{"id":9655,"date":"2003-06-07T19:49:49","date_gmt":"2003-06-07T17:49:49","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9655"},"modified":"2025-04-24T11:22:00","modified_gmt":"2025-04-24T09:22:00","slug":"petrus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/petrus\/","title":{"rendered":"Petrus"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">Predigtreihe \u00fcber biblische Gestalten \u2013 &#8222;Petrus&#8220; | Mt 14,24-31; Mt 16,13-19; Lk 22,33-34.54-62; Joh 18,3-5.10-12 | Stephan H\u00f6lter |<\/span><\/h3>\n<p>Der Predigt gingen in diesem Gottesdienst 4 Lesungen voran:<\/p>\n<p>1. Mt 14,24-31 (Seewandel Jesu und Petri)<br \/>\n2. Joh 18,3-5.10-12 (Gefangennahme Jesu)<br \/>\n3. Lk 22,33-34.54-62 (Verleugnung des Petrus)<br \/>\n4. Lesung: Mt 16,13-19 (Bekenntnis Petri und Felsenwort Jesu)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wir haben jetzt in den Lesungen viel \u00fcber Petrus geh\u00f6rt. Ich hoffe, er ist uns allen dadurch im Moment gut vor Augen. Wir haben ein Bild von ihm, von seinem Leben, von seinem Weg, den er mit Jesus gegangen ist.<\/p>\n<p>Von all den Leuten, die damals mit Jesus gegangen sind, erscheint mir Petrus, der Fischer, am n\u00e4chsten. Er darf versagen! Mit ihm kann ich mich am ehesten identifizieren. In ihn kann ich mich am ehesten hineinversetzen. Und in ihn versetze ich mich auch am liebsten hinein. Er darf scheitern! Durch die Augen des Petrus kann ich die Geschichte Jesu am besten miterleben. Er ist uns als Lesern besonders nah. Er erscheint uns besonders menschlich und wir k\u00f6nnen ihn besonders gut verstehen. Er darf kleingl\u00e4ubig sein!<\/p>\n<p>Petrus wird in der Bibel nicht als gro\u00dfe, leuchtende Vorbildgestalt dargestellt. Er ist nicht der \u00dcbermensch, der immer alles richtig macht und vor Gott aus eigener Kraft besteht. Im Gegenteil: Er versucht dies zuweilen zwar, scheitert aber gerade daran. Er meint zuweilen, er k\u00f6nne <em>dasselbe<\/em> Joch auf sich nehmen, <em>dieselben<\/em> Pr\u00fcfungen bestehen und <em>denselben<\/em> Leidenskelch trinken, wie sein Herr, Jesus Christus. \u201eIch bin bereit, mit dir ins Gef\u00e4ngnis und in den Tod zu gehen,\u201c sagt Petrus zu Jesus. Doch stattdessen passiert das, was Jesus vorausgesagt hat: Petrus verleugnet ihn dreimal in nur einer Nacht. Selbst am H\u00f6hepunkt des Weges Christi, den Petrus begleitet, steht er als der Versager da. Aus Angst, selbst mitverurteilt zu werden, bestreitet er wider besseres Wissen, Jesus zu kennen. Diese Angst, die Petrus da gehabt hat, kann man sich gut vorstellen. Deshalb erscheint uns Petrus hier auch so menschlich und so nah.<\/p>\n<p>Ebenfalls nah und gut verst\u00e4ndlich erscheint er uns, als er kurz darauf seinen Fehler erkennt und verzweifelt zu weinen beginnt. Er sp\u00fcrt seine Hilflosigkeit. Er wei\u00df, was er falsch gemacht hat, aber er kann nichts mehr dagegen tun. Wahrscheinlich wei\u00df er auch, dass er denselben Fehler in derselben Situation wieder machen w\u00fcrde. Das macht ihn hilflos &#8211; so hilflos, wie wir uns auch oft f\u00fchlen, wenn wir wider unser besseres Wissen falsch handeln, es aber nicht wiedergutmachen k\u00f6nnen. Wie will man wiedergutmachen, was man in seinem Leben schon alles anderen an Schaden zugef\u00fcgt hat? Kann man es denn ungeschehen machen?<\/p>\n<p>Auch Petrus muss diese Erfahrung machen, v\u00f6llig hilflos zu sein. Allerdings lernt er dabei etwas wichtiges: n\u00e4mlich, nicht allein sich selbst und seinen eigenen F\u00e4higkeiten zu vertrauen, sondern auch dem, der es besser wei\u00df: Gott. Er lernt von Jesus, dass er sich selbst nicht \u00fcbersch\u00e4tzen darf. Er kann eben nicht dasselbe Joch tragen und denselben Leidensweg gehen wie sein Meister.