Das Requiem als Kunstform <\/strong><\/p>\n<p>Das alle gro\u00dfen Fassungen des Requiem nach der Reformation entstanden<br \/>\nsind, l\u00e4sst mehrere Schl\u00fcsse m\u00f6glich erscheinen. Zum einen<br \/>\nk\u00f6nnte man meinen, der reformatorische Paradigmenwechsel habe die<br \/>\nkatholisch gepr\u00e4gten K\u00fcnstler im Grunde weiter nicht tangiert.<br \/>\nDas k\u00f6nnte sein, scheint aber angesichts der Tatsache, dass auch<br \/>\nauf urprotestantischem Gebiet Werke zum Lebensthema des Todes entstanden,<br \/>\ndie ihre Verwandtschaft mit dem Requiem nicht leugnen k\u00f6nnen. Ob<br \/>\nnun Elemente von Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe oder das \u0084Ruht wohl,<br \/>\nihr heiligen Gebeine\u0093 aus seiner Johannespassion in anderen Gattungen<br \/>\ndoch die N\u00e4he zu Elementen des Requiems suchen oder Johannes Brahms<br \/>\nmit Hilfe biblischer Texte die von keinem Paradigmenwechsel besch\u00e4digten<br \/>\nGef\u00fchlsqualit\u00e4ten des Requiems neu aufnimmt; die liturgisch-\u00e4sthetisch-musikalische<br \/>\nGattung zur Bearbeitung des Todesthemas lebt. Benjamin Brittens \u0084War-Requiem\u0093 zeigt<br \/>\nan, dass sogar s\u00e4kulare Zeiten nicht auf die Tiefenschichtsdimensionen<br \/>\nder Form verzichten wollen.<\/p>\n<p>Es legt sich also keineswegs der Schluss nahe, die katholischen Komponisten<br \/>\nh\u00e4tten den Paradigmenwechsel verschlafen oder jedenfalls nicht in<br \/>\nihr Schaffen aufgenommen. Es k\u00f6nnte eben vielmehr auch sein, dass<br \/>\netwas in der Tradition des Requiems von diesem Paradigmenwechsel gar<br \/>\nnicht tangiert war.<\/p>\n<p>Tangiert waren jedoch ganz gewiss die inhaltlichen Bestimmungen der<br \/>\nim Requiem aufgebauten Bilder des Jenseits und die Bedeutungszuschreibungen<br \/>\nin Hinsicht auf die F\u00fcrbitten, die Erm\u00e4\u00dfigung von L\u00e4uterungsqualen<br \/>\nalso. Es darf wohl angenommen werden, dass sich in der Folge der Reformation<br \/>\ndie Vorstellungen von Jenseits, Gericht und ewiger Ruhe grundlegend wandelten \u0096 und<br \/>\nzwar nicht nur im Gebiet reformatorischer Theologie.<\/p>\n<p>Die Moderne hat im Zuge dessen, was wir S\u00e4kularisierung nennen,<br \/>\nsogar noch einen weiteren Paradigmenwechsel hinzu gef\u00fcgt. Jenseitsvorstellungen<br \/>\nhaben sich bis heute, wenn nicht g\u00e4nzlich aufgel\u00f6st, so doch<br \/>\nin mannigfache s\u00e4kulare Bild- und Symbolwelten verfl\u00fcssigt.<br \/>\nBei vergleichsweiser Stabilit\u00e4t der Rituale im l\u00e4ndlichen Raum<br \/>\ngibt es eine gro\u00dfe Dynamik und kulturelle Ausdifferenzierung in<br \/>\nden Ballungszentren <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">(2)<\/a>. Die Bandbreite<br \/>\nreicht vom nahezu g\u00e4nzlichen Verschwinden der Rituale, das m\u00f6glicherweise<br \/>\nauf eine Verdr\u00e4ngung des Todes oder eine rituelle Hilflosigkeit<br \/>\nschlie\u00dfen l\u00e4sst, bis hin zu Bestattungsangeboten, die einen<br \/>\nEvent-Charakter versprechen <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">(3)<\/a>.<\/p>\n<p>Die Analyse zeitgen\u00f6ssischer Begr\u00e4bnisreden zeigt Entwicklungen<br \/>\ndeutlich auf. Die W\u00fcrdigung der individuellen Lebensgeschichte hat<br \/>\nerkennbar an Bedeutung gewonnen. Man kann begr\u00e4bniskulturkritisch<br \/>\nden darin sich niederschlagenden Transzendenzverlust beklagen <a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">(4)<\/a>.<br \/>\nZun\u00e4chst gilt es aber die Verschiebung einfach wahrzunehmen. Wilhelm<br \/>\nGr\u00e4b spricht in Hinsicht auf zeitgen\u00f6ssische Deutungs- und<br \/>\nVerstehensversuche vom \u0084Heiligen Diesseits der Erinnerung\u0093, welches an<br \/>\ndie Stelle der traditionellen Jenseitsvorstellungen getreten ist und<br \/>\ndiese offenbar in ihrer Funktion ersetzt.<\/p>\n<p>All diese Deutungs- und Bedeutungsverschiebungen haben der Kunstform<br \/>\nRequiem keinen Abbruch getan. Die Kunstform lebt, auch wenn die darin<br \/>\nausgemalten Bilder im Modus kirchliche Lehrs\u00e4tze l\u00e4ngst keine<br \/>\nZustimmung mehr finden.