{"id":9653,"date":"2002-03-07T19:49:49","date_gmt":"2002-03-07T18:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9653"},"modified":"2025-04-25T15:08:48","modified_gmt":"2025-04-25T13:08:48","slug":"gott-als-schoepfer-und-erhalter-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/gott-als-schoepfer-und-erhalter-2\/","title":{"rendered":"Gott als Sch\u00f6pfer und Erhalter"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Gott als Sch\u00f6pfer und Erhalter \u2013 Reflexion | Friedrich Mildenberger |<\/h3>\n<p><span id=\"luther\">Gott, der Sch\u00f6pfer und Erhalter<\/span><br \/>\nMartin Luther, WA 30 I, 10,23-26: &#8222;Non ideo creavit caelum et terram, ut<br \/>\nipse haberet, sed mihi et tibi annunciatur, quod crearit omnia, ut cogites: Si<br \/>\ndeus meus tam potens est, quid faciet mihi Papa, diabolus cum omnibus suis angelis?<br \/>\nNon perderent orbem terrarum, quia deus noster fortior est.&#8220;<\/p>\n<p>Ich setze mit einigen Informationen und \u00dcberlegungen zur dogmatischen Tradition von Sch\u00f6pfungs- und Vorsehungslehre ein, die auf die besondere Problematik eines Redens von diesen Inhalten des Glaubens in der gegenw\u00e4rtigen Situation aufmerksam machen sollen. Eilige Leser m\u00f6gen diese Passagen \u00fcberschlagen. Doch dem Dogmatiker liegt daran, diese Sachverhalte zu benennen und so auf die oft gar nicht deutlich erfa\u00dfte Traditionsbestimmtheit unseres Redens hinzuweisen. Dann will ich einige \u00dcberlegungen zu sprachlichen Formen nennen, in denen wir von der Sch\u00f6pfung und erst recht von der Erhaltung der Welt durch Gott reden k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich mu\u00df dann auf Lebenszusammenh\u00e4nge gewiesen werden, in denen diese Glaubensinhalte vorwiegend begegnen und zur Sprache kommen.<\/p>\n<p>Bei Sch\u00f6pfung und Erhaltung &#8211; \u00fcblicherweise redete man in der dogmatischen Tradition von \u201cVorsehung\u201d, providentia, die wieder in conservatio, concursus und gubernatio, also Erhaltung, Beistand und Lenkung unterschieden wurde &#8211; handelt es sich um Glaubensinhalte, die einmal zu den \u201carticuli fidei mixti\u201d gez\u00e4hlt wurden: Das sind Glaubensinhalte, die nicht nur aus der Schrift bekannt, sondern auch wenigstens ansatzweise \u201cvern\u00fcnftig\u201d zug\u00e4nglich sind. Darum werden sie nach ihren Quellen, der Vernunft und der Schrift, als \u201cgemischt\u201d bezeichnet. Sie k\u00f6nnen also jedem gutwilligen und einsichtigen Menschen wenigstens in ihren Grundz\u00fcgen klargemacht werden, ohne dazu gleich auf die Autorit\u00e4t der Bibel oder der die g\u00f6ttliche Offenbarung vertretenden Instanzen der Kirchenlehre zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen. So hat es jedenfalls die traditionelle dogmatische Lehre angenommen. Und diese Tradition hat bis in die Gegenwart hinein das Sprechen von diesen Glaubensinhalten und die Art und Weise, wie sie in Predigt oder Unterricht vermittelt werden sollten, bestimmt. Sie schienen auf jeden Fall unmittelbarer zug\u00e4nglich zu sein als die Glaubenwahrheiten der Geschichte Jesu Christi und ihrer Zueignung durch die kirchliche Vermittlung.