{"id":9648,"date":"2002-03-07T19:49:52","date_gmt":"2002-03-07T18:49:52","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9648"},"modified":"2025-05-09T16:35:59","modified_gmt":"2025-05-09T14:35:59","slug":"die-allmacht-gottes-worin-besteht-sie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/die-allmacht-gottes-worin-besteht-sie\/","title":{"rendered":"Die\u00a0Allmacht Gottes: worin besteht sie?"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Reflexion zum Glaubensbekenntnis \u2013 <\/strong><strong>Die Allmacht Gottes: worin besteht sie? | Traugott Koch |<\/strong><\/h3>\n<p><span id=\"luther\">Gott, der allm\u00e4chtige Vater<\/span><br \/>\nMartin Luther, WA 30 I, 10,6: &#8222;Wer einen Gott anzeigen wil, der mus anzeigen,<br \/>\nwas er kan und vermag.&#8220;<\/p>\n<p>Seit uralten Zeiten, seit Menschengedenken, sind die G\u00f6tter stark und eben nicht schw\u00e4chlich oder ohnm\u00e4chtig. Zur Gottheit geh\u00f6rt Macht \u2013 und anders ist noch nie ein Gott gedacht, geglaubt und verehrt worden. Fragt sich nur, wie und welche Macht zu Gottes Gottsein geh\u00f6rt. Anf\u00e4nglich liegt der Ansicht von der Macht Gottes die primitive, naturnahe Vorstellung von Macht und Gewalt zugrunde, die genommen ist aus dem vitalen Widerstreit in allem von Natur Lebendigen, dem Widerstreit von stark und schwach.<\/p>\n<p>Doch halten wir fest: Ein Gott \u2013 oder Gott -, der als Nichtsk\u00f6nner unf\u00e4hig oder ein Versager w\u00e4re, der w\u00e4re nur zu verachten und nur eine l\u00e4cherliche Karikatur. Gott ist nicht schwach oder schw\u00e4chlich. Ein nur ohnm\u00e4chtiger Gott w\u00e4re keiner und gewi\u00df keiner, an den man glauben oder auf den man sich verlassen k\u00f6nnte. Gott kann nicht Anderem oder seinem Gegenteil unterlegen sein, irgend etwas Anderem auf Gedeih und Verderb\u2019 ausgeliefert sein. Sonst w\u00e4re er nicht absolut und nicht unbedingt. Das Andere oder sein Gegenteil w\u00e4re st\u00e4rker als er: Und also w\u00e4re dies Andere oder sein Gegenteil der wirklich Gott. \u2013 Nichts kann Gott \u00fcberlegen sein. Nichts kann Gott sein Gottsein rauben. M.a.W., Gott ist un\u00fcberwindlich.<\/p>\n<p>Zum Gottsein Gottes geh\u00f6rt also Macht und damit \u00dcberlegenheit. W\u00e4re er nicht allem Anderen \u00fcberlegen, so w\u00e4re er nicht frei. Und ein Gott, der sich nicht frei zu dem Anderen seiner verhalten k\u00f6nnte, sondern vom Anderen gebunden und beherrscht w\u00fcrde, w\u00e4re nicht Gott. Anders gesagt: Gott ist ein einziger Gott; neben ihm sind nicht andere Gr\u00f6\u00dfen, denen auch \u2013 separat f\u00fcr sich \u2013 Absolutheit und Unbedingtheit zuk\u00e4me. Vor allem kann das B\u00f6se kein zweiter Gott von gleicher Macht sein. Folglich redet der, der die Unbedingtheit und Absolutheit Gottes nicht begriffen hat, nicht von Gott, sondern an Gott vorbei. Gott ist, als einer, eindeutig Gott. \u2013 Doch fragt sich, wie diese Unbedingtheit und Absolutheit des einen Gottes \u2013 wie mithin seine Macht \u2013 <em>recht<\/em>, wahrheitsgem\u00e4\u00df begriffen ist: etwa nur exklusiv, alles Andere ausschlie\u00dfend, nur separat f\u00fcr sich?<\/p>\n<p>Weil Gott als Gott wesentlich ein einziger ist, kam es zum Monotheismus, zur Religion des einen Gottes. Nun war klar: Nur <em>ein<\/em> Gott hat allem Anderen \u00fcberlegene und insofern bedingungslose Macht. Er hat <em>Allmacht<\/em>. Was auch w\u00e4ren G\u00f6tter, die sich gegenseitig begrenzten? Sie w\u00e4ren nichts als Nichtg\u00f6tter; keiner von ihnen w\u00e4re Gott.