{"id":9621,"date":"2002-03-07T19:49:53","date_gmt":"2002-03-07T18:49:53","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9621"},"modified":"2025-05-09T16:39:46","modified_gmt":"2025-05-09T14:39:46","slug":"wer-einen-gott-anzeigen-wil-der-mus-anzeigen-was-er-kan-und-vermag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wer-einen-gott-anzeigen-wil-der-mus-anzeigen-was-er-kan-und-vermag\/","title":{"rendered":"Gott, der allm\u00e4chtige Vater\u00a0"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zum Glaubensbekenntnis: Gott, der allm\u00e4chtige Vater | Paul Kluge |<\/h3>\n<div><em>Martin Luther, WA 30 I, 10,6: &#8222;Wer einen Gott anzeigen wil, der mus anzeigen,<\/em>\u00a0<em>was er kan und vermag.&#8220;<\/em><\/div>\n<p>Liebe Geschwister,<br \/>\nvon \u00fcber 4,7 Millionen Arbeitslosen berichten die Nachrichten der Woche, was zum Irakkonflikt zu sehen und zu h\u00f6ren ist, rei\u00dft mich zwischen Hoffen und Bangen hin- und her &#8211; wobei das Bangen \u00fcberwiegt. In manchen Orten im \u00dcberschwemmungsgebiet der Elbe sind noch immer keine Erdbestattungen m\u00f6glich, weil das Grundwasser zu hoch steht. Und der Februar sei zu kalt und zu na\u00df gewesen, melden die Wetterfr\u00f6sche. Und dann soll ich \u00fcber einen Psalm predigen, der voll des Lobes f\u00fcr den Sch\u00f6pfer ist! Der die Natur preist und den Menschen als Herrscher \u00fcber Gottes Werk. Ein Herrscher aber zerst\u00f6rt nicht, wor\u00fcber er herrscht. Der Psalm erscheint mir heute als Zumutung. In der sprachgewaltigen &#8222;Verdeutschung&#8220; Martin Bubers lautet er:<\/p>\n<p>DU, unser Herr,<br \/>\nwie herrlich ist dein Name<br \/>\nin allem Erdreich!<br \/>\nDu, dessen Hehre der Wettgesang gilt<br \/>\n\u00fcber den Himmel hin,<br \/>\naus der Kinder, der S\u00e4uglinge Mund<br \/>\nhast du eine Macht gegr\u00fcndet,<br \/>\num deiner Bedr\u00e4nger willen,<br \/>\nzu verabschieden Feind und Rachgierigen.<br \/>\nWenn ich ansehe deinen Himmel,<br \/>\ndas Werk deiner Finger,<br \/>\nMond und Sterne, die du hast gefestet,<br \/>\nwas ist das Menschlein,<br \/>\nda\u00df du sein gedenkst,<br \/>\nder Adamssohn,<br \/>\nda\u00df du zuordnest ihm!<br \/>\nLie\u00dfest ihm ein Geringes nur mangeln,<br \/>\ng\u00f6ttlich zu sein,<br \/>\nkr\u00f6ntest ihn mit Ehre und Glanz,<br \/>\nhie\u00dfest ihn walten<br \/>\nder Werke deiner H\u00e4nde.<br \/>\nAlles setztest du ihm zu F\u00fc\u00dfen,<br \/>\nSchafe und Rinder allsamt<br \/>\nund auch das Getier des Feldes,<br \/>\nden Vogel des Himmels<br \/>\nund die Fische des Meers,<br \/>\nwas die Pfade der Meere durchwandert.<br \/>\nDU, unser Herr,<br \/>\nwie herrlich ist dein Name<br \/>\nin allem Erdland!<\/p>\n<p>Blicke ich von den Nachrichten weg und durchs Fenster nach drau\u00dfen, sehe ich Schneegl\u00f6ckchen bl\u00fchen, einen ersten Hauch frischen Gr\u00fcns im Garten, in dem die ersten V\u00f6gel, wenn auch noch zaghaft, singen. Ein in der Schule gelerntes Gedicht von Eduard M\u00f6rike f\u00e4llt mir ein: Fr\u00fchling l\u00e4\u00dft sein blaues Band wieder flattern durch die L\u00fcfte&#8230; Ich freue mich auf den Fr\u00fchling, auf das Gr\u00fcnen und Bl\u00fchen, das Zwitschern und Singen, auf K\u00fcken und L\u00e4mmer. Da will ich den Psalm singen, mit der Melodie des Genfer Psalters:<\/p>\n<p>1. HERR, unser Gott, dein Name sei gepriesen! Wie hast du gro\u00df und herrlich dich erwiesen!<br \/>\nDie ganze Welt erz\u00e4hlt von deiner Macht, des Himmels Glanz verk\u00fcndet deine Pracht.