<\/p>\n<p>Um sich einen Eindruck von solchem Reden zu verschaffen, brauchen wir uns nur an die von Paul Gerhardt und Anderen verfa\u00dften Lieder unseres Gesangbuchs zu diesen Glaubensinhalten zu erinnern. Nur beispielsweise nenne ich einige Titel: \u201cIch singe Dir mit Herz und Mund\u201d (EG 324). \u201cSollt ich meinem Gott nicht singen\u201d (EG 325). \u201cAlles ist an Gottes Segen\u201d (EG 352). Nat\u00fcrlich dann vor allem das gel\u00e4ufigste dieser Lieder: \u201cBefiehl du deine Wege\u201d (EG 361). Hier wird immer in einer Verbindung von allgemeiner Sch\u00f6pfung und Erhaltung und der pers\u00f6nlichen F\u00fchrung durch Gott geredet, wobei dann diese pers\u00f6nliche F\u00fchrung die Vers\u00f6hnung und Erl\u00f6sung des Glaubenden jeweils mit einschlie\u00dft. Der Mensch nach Leib und Seele verdankt sich Gott, der ihn geschaffen hat und erh\u00e4lt und schlie\u00dflich zum eschatologischen Ziel hinf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Man wird sich freilich auch dort, wo man dieser Tradition des Redens von Sch\u00f6pfung und Erhaltung auch gegenw\u00e4rtig folgen will, \u00fcber die Probleme klar sein m\u00fcssen, die sich hier durch die Aufkl\u00e4rung und ihre Folgen f\u00fcr \u201cDie gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit\u201d (Berger-Luckmann) ergeben haben. \u201cVern\u00fcnftigkeit\u201d in dem Sinne einer allgemeinen Zumutbarkeit werden wir f\u00fcr diese Glaubensinhalte nicht mehr in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Zugleich ist damit auch ihre Verbindung mit den anderen Glaubensinhalten problematisch geworden. Das Handeln des einen und selben Gottes in Sch\u00f6pfung, Vers\u00f6hnung, Erl\u00f6sung, wie es im Glaubensbekenntnis beschrieben wird, hat ja \u00fcber den Anspruch der Vern\u00fcnftigkeit des Gottesglaubens in Sch\u00f6pfung und Vorsehung Welt und Heil sozusagen verklammert. Das war ein so gewichtiger Sprachgewinn, da\u00df es schwer f\u00e4llt, von ihm Abschied zu nehmen. Der heftige und nie entschiedene Streit um die \u201cnat\u00fcrliche Theologie\u201d im vergangenen Jahrhundert deutet das an. Er wird in der Frage nach dem Verst\u00e4ndnis von Religion \u00fcberhaupt und gerade auch in der Frage nach dem Verh\u00e4ltnis der Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam weitergehen. Das ber\u00fchrt die Frage nach Sch\u00f6pfung und Erhaltung unmittelbar: handelt es sich hier um gemeinsame Inhalte dieser Religionen, die sich dann eher in der Art, wie der Offenbarungsempfang verstanden wird , und dann nat\u00fcrlich in der Frage nach dem Heil und seiner Zueignung unterschieden? Oder ist das eine und ungeteilte Gottesverh\u00e4ltnis in seiner religi\u00f6sen Konstitution auch Voraussetzung daf\u00fcr, da\u00df jeweils von Sch\u00f6pfung und Erhaltung der Welt wie der Einzelnen durch Gott geredet werden kann und mu\u00df? Oder anders formuliert: Soll um der gr\u00f6\u00dferen Reichweite eines Redens von Sch\u00f6pfung und Erhaltung willen die Begr\u00fcndung eines solchen Redens in der durch die jeweilige Glaubensgemeinschaft vermittelten individuellen Glaubens\u00fcberzeugung zur\u00fcckgenommen werden?