<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p align=\"left\">Wie die christliche Tradition die Allmacht Gottes verstanden hat, daf\u00fcr sei beispielhaft eine Stelle aus einer Schrift zitiert, die dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wurde: aus dem \u201eSoliloquiorum animae ad Deum liber\u201c (aus dem Buch der \u201eGespr\u00e4che der Seele zu Gott\u201c). Danach stammt Gottes Allmacht aus seiner Einzigartigkeit und bekundet sich darin, da\u00df er allein der Sch\u00f6pfer von allem, der Erhalter von allem, der alles Regierende und Lenkende ist. Es hei\u00dft: &#8218;Ich bekenne und bete an den einen, einzigen und dreieinigen Gott, den einigen Ursprung aller Dinge und das einige Ziel von allem, den einen Sch\u00f6pfer Himmels und der Erde, durch den alles lebt, was da lebt, durch den alles erhalten wird und besteht, durch den alles gelenkt, regiert und belebt wird, was im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist, und neben dem kein Gott ist im Himmel und auf Erden.\u2019 (MPL 40, 892) So singen wir ja auch: \u201eGott des Himmels und der Erden, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der es Tag und Nacht l\u00e4\u00dft werden, Sonn und Mond uns scheinen hei\u00dft, dessen starke Hand die Welt und was drinnen ist, erh\u00e4lt\u201c (H. Albert, 1642 = EG 445, 1). Die Allmacht Gottes kann man demnach genau erkennen: n\u00e4mlich daran, da\u00df ohne Gottes Macht nichts w\u00e4re und alles sich aufl\u00f6ste und zerfiele \u2013 daran also, da\u00df er der Sch\u00f6pfer und Erhalter von allem ist. Man hat die Welt um einen herum in fr\u00fcheren Zeiten tats\u00e4chlich so gesehen und tagt\u00e4glich so erlebt. (Wir in der Neuzeit wissen, da\u00df Naturgesetze die Natur bestimmen, Tag und Nacht werden lassen.) Nach traditioneller lutherischer Lehre ist die \u201eMacht\u201c Gottes (seine \u201epotentia\u201c) das, &#8218;wodurch Gott unabh\u00e4ngig, allein durch die ewige Wirksamkeit seines Wesens alles im Himmel und auf Erden schaffen kann, was sich nicht selbst widerspricht.\u2019 &#8218;Die Allmacht Gottes umfa\u00dft alles, was in irgendeinem Sinne m\u00f6glich ist.\u2019 (H. Schmid, Die Dogmatik, 1893, S. 80 u. 86) Sollte jemand sagen, Gott k\u00f6nne auch das, was er nicht kann oder was ihm selbst widerspricht oder in sich unsinnig ist, so redet er eben Unsinn und verneint Gott als glaubhaftes Subjekt. Gottes Allmacht als \u00fcberlegene Macht \u00fcber Tod und Teufel erweist sich darin, da\u00df er die an Christus Glaubenden vom Tod errettet und dem satanischen H\u00f6llenrachen entrei\u00dft. Gott ist der, \u201eder die Toten auferweckt\u201c (2. Kor. 1,9), \u201eder da lebendig macht die Toten und ruft dem, was nicht ist, da\u00df es sei.\u201c (R\u00f6m. 4, 17) Und eben das ist er in seiner Allmacht.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p align=\"left\">Doch was genau ist gemeint, wenn wir von der Macht Gottes und von seiner Allmacht sprechen: Worin besteht sie? Wenn das nicht gekl\u00e4rt wird, so liegt es allzu nahe, wie selbstverst\u00e4ndlich, unsere Vorstellungen von Macht auf Gott zu \u00fcbertragen, und das, ohne zu fragen, ob sie Gott angemessen sind.