<\/p>\n<p>Wir haben bereits oben bemerkt, dass eigentlich alle gro\u00dfen Kompositionen<br \/>\nzum Requiem nach dem ersten gro\u00dfen Paradigmenwechsel der Reformation<br \/>\nentstanden sind, und dass die weiter fortschreitende Moderne der Gattung<br \/>\noffenbar nichts anhaben konnte. Das legt doch den versch\u00e4rften Schluss<br \/>\nnahe, dass der dogmatische Bedeutungsverlust der Textteile des Requiems<br \/>\ndie k\u00fcnstlerische Produktion nicht nur nicht behindert, sondern<br \/>\nam Ende geradezu bef\u00f6rdert hat. Mit der Abl\u00f6sung der dogmatischen<br \/>\nFixierung der Bildgehalte wird die Kunst allererst zu sich selbst befreit.<\/p>\n<p>In Hinsicht auf das Verdi-Requiem h\u00e4tte diese Sicht der Dinge tiefgreifende<br \/>\nFolgen. Man m\u00fcsste sich nicht mehr dar\u00fcber wundern, dass sich<br \/>\nVerdi als konfessionell ungebundener K\u00fcnstler des Stoffes annimmt.<br \/>\nGenau das ist offenbar m\u00f6glich, ohne eine bestimmte Vorstellung<br \/>\ndes Jenseits als verbindlich anzuerkennen. Zweitens aber w\u00fcrde auch<br \/>\nder Vorwurf ins Leere laufen, Verdi h\u00e4tte aus dem Stoff eine Oper,<br \/>\nein Spektakulum, gemacht. Das eben ist die Freiheit der Kunst, sich der<br \/>\nDinge anzunehmen, wie sie es f\u00fcr angemessen h\u00e4lt. Schaut man<br \/>\nauf den Text des dies irae, nimmt es noch viel weniger Wunder, dass sich<br \/>\nein an der Oper geschulter Komponist seiner dramatischen Qualit\u00e4ten<br \/>\nannimmt.<\/p>\n<p><strong>H\u00f6llenfahrten <\/strong><\/p>\n<p>Das zentrale Gewicht, das Verdi dem dies irae verleiht, ist nicht ohne<br \/>\nBeispiel. Im Mittelalter spielten H\u00f6llenfahrten eine wichtige Rolle<br \/>\nin der Literatur gespielt. Das hatte gewiss mit bestimmten Jenseitsvorstellungen<br \/>\nund damit einher gehenden Lebens\u00e4ngsten zu tun. Auf den Zusammenhang<br \/>\nmit dem Ablasswesen, das Martin Luther zum ersten Mal auf seiner Reise<br \/>\nnach Rom 1510\/1511 so nachhaltig abgesto\u00dfen hatte, haben wir bereits<br \/>\nhingewiesen.<\/p>\n<p>Zugleich aber hatten die Vorstellungen auch immer eine k\u00fcnstlerische<br \/>\nFunktion. In Dantes \u0084G\u00f6ttlicher Kom\u00f6die\u0093 wird dies sichtbar.<br \/>\nDie zeitgen\u00f6ssischen Jenseitsvorstellungen bieten Dante lediglich<br \/>\ndas Vehikel, ein Drama aus Unmoral, Moral und m\u00f6glicher L\u00e4uterung<br \/>\nzu formen. In die Tiefen der H\u00f6lle steigt er hinab, um von dort<br \/>\nerst zum Fegfeuer und schlie\u00dflich ins Paradies aufzusteigen, nicht<br \/>\njedoch ohne auf diesem Wege zum Beispiel politische Zust\u00e4nde und<br \/>\nauch Personen seiner Zeit kritisch zu beleuchten.<\/p>\n<p>Dante Alighierie lebte von 1265 bis 1321, also etwa zu der Zeit, da<br \/>\ndas dies irae Aufnahme in den Ablauf des Requiem fand. Indem er den dreistufigen<br \/>\nAufbau von H\u00f6lle, Fegfeuer und Himmel bzw. Paradies \u00fcbernimmt,<br \/>\nbewegt er sich demnach in Bahnen seiner Zeit. Und zugleich erschafft<br \/>\ner reine Kunst daraus, die gewiss nicht darin aufzugehen vermag, die<br \/>\nBeschreibungen der Etagen als S\u00e4tze einer religi\u00f6sen Lehre<br \/>\nfestschreiben zu wollen.<\/p>\n<p>Die Qualit\u00e4t seiner Dichtung ist eine andere. Am Beispiel einiger<br \/>\nVerse aus der H\u00f6llenabteilung sei ein Deutungsversuch gemacht:<\/p>\n<p>Wer k\u00f6nnte je, auch mit dem frei&#8217;sten Wort,<br \/>\nDas Blut, das ich hier sah, die Wunden sagen,<br \/>\nErz\u00e4hlt&#8216; er auch die Kunde fort und fort.<br \/>\nDa Sprach&#8216; und Geist zu eng und schwach erscheint,<br \/>\nSo schreckliches zu fassen und zu tragen \u0085<\/p>\n<p>Vor Augen hat Dante hier allerdings h\u00f6chst irdische Kriege und<br \/>\nihre Folgen. Ihr namenloser Schrecken findet aber erst dort einen Ausdruck,<br \/>\nwo die Literatur ihm in H\u00f6llentiefen den rechten Ort zuweist.<\/p>\n<p>Woody Allen, sechshundertsiebzig Jahre j\u00fcnger als Dante, formuliert<br \/>\nes sozusagen programmatisch in seinem Film \u0084Harry au\u00dfer sich\u0093 (Deconstructing<br \/>\nHarry) aus dem Jahr 1998. Er spielt darin einen Schriftsteller, der nicht<br \/>\nnur aktuell unter einer massiven Schreibblockade leidet, sondern auch<br \/>\nsonst gerade verschiedene Niederlagen und R\u00fcckschl\u00e4ge zu verkraften<br \/>\nhat. Unter anderem hat ihn seine Freundin verlassen zu allem \u00dcberfluss<br \/>\nauch noch, um seinen besten Freund zu heiraten. Um diesen Schlag zu verarbeiten,<br \/>\nkonzipiert er eine Geschichte, worin sein Freund der Teufel ist und die<br \/>\nFrau in die H\u00f6lle entf\u00fchrt hat. Dorthin f\u00e4hrt der verlassene<br \/>\nLiebhaber hinab, um sie sich zur\u00fcck zu holen.