<br \/>\n2. Aus Kindermund, ja, aus des S\u00e4uglings Lallen l\u00e4\u00dft du dein Lob vor aller Welt erschallen,<br \/>\nbesch\u00e4mst den Feind, der deine Sch\u00f6pfung st\u00f6rt und gegen dich vergeblich sich emp\u00f6rt.<br \/>\n3. Seh ich ringsum die Himmel ausgebreitet, seh Mond und Stern von deiner Hand bereitet.<br \/>\nWas ist der Mensch, da\u00df seiner du gedenkst des Menschen Kind, da\u00df du ihm Gnade schenkst?<br \/>\n4. Fast bis zum Glanz der Engel, die dich loben, hast du ihn, HERR, zu dir emporgehoben,<br \/>\ndu hast mit Macht und W\u00fcrde ihn belehnt, sein Haupt mit Ehr und Herrlichkeit gekr\u00f6nt.<br \/>\n5. Du machtest ihn zum K\u00f6nig deiner Erde da\u00df er mit dir des Lebens H\u00fcter werde.<br \/>\nDu gabest ihm die Tiere ringsumher, der V\u00f6gel Schwarm, die Fische tief im Meer.<br \/>\n6. HERR, unser Gott, dein Name sei gepriesen! Wie hast du gro\u00df und herrlich dich erwiesen!<br \/>\nDu, du allein bist Gott in Ewigkeit. Wir loben dich jetzt und zu aller Zeit.<\/p>\n<p id=\"angabe\">(Melodie: Stra\u00dfburg-Genf 1542 \/ Genf 1551, Text: Alfred Rauhaus 1991, Satz: nach Claude Goudimel 1565)<\/p>\n<p>Wie pa\u00dft dieser Psalm mit meinen Gedanken \u00fcber Krieg und Katastrophen zusammen, sind meine \u00c4ngste und Sorgen nicht eine Zumutung f\u00fcr den Psalm? Ich sp\u00fcre die Spannung zwischen Todesangst und Lebensmut und wie sie mich abwechselnd besetzen. Und ich denke an krebskranke Menschen, die ich begleitet habe, an ihr Pendeln zwischen Todesangst und Lebensmut, an die Gleichzeitigkeit von beidem, wenn eine erneute Operation f\u00e4llig war.<\/p>\n<p>Ein Kollege erz\u00e4hlte von Herrn H.: &#8222;Sein Leben lang hatte er bei einem Bauern gearbeitet, bewohnte mit seiner Frau ein kleines, altes H\u00e4uschen mit gro\u00dfem Garten, im Stall ein Schwein, ein paar H\u00fchner. Der Garten und die Tiere waren ihm t\u00e4gliche Freude. An Sommerabenden sa\u00df er oft an dem Kanal vor seinem Haus, und wenn der Pastor vorbeikam, setzte der sich dazu. Sie redeten nicht viel miteinander, sondern erlebten gemeinsam den Abendfrieden. Dann erkrankte Herr H. an Krebs, wurde operiert, bestrahlt, chemotherapiert. Kam nach Hause und erholte sich bei liebevoller Pflege durch seine Frau. Der Pastor besuchte beide regelm\u00e4\u00dfig. Bis er wieder ins Krankenhaus mu\u00dfte, wieder operiert, bestrahlt, chemotherapiert wurde. Bald nach seiner erneuten Entlassung feierten er und seine Frau ihre goldene Hochzeit, wenige Tage danach brach er zusammen. Es war Winter. Ins Krankenhaus wollte er nicht mehr, sein Hausarzt dr\u00e4ngte ihn nicht. Bei einem der Besuche sagte er zu seinem Pastor, er m\u00f6chte noch einmal mit ihm am Kanal sitzen und sehen, wie die Sonne untergeht. &#8222;Aber das wird wohl nichts mehr,&#8220; meinte er, und f\u00fcgte gleich hinzu: &#8222;Bald wird es Fr\u00fchling, dann kann ich wieder nach drau\u00dfen.&#8220; So kamen und gingen Bangen und Hoffen, und das \u00fcber einige Wochen. Dann kam sein Geburtstag, der achtzigste. Aufstehen konnte er nicht mehr, er war zu schwach. Selbst das Sprechen fiel ihm schwer. Der Pastor machte seinen Geburtstagsbesuch, hielt f\u00fcr Herrn und Frau H. eine kleine Andacht. Nach dem Amen begann Herr H., unter seinem Kopfkissen etwas zu suchen, fand schlie\u00dflich seine Mundharmonika und spielte &#8222;Gro\u00dfer Gott, wir loben dich.&#8220; In der folgenden Nacht starb er.