<\/p>\n<p>Allmacht Gottes, wenn sie wirklich Gottes ist, kann zum ersten <em>nicht<\/em> hei\u00dfen, Gott kann alles, alles Beliebige, M\u00f6gliche. Denn dann ist oder w\u00e4re f\u00fcr Gott alles, was er kann und tut, selbst blo\u00df beliebig: Er kann das und das tun oder auch nicht tun. Sein eigenes Tun ist dann f\u00fcr ihn selbst beliebig. Und alles, was er tut und ausf\u00fchrt, ist blo\u00df zuf\u00e4llig: kann sein oder auch nicht sein. Es bedeutet das alles nichts; es bedeutet auch f\u00fcr Gott nichts. Wenn g\u00f6ttliche Macht mit den Menschen nach Belieben verf\u00e4hrt, bleibt den Menschen nur das dem\u00fctige Verstummen. Gott gegen\u00fcber bleibt dem Menschen dann nur, sich selbst aufzugeben und Gott sich ausliefern; bleibt ihm nur ein \u201eblindes\u201c Vertrauen \u2013 in der Tradition oft ausgegeben als \u201ekindliches\u201c Vertrauen. Ein Glaube daran, da\u00df Gott es gut mit uns meint, kann dann nicht aufkommen.<\/p>\n<p>Der wahre Gott dagegen, der Gott, den jeder wollen kann, dem jeder sich frei verbinden und anvertrauen kann, an den also jeder <em>glauben<\/em> kann, ist <em>der<\/em> Gott, der \u00fcber die pure Allmacht der Willk\u00fcr und Beliebigkeit hinaus ist. Er verteilt nicht Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck nach Lust und Laune, mu\u00df nicht \u2013 etwa durch Bittgebete \u2013 von uns Menschen immer wieder beschwichtigt und gn\u00e4dig gestimmt werden; sondern er ist verl\u00e4\u00dflich in seiner das Leben eines jeden bejahenden und f\u00f6rdernden Macht. Dieser Schritt der Gotteserkenntnis \u00fcber die blanke, willk\u00fcrliche Allmacht Gottes hinaus wird erst im Christentum vollzogen mit der Erkenntnis, da\u00df Gott die Liebe selbst ist. Der vorchristliche, willk\u00fcrlich allm\u00e4chtige Gott wurde nie als Liebe verstanden. Liebe achtet n\u00e4mlich den Anderen, ber\u00fccksichtigt ihn und l\u00e4\u00dft ihn gelten.<\/p>\n<p>Die Allmacht Gottes kann keine schrankenlos unbestimmte, keine totale, keine blank \u201esouver\u00e4ne\u201c, herrschaftliche und also keine \u201eabsolutistische\u201c sein \u2013 wenn Gott in sich wahr, eindeutig wahr ist. Und folglich kann \u201eAllmacht Gottes\u201c zum anderen <em>nicht<\/em> hei\u00dfen: Alles, was Gott tut, erstellt und zustande bringt, ist nur dazu da, um daran seine Macht zu erweisen. \u2013 Mit der Macht hat es n\u00e4mlich eine eigent\u00fcmliche Bewandtnis: Macht ist nur Macht, wenn sie ausge\u00fcbt wird, wenn sie sich \u00fcber Anderes als machtvoll, machthabend, erweist. Macht, blanke Macht, und um sich herum nichts, ist keine, ist ohne jede Kraft, denn sie kann sich nicht erweisen: sie hat nichts, woran sie sich erweisen k\u00f6nnte. Unbegrenzte, schiere Macht allein <em>ist<\/em> nicht, gibt es nicht, l\u00e4\u00dft sich nicht denken. Darum ist ja auch jeder Versuch, Macht um ihrer selbst willen zu demonstrieren \u2013 Macht, die nichts erreichen will, ohne Zweck ist \u2013 sinnlos. Macht mu\u00df Anderes neben sich dulden \u2013 und damit ist sie prinzipiell begrenzt. Denn das, woran sie sich erweist, mu\u00df schon da sein <em>vor<\/em>ihrem Machterweis. Macht braucht mithin Andere, um sich an ihnen auszu\u00fcben. Das, wovon alles \u00dcbrige schlechthin abh\u00e4ngig ist, das ist selbst <em>davon<\/em> abh\u00e4ngig, da\u00df alles von ihm abh\u00e4ngig ist. Denn sonst w\u00e4re es nicht <em>das<\/em>, wovon alles abh\u00e4ngig ist. Ihre Uneingeschr\u00e4nktheit, ihre souver\u00e4ne Unabh\u00e4ngigkeit k\u00f6nnte die Macht \u2013 etwa gar die so vorgestellte Macht Gottes \u2013 nur durchsetzen, wenn sie das Andere vernichtete. Doch dann w\u00e4re mit diesem einen Akt auch die Macht zu Ende.