{"id":9628,"date":"2021-02-07T19:49:47","date_gmt":"2021-02-07T19:49:47","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9628"},"modified":"2022-10-01T14:18:22","modified_gmt":"2022-10-01T12:18:22","slug":"1-thessalonicher-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-thessalonicher-14\/","title":{"rendered":"1.Thessalonicher 1,4"},"content":{"rendered":"<p><strong>Talkshows<br \/>\n1.Thessalonicher 1,4<\/strong><\/p>\n<p>Einen Satz aus dem Anfang des Paulusbriefes an die Christen in Saloniki<br \/>\nwill ich wiederholen. Er hat mir gefallen, der Satz.<br \/>\n\u201c<br \/>\nLiebe Br\u00fcder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass<br \/>\nihr <strong>auserw\u00e4hlt<\/strong> seid.\u201d<br \/>\n(1. Thess. 1,4)<\/p>\n<p>Sch\u00f6n, nicht?<br \/>\nich gehe davon aus, Sie wissen, dass Sie auserw\u00e4hlt sind, oder?<br \/>\nJeder einzelne von uns. Einer hat sich die M\u00fche gemacht, jede einzelne<br \/>\nvon uns auszuw\u00e4hlen. Alle, die Sie hier sitzen. Durch die Taufe<br \/>\nvon Gott ausgew\u00e4hlt. Auserw\u00e4hlt, selbstbewu\u00dft davon zu<br \/>\nerz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Heinz, Rosi und Doris sind auch auserw\u00e4hlt worden. Und ich bin<br \/>\ndabei gewesen, als sie eines Nachmittags ihr Innerstes nach au\u00dfen<br \/>\ngekehrt haben: allesamt freiwillig, vor Publikum und mit aller Leidenschaft.<br \/>\nMan merkte richtig, dass sie stolz waren, denn es war klar, &#8211; sie geh\u00f6rten<br \/>\nzu den Auserw\u00e4hlten. Und das war ein Erlebnis, das ich nicht so<br \/>\nschnell vergessen habe.<\/p>\n<p>Allerdings, von Gott haben sie nichts erz\u00e4hlt.<br \/>\nSondern ganz im Gegenteil:<br \/>\nVon Rosi, der einen, wei\u00df ich seitdem, dass sie ein heimliches<br \/>\nLiebesverh\u00e4ltnis mit dem Freund ihrer Tochter hat-<br \/>\nVon Heinz wei\u00df ich seitdem, das er am liebsten und wann immer er<br \/>\nZeit hat, die Privatgespr\u00e4che seiner Nachbarn belauscht.<br \/>\nVon Doris habe ich gelernt, dass sie findet, ihr Doppelkinn sei ein k\u00f6rperlicher<br \/>\nMakel. Und sie hat viel Geld ausgegeben, das sie gar nicht hat, um das<br \/>\nDoppelkinn loszuwerden.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<br \/>\nan einem x-beliebigen Tag unter der Woche nachmittags mal Fernsehen zu<br \/>\nschauen, ist f\u00fcr uns, die das nomalerweise nicht tun, glaube ich<br \/>\nwirklich ein Erlebnis der besonderen Art.<\/p>\n<p>Denn man wird nahezu fl\u00e4chendeckend bei den &#8211; im wahrsten Sinne<br \/>\ndes Wortes privaten Sendern &#8211; mit Talkshows konfrontiert. Talkshows,<br \/>\nin denen sich eindeutig auserw\u00e4hlte Menschen wie Rosi, Gaby und<br \/>\nHeinz mit ihren oft intimen Vorlieben und ihren pers\u00f6nlichsten N\u00f6ten<br \/>\npr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Dabei l\u00f6st eine Talkrunde die andere ab &#8211; ich hab das Programm<br \/>\neines Tages einfach mal abgeschrieben &#8211;<br \/>\n14.00 B\u00e4rbel Sch\u00e4fer- Titel: Diese G\u00e4ste m\u00fcssen Sie<br \/>\ngesehen haben, RTL, so ne Art \u201ebest of\u201c anscheinend<br \/>\n14.00 Uhr Peter Imhof: Thema: Du hast mein Leben verpfuscht, SAT 1<br \/>\n15.oo Uhr Der Schw\u00e4chste fliegt, RTL<br \/>\n16.00 Uhr Nicole: Papa, lass die Finger von meiner Freundin. PRO 7<br \/>\nNur Hans Meiser habe ich nicht gefunden.<\/p>\n<p>Das Gemeinsame an all den Talkshows:<br \/>\nImmer geht es um Beziehungskonflikte, um Familiengeschichten, um h\u00f6chst<br \/>\nprivate Lebensgewohnheiten, und nicht selten auch um sexuelle Erfahrungen<br \/>\nund Vorstellungen.<br \/>\nAlles Angelegenheiten, \u00fcber die man doch &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211;<br \/>\nmit der besten Freundin oder dem Freund sprechen w\u00fcrde.<br \/>\nAber genau diese Dinge werden \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert:<br \/>\nIn der Ich-Form mitgeteilt als pers\u00f6nliches Zeugnis, breit erz\u00e4hlt<br \/>\n&#8211; ohne jegliche Scheu.<\/p>\n<p>Und das ganze ist gut inszeniert: Gerade noch hat die Tochter von Rosi \u00fcber<br \/>\nihre Mutter geschimpft, da kommt diese schon ins Studio marschiert, begleitet<br \/>\nvon ihrem Auserw\u00e4hlten, der sich dann als Freund der Tochter entpuppt.