{"id":9623,"date":"2021-02-07T19:49:46","date_gmt":"2021-02-07T19:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9623"},"modified":"2022-10-02T11:22:58","modified_gmt":"2022-10-02T09:22:58","slug":"psalm-90-10-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/psalm-90-10-12\/","title":{"rendered":"Psalm 90, 10-12"},"content":{"rendered":"<p><strong>Abschied vom Abschied<br \/>\nPsalm 90, 10-12<\/strong><\/p>\n<p>Neulich war ich bei einer Beerdigung, ganz kleiner Kreis, ein Trauerredner<br \/>\nwar bestellt, ohne Organist, gesungen wurde nicht, nur ein Kassettenrecorder<br \/>\nspielte etwas Musik.<br \/>\nKurz, diese Trauerfeier war wirklich nicht sch\u00f6n, das war ein derma\u00dfen<br \/>\nmisslungener Abschied, dass ich heute ein kleines Pl\u00e4doyer halten<br \/>\nm\u00f6chte &#8211; und zwar ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Bedeutung des Abschieds.<br \/>\nIch hab\u00b4 den Eindruck, dass gute, gelungene Abschiede immer seltener<br \/>\nwerden, ja mehr noch, damit sie gut werden, m\u00fcssen wir sie regelrecht<br \/>\nwieder ein\u00fcben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bittet der Psalmbeter Gott nicht umsonst darum:<br \/>\nHerr, <strong>lehre<\/strong> uns bedenken, auf das \u201clehren\u201d lege ich den Akzent,<br \/>\nlehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<br \/>\nIch glaube, klug w\u00e4re es, das Abschiednehmen wirklich wieder einzu\u00fcben,<br \/>\ndenn im Moment l\u00e4uft es nicht gut.<br \/>\nIch habe vielmehr den Eindruck, dass wir langsam Abschied vom Abschied<br \/>\nnehmen.<br \/>\nDrei Beispiele:<\/p>\n<p>Erstes Beispiel:<br \/>\nDer klassische Ort des Abschiednehmens ist ja der Bahnhof. Dort war ich<br \/>\nletzten Samstag, um den Leuten, die da ankamen, den Weg zur Preussag<br \/>\nArena zum Tag des Ehrenamtes zu weisen. Und bei dieser Gelegenheit<br \/>\nkonnte ich nat\u00fcrlich auch zusehen, wie sich andere Reisende von<br \/>\nden Zur\u00fcckbleibenden verabschiedeten. Und als ich mir das am Bahnhof<br \/>\nso ansah, dachte ich nur, dass es ja auch wirklich objektiv schwieriger<br \/>\ngeworden ist:<br \/>\nTr\u00e4nenreiche Abschiede mag\u2019s ja noch geben, aber das H\u00e4ndchenhalten<br \/>\ndurch ge\u00f6ffnete Abteilfenster- das gibt\u00b4s ja kaum noch. Stattdessen<br \/>\nhat eine neue Sachlichkeit Einzug gehalten.<br \/>\nT\u00fcren schlie\u00dfen selbstt\u00e4tig, die Fenster lassen sich<br \/>\ngar nicht mehr \u00f6ffnen, und falls doch, klemmen sie.<br \/>\nBeim ICE, Sie wissen das, sind sie auch noch get\u00f6nt, so dass man<br \/>\nsich die wei\u00dfen Taschent\u00fccher auch gleich schenken kann.<br \/>\nUnd man wei\u00df gar nicht mehr so genau, wem man eigentlich zuwinkt,<br \/>\nda man sich ja doch nicht mehr so richtig sieht.<br \/>\nUnd statt \u201cTsch\u00fcss\u201d sagt man heute -\u201cIch ruf gleich<br \/>\nmal an\u201d.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich haben diese Beobachtungen schon ein bisschen Symbolcharakter.<\/p>\n<p>Abschiede werden immer bedeutungsloser, Trennung wird kaum noch einge\u00fcbt,<br \/>\nund die Trenungs-Energien, die man ja eigentlich daf\u00fcr br\u00e4uchte,<br \/>\nreichen gerade eben noch &#8211; \u00fcberspitzt formuliert &#8211; f\u00fcr die<br \/>\nM\u00fcllsortierung.<br \/>\nUnd so wird das Abschiednehmen langsam verlernt &#8211; und statt sich den<br \/>\nTrennungsschmerz zuzumuten, st\u00fcrzt man sich lieber ins n\u00e4chste<br \/>\nEvent, wo Ablenkung gewiss ist.<\/p>\n<p>Nur:<br \/>\nWas macht man, wenn man einen Abschied mal nicht \u00fcbert\u00fcnchen<br \/>\nkann?<br \/>\nDeshalb der Psalm:<br \/>\nHerr, lehre uns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, lehre uns bedenken,<br \/>\ndass wir Abschied nehmen m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Zweites Beispiel &#8211; der K\u00f6rper und der Kult darum<br \/>\nIch denke, eine Ahnung von Abschied &#8211; letztlich haben wir die alle. Sp\u00e4testens<br \/>\nbei der Entdeckung der ersten grauen Haare. Und wir erleben es doch,<br \/>\nwie der K\u00f6rper nicht mehr so mitmacht wie fr\u00fcher. Erste Arthrosen<br \/>\noder R\u00fcckenprobleme stellen sich ein. Und auch die Falten geh\u00f6ren<br \/>\nirgendwann dazu<br \/>\nDas sind doch in Ans\u00e4tzen schon lauter kleiner Tode, lauter kleine<br \/>\nAbschiede.