<\/p>\n<p>Eine exklusive, souver\u00e4ne Macht, die absolutistisch nur sich kennt, verneint bei sich selbst, was sie zwar wahrnimmt, aber nicht wahrhaben kann und will: das Dasein des Anderen. Sie mu\u00df das Andere zulassen, dulden \u2013 und erf\u00e4hrt es doch als Einschr\u00e4nkung der eigenen Macht, kann es also nicht gelten lassen. M.a.W., eine solche Macht ist in sich unwahr. <em>Sie<\/em>kann des wahren Gottes Macht nicht sein.<\/p>\n<p>Die exklusiv souver\u00e4ne Macht mu\u00df das Andere dulden und erf\u00e4hrt es doch als Einschr\u00e4nkung des Eigenen: folglich als permanente Bedrohung, gegen die sie sich durchsetzen <em>mu\u00df<\/em>. Solche Macht schafft sich ihre Gegnerschaft selber. Und blanke, nicht weiter bestimmte und somit begrenzte Macht ist in sich zwanghaft. Mag sie vom Machthaber her frei \u2013 willk\u00fcrlich sein \u2013 in sich selbst ist sie unfrei: sie mu\u00df sich durchsetzen, mu\u00df sich selbst behaupten. Ihre \u00dcberlegenheit kann sie in dieser Stellung nur durchsetzen und behaupten im Niederhalten, im Unterwerfen des Anderen, im Beherrschen und Verf\u00fcgen \u00fcber den Anderen, im Unterfangen, sich seiner zu bem\u00e4chtigen, ihn zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Was sie bek\u00e4mpft, wogegen sie k\u00e4mpfen mu\u00df, das ist die Selbst\u00e4ndigkeit und Freiheit des Anderen. Blanke, ungebundene Macht ist freiheitsfeindlich. Aus der Sicht des souver\u00e4nen Machthabers sind die Anderen immer die Schwachen, Armen, Kleinen, Unf\u00e4higen und als solche ver\u00e4chtlich.<\/p>\n<p>Die als total unabh\u00e4ngig, v\u00f6llig unbegrenzt, alles k\u00f6nnend vorgestellte Allmacht Gottes und die Ohnmacht des Menschen bedingen sich. Doch bereits dadurch ist die Allmacht bedingt und nicht einfach \u00fcber alles m\u00e4chtig und eben nicht v\u00f6llig unabh\u00e4ngig souver\u00e4n. Wenn jedoch nach dieser Vorstellung der Mensch nicht g\u00e4nzlich ohnm\u00e4chtig und ausschlie\u00dflich nur passiv w\u00e4re, wenn er Gott gegen\u00fcber auch nur irgend etwas Eigenes \u2013 gar Freiheit \u2013 h\u00e4tte, so k\u00f6nnte Gott, nach dieser Vorstellung, nicht allm\u00e4chtig sein, so w\u00e4re er davon abh\u00e4ngig und somit bedingt. Folglich l\u00e4\u00dft Gott, so vorgestellt, die Menschen nur gelten, sofern sie f\u00fcr ihn brauchbar sind, brauchbare Werkzeuge oder Mittel f\u00fcr seine Zwecke, Diener und Untergebene, oder gar nur St\u00fccke seines Eigentums sind. \u2013 Jedoch die so vorgestellte Allmacht, entgeht, wie gezeigt, der Bedingtheit nicht: Sie l\u00e4\u00dft sich folglich nicht halten, nicht als wahr annehmen.<\/p>\n<p>Und noch eine weitere \u00dcberlegung dazu: Wenn Gott endliche Freiheit nicht frei und wahrhaft zulie\u00dfe, wenn er nicht f\u00e4hig w\u00e4re, endliche Freiheit neben sich anzuerkennen, so erwiese er sich als unf\u00e4hig zu lieben und somit als begrenzt. Vor der Liebe erwiese er sich als darin eingeschr\u00e4nkt, den Anderen und dessen endliche Freiheit nur als Einschr\u00e4nkung des Eigenen und als dessen Bedrohung wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Im Vergleich mit einem solchen Gott \u2013 wie wir gesehen haben: vermeintlich \u2013 unbeschr\u00e4nkter Allmacht ist die Liebe absolut und also der wahre Gott: freilich nur <em>die<\/em> Liebe, die den Anderen freil\u00e4\u00dft selbst zum Widerspruch, die unter jedem Widerspruch, unter jeder Lieblosigkeit, leidet und dennoch bleibt, was sie ist: nicht aufh\u00f6rende Liebe, die selbst noch den Verirrten, den Verkehrten, den \u201eS\u00fcnder\u201c sucht. Die Allmacht des wahren Gottes kann nur die Macht freilassender Liebe und der Wahrheit sein.