<\/p>\n<p>Der Zwist wird dann gleich an Ort und Stelle ausgetragen und die Moderatorin,<br \/>\nSeelenf\u00fchrerin und Konfliktmanagerin zugleich, leitet das Gespr\u00e4ch,<br \/>\nsollte es mal zu sehr ins Sachliche abrutschen, schnell wieder ins Pers\u00f6nlich<br \/>\nzur\u00fcck.<br \/>\nIch sag ganz ehrlich, das ist gar nicht so leicht, sich auch dem als<br \/>\nZuschauer zu entziehen. Sie merken, ich kaue da heute noch dran.<\/p>\n<p>Aber gefragt habe ich mich dann doch: Warum machen die Leute das eigentlich?<br \/>\nZuzusehen ist ja das eine, das ist immerhin anonym, aber mir w\u00e4re<br \/>\nes ja todpeinlich, wenn ich da selber auftreten w\u00fcrde.<br \/>\nAber es ist ja Tatsache: Es gibt lange Wartschlagen, um als Talkgast<br \/>\nin eine solche Sendung eingeladen zu werden. Woran liegt das eigentlich?<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich glaube, der Hauptgrund ist relativ einfach zu finden:<br \/>\nEs ist der Wunsch, ja mehr noch, die Sehnsucht nach Anerkennung.<br \/>\nIch will, dass mich jemand beachtet. Das ist normal.<br \/>\nIch will wahrgenommen werden. Ich will dazugeh\u00f6ren, bekannt sein.<br \/>\nAuch das ist normal.<br \/>\nIch will wichtig sein<\/p>\n<p>Die Talkshows bieten das. Deshalb die Warteschlangen. Was ich da erz\u00e4hle,<br \/>\nist glaube ich gar nicht so wichtig, Hauptsache, es ist pers\u00f6nlich.<br \/>\nUnd damit man eingeladen wird, muss man eben etwas \u00fcberziehen und<br \/>\nsich eventuell auch fertigmachen lassen.<\/p>\n<p>Paulus schreibt:<br \/>\nLiebe Br\u00fcder und Schwestern, von Gott geliebt, ich wei\u00df, das<br \/>\nihr auserw\u00e4hlt seid.\u201d<\/p>\n<p>Von Bruder und Schwester ist die Rede. Bruder und Schwester, die sich<br \/>\nnat\u00fcrlich auch mal beharken und \u00e4rgern, aber immer in der Lage<br \/>\nsind, sich auch wieder zu vertragen. Vor Gott und nicht vor B\u00e4rbel<br \/>\nSch\u00e4fer.<\/p>\n<p>Von Gott geliebt, sagt Paulus weiter.<\/p>\n<p>Ich glaube, das ist besser, als von einem johlenden Publikum geliebt<br \/>\nzu werden, denn das Publikum vergi\u00dft schnell.<\/p>\n<p>Wir sind ausgew\u00e4hlt, sagt er.<br \/>\nGott, nicht irgendeine Moderatorin hat uns bei unserem Namen gerufen,<br \/>\nauserw\u00e4hlt in der Taufe.<br \/>\nUnd das, ohne zum voyeuristischen Objekt werden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Warum hat das keiner Heinz, Rosi und Gaby gesagt?<br \/>\nIch meine, die Probleme sind letztlich vergleichbar. Auch wenn es nicht<br \/>\ndas Doppelkinn ist, kennen wir sie doch auch, die Suche nach Anerkennung.<\/p>\n<p>Letztlich dreht sich doch ganz viel im Leben genau darum.<br \/>\nBis hin zur Berufswahl, der Partnerwahl, und dem Kinderwunsch.<\/p>\n<p>Deshalb dieser Satz aus dem Thessalonicherbrief:<br \/>\n\u201c<br \/>\nLiebe Br\u00fcder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass<br \/>\nihr <strong>auserw\u00e4hlt<\/strong> seid.\u201d<\/p>\n<p>Denn bei dieser lebenslangen, immer neuen Suche nach Anerkennung ist<br \/>\nes gut, dass wir bei Gott nicht nur Kandidaten sind,<br \/>\nsondern l\u00e4ngst gewonnen haben.<\/p>\n<p>Die Anerkennung bei Gott, die kann uns keiner nehmen.<br \/>\nSchade, dass Heinz, Rosi und Gaby das nicht wu\u00dften.<\/p>\n<p>Dass wir auf unserer Suche nach Anerkennung bei Gott anfangen zu suchen,<br \/>\ndas w\u00fcnsche ich uns.<br \/>\nOder um es mit Fliege, 16.00 Uhr ARD zu sagen: \u201cEr wei\u00df wenigstens,<br \/>\nwas ich brauche\u201d.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p>Gebet:<br \/>\nHerr, unser Gott, wir brauchen die Anerkennung. Wir suchen sie jeden<br \/>\nTag. Hilf uns, dass wir sie aber nicht auf Kosten anderer suchen.<br \/>\nHerr wir bitten dich stattdessen: Erinnere uns immer wieder neu, dass<br \/>\nwir bei Dir anerkannt sind. Bedingungslos. Egal, was kommt.<br \/>\nAmen<\/p>\n<p>Lieder:<br \/>\nEG 166, 1,2,5,6<br \/>\nEG 369, 1-3,7<\/p>\n<p><strong>Pastor Rainer M\u00fcller-Brandes, Hannover<br \/>\n<a href=\"mailto:rainer.mueller-brandes@evlka.de\">rainer.mueller-brandes@evlka.de <\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Talkshows 1.Thessalonicher 1,4 Einen Satz aus dem Anfang des Paulusbriefes an die Christen in Saloniki will ich wiederholen. Er hat mir gefallen, der Satz. \u201c Liebe Br\u00fcder und Schwestern, von Gott geliebt, wir wissen, dass ihr auserw\u00e4hlt seid.\u201d (1. Thess. 1,4) Sch\u00f6n, nicht? ich gehe davon aus, Sie wissen, dass Sie auserw\u00e4hlt sind, oder? 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