<\/p>\n<p>Es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen. Aber weil nicht sein kann,<br \/>\nwas nicht sein darf, stehen junge \u00c4rzte Schlange, um die immerhin<br \/>\nsechsj\u00e4hrige Facharztausbildung zum Sch\u00f6nheitschirurgen machen<br \/>\nzu k\u00f6nnen.<br \/>\nDas Jungsein ist zum Programm geworden.<\/p>\n<p>Deshalb der Psalm:<br \/>\nHerr, lehre uns bedenken, dass wir Abschied nehmen m\u00fcssen, auf dass<br \/>\nwir klug werden.<\/p>\n<p>Und damit bin ich beim dritten und letzten Beispiel, &#8211; beim Tod.<br \/>\nAuch wenn die Rechnung bei all den kleinen Toden des Alltags dank funktionierender<br \/>\nVerdr\u00e4ngungsmechanismen noch aufgehen mag, wird\u00b4s beim gro\u00dfen<br \/>\nAbschied doch ungleich schwieriger.<\/p>\n<p>Aber auch da greift es ja um sich: Die Trauergesellschaften werden immer<br \/>\nkleiner,<br \/>\nvon Beilandskundgebungen am Grab wird abgesehen,<br \/>\ndas Trauerjahr ist l\u00e4ngst Vergangenheit geworden<br \/>\nund wenn jemand mal nicht im Krankenhaus stirbt, sehen wir im Allgemeinen<br \/>\nzu, dass der Bestatter schnell kommt, um den Toten schnell aus dem Haus<br \/>\nzu holen. Und nicht selten folgt die anonyme Bestattung.<\/p>\n<p>Und da frage ich mich schon: was ist das f\u00fcr ein Abschied? Der<br \/>\nfindet doch kaum noch statt, einge\u00fcbt ist er nicht und am Ende stehen<br \/>\nviele stehen hilflos und allein da.<\/p>\n<p>Und das ist dann nat\u00fcrlich die gro\u00dfe Stunde auch der kommerziellen<br \/>\nBerater. Der Abschied ist zu einem Gesch\u00e4ft geworden, das Bl\u00fcten<br \/>\ntreibt:<\/p>\n<p>Da mu\u00dfte ich doch lesen, dass Scheidungsmediatoren f\u00fcr teures<br \/>\nGeld eine Abschiedsfeier zwischen ehemaligen Eheleuten mit mehrg\u00e4ngigem<br \/>\nMen\u00fc aus Lieblingsgerichten gemeinsamer Jahre inszenieren, oder<br \/>\ndass Volkshochschulen Kurse f\u00fcr Pension\u00e4re anbieten, und zwar<br \/>\num deren Depressionen nach dem Ausstieg aus dem Full-time-job zu verarbeiten.<br \/>\nFingerfarben werden gestellt.<\/p>\n<p>Also ich finde, da m\u00fcssen wir doch etwas tun:<br \/>\nUnd immerhin, es gibt sie ja, die sinnvollen Angebote, die gegen dieses<br \/>\nVakuum angehen, das der Abschied vom Abschied hinterl\u00e4\u00dft.<br \/>\nDa ist der Hospizdienst, um nur ein Beispiel zu nennen, der sich kaum<br \/>\nretten kann vor Interessierten, die mitarbeiten m\u00f6chten, oft motiviert<br \/>\ndurch eigenes, z.T. unverarbeitetes Erleben von Tod und Abschied.<\/p>\n<p>Deshalb ein letztes Mal: Herr, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben<br \/>\nm\u00fcssen, auf dass wir klug werden.<\/p>\n<p>Und ich denke, das ist der erste Schritt. Das Nachdenken dar\u00fcber,<br \/>\ndass ich sterben werde.<br \/>\nUnd ich danke Gott, dass ich dabei nicht stehen bleiben muss.<br \/>\nWir k\u00f6nnen daran glauben, dass jedem Abschied ein Neubeginn innewohnt.<br \/>\nWir k\u00f6nnen daran glauben, dass es mit uns bei Gott nie zu Ende ist<br \/>\nwir k\u00f6nnen daran glauben, dass er mit uns trotz aller Abschiede<br \/>\nimmer noch etwas vorhat.<br \/>\nUnd das nur nebenbei -in der Hospizarbeit wird etwas von diesem Wissen<br \/>\nvermittelt. Vielleicht ist sie deshalb so begehrt.<\/p>\n<p>Deshalb: Klug ist, wer im Glauben seine pers\u00f6nliche Antwort auf<br \/>\nden Abschied sucht.<\/p>\n<p>Einen gelungenen Abschied w\u00fcnsche ich uns, wann auch immer.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p>EG 380, 1-3 und 7<\/p>\n<p>Gebet:<br \/>\nHerr, unser Gott, unser Leben besteht aus Abschieden,<br \/>\ngro\u00dfen und kleinen. Hilf uns,<br \/>\nAbschiede zu akzeptieren.<br \/>\nLass uns nicht ausweichen vor Abschieden,<br \/>\nsondern lass sie uns aushalten.<br \/>\nHilf uns, auch in Abschieden nach dir Ausschau zu halten.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p><strong>Pastor Rainer M\u00fcller-Brandes, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:rainer.mueller-brandes@evlka.de\">rainer.mueller-brandes@evlka.de<br \/>\n<\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abschied vom Abschied Psalm 90, 10-12 Neulich war ich bei einer Beerdigung, ganz kleiner Kreis, ein Trauerredner war bestellt, ohne Organist, gesungen wurde nicht, nur ein Kassettenrecorder spielte etwas Musik. 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