<\/p>\n<p>Sie kann folglich, drittens, <em>nicht<\/em> die einer Befehlsgewalt sein, der gegen\u00fcber der Andere nur untert\u00e4nig, willf\u00e4hrig und also gehorsam zu sein hat. Denn auch eine solche Herrschaft \u00fcber den Anderen enth\u00e4lt un\u00fcbersehbar Gewalt, \u201efunktioniert\u201c nur mit Gewalt. Der Befehlende kann den eigenen Willen des Anderen nicht aufkommen lassen, nicht respektieren: Er mu\u00df ihn niederzwingen und sich unterwerfen. Und der Gehorsame, der sich dem fremden Willen unterwirft, mu\u00df den eigenen Willen unterdr\u00fccken, also Gewalt gegen sich selbst anwenden. Solch ein Befehls- und Gehorsamsverh\u00e4ltnis schlie\u00dft jede Kommunikation zwischen den beiden aus.<\/p>\n<p>Gott \u2013 vorgestellt in der \u00fcblichen Annahme seiner Allm\u00e4chtigkeit \u2013 kann, zum vierten, <em>nicht<\/em> die \u201ealles bestimmende Wirklichkeit\u201c sein. Eine Position, die das behauptet, mu\u00df jedes Leiden, alle Krankheit, die schrecklichste Not, die Naturkatastrophen und die Geschichtsverbrechen (\u201eAuschwitz\u201c) als von Gott ausgehend erkl\u00e4ren, als uns von Gott bestimmt ausgeben. Solches Reden von einem allm\u00e4chtigen Gott scheitert allemal im tats\u00e4chlichen Leben, im Gespr\u00e4ch mit einem Betroffenen, am Theodizee-Syndrom, kommt nicht nur dar\u00fcber nicht hinaus, sondern hilft vor allem dar\u00fcber nicht hinweg. Jedoch eine sich Theologie nennende Position, die sagt, Gott sei angesichts des unfa\u00dflichen Elends dieser Welt, des ganzen Unheils und Verbrechens, oder auch nur <em>einem<\/em> Leiden gegen\u00fcber, ohnm\u00e4chtig, d. i. hilflos, hat Gott verraten. Nein, nicht so, sondern dies ist aus \u00dcberzeugung zu sagen: Gott ist un\u00fcberwindlich. Aber wir Menschen k\u00f6nnen Gott nicht nur, furchtbarerweise, beleidigen, sch\u00e4digen, entstellen, sondern ihm sogar sein Gottsein streitig machen und ihm den Tod antun; und die Natur kann das in ihrer Weise auch. Doch selbst da, noch im Tod, bleibt Gott, was er ist: die alle suchende, niemanden aufgebende Liebe.<\/p>\n<p>Es ist nicht einfach so zu behaupten: Bei Gott sind alle Dinge m\u00f6glich. Klar: M\u00f6glich ist immer alles. Aber das zu sagen, ist nur der Gipfel der Abstraktion. Und damit ist, genau besehen, nichts gesagt; denn das besagt nichts. Bereits nach traditioneller Lehre sind bei Gott zwar alle Dinge (!) m\u00f6glich, aber das B\u00f6se, Widerg\u00f6ttliche und an sich Unsinnige nicht. Also ist bei Gott nicht m\u00f6glich, was gegen sein Gottsein, gegen das ist, was er selber ist: der Geist der Wahrheit und der Liebe, das Lebendigmachende in allem Lebenden, der Sinn in allem Sinnvollen. Und bei Gott ist das nicht m\u00f6glich, oder das will Gott nicht, was gegen seinen Willen ist: und er will das Leben, den Tod jedoch will er nicht. Und er will uns Menschen: Er will, was er will, nicht ohne uns. W\u00e4re es anders, so w\u00e4re Gott blinde Notwendigkeit, und keiner, der bei Sinnen ist, k\u00f6nnte ihm trauen. So sei klar und deutlich gesagt: Gott will das B\u00f6se nicht und l\u00e4\u00dft es auch gerade <em>nicht<\/em> zu, sondern er und sein Geist bestehen und \u00fcberwinden es.<\/p>\n<p>Da\u00df Gott nicht die blinde Notwendigkeit und die unbestimmte \u201eMacht an sich\u201c sein kann, ist bei K. Barth deutlich ausgesprochen. Er fragt: \u201eIst Gott der Inbegriff aller Souver\u00e4nit\u00e4t, schlechthin potentia?\u201c Und er antwortet: \u201e&#8230; nicht der &#8218;Allm\u00e4chtige\u2019 ist Gott, nicht von einem h\u00f6chsten Inbegriff von Macht aus ist zu verstehen, was Gott ist. Und wer den &#8218;Allm\u00e4chtigen\u2019 Gott nennt, der redet in der furchtbarsten Weise an Gott vorbei.