<\/p>\n<p>F\u00fcr Luther ist in seinen Katechismuspredigten wie im GrKat &#8211; ich verweise zus\u00e4tzlich auf die von Luther im Anhang zu seiner gro\u00dfen Schrift \u201cVom Abendmahl Christi, Bekenntnis\u201d (WA 26, 499-509; BoA 3, 507-515) gegebene Zusammenfassung seines Glaubens, die sich auch zeitlich nahe mit den Katechismen ber\u00fchrt &#8211; die unmittelbare Zusammengeh\u00f6rigkeit der Glaubensinhalte bestimmend. Nur weil uns Gott mit seinem durch Jesus Christus bestimmten Namen bekannt ist, k\u00f6nnen wir ihn als den Sch\u00f6pfer und Erhalter, als den Geber aller guten Gaben, erfassen und glauben. Dazu f\u00fchre ich ein Fazit Luthers aus seinem Bekenntnis an: \u201c Das sind die drei Personen und ein Gott, der sich uns allen selbst ganz und gar gegeben hat mit allem das er ist und hat. Der Vater gibt sich uns mit Himmel und Erde samt allen Kreaturen, da\u00df sie dienen und n\u00fctze sein m\u00fcssen. Aber solche Gabe ist durch Adams Fall verfinstert und unn\u00fctz geworden. Darum hat danach der Sohn sich selbst auch uns gegeben, alle seine Werke, Leiden, Weisheit und Gerechtigkeit geschenkt und uns dem Vater vers\u00f6hnt, damit wir wieder lebendig und gerecht auch den Vater mit seinen Gaben erkennen und haben m\u00f6chten. Weil aber solche Gnade niemand n\u00fctze w\u00e4re, wo sie so heimlich und verborgen bliebe und zu uns nicht kommen k\u00f6nnte, so kommt der Heilige Geist und gibt sich auch uns ganz und gar; der lehret uns, solche Wohltat Christi uns erzeigt, erkennen, hilft sie empfangen und behalten, n\u00fctzlich brauchen und austeilen, mehren und f\u00f6rdern, und tut dasselbige beide, innerlich und \u00e4u\u00dferlich\u201d (WA 26, 505f). Innerlich geschehe das durch den Glauben, \u00e4u\u00dferlich durch das Evangelium, Taufe und Abendmahl.<\/p>\n<p>Haben wir hier eine Betonung der Einheit aller Glaubensartikel, in welcher der Sch\u00f6pfer und Erhalter in seiner Liebe gerade vom Zuspruch der Vers\u00f6hnung in Christus aus erfa\u00dft werden soll, so kann Luther andererseits auch in der eher traditionellen Weise sprechen: Die Macht des Sch\u00f6pfers, wie sie uns in Himmel und Erde mit allen Gesch\u00f6pfen vor Augen steht, vergewissert uns der Erhaltung unserer Welt wie des Heiles, die nicht durch gottfeindliche M\u00e4chte, den Papst oder den Teufel mit seinen Helfern verderbt werden k\u00f6nnen. Doch ist auch dabei die Einheit von Sch\u00f6pfung, Vers\u00f6hnung und Erl\u00f6sung unverzichtbar. Denn nur durch diese ist Gott in seiner liebenden Zuwendung kenntlich.<\/p>\n<p>So macht das ja auch der Wortlaut des Glaubensbekenntnisses deutlich, auf den ich dazu ausdr\u00fccklich hinweise. Von der deutschen Fassung des Apostolikums her sind wir daran gew\u00f6hnt, hier vier Bestimmungen zu unterscheiden: Ich glaube an Gott, an den Vater, an den Allm\u00e4chtigen, an den Sch\u00f6pfer des Himmels und der Erde. Die zweite und dritte Bestimmung ist aber sowohl in der griechischen , dann im Nicaenum festgelegten Fassung des Bekenntnisses, wie in der lateinischen Fassung, die dann im Apostolikum ihren festen Wortlaut fand, zusammengenommen: Da ist vom Glauben an den \u201cpat\u00e4r pantokrator\u201d bzw. den \u201dpater omnipotens\u201d die Rede. Der von der Erl\u00f6sung her als Vater Jesu Christi und der Glaubenden bekannte Gott (Vaterunser) ist der Pantokrator, der Allherrscher oder der Allm\u00e4chtige, der omnipotens. Gott den Vater &#8211; oder die Mutter &#8211; ohne diese mindestens implizite Bestimmung der Allmacht zu nennen verstie\u00dfe also genauso gegen die im Bekenntnis festgelegte Glaubensregel wie eine Bestimmung Gottes als des Allm\u00e4chtigen, die seine im Vaternamen ausgesagte Zuwendung unterschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Wir reden von Gottes Erhaltung zutreffend nur so, da\u00df wir uns mit solchem Reden identifizieren. Dazu nenne ich die Redeformen der Erz\u00e4hlung, der Bitte bzw. des Dankes, der Klage und der Doxologie.