<\/p>\n<p>Wozu er denn diese H\u00f6llenfahrt schriebe, fragt ihn ein Literaturprofessor.<br \/>\nBeiden ist klar, dass sie keineswegs mit einer H\u00f6lle und ewigen<br \/>\nQualen nach dem Tode rechnen. Nun, gibt der Schriftsteller zur\u00fcck:<br \/>\nmit der Phantasie k\u00f6nne man vielerlei Rechnungen begleichen. Die<br \/>\nKunst also braucht Bilder und Wirklichkeiten, die nicht an der Oberfl\u00e4che<br \/>\nzu haben sind, um allererst Beschreiberin und Deuterin einer in sich<br \/>\nr\u00e4tselhaften Wirklichkeit werden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ins Bild gesetzt sieht die H\u00f6llenfahrt dann wie folgt aus: Der<br \/>\nSchriftsteller Harry Block f\u00e4hrt mit einem Fahrstuhl nach unten.<br \/>\nRotes Licht strahlt sein Gesicht von unten an, so dass die Augenbrauen<br \/>\ndiabolische Schatten werfen. Eine maschinenartig neutrale Frauenstimme<br \/>\nsagt Stockwerke und deren Insassen. U_Bahn-Schwarzfahrer und aggressive<br \/>\nSchnorrer sind noch in einem der weiter oben gelegenen Untergeschosse<br \/>\nzu finden. Anw\u00e4lte, die im Fernsehen auftreten, sind schon weiter<br \/>\nunten. Das Stockwerk f\u00fcr die Medien sei v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt,<br \/>\nsagt die Frauenstimme an. Ganz unten residieren Massenm\u00f6rder, fl\u00fcchtige<br \/>\nKriegsverbrechen und andere, deren vergehen eben die h\u00f6chste Stufe<br \/>\nder Unverzeihlichkeit erlangt und damit die tiefste Stufe der H\u00f6lle<br \/>\nverdient haben.<\/p>\n<p>Ganz unten angekommen trifft Harry Block nicht nur den Mann, der die<br \/>\nin Amerika einschl\u00e4gig h\u00e4sslichen Alu-Hausverkleidungen erfunden<br \/>\nhat. Er trifft auch seinen eigenen Vater. Der sitzt dort, weil er ihn,<br \/>\nseinen Sohn ungerecht behandelt habe. Er hatte ihn f\u00fcr den Tod der<br \/>\nMutter verantwortlich gemacht, die bei der Geburt Harrys gestorben war.<br \/>\nDarauf sagt Harry dem Folterknecht, er m\u00f6ge den Vater doch freilassen.<br \/>\nEr habe ihm verziehen und liebe ihn trotzdem. Man schicke den alten Mann<br \/>\nbitte umgehend gen Himmel, wogegen der Vater den Einwand geltend macht,<br \/>\ner sei Jude und glaube nicht an den Himmel, aber ein chinesisches Restaurant<br \/>\nsei im auch Recht.<\/p>\n<p>Im Windschatten der Albernheiten sind sie wieder alle da: die Themen<br \/>\nvon Schuld und Vergebung, eine Ahnung, welche H\u00f6llen Menschen einander<br \/>\nbereiten k\u00f6nnen, wenn sie beispielsweise ein Kind nicht lieben k\u00f6nnen,<br \/>\nweil sie im \u0096 wahrscheinlich unbewusst \u0096 die Schuld am Tod der Mutter<br \/>\ngeben. Auf der R\u00fcckseite der absurden Konstellation dieser H\u00f6llenfahrt<br \/>\nist er neuerlich pr\u00e4sent: der Tod als Lebensthema.<\/p>\n<p>Bei Woody Allen findet sich dasselbe Prinzip wie bei Dante. An den Jenseitsbildern<br \/>\nwerden Dieseitsthemen bearbeitet. Die Verschiebung in die andere Seinsdimension<br \/>\ndient der Deutung und Verarbeitung. Religionswissenschaftlich gesprochen<br \/>\nk\u00f6nnten wir genau das Transzendierung nennen. Nur eben, dass Dante<br \/>\nh\u00f6chst lebendige religi\u00f6se Motive seiner Zeit in Kunst verwandelt,<br \/>\nWoody Allen dagegen in der Kunst seiner Filmbilder Bildwelten zitiert,<br \/>\ndie l\u00e4ngst schon kein eigenes Leben mehr zu haben scheinen. Dass<br \/>\ndies gleichwohl funktioniert, verweist auf die \u00e4sthetische Qualit\u00e4t<br \/>\njener Bildwelten der H\u00f6lle und der drohender jenseitiger \u0096 und deshalb<br \/>\nin ihrer zeitlichen Ausdehnung so schwer zu kalkulierenden \u0096 Qualen.<\/p>\n<h3>Das Ewigkeitsmotiv<\/h3>\n<p>\u0084Fr\u00fcher lebten die Menschen drei\u00dfig Jahre plus unendlich.<br \/>\nHeute werden wir nur noch neunzig Jahre alt.\u0093 Mit diesem Aphorismus skizzierte<br \/>\nder Wiener Theologe Georg Zulehner k\u00fcrzlich, was er unter Jenseitsverlust<br \/>\nzur Beschreibung bringt. Nun scheint aber \u0096 wie wir schon in Bezug auf<br \/>\nH\u00f6lle und Fegefeuervorstellung gesehen haben \u0096 auch dieser Paradigmenwechsel<br \/>\ndie Rezeptionsorgane f\u00fcr das Requiem al Gattung keineswegs verstopft<br \/>\nzu haben.