\u201c (Dogmatik im Grundr., 1947, S. 54)<\/p>\n<p>Wenn jedoch jener Satz, wonach bei Gott alle Dinge m\u00f6glich sind, pr\u00e4zisiert, d. h. inhaltlich n\u00e4herbestimmt wird und wenn er folglich lautet: Bei Gott ist auch das noch m\u00f6glich, was uns unm\u00f6glich zu sein scheint \u2013 und wenn er so ein Satz der Hoffnung auf das unaussch\u00f6pfbar Gute Gottes ist, dann hat er einen guten, theologischen Sinn. Denn dann kann er dem zur Resignation Geneigten Mut zum Aufstehen, Freiheit zum Leben geben.<\/p>\n<p>Nicht selten ist die Behauptung zu h\u00f6ren, f\u00fcr Gott sei auch das B\u00f6se zu etwas gut. Wenn dem so w\u00e4re, dann m\u00fc\u00dfte f\u00fcr den Menschen, der das \u201eglaubt\u201c, gut und b\u00f6se gleich sein, alles \u201eegal\u201c und gleichg\u00fcltig sein. Und \u00fcbrigens verst\u00fcnde uns dann Gott nicht, kennte er uns nicht als die, die unter dem lebenszerst\u00f6rerischen B\u00f6sen und Unheilvollen leiden, oder es w\u00e4re ihm gleichg\u00fcltig. Bereits I. Kant, der Philosoph, hat geltend gemacht: Wenn der Gottesgedanke nicht durch das vern\u00fcnftig Gute bestimmt ist, so bleiben dem Inhalt nach nur \u00fcbrig die \u201eEigenschaften der Ehr- und Herrschbegierde, mit den furchtbaren Vorstellungen der Macht und des Racheifers verbunden\u201c. Eine solche Gottesvorstellung jedoch zerst\u00f6rt nicht nur jede sittlich-ethische \u2013 vertrauensvolle \u2013 Beziehung zwischen Mensch und Gott, sondern \u2013 sollte ein Mensch dieser Gottesvorstellung wirklich folgen \u2013 auch die Geltung des moralischen Gesetzes (die Geltung ethischer Normen) unter den Menschen. Denn wenn bei Gott das unter den Menschen B\u00f6se gut sein kann, wenn alles immer auch anders sein kann, dann gibt es f\u00fcr den, der das glaubt, keine Ethik, keine Verpflichtung, keine Moralit\u00e4t (Kant, Grundl. zur Metaph. d. Sitten, B 92).<\/p>\n<p>Irgendwelche Abschw\u00e4chungen oder Erm\u00e4\u00dfigungen tragen da gar nichts aus. Bei D. Bonhoeffer steht: \u201eIch glaube, da\u00df Gott aus allem, auch aus dem B\u00f6sesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Daf\u00fcr braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.\u201c (Widerstand und Ergebung, 1997, S. 47) Wenn Menschen, einfach so, sich alle Dinge zum Besten dienen lassen, dann gibt es f\u00fcr diese das lebenszerst\u00f6rerische B\u00f6se nicht. Und dann &#8218;brauchen\u2019 sie Gott daf\u00fcr nicht, und \u201ebraucht\u201c Gott sie nicht f\u00fcr sein Entstehenlassen des Guten aus dem B\u00f6sen. Denn dann ist ja alles, wie man so sch\u00f6n sagt, \u201eschon gelaufen\u201c. Bei Bonhoeffer hei\u00dft es weiter: \u201eIch glaube da\u00df Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben m\u00fc\u00dfte [!] alle Angst vor der Zukunft \u00fcberwunden sein.\u201c Schrecklich, kalkulierte Gott in seiner P\u00e4dagogik unser Beinahe-Versinken und g\u00e4be er seine Hilfe dosiert.<\/p>\n<p>Nein, nicht so! Das ganze Elend dieser Welt, das \u00fcber Menschen hereinbrechende Unheil, die ganzen Verbrechen: sie sind ein Skandal, bei dem man sich nicht beruhigen kann; sie sind ein gerade von Gott als dem absolut Guten aufgedeckter Skandal. Sehe nur jeder, jede, zu, wie er oder sie ihn bestehen, ihn verkraften will \u2013 und aus welcher Kraft er oder sie das vermag.