<\/p>\n<p>Die Doxologie ist der Form des Glaubensbekenntnisses unmittelbar benachbart. Sie ist der angemessene Ort, um die hier im Bereich des Sch\u00f6pfungsglaubens unverzichtbaren Allaussagen zur Sprache zu bringen. Solche Formulierungen sollten aber nicht als ein Urteil verstanden oder mi\u00dfverstanden werden k\u00f6nnen, wie in dem Spr\u00fcchlein, das ich als Kind gelernt habe: \u201cGott hat die Welt gemacht und alles, was darinnen ist\u201d (nach Apg 17,24). In der Form des Urteils partizipiert dieser Spruch an der traditionell behaupteten \u201cnat\u00fcrlichen\u201d Gotteserkenntnis. Fragen wir aber nach: \u201cWoher wei\u00dft du das?\u201d, dann zeigt sich rasch die Schwierigkeit eines solchen Urteils. Ich k\u00f6nnte mich auf diese Frage hin doch ehrlicherweise mindestens zun\u00e4chst nur auf meine Glaubenstradition berufen. Wie diese Glaubenstradition dann mit der gel\u00e4ufigen Anschauung der Weltentstehung (\u201cUrknall\u201d etc.) zusammenstimmt, w\u00e4re eine Frage, die sich kaum noch beantworten lie\u00dfe. Und erst recht k\u00e4me ich ins Stottern, wenn mir dann entgegengehalten w\u00fcrde: Wenn das stimmt, wieso ist diese Welt dann hier und hier und hier so elend eingerichtet? Wenn wir miteinander im Sanctus bekennen: \u201cHeilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth: voll sind Himmel und Erde seiner Herrlichkeit. Hosianna in der H\u00f6he\u201d, dann ist hier eine ganz andere Gestalt gemeinsamer Identifikation gegeben. Wie wir das dann explizieren, ob die F\u00fclle des Geschaffenen als diese Herrlichkeit Gottes gedacht ist, oder ob diese Herrlichkeit zu dieser F\u00fclle dazukommt als eine besondere Art der Gegenwart Gottes: das macht wenig Unterschied. Im Gegen\u00fcber der lobenden Gemeinde zu dem Gott, der da angerufen wird, ist in solchem Sprechen die Gewi\u00dfheit seiner Gegenwart in der ausgesprochenen Wahrheit des Glaubens mit gesetzt.<\/p>\n<p>Die Sprachform der gemeinsamen wie der individuellen Klage ist uns dagegen nicht so gel\u00e4ufig, obwohl sie in vielen Gestalten in den Psalmen vorliegt. Auch da wird Gott angerufen. Freilich nun nicht in der lobenden Gewi\u00dfheit seiner Gegenwart, sondern im Zweifel angesichts einer Welt, in der diese Gegenwart unkenntlich geworden ist. Vielleicht kann da dann, wie das Klageformular das vorsieht, erinnert werden an Zeiten, in denen das anders gewesen ist. Und mit der Klage \u00fcber die Abwesenheit Gottes, oder jedenfalls der Erfahrung seiner liebenden Zuwendung, kann die Erwartung verbunden werden, da\u00df sich das \u00e4ndern m\u00f6ge, da\u00df sich Gott wieder so zeige, wie das die jetzt Klagenden hoffen und erwarten.