&#8220;<\/p>\n<p>Nicht immer und nicht jedem ist es gegeben, angesichts nahenden Todes Gottes Gr\u00f6\u00dfe zu loben. Angst und Bedrohung k\u00f6nnen blind machen f\u00fcr Gottes Sch\u00f6pfung, und stumm, ihn zu loben. Doch es gibt Menschen, die aus ihrem Glauben ihre Angst \u00fcberwinden und Mut behalten. Mut, trotz Not und Leid, trotz drohender Gefahr Gottes Gr\u00f6\u00dfe und seine G\u00fcte zu preisen. Menschen wie Herr H. oder wie der Psalmdichter. Als er seinen Psalm schrieb, gab es Katastrophen &#8211; er besingt die Sch\u00f6pfung, den Himmel, den Mond und die Sterne. Als er seinen Psalm schrieb, gab es Kriege &#8211; und er singt von Hoheit und Ehre des Menschen. Auch nackte Not gab es, als der Psalm gedichtet wurde, Menschen hungerten, verhungerten &#8211; und der Psalmdichter besingt den Menschen als den, der \u00fcber Schafe und Rinder verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Ein Psalm gegen die Angst? Sicherlich. Ein Psalm auch gegen Unrecht und Ungerechtigkeit. Vor dem allen aber ein Psalm f\u00fcr das Leben. F\u00fcr ein Leben, wie es sein soll und wie es sein kann; f\u00fcr ein Leben des Staunens \u00fcber Himmel und Erde, f\u00fcr ein Leben in Dankbarkeit f\u00fcr alles Sch\u00f6ne und Gute, f\u00fcr ein Leben in Ehrfurcht voreinander. Ein Lied, das Lebensmut ausdr\u00fcckt und Lebensmut macht.<\/p>\n<p>Wenn wir Gott als den &#8222;Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde&#8220; bekennen, stimmen wir in dieses Lied mit ein, das uns Mut gibt, Zuversicht, auch Sicherheit. &#8222;Was unser Gott geschaffen hat, das will er auch erhalten.&#8220; Indem wir Gott als den &#8222;Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde&#8220; bekennen, sagen wir uns und anderen, wir, da\u00df unsere \u00c4ngste und N\u00f6te, unsere Sorgen und unser Leid kleiner bleiben als der Allm\u00e4chtige, und da\u00df wir nicht tiefer fallen k\u00f6nnen als in Gottes Hand. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Paul Kluge, Provinzialpfarrer<br \/>\nIm Diakonischen Werk in der<br \/>\nKirchenprovinz Sachsen e. V.<br \/>\nMagdeburg<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:paul.kluge@t-online.de%20\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zum Glaubensbekenntnis: Gott, der allm\u00e4chtige Vater | Paul Kluge | Martin Luther, WA 30 I, 10,6: &#8222;Wer einen Gott anzeigen wil, der mus anzeigen,\u00a0was er kan und vermag.&#8220; Liebe Geschwister, von \u00fcber 4,7 Millionen Arbeitslosen berichten die Nachrichten der Woche, was zum Irakkonflikt zu sehen und zu h\u00f6ren ist, rei\u00dft mich zwischen Hoffen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,157,120,114,1035,1043,296,1030,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9621","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-deut","category-martin-luther","category-paul-kluge","category-predigt-ohne-spez-bibelstelle","category-predigt-zum-glaubensbekenntnis","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9621","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9621"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9621\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23897,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9621\/revisions\/23897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9621"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9621"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9621"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9621"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9621"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9621"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9621"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}