<\/p>\n<p>Sagt man, es geschehe nichts ohne Gottes Willen, so ist auch dieser Satz falsch, wenn es bei der Unbestimmtheit bleibt. Ja, es geschieht nichts ohne Gottes Willen, <em>aber<\/em> viel, viel zuviel, <em>gegen<\/em> seinen Willen: dann, wenn der Wille Gottes verkehrt, verstellt und verdeckt wird, weil Menschen ihn nicht in ihr eigenes Wollen aufgenommen haben und eben nicht tun.<\/p>\n<p>Auch ist, f\u00fcnftens, <em>nicht<\/em> zu sagen: Gott ist Herr \u00fcber Leben und Tod, er gibt wie das Leben, so auch den Tod \u2013 und das nach Belieben. Wieder geriete mit solcher Rede Gott ins Unbestimmte und m\u00fc\u00dfte er, um sein Belieben durchzusetzen, unseren Lebenswillen, den Lebenswillen alles Lebendigen, mi\u00dfachten und niedertreten. Dagegen gilt vielmehr: Gott ist die Quelle des Lebens, der Geist, der lebendig macht und lebendig h\u00e4lt. Er ist eindeutig <em>f\u00fcr<\/em> das Leben. Er gibt das Leben und will das Leben, das Leben eines jeden, er will das Leben und nicht den Tod, das Leben sogar \u00fcber den Tod hinaus. Er nimmt uns nicht das Leben: T\u00e4te er das, so w\u00fcrde er selbst vernichten, was er erweckt hat. Doch er l\u00e4\u00dft uns sterben, weil das Sterbenm\u00fcssen zum Leben in der Zeit geh\u00f6rt. Er l\u00e4\u00dft uns sterben \u2013 aber mit dem Willen, da\u00df wir nicht im Tod vergehen, sondern bei ihm ewig leben.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Der neuzeitliche Rechtsstaat kennt in der gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit zul\u00e4ssigerweise keine ungebundene Macht mehr. \u00dcber solche alte Gottes- und Obrigkeitsvorstellung ist er qualitativ hinaus. Er kennt als zul\u00e4ssig nur die an das Recht gebundene, vom Recht geregelte Macht. In einem demokratischen Rechtsstaat, auch mit einer konstitutionellen Monarchie, ist staatliche Macht, die auch rechtsetzende Macht ist, nach Verfassungsrecht immer dem Regierenden, also den Inhabern von Macht, einger\u00e4umte, zeitlich befristete und dem Staatsvolk rechenschaftspflichtige Macht. Die Inhaber staatlicher Macht sind nach Verfassungsrecht abw\u00e4hlbar. Nur nach Verfassungsrecht sind und handeln sie rechtm\u00e4\u00dfig. \u2013 Zul\u00e4ssige gesellschaftliche Macht von Gruppen und Verb\u00e4nden ist solche, die auf rechtlich geregelte \u00dcbereinkunft und Absprache, entscheidend auf Vertr\u00e4gen, beruht. \u2013 \u00dcbrigens ist das staatlich gesetzte, mit Durchsetzungsmacht bewehrte Recht immer auch ein Schutz gegen Machtanspr\u00fcche Anderer.<\/p>\n<p>Nicht ist Macht an sich b\u00f6se; nur die unbestimmte, uneingeschr\u00e4nkte, die absolutistische, in der \u00d6ffentlichkeit des Zusammenlebens nicht an das Recht gebundene Macht. Die nicht an das Recht gebundene, von ihm geregelte Macht ist in der \u00d6ffentlichkeit unrechte Gewalt und deren Aus\u00fcbung Gewalttat und als solche Unrecht.<\/p>\n<p>Folglich sollte uns jede Glorifizierung von Macht nur als solcher vergangen sein. Die Demonstration von Macht als Macht \u2013 und sei sie noch so gewaltig, wie sie als Naturgewalt in Blitz und Donner daherf\u00e4hrt oder aufzieht als siegreiche Streitmacht, oder wie sie noch so herrlich und herrschaftlich inszeniert sein mag \u2013 sollte niemandem mehr imponieren. Die Macht nur als Macht hat ihr Faszinierendes verloren. Und die Gewalttat erscheint nur noch als brutal und verwerflich.<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p>Die absolute Macht, die allem \u00fcberlegene und darum vor nichts und niemandem weichende Macht \u2013 die Allmacht \u2013 des wahren Gottes kann nur die der Wahrheit und der Liebe sein. Und diese Macht ist gewaltfrei eine freilassende, nichts erzwingende Macht.