<\/p>\n<p>Sind gerade gemeinsames Lob und gemeinsame Klage durch Allaussagen charakterisiert, die Himmel und Erde, das Ganze unserer Wirklichkeit nennen, so haben Dank und Bitte ihren konkreten Gegenstand, das was gut gewesen ist oder das was gut werden soll. Hier ist in unserem religi\u00f6sen Sprechen Gott als der, der uns miteinander und jede insbesondere erh\u00e4lt, begleitet und f\u00fchrt &#8211; vgl. die oben genannten Distinktionen zur Vorsehungslehre, conservatio, concursus und gubernatio &#8211; anzutreffen. Das gilt schon von gel\u00e4ufigen Redensarten, \u201cGott sei Dank\u201d, \u201cso Gott will\u201d, \u201chelf Dir Gott\u201d , \u201cda gnade uns Gott\u201d etc. Aber es gilt erst recht von der Erinnerung dessen, was gewesen ist und von der Erwartung dessen, was kommen wird. Hier kann und mu\u00df Gott mit dem, was sich unter uns und mit uns zutr\u00e4gt, zusammen gesprochen werden. Da\u00df hier dann nicht nur das offenkundig Gute besprochen wird, sondern auch Erfahrungen, die M\u00fche gemacht haben, Aussichten, die f\u00fcrchten lassen, Geschehen, das uns mindestens zun\u00e4chst einmal sinnlos vorkommt, erw\u00e4hne ich nur eben. Aber auch hier l\u00e4\u00dft sich dann im Blick auf Gott sprechen, etwa mit Jes 55,8. Solches Sprechen wird dann leicht in die Klage \u00fcbergehen k\u00f6nnen. Gerade darum ist allerdings ein Optimismus des Vorsehungsglaubens, der unser allgemein-menschliches, etwa in unserer philosophischen Tradition ausgearbeitetes Postulat eines Sinnverstehens dessen, was ist und Gottes Vorsehung ununterscheidbar zusammenr\u00fcckt, genauso unangebracht, wie ein frommes Gerede, das meint, Gottes Liebe \u00fcber alles, was sich zutr\u00e4gt, ausbreiten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ich mache gerade in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, wie uns hier das traditionelle Sprechen von Gottes Vorsehung in unl\u00f6sbare Probleme verwickeln kann. \u201cWenn guten Menschen B\u00f6ses widerf\u00e4hrt\u201d (H.Kushner), wenn gar \u201cDer Gottesbegriff nach Auschwitz\u201d (H.Jonas) durchdacht werden soll, dann zeigt sich rasch auch die Ohnmacht eines traditionellen Sprechens von Gottes Vorsehung. Nur in strenger Disziplin, die wei\u00df, wo sie schweigen mu\u00df, wie Hiobs Freunde das wenigstens zun\u00e4chst taten, wie dann in konkreter R\u00fcckbindung an biblisches Sprechen kann hier die Sprachtradition der Vorsehungslehre weitergef\u00fchrt werden. Der Vorzug dieser Tradition, die auf unmittelbar Erfahrenes als auf einen Erweis der N\u00e4he Gottes hinweisen konnte, l\u00e4\u00dft sich nicht so auf Dauer stellen, da\u00df wir dar\u00fcber bei Bedarf verf\u00fcgten.<\/p>\n<p>Deshalb nenne ich als eine weitere identifizierende Sprachform, in der von Gottes Vorsehung geredet werden kann, die Erz\u00e4hlung. Dazu brauche ich nun nicht Einzelheiten anzuf\u00fchren. So unterschiedlich Gelegenheiten und Herausforderungen sind, Gottes Dabeisein bei dem, was sich zutr\u00e4gt, zu besprechen, so unterschiedlich werden die Geschichten sein, durch die das geschieht und die Zeiten, die da dann in der erz\u00e4hlenden Erinnerung versammelt werden. Jedenfalls ist hier klar, wie von Gottes Vorsehung dann in ihrer ganz eigenen Besonderheit geredet werden kann und mu\u00df, die weit von dem abliegt, was als eine Allaussage f\u00fcr alles, was geschieht, gelten soll und so oft gerade nicht weiter tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die hier genannten Redeformen haben ihre eigent\u00fcmlichen Orte, an die sie geh\u00f6ren. Nat\u00fcrlich kann ich die jetzt nicht in allen Einzelheiten durchgehen. Aber ich erinnere doch an Einiges, das hier mit im Blick sein sollte. Das Lob des Gottes, der seine Sch\u00f6pfung und uns in dieser Sch\u00f6pfung