<\/p>\n<p>Dass es sich so verh\u00e4lt, basiert vermutlich auf einem ganzen B\u00fcndel<br \/>\nvon Gr\u00fcnden. Sigmund Freud hat auf die psychologischen Faktoren<br \/>\nhingewiesen, die einen symbolischen Umgang mit dem Tod bedingen. Es ist<br \/>\nzum einen die Absicherung der Moral in der vorgestellten Fortdauer des<br \/>\nirdischen Lebens, die daf\u00fcr sorgt, dass f\u00fcr Gutes und B\u00f6ses<br \/>\nunbegrenzte Konsequenzen in Aussicht gestellt werden <a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">(5)<\/a>.<br \/>\nVor allem aber legt die prinzipielle Unf\u00e4higkeit, an den eigenen<br \/>\nTod zu glauben <a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">(6)<\/a>, einen solchen symbolischen<br \/>\nUmgang nahe. In ihn flie\u00dfen zun\u00e4chst all die verdr\u00e4ngten<br \/>\nImpulse ein, die, blieben sie unbearbeitet, nur verst\u00f6ren w\u00fcrden,<br \/>\ndie aber in verarbeiteter Form kulturbildende Kraft gewinnen: \u0084An der<br \/>\nLeiche der geliebten Person entstanden nicht nur Seelenlehre, der Unsterblichkeitsglaube<br \/>\nund eine m\u00e4chtige Wurzel des menschlichen Schuldbewusstseins, sondern<br \/>\nauch die ersten ethischen Gebote. Das erste und bedeutsamste Verbot des<br \/>\nerwachenden Gewissens lautete: Du sollst nicht t\u00f6ten. Es war Reaktion<br \/>\ngegen die hinter der Trauer versteckte Hassbefriedigung am geliebten<br \/>\nToten gewonnen worden und wurde allm\u00e4hlich auf den ungeliebten Fremden<br \/>\nund endlich auch auf den feind ausgedehnt.\u0093 <a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">(7)<\/a><\/p>\n<p>Unter anderem Vorzeichen hat das Ewigkeitsmotiv auch in der praktischen<br \/>\nPhilosophie Immanuel Kants eine die Moral absichernde und verb\u00fcrgende<br \/>\nPosition inne. In der Vorrede zu Kritik der reinen Vernunft (1781) nennt<br \/>\nKant Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als die drei gro\u00dfen Fragen,<br \/>\nwelche die Vernunft mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln zwar nicht<br \/>\nl\u00f6sen kann, die sch aber auch nicht aus pragmatischen Gr\u00fcnden<br \/>\nabweisen, oder durch Nichtbehandlung erledigen lassen.<\/p>\n<p>Gott steht dabei f\u00fcr die unhintergehbare Tatsache, dass etwas ist<br \/>\nund nicht nichts, und dass die menschliche Erkenntnis von den Dingen,<br \/>\nwenn auch begrenzt, so aber doch nicht ohne Anhalt an den Dingen sein<br \/>\nsoll. Gott steht hier also im Zusammenhang der Erkenntnistheorie und<br \/>\nder Feststellung der Differenz von Sein und Sollen und die gleichzeitige<br \/>\nFormulierung einer Pflicht zur Erstrebung des Gesollten bedarf genau<br \/>\ndieser Voraussetzung: dass das Subjekt n\u00e4mlich frei sein muss, sich<br \/>\nzwischen den Alternativen zu entscheiden.<\/p>\n<p>Die Unsterblichkeit nun ist das dritte Element und in gewisser Weise<br \/>\ndie der Freiheit am anderen Ende der Ethik zugeordnete zweite Absicherung<br \/>\nderselben. Muss die Freiheit vorausgesetzt werden, um allererst mit Sinn<br \/>\nvon einem Sollen zu reden, sichert das Motiv der Unsterblichkeit sozusagen<br \/>\nnach hinten hin die Geltung dessen ab, was als moralischer Imperativ<br \/>\nzu formulieren ist. Dasjenige, was ein Mensch tut oder l\u00e4sst, ist<br \/>\nvon so unendlichem Wert, dass seine Bedeutung keineswegs mit der begrenzten<br \/>\nLebenszeit des Individuums erlischt. In Kants Ethik also kommt dem Ewigkeitsmotiv<br \/>\neine geradezu konstituive Bedeutung zu, jedenfalls an den Nahtstellen,<br \/>\nwo die praktische Philosophie mit der Religionsphilosophie und der \u00c4sthetik,<br \/>\nalso der Kritik der Urteilskraft, verbunden sind.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich lie\u00dfe sich die funktionale Zuordnung des Ewigkeitsmotivs<br \/>\nauch noch f\u00fcr die Soziologie aussagen <a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">(8)<\/a>.<br \/>\nBeschr\u00e4nken wir uns aber auf Kant und Freud und betrachten, was<br \/>\nbeide miteinander verbindet, so ist es eben die Absicherung der Moralit\u00e4t<br \/>\nim Ewigkeitsmotiv. Dantes und Woody Allens Spielarten der H\u00f6llenfahrten<br \/>\nhatten sich ja bei genauerem Hinsehen als durchaus moralische Entw\u00fcrfe<br \/>\nmit je eigenen Vorzeichen erwiesen. Und genau dies bietet der Text des<br \/>\nRequiems nach wie vor:<\/p>\n<p>Und ein Buch wird aufgeschlagen,<br \/>\nTreu darin ist eingetragen<br \/>\nJede Schuld aus Erdentagen.