<\/p>\n<p>Teilweise ist er sich dessen auch von Anfang an bewusst. Als Jesus ihn n\u00e4mlich \u00fcberhaupt erst zum Apostel berufen will, weigert er sich zun\u00e4chst, weil er glaubt, unw\u00fcrdig zu sein. Er sp\u00fcrt, dass da jemand vor ihm steht, der gr\u00f6\u00dfer ist als er, und der gr\u00f6\u00dfere Aufgaben bew\u00e4ltigen kann als er. Er sp\u00fcrt, dass er eben nicht \u00fcberall hin folgen kann, wo <em>der<\/em> hingeht. Deshalb kommt er anfangs nur sehr widerwillig mit. Lieber w\u00e4re er Fischer geblieben als Apostel zu werden.<\/p>\n<p>Aber dann zeigt sich eben, dass er sich letztlich trotzdem noch selbst \u00fcbersch\u00e4tzt. Und er muss erst von Jesus lernen, nicht nur sich selbst zu vertrauen, sondern vor allem Gott. Als Jesus gefangen genommen wird, versucht Petrus, dies mit Gewalt zu verhindern. Er vertraut darauf, mit <em>seinen<\/em> Waffen und <em>seiner<\/em> St\u00e4rke die Lage in den Griff bekommen und Jesus retten zu k\u00f6nnen. Aber Jesus verweist ihn darauf, dass Gott selbst verhindern w\u00fcrde, was hier geschieht, wenn er es denn wollte. Doch was hier geschieht, ist Gottes Wille. Und auch wenn der schwer zu akzeptieren ist, muss Petrus lernen, Gott nicht nur genauso, sondern sogar mehr zu vertrauen als sich selbst. Er w\u00fcrde am liebsten mit dem Schwert drein schlagen, aber er muss sich zur\u00fcckhalten und unter den Willen Gottes beugen.<\/p>\n<p>Petrus widersetzt sich dem Willen Gottes aber nicht in b\u00f6ser Absicht. Sonst w\u00e4re er wohl kaum die Gestalt im Umfeld Jesu, in die wir uns besonders gut hinein versetzen k\u00f6nnen. Was Petrus gerade zu dem macht, in den wir uns besonders gut hinein versetzen k\u00f6nnen, ist, dass er all diese Fehler stets mit den besten Absichten begeht. Als er Jesus mit dem Schwert verteidigen will, tut er dass ja nur, um seinen Meister zu retten. Er m\u00f6chte so gerne alles f\u00fcr Jesus tun, was in seiner Macht steht. Aus demselben Grunde sagt er auch, er w\u00fcrde mit ihm bis in den Tod gehen, wenn es sein muss. Doch all dies gelingt ihm nicht. Er handelt nur mit den besten Absichten und scheitert doch immer wieder \u2013 eine Erfahrung, die nicht nur er gemacht hat, sondern die uns immer wieder und \u00fcberall begegnet.<\/p>\n<p>Und genau wie auch jeder von uns, muss Petrus immer wieder neu lernen, Gott mehr zu vertrauen als sich selbst. Durch das ganze Evangelium hindurch tritt er immer wieder als die Gestalt auf, die an ihrem Gottvertrauen scheitert. Am deutlichsten wird dies in der Geschichte gesagt, in der er versucht, wie Jesus, \u00fcber\u00b4s Wasser zu gehen. Aber er versinkt und muss von Jesus aus dem Wasser gezogen werden, um nicht zu ertrinken. Und Jesus sagt ihm ganz deutlich, warum er gescheitert ist: \u201eDein Glaube ist zu schwach.\u201c<\/p>\n<p>Er geht nicht aus irgendwelchen b\u00f6sen Antrieben heraus auf das Wasser. Weder will er sich selbst in den Vordergrund spielen und Jesus die Show stehlen, noch geht er ihm mit irgendwelchen feindseligen Absichten entgegen. Er will einfach nur tun, was Jesus tut und sein wo Jesus ist. Er nimmt ihn sich zum Vorbild. Eine gute Absicht, aber er scheitert daran, weil sein Glaube zu schwach ist, weil er mehr auf sich selbst vertraut als auf Gott, weil er denkt: \u201eIch schaffe das schon, auch so zu sein, wie Jesus.\u201c Aber Jesus sagt ihm, sein Glaube sei zu schwach. Er m\u00fcsse erst lernen, Gott mehr zu vertrauen, als sich selbst.