erh\u00e4lt, hat in unserem Kirchenjahr ja mindestens zwei ausdr\u00fcckliche Orte: das Erntedankfest und den Jahreswechsel. Ist es am Erntedankfest eher das nat\u00fcrliche Leben, dessen Erhaltung in Gottes Zuwendung gepriesen wird, so wird am Jahreswechsel das individuelle Leben gerade in seiner Einbettung in die gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4nge und Begebenheiten zu nennen sein. Wir tun hier freilich gut daran, bei diesen Gelegenheiten nicht zu rasch in den ethischen Appell \u00fcberzugehen. Sicher hat ein Reden von der uns aufgetragenen \u201cBewahrung der Sch\u00f6pfung\u201d seinen biblischen Anhalt in 1.Mose 2,15; aber davon m\u00fc\u00dfte dann auf jeden Fall in der Gebrochenheit dieses Sch\u00f6pfungsauftrags durch die S\u00fcnde gesprochen werden. Da\u00df Gott selbst Subjekt der Erhaltung ist, und allein in dieser Erhaltung durch Gott unsere Welt Bestand hat, das mu\u00df auf jeden Fall deutlich bleiben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind es nicht nur diese Feste im Kirchenjahr, an denen die Doxologie Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat und erh\u00e4lt, in unseren Gottesdiensten ihren Ort hat. Gerade um der Zusammengeh\u00f6rigkeit von Sch\u00f6pfung und Erl\u00f6sung willen ist solches Reden unverzichtbar. Ich habe darum ja schon auf das Sanctus verwiesen, in dem Sch\u00f6pfung und Erl\u00f6sung zusammengebunden sind.<\/p>\n<p>Die Frage nach einem besonderen Ort f\u00fcr die gemeinsame Klage lasse ich jetzt anstehen. Unser Unverm\u00f6gen, bei allem guten Willen den drohenden Krieg im Irak aufzuhalten, l\u00e4\u00dft uns dem Gott klagen, der die Macht hat, auch das zu tun. Warum h\u00e4lt er sich zur\u00fcck und l\u00e4\u00dft uns so unsere Ohnmacht erfahren? In pers\u00f6nlichen Lebenszusammenh\u00e4ngen solche Orte f\u00fcr die Klage aufzusuchen, ist hier nicht n\u00f6tig. Der \u201ctragische Ungl\u00fccksfall\u201d, dem Menschen zum Opfer fallen, l\u00e4\u00dft das Nichtverstehen ohne Adresse. Wir werden diese Adresse beitragen k\u00f6nnen, auch im Pro-test. \u201cEs hat Gott nicht gefallen\u201d (K.Marti).<\/p>\n<p>In Dank und Bitte die Gewi\u00dfheit der Erhaltung durch Gott einzu\u00fcben, ist eine notwendige Sache. Tischgebet, Morgen- und Abendgebet sind dazu eine eingef\u00fchrte Sitte, die wir nicht leichthin aufgeben sollten. Anl\u00e4sse in der pers\u00f6nlichen Lebensgeschichte, regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrend wie Geburtstage, aber auch solche von ganz besonderer lebensgeschichtlicher Relevanz, sei das die Begr\u00fcndung einer Partnerschaft und die Erinnerung ihrer Dauer, sei es eine Krankheit und Genesung, geh\u00f6ren hierher. Ich kann das jetzt nur beispielsweise nennen. Die F\u00fclle des Lebens mit dem, was sich da zutr\u00e4gt, wird hier in ihrer Bestimmtheit durch Gottes Dabeisein wahrgenommen.<\/p>\n<p>Davon l\u00e4\u00dft sich auch erz\u00e4hlen. Gro\u00dfe F\u00fchrungsgeschichten der Bibel, Josef und seine Br\u00fcder, oder die Sendung des Petrus zum heidnischen Hauptmann Kornelius k\u00f6nnen beispielhaft genannt werden. Von sich selbst zu erz\u00e4hlen wird sich in manchen Situationen nicht vermeiden lassen. Aber gerade bei \u00f6ffentlicher Rede wie auf der Kanzel erz\u00e4hlen wir doch im Normalfall das nach, was uns andere erz\u00e4hlt haben. Wie Gott in seinem Dabeisein mit menschlichen Wegen erfahren wurde, das ist ja Anschauung seiner N\u00e4he als dessen, der erh\u00e4lt, was er geschaffen hat.