<br \/>\nSitzt der Richter dann zu richten,<br \/>\nWird sich das Verborgne lichten;<br \/>\nNichts kann vor der Strafe fl\u00fcchten.<\/p>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<p>Wird die H\u00f6lle ohne Schonung<br \/>\nDen Verdammten zur Belohnung,<\/p>\n<p>Als moralisches Drama hat besonders der dies irae seine un\u00fcbertroffenen<br \/>\nQualit\u00e4ten. Er erzeugt Nachdenklichkeit \u00fcber das, was ist und<br \/>\nwas war, und setzt es durch die Konfrontation mit dem Ewigkeitsmotiv<br \/>\nsozusagen dem L\u00e4uterungsfeuer der Transzendenz aus. Zweierlei kann<br \/>\nso geleistet werde: \u00c4nderungsbed\u00fcrftiges tritt markant ins<br \/>\nBlickfeld. Bei Unab\u00e4nderlichem lassen sich mit der Phantasie immerhin<br \/>\nnoch gewisse Rechnungen begleichen.<\/p>\n<p>Als Thema der Kunst, als Teil eines symbolischen Repertoires, das dazu<br \/>\nverhilft, unter die Oberfl\u00e4chenstruktur dessen zu schauen, das wir<br \/>\ndas wirkliche Leben nennen, ist das Ewigkeitsmotiv ein geradezu unersetzliches<br \/>\nMittel. Als behauptetes Wissen, dem ein gewiss ungewisser Realit\u00e4tswert<br \/>\nzugemessen wird, hat das Motiv freilich auch das Potential zum entsetzlichen<br \/>\nWerkzeug.<\/p>\n<p>Es gilt also immer fein zu unterscheiden, auf welche Weise uns das Motiv<br \/>\nbegegnet, was also im Zweifelsfalle damit angerichtet werden kann. Es<br \/>\nist eben der entscheidende Unterschied, ob in der Ausmalung ewiger Strafen<br \/>\noder durch die Verhei\u00dfung des ewigen Lichts eine Deutung des gelebten<br \/>\nLebens und sein besseres Verst\u00e4ndnis erschlossen wird, oder ob die<br \/>\nAndrohung ewiger Strafen Menschen in Angst und Schrecken versetzt und<br \/>\nder Schrecken aus dem vermeintlichen Jenseits \u00fcber das real gelebte<br \/>\nLeben legt.<\/p>\n<p>Im einen Falle dient das Jenseitsmotiv zur Freiheit. Es relativiert<br \/>\nZust\u00e4nde der realen Gegenwart und entlarvt deren Anspruch auf unbedingte<br \/>\nG\u00fcltigkeit als angema\u00dft. Mit Paulus gesagt: \u0084Denn das Wesen<br \/>\ndieser Welt vergeht.\u0093 (1. Kor. 7, 31) Folglich kann nichts in der Welt<br \/>\nden Menschen mehr erschrecken, als Vor\u00fcbergehendes es eben vermag.<br \/>\nTotalit\u00e4re Anspr\u00fcche werden auf diese Weise abgewiesen.<\/p>\n<p>Im andern Falle kann sich das Ewigkeitsmotiv, besonders das der Strafe,<br \/>\nwie ein Schatten \u00fcber die reale Gegenwart legen. Die Jenseitsangst<br \/>\nkann die Freude am Leben g\u00e4nzlich lahm legen. Dass letztere unter<br \/>\nmittelalterlichen und vor-aufkl\u00e4rerischen Bedingungen auch als Mittel<br \/>\nzur Erhaltung und Mehrung der pers\u00f6nlichen und institutionellen<br \/>\nMacht eingesetzt werden konnte, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>Mit Luther beginnt der Paradigmenwechsel zur\u00fcck zum Freiheitsgewinn.<br \/>\nDie Sorge um das jenseitige Wohlergehen kann dem wachen Interesse am<br \/>\ngegenw\u00e4rtigen Leben wieder Platz geben. Schon gleich gar nicht wird<br \/>\ndas jenseitige Wohlergehen der Verstorbenen von zu erbringenden Leistungen<br \/>\nder Lebenden abh\u00e4ngig gedacht. Eine Funktion von Seelenmessen, Toten\u00e4mtern<br \/>\nund Abl\u00e4ssen ist damit erloschen.<\/p>\n<p>Der Neuprotestantismus hat zus\u00e4tzlich eingesch\u00e4rft, jeweils<br \/>\ngenau zu bedenken, welche Funktionen und welche Anspr\u00fcche religi\u00f6sen<br \/>\nVorstellungen zukommen. Nach Friedrich Schleiermacher geh\u00f6rt es<br \/>\ngeradezu zum Wesen des christlichen Glaubens, dass daraus Tendenzen erwachsen, \u0084den<br \/>\nZustand nach dem Tode vorzustellen\u0093 <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">(9)<\/a>.<br \/>\nZugleich sch\u00e4rft Schleiermacher aber ein, die Bildhaftigkeit dessen<br \/>\nnicht zu vergessen und zu wissen, dass die Vorstellungen \u0084doch immer<br \/>\nauch sinnlich sind\u0093 <a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">(10)<\/a>. Insofern<br \/>\nseien die Lehre n von den letzten Dingen mit entsprechender Vorsicht<br \/>\nzu genie\u00dfen, denen eben \u0084der gleiche Wert wie den bisher behandelten<br \/>\nLehren [gemeint sind solche, deren geistig-geistlicher Charakter eindeutiger<br \/>\nfest steht] nicht kann beigelegt werden\u0093 <a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">(11)<\/a>.