<\/p>\n<p>So scheitert Petrus immer wieder. Er begegnet uns als der, der Jesus nachfolgen m\u00f6chte bis in den Tod, dies aber doch nicht kann. Er begegnet uns als der, der sich Jesus zum Vorbild nimmt und werden m\u00f6chte wie er, dem dies aber nicht gelingt. Er begegnet uns als der, der bereit ist, alles f\u00fcr Jesus zu tun, was in seiner <em>Macht<\/em>steht, dabei aber \u00fcbersieht, dass der <em>Allm\u00e4chtige<\/em> etwas ganz anderes geplant hat. In alledem kann ich das Tun und Denken des Petrus gut nachvollziehen. Er handelt nur in bester Absicht. Wie kann man es ihm ver\u00fcbeln, dass er sich Jesus zum Vorbild nimmt, ihm nachfolgen und alles f\u00fcr ihn tun m\u00f6chte? Wollen wir das nicht zuweilen auch? Ist das nicht christlich? Aber genau wie Petrus m\u00fcssen wir dann erkennen, dass wir daran scheitern. Das macht ihn uns so nahe, so menschlich, so gut zu verstehen.<\/p>\n<p>Aber das sch\u00f6nste und wichtigste an der Figur des Petrus in der Bibel ist: Er <em>darf<\/em>scheitern und versagen. Gott nimmt ihn <em>trotzdem<\/em> an. Petrus ist nicht <em>nur<\/em> der, der immer wieder Fehler macht und dann als der Dumme dasteht, sondern er ist zugleich auch der, zu dem Jesus sagt: \u201eDu bist der Felsen, auf den ich meine Kirche bauen will.\u201c Der Name \u201ePetrus\u201c hei\u00dft \u00fcbersetzt \u201eFelsen\u201c. Und in der Tat wird Petrus nachher, nach Jesu Himmelfahrt, das Oberhaupt der ersten christlichen Gemeinde \u2013 der Felsen, auf dem die Gemeinde Jesu Christi steht.<\/p>\n<p>Es ist fast absurd: Petrus muss erkennen, dass er selbst \u00fcberhaupt nichts f\u00fcr Gott und f\u00fcr Jesus tun kann \u2013 jedenfalls nicht von sich aus. Und gerade dann und darum wird er zum Werkzeug Gottes. Er wird vom einfachen Fischer zum \u201eMenschenfischer\u201c, wie Jesus sagt. Er f\u00e4ngt nun Menschen f\u00fcr Jesus und seine Gemeinde und dient ihr damit. D.h.: Er kann letztlich doch etwas f\u00fcr Jesus tun, aber nicht aus eigener Kraft, sondern indem Gott ihn zum Menschenfischer macht. Erst als Petrus sich ganz klein macht und sich selbst ganz zur\u00fcck nimmt, macht Gott etwas ganz gro\u00dfes aus ihm: den Felsen, auf dem die Kirche gebaut ist. Als Petrus selbst aufgibt, aus eigener Kraft etwas f\u00fcr seinen Herrn tun zu wollen, kann dieser ihn zu einem wirksamen Werkzeug machen.<\/p>\n<p>Ich versuche oft, das Evangelium aus der Sicht des Petrus zu lesen. In ihn kann ich mich am besten hinein versetzen. Ich freue mich, vor Gott zu meiner ganzen Schwachheit stehen zu d\u00fcrfen. Genau wie Petrus muss ich mich immer wieder daran erinnern lassen, dass ich von mir aus nichts wirklich wirksames tun kann. Meine F\u00e4higkeiten sind zu gering.<\/p>\n<p>Aber die Geschichte des Petrus sagt uns allen: Wenn ihr lernt, Gott mehr zu vertrauen als euch selbst, k\u00f6nnt ihr zu seinen Werkzeugen werden. Werdet von einfachen Fischern zu Menschenfischern, indem ihr euch Gott anvertraut und ihn durch euch handeln lasst! Ihr k\u00f6nnt aus eigener Kraft nichts erreichen und m\u00fcsst es auch nicht, aber wenn ihr Gott machen lasst, wird er durch euch gro\u00dfes vollbringen.<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle unsere menschliche Vernunft, st\u00e4rke und bewahre uns im Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Stephan H\u00f6lter<br \/>\n<a href=\"mailto:Hoelter75@aol.com\">Hoelter75@aol.com<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe \u00fcber biblische Gestalten \u2013 &#8222;Petrus&#8220; | Mt 14,24-31; Mt 16,13-19; Lk 22,33-34.54-62; Joh 18,3-5.10-12 | Stephan H\u00f6lter | Der Predigt gingen in diesem Gottesdienst 4 Lesungen voran: 1. Mt 14,24-31 (Seewandel Jesu und Petri) 2. Joh 18,3-5.10-12 (Gefangennahme Jesu) 3. Lk 22,33-34.54-62 (Verleugnung des Petrus) 4. 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