<\/p>\n<p>Wie weit wir bei all dem, was ich da andeutend erw\u00e4hnt habe, noch von einem locus communis, einem rhetorischen Gemeinplatz reden k\u00f6nnen, an dem wir uns alle miteinander im Einverst\u00e4ndnis treffen k\u00f6nnen, das habe ich als historisch-dogmatische Frage schon er\u00f6rtert. Wie die Reichweite dieses \u201cwir alle miteinander\u201d anzusetzen ist, das l\u00e4\u00dft sich also nicht generell beantworten. Aber wir haben danach zu fragen, wenn wir \u00fcber die Erhaltung der Sch\u00f6pfung durch ihren Sch\u00f6pfer zu reden haben.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten solchen Redens, die ich wenigstens andeutend durchgegangen bin, k\u00f6nnen in einer Predigt selbstverst\u00e4ndlich nicht alle aufgenommen werden. Doch es ist nicht unwichtig, sie wenigstens einmal durchzugehen. Was dann ausgef\u00fchrt wird, m\u00fcssen die bestimmen, die zu reden haben. Ob dabei ein Einverst\u00e4ndnis m\u00f6glich ist, ob das \u00fcberhaupt Ziel einer solchen Predigt sein kann, das will ich offen lassen. Was das Richtige ist f\u00fcr die Leute, zu denen da gesprochen werden soll, ist ja wieder abh\u00e4ngig von Zeit und Gelegenheit solchen Redens. Denn \u201czum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein, da\u00df einer angenehm sei, dazu hilft nicht, da\u00df er etwas gut kann, sondern alles liegt an Zeit und Gl\u00fcck\u201d (Pred 9,11). So verweist der Prediger auf Gelingen oder auch Mi\u00dflingen in unserem auf Gottes Vorsehung angewiesenen und durch sie bestimmten Leben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Friedrich Mildenberger<br \/>\nRehweiherstra\u00dfe 7 91056 Erlangen<br \/>\nTel. 09131\/44244<\/strong><br \/>\n<a href=\"mailto:Mildenberger-Kosbach@t-online.de\">E-Mail: Mildenberger-Kosbach@t-online.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gott als Sch\u00f6pfer und Erhalter \u2013 Reflexion | Friedrich Mildenberger | Gott, der Sch\u00f6pfer und Erhalter Martin Luther, WA 30 I, 10,23-26: &#8222;Non ideo creavit caelum et terram, ut ipse haberet, sed mihi et tibi annunciatur, quod crearit omnia, ut cogites: Si deus meus tam potens est, quid faciet mihi Papa, diabolus cum omnibus suis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":13205,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,727,157,120,114,1630,1035,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9653","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-bes_gelegenheiten","category-deut","category-friedrich-mildenberger","category-martin-luther","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9653","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9653"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9653\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23369,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9653\/revisions\/23369"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/13205"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9653"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9653"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9653"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9653"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}