<br \/>\nZugleich h\u00e4lt Schleiermacher aber umso fester, dass die geistige<br \/>\nExistenz eben eine ist, die \u00fcber die zeitliche Dauer des Lebens<br \/>\nmit Notwendigkeit hinausgreift. Dass hier eine Vorstellung einer leiblichen<br \/>\nFortdauer des vom Tode unterbrochenen Erdenlebens in den Vorstellungen<br \/>\nPlatz greift, r\u00fchrt f\u00fcr Schleiermacher aus folgendem Umstande<br \/>\nher: \u0084Wir sind uns so allgemein des Zusammenhanges aller, auch unsrer<br \/>\ninnerlichsten und tiefsten Geistest\u00e4tigkeiten mit den leiblichen<br \/>\nbewusst, dass wir die Vorstellung eines endlichen geistigen Einzellebens<br \/>\nohne die eines organischen Leibes nicht wirklich vollziehen k\u00f6nnen;<br \/>\nja wir denken den Geist nur als Seele, wenn im Leibe, so dass von einer<br \/>\nUnsterblichkeit der Seele im eigenth\u00fcmlichen Sinn gar keine Rede<br \/>\nsein kann ohne leibliches Leben. Wie also die Wirksamkeit des Geistes<br \/>\nals bestimmte Seele im Tode aufh\u00f6rt zugleich mit dem leiblichen<br \/>\nLeben: so kann sie auch nur wiederbeginnen mit dem leiblichen Leben.\u0093 <a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">(12)<\/a><\/p>\n<p>Dieser Zusammenhang von Vorstellung einer Seele als einer bestimmten<br \/>\nPerson zugeh\u00f6rig verweist auf den tieferen Zusammenhag, auf den<br \/>\nSchleiermacher recht eigentlich abzielt: Dass n\u00e4mlich die Pointe<br \/>\nder Vorstellung einer leiblichen Auferstehung eben die Identit\u00e4t<br \/>\nder Person betrifft, \u0084dass das Leben nach der Auferstehung und das vor<br \/>\ndem Tode eine und dieselbe Pers\u00f6nlichkeit konstituieren;\u0093 <a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">(13)<\/a><\/p>\n<p>Die Konstitution von Identit\u00e4t und Pers\u00f6nlichkeit bedient<br \/>\nsich also des Ausgriffs \u00fcber die empirische Gegenwart hinaus. Person<br \/>\nund Identit\u00e4t bed\u00fcrfen zu ihrer eigenen vertieften Selbstverst\u00e4ndigung<br \/>\nderjenigen Dimension, die im Ewigkeitsmotiv aufscheint.<\/p>\n<p>Das Ende mittelalterlichen Aberglaubens beendet nicht die religi\u00f6se<br \/>\nPraxis der Seelen\u00e4mter und Totenmessen. Eben weil deren Funktion<br \/>\nsich nicht auf die stellvertretend wahrzunehmende Sorge f\u00fcr das<br \/>\njenseitige Wohlergehen der Verstorbenen beschr\u00e4nkt, vermag die Kunst,<br \/>\nnun zu sich selbst befreit, das andere zu leisten: die Begleitung der<br \/>\nTrauer, die Bearbeitung des Lebensthemas Tod, die Relativierung des gelebten<br \/>\nLebens, die moralische Verst\u00e4ndigung \u00fcber die Differenz von<br \/>\nSein und Sollen durch die Trennsch\u00e4rfe des Ewigkeitsmotivs und schlie\u00dflich<br \/>\ndie Selbstverst\u00e4ndigung der Person, deren Identit\u00e4t und deren<br \/>\nFreiheit Voraussetzungen in Anspruch nehmen, welche selbst au\u00dferhalb<br \/>\nempirischer Horizonte liegen.<\/p>\n<h3>Das Ewigkeitsmotiv in der Sp\u00e4tmoderne<\/h3>\n<p>Die Bl\u00fctezeit des Requiems als Kunstform beginnt mit dem Ende substantiell<br \/>\ngeglaubter H\u00f6llen- und Fegefeuervorstellungen. Zu sich selbst befreit<br \/>\nlebt in der Kunst auf, wessen das Menschenleben offenbar dauerhaft bedarf:<br \/>\ndie Formulierung der aller Erfahrung von Verg\u00e4nglichkeit entgegengesetzten<br \/>\nSehnsucht nach Bleiben im Vergehen, die Formulierung der Trauer, der<br \/>\nHoffnung und auch der Abgr\u00fcnde, welche in der erlebten Wirklichkeit<br \/>\nnie und nimmer auszugleichen sind. Diese Funktionen erf\u00fcllt hat<br \/>\ndas Requiem.<\/p>\n<p>In diese Funktion ist es freilich nicht allein. Johann Sebastian Bachs<br \/>\nPassionen wurden bereits erw\u00e4hnt. Auch Georg Friedrich H\u00e4ndels<br \/>\nMessias hat Teile, die an Horizonte des Requiems gemahnen. Man denke<br \/>\nnur an die Arie \u0084I know that my redeemer liveth\u0093. Bis hin in s\u00e4kulare<br \/>\nFassungen des Requiems und der ihm verwandten Formen werden wir immer<br \/>\ndieseln Beobachtungen machen, sei es nun in Brittens \u0084War-Requiem\u0093 oder<br \/>\nin Mauersbergers \u0084Wie liegt die Stadt so w\u00fcst\u0093. Es werden Abgr\u00fcnde<br \/>\nausgelotet, es werden Rechnungen beglichen, die mit herk\u00f6mmlichen<br \/>\nMitteln \u0096 also auf dem Boden des empirischen Lebens \u0096 auf immer unausgeglichen<br \/>\nbleiben m\u00fcssten, es werden sp\u00e4testens seit Dante moralische<br \/>\nDiskurse gef\u00fchrt und es findet jene Selbstverst\u00e4ndigung statt,<br \/>\nwelche ohne transzendentale Gr\u00fcnde nicht auszukommen vermag.