<\/p>\n<p>Die Macht der Gottesliebe ist die <em>der<\/em> Liebe, die nichts erzwingt, die in sich so stark, ihrer selbst so gewi\u00df ist, da\u00df sie nur wirbt, unerm\u00fcdlich, frei um den Anderen, den Menschen, wirbt, auf da\u00df er sich von ihr erwecken lasse und so beide, Gott und der Mensch, zusammenkommen und zusammenseien. Die Macht der Liebe ist die Macht, die furchtlos es nicht n\u00f6tig hat, den Anderen zu beherrschen, \u00fcber ihn zu verf\u00fcgen. Sie n\u00f6tigt den Anderen nicht, weil sie ihn nicht f\u00fcr sich ben\u00f6tigt, sie braucht den Anderen nicht, um ihn f\u00fcr sich zu gebrauchen. Sie achtet den Anderen, l\u00e4\u00dft ihn gelten. Und als g\u00f6ttliche Liebe ist es die sich nicht geschlagen gebende und die nicht aufgebende Liebe, die unbedingt zum Anderen h\u00e4lt, selbst noch in dessen Liebesverschlossenheit. Ihre St\u00e4rke besteht im Ausharren: widerst\u00e4ndig im Leiden an den ihr zugef\u00fcgten Beleidigungen, Entstellungen und Besch\u00e4digungen durch die Liebesverweigerung und Wahrheitswidrigkeiten zu sein \u2013 und in solchen Verletzungen immer noch Liebe, aufgeschlossen f\u00fcr den Anderen, zu sein, also weiterhin sie selbst zu sein: somit nicht \u00fcberw\u00e4ltigt zu werden und so, im Aushalten, \u00fcberlegen zu sein.<\/p>\n<p>Wie es ebenso als Macht des wahren Gottes die Macht der Wahrheit ist: Sie \u00fcberzeugt, wen sie \u00fcberzeugt, frei. Sie \u00fcberredet nicht, bezwingt nicht, setzt sich dem Einspruch und der Abweisung des Anderen aus, schl\u00e4gt den Widerspruch nicht nieder, sondern versucht, auch ihn zu versehen. Sie dr\u00e4ngt sich nicht auf, sondern setzt geduldig darauf, da\u00df sie von selbst einleuchtet, setzt also einzig auf die freie Einsicht des Anderen. Und sie ergreift und bewegt den und lichtet den Weg dem, der auf sie h\u00f6rt und sie bei sich einl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Eine achtsame, des Anderen gew\u00e4rtige und seine freie Teilnahme intendierende Macht ist die des wahren Gottes. Sie schafft, macht lebendig, indem sie erweckt. Es wird ja auch niemals etwas Gutes durch blo\u00dfe Macht erreicht; allenfalls das B\u00f6se verhindern l\u00e4\u00dft sich mittels \u2013 aber nur mittels rechtsf\u00f6rmiger \u2013 Gewalt.<\/p>\n<p>Nur der Gott, der gewaltfrei, also ohne zwingende Macht und ohne Gewalttat, die Gewalt des Unrechts besteht und dar\u00fcber hinausf\u00fchrt zu einem Leben der Wahrheit und der Liebe, kann der wahre Gott und glaubw\u00fcrdig sein. Er mi\u00dfachtet die Menschen nicht, indem er sie als hilflos, ohnm\u00e4chtig, unselbst\u00e4ndig und subjektlos behandelt. Er will sie viel mehr in seiner Liebe als sie selbst: als wahrheitsf\u00e4hige, liebesf\u00e4hige Personen. Immer wenn diese einwilligen, kommt seine Liebe zur Vollendung, ist sie in Freiheit absolut.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Traugott Koch<br \/>\n<\/strong><strong><a href=\"mailto:FB01-ISyTh@theologie.uni-hamburg.de\">E-Mail: FB01-ISyTh@theologie.uni-hamburg.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflexion zum Glaubensbekenntnis \u2013 Die Allmacht Gottes: worin besteht sie? | Traugott Koch | Gott, der allm\u00e4chtige Vater Martin Luther, WA 30 I, 10,6: &#8222;Wer einen Gott anzeigen wil, der mus anzeigen, was er kan und vermag.&#8220; Seit uralten Zeiten, seit Menschengedenken, sind die G\u00f6tter stark und eben nicht schw\u00e4chlich oder ohnm\u00e4chtig. 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