<\/p>\n<p>Nun vollzieht sich dies in der Sp\u00e4tmoderne in h\u00f6chst ausdifferenzierter<br \/>\nForm. Innerhalb des Requiems finden sich beliebig viele Variationen und<br \/>\nAkzentverschiebungen. Verzichtet Maurice Durufl\u00e9 (1902-1986) in<br \/>\nseinem Requiem ganz auf den Tag des Zorns, l\u00e4sst ihn nur im libera<br \/>\nme kurz anklingen und setzt also ganz auf die Gestaltung der Sehnsucht<br \/>\nnach ewigem Licht und Frieden, ist Verdi geradewegs in die andere Richtung<br \/>\ngegangen. Er l\u00e4sst das dies irae dominieren, erlangt damit sozusagen<br \/>\nmaximale M\u00f6glichkeiten in Hinsicht auf die Dynamik seines Requiems<br \/>\nund hebt auf seine Weise den dramatischen Schatz seines Stoffes.<\/p>\n<p>Zu den ungez\u00e4hlten Differenzierungen des Requiem-Stoffes tritt<br \/>\ndie Verfl\u00fcssigung religi\u00f6ser Motive in der zu sich selbst befreiten<br \/>\nKunst der Moderne, auch der der modernen Massenmedien, hinzu. Das Jenseits-<br \/>\nund das Ewigkeitsmotiv werden in den Filmen des gro\u00dfen Kinos mit<br \/>\neiniger Regelm\u00e4\u00dfigkeit variiert. Es ist in dieser Hinsicht<br \/>\ngewiss kein Zufall, dass etwa der Film \u0084Titanic\u0093 (USA 1997) mit einer<br \/>\nSterbeszene und einer Hochzeit im Himmel endet. An seinem Schluss steht<br \/>\nalso gewisserma\u00dfen das pax aeterna als Verhei\u00dfungsmotiv dem<br \/>\newigen Tod entgegengesetzt.<\/p>\n<p>Genau jener ewige Tod hatte ja den Passagier der dritten Klasse, Jack<br \/>\nDawson, in die Tiefe des Nordatlantiks gezogen. Da er seine Fahrkarte<br \/>\nin letzter Minute beim Poker gewonnen hatte, stand er auf keiner Passagierliste,<br \/>\nfolglich auch auf keiner Vermisstenliste. Durch die Begegnung mit Rose<br \/>\nDeWitt-Bukater aber ist ein Schein des ewigen Lichts bereits in das empirische<br \/>\nLeben getreten. Die Liebe ist am Ende zugleich das Erl\u00f6sungsmotiv.<br \/>\nSie greift \u00fcber das empirische Leben hinaus. Jack sagt, schon im<br \/>\nEiswasser des Nordatlantik schwimmend und dem Tode geweiht, der Gewinn<br \/>\nder Fahrkarte sei das Beste, was ihm im Leben je passiert sei, denn auf<br \/>\ndiese Weise habe er Ros getroffen. Auf der Ebene empirisch zu erhebender<br \/>\nDaten hat es ihn allerdings auch das Leben gekostet.<\/p>\n<p>In der Filmmusik kling im Motiv des sinkenden Schiffes der Tag des Zorns<br \/>\nsehr deutlich durch. Dreitausend Meter schwarze Tiefe bedeuten f\u00fcr<br \/>\nTausende den Tod. Dass der nicht ewig sein soll, spielt sich \u00fcber<br \/>\ndas Motiv der Liebe ein, die in jenseitsloser Zeit offenbar glaubw\u00fcrdig<br \/>\nfestzuhalten vermag, was im Requiem als lux aeterna und als ewige Ruhe<br \/>\nverhei\u00dfen ist.<\/p>\n<h3>Schluss<\/h3>\n<p>Das Requiem ist Kunst. Es l\u00e4sst sich folglich nicht mit konfessionellen<br \/>\noder sonst dogmatischen Ellen messen. Es gestaltet Zug\u00e4nge zu Dimensionen,<br \/>\nderen sich menschliche Selbstverst\u00e4ndigung bedient und bis zu einem<br \/>\ngewissen Grade wohl bedienen muss \u0096 einfach, weil der Tod ein bleibendes<br \/>\nLebensthema ist.<\/p>\n<p>Zugleich lebt im Requiem einer der sch\u00f6nsten Beitr\u00e4ge, den<br \/>\nkatholische Fr\u00f6mmigkeit zu dieser Selbstverst\u00e4ndigung und damit<br \/>\nzur Lebensdeutung \u00fcberhaupt beigesteuert hat. Als liturgisch-\u00e4sthetisch-musikalische<br \/>\nGattung aber ist das Requiem jeder dogmatischen Fixierung l\u00e4ngst<br \/>\nentwachsen. Bei der zu sich selbst befreiten Kunst ist es offenbar auch<br \/>\nin den besten H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Die Kunst hat bis heute ungez\u00e4hlte Fassungen des Requiem hervorgebracht.<br \/>\nSie hat in vielf\u00e4ltigsten Variationen durch die unterschiedlichsten<br \/>\nAusdrucksmedien das Thema behandelt. Eine abschlie\u00dfende Fassung<br \/>\nhat die Musik bislang nicht hervor gebracht. Sie ist auch in Zukunft<br \/>\nnicht zu erwarten, weil die Kunst eben darin ihren Gegenstand findet,<br \/>\nes mit dem Leben und dem Tod eben mit prinzipiell nicht abschlie\u00dfbaren<br \/>\nGegenst\u00e4nden zu tun zu haben.<\/p>\n<p>Dass sich das Ewigkeitsthema in der Kunst nicht verfl\u00fcchtigt, daf\u00fcr<br \/>\nsoll noch einmal Woody Allen einstehen. Auf die Frage, ob er die Hoffnung<br \/>\nhabe, sich in seinem filmischen Gesamtwerk unsterblich zu machen, sagte<br \/>\ner: Er wolle nicht durch seine Filme unsterblich werden, sondern dadurch,<br \/>\ndass er einfach nicht st\u00fcrbe.<\/p>\n<p>In der Kunst werden eben die Sehns\u00fcchte nicht einfach gestillt,<br \/>\nsondern allererst am Leben erhalten. Namentlich die Sehnsucht, es m\u00f6chte<br \/>\netwas daran wahr sein, dass mit dem ewigen Tod nicht das letzte Wort \u00fcber<br \/>\ndas Menschenleben gesprochen ist. Libera me, Domine, ab morte aeterna \u0096 befreie<br \/>\nmich, Herr, vom ewigen Tod. In sp\u00e4tmodernen Zeiten, denen ansonsten<br \/>\nalle Jenseitsbilder abhanden zu kommen drohen und in denen folglich der<br \/>\nTod die letzte Ewigkeit beanspruchende Gr\u00f6\u00dfe bleibt, wird<br \/>\ndas Flehen entsprechen inbr\u00fcnstig ausfallen und der Tag des Zorns<br \/>\nentsprechend bedrohlich. Diesen Abgrund hat Giuseppe Verdi mit allen<br \/>\nihm zu Gebote stehenden Mitteln markiert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.kirchenmusik.kaufbeuren.de\/TextVerdi.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Text des Requiems: http:\/\/www.kirchenmusik.kaufbeuren.de\/TextVerdi.htm<\/strong><\/a><\/p>\n<p>1) <a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a> Der Vortrag entstand im Zusammenhang<br \/>\neiner Auff\u00fchrung des Verdi-Requiems durch die G\u00f6ttinger Stadtkantorei<br \/>\nam 23. November 2003.<\/p>\n<p>2) <a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a> Vgl. Werner Fuchs, Todesbilder<br \/>\nin der modernen Gesellschaft, Frankfurt a. Main 1969<\/p>\n<p>3) <a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\"><\/a> vgl. Claudia Marschner, Bunte<br \/>\nS\u00e4rge. Eine Eventbestatterin erz\u00e4hlt, M\u00fcnchen 2002<\/p>\n<p>4) <a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\"><\/a> vgl.z.B. Ursula Roth, Die Begr\u00e4bnisansprache.<br \/>\nArgumente gegen den Tod im Kontext der modernen Gesellschaft, M\u00fcnchen<br \/>\n2002<\/p>\n<p>5) <a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\"><\/a> vgl. Sigmund Freud, Die Zukunft<br \/>\neiner Illusion, (1927), Studienausgabe Band IX, Fragen der Gesellschaft \u0096Urspr\u00fcnge<br \/>\nder Religion, Frankfurt 2000, S. 153<\/p>\n<p>6) <a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\"><\/a> vgl. ders. Zeitgem\u00e4\u00dfes \u00fcber<br \/>\nKrieg und Tod, ebenda S. 49ff.<\/p>\n<p>7) <a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\"><\/a> ebd. S. 55<\/p>\n<p>8) <a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\"><\/a> vgl. z.B. Niklas Luhmanns Beschreibung<br \/>\nder Funktion der Religion zur gesellschaftlichen und indivduellen Vergewisserung<br \/>\nbestimmter Horizonte. Niklas Luhmann, Die Funktion der Religion, in:<br \/>\nDie Religion der Gesellschaft, Frankfurt 2000, S. 115-146<\/p>\n<p>9) <a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\"><\/a> Friedrich Schleiermacher, Der<br \/>\nChristliche Glaube. Nach den Grunds\u00e4tzen der evangelischen Kirche<br \/>\nim Zusammenhange dargestellt, zweite Auflage, Berlin 1831, \u00a7158<br \/>\n(Leitsatz), zitiert nach: siebente Auflage, zweiter Band, hrsg. Martin<br \/>\nRedeker, Berlin 1960, S. 410<\/p>\n<p>10) <a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\"><\/a>ebd. \u00a7158,3, S. 416<\/p>\n<p>11) <a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\"><\/a>ebd. \u00a7159, Leitsatz, S.<br \/>\n417<\/p>\n<p>12) <a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\"><\/a> Schleiermacher, Glaubenslehre, \u00a7161,1,<br \/>\ns.o. S. 424<\/p>\n<p>13) <a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\"><\/a> ebd.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Braun, Pastor in G\u00f6ttingen Nikolausberg<br \/>\n<a href=\"mailto:Ulrich.F.Braun@t-online.de\">Ulrich.F.Braun@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod | Ewigkeitssonntag | 23. November 2oo3 | Ulrich Braun | Requiem und Sp\u00e4tmoderne &#8211; \u00dcberlegungen zur Funktion des Ewigkeitsmotivs in jenseitsloser Zeit (1) (Text des Requiems: http:\/\/www.kirchenmusik.kaufbeuren.de\/TextVerdi.htm) Der Tod ist ein gro\u00dfes Lebensthema. 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