{"id":9657,"date":"2003-06-07T19:49:54","date_gmt":"2003-06-07T17:49:54","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9657"},"modified":"2025-04-24T11:15:11","modified_gmt":"2025-04-24T09:15:11","slug":"rut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/rut\/","title":{"rendered":"Rut 1,8"},"content":{"rendered":"<h3>Predigtreihe \u00fcber biblische Gestalten 2003 | Rut 1,8 | Christian Berndt |<\/h3>\n<p><strong>\u201eGott, die moabitische Witwe\u201c<\/strong><\/p>\n<p>(in Anlehnung an eine Predigt von John Holbert, Preaching Old Testament, Nashville 1991, 93ff)<\/p>\n<p>Liebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>ich m\u00f6chte heute nicht <em>\u00fcber<\/em> eine Geschichte aus der Bibel<br \/>\npredigen, sondern ich will euch eine solche Geschichte erz\u00e4hlen,<br \/>\neine Geschichte mit so vielen Facetten, dass nur eine Erz\u00e4hlung<br \/>\nsie ann\u00e4hernd beleuchten kann, eine Geschichte einer unheimlich<br \/>\nstarken Frau, eine Geschichte von fast unbeschreiblicher Treue und Liebe,<br \/>\neine Geschichte von Gott, eine Geschichte von weiblicher Gewiefheit und<br \/>\nweiblicher Verf\u00fchrung: Die Geschichte von Rut.<\/p>\n<p>Es ist die Zeit, in der die Richter richten. Eine schreckliche Hungersnot<br \/>\nhat das Land Israel erfasst. Da wei\u00df ein Mann, Elimelech, keinen<br \/>\nanderen Ausweg, als seine Heimatstadt Bethlehem zu verlassen, zusammen<br \/>\nmit seiner Frau, Naomi, und ihren beiden S\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Nun ist das keine<br \/>\nZeit, in der gut zu reisen ist. Mit hinterh\u00e4ltigen<br \/>\nM\u00f6rdern wie Ehud; verr\u00fcckten K\u00f6nigen wie Abimelech; wilden<br \/>\nM\u00e4nnern wie Samson; und Kinderm\u00f6rdern wie Jephthah, die das<br \/>\nLand bev\u00f6lkern. Kein Wunder, dass diese Zeit woanders so zusammen<br \/>\ngefasst wurde: \u201eEin jeder tat, was in seinen eigenen Augen recht<br \/>\nwar.\u201c<\/p>\n<p>Dennoch ziehen Elimelech und seine Familie durch die W\u00fcste und \u00fcber<br \/>\nden Jordan nach Moab. Moab ist vielleicht nicht der beste Ort f\u00fcr<br \/>\nFl\u00fcchtlinge aus Israel, da die Moabiter anderen G\u00f6ttern huldigen<br \/>\nals Jahwe, dem Gott von Elimelech und allen anderen Israeliten. Aber<br \/>\nwenigstens herrscht dort keine Hungersnot, keine D\u00fcrre. Und die<br \/>\nvier k\u00f6nnen \u00fcberleben. Die Familie scheint gerettet.<\/p>\n<p>Jedoch<br \/>\ndauert es nicht lange, bis sich das Blatt wendet. Zuerst stirbt Elimelech<br \/>\nund hinterl\u00e4sst Naomi als Witwe. Abrupt rutscht Naomi<br \/>\ndie soziale Leiter fast bis auf den Boden herab: Eine Witwe z\u00e4hlt<br \/>\nnicht viel in dieser Zeit, befindet sich in einem Topf mit den anderen,<br \/>\ndie nichts haben und nichts gelten, den Fremden, Waisen und Ausl\u00e4ndern.<br \/>\nIhr Versorger ist tot, und auch religi\u00f6s und sozial sind ihre Rechte<br \/>\narg begrenzt. Allerdings hat sie wenigstens noch ihre beiden S\u00f6hne \u2013 sie<br \/>\nverbinden sie noch zur m\u00e4nnlich dominierten Kultur des alten Orients.<\/p>\n<p>Nach ein paar Jahren heiraten die S\u00f6hne zwei Frauen aus dem Land<br \/>\nMoab, Orpa und Rut. 10 Jahre lang geht alles gut, doch dann &#8230; sterben<br \/>\nauch die beiden S\u00f6hne. Und nun sind da drei Witwen. &#8230; Drohte zuvor<br \/>\ndie Hungersnot, so scheint jetzt das Leben ohne die M\u00e4nner und damit<br \/>\nohne m\u00f6gliche Nachfahren zu Ende zu gehen.<\/p>\n<p>In dieser hoffnungslosen<br \/>\nLage erreicht Naomi eine Nachricht: Es gibt wieder Brot im Land Israel.<br \/>\nDa macht sie sich auf, die Schulter schwer<br \/>\nmit der Trauer um ihre drei M\u00e4nner. Hinter ihr her ziehen \u2013 in<br \/>\nrespektvoller Distanz &#8211; Orpa und Rut.<\/p>\n<p>Auf dem Weg taucht Naomi aus ihrer Trauer lang genug auf, um die beiden<br \/>\nSchwiegert\u00f6chter hinter sich zu sehen, und sie dr\u00e4ngt sie: \u201eKehrt<br \/>\num, eine jede ins Haus ihrer Mutter!\u201c Sie dankt ihnen f\u00fcr<br \/>\nihren Dienst an ihr und ihren S\u00f6hnen, f\u00fcr ihre Liebe und Barmherzigkeit.<br \/>\nUnd sie hofft, dass Gott so viel f\u00fcr sie tun wird, wie sie, die<br \/>\nSchwiegert\u00f6chter, an ihr, Naomi, getan haben. Konkret w\u00fcnscht<br \/>\nsie, dass die beiden Frauen wieder heirateten und damit ein neues Zuhause<br \/>\nim Haus ihrer M\u00e4nner finden w\u00fcrden. Kurzum, Naomi malt ihnen<br \/>\nein hoffnungsvolles Bild eines Lebens in ihrer Heimat Moab vor Augen.<br \/>\nZwischen den Zeilen sagt sie damit: Wenn ihr mir nach Israel folgt, erwartet<br \/>\neuch keine solche Zukunft.<\/p>\n<p>Aber Orpa und Rut brechen in Tr\u00e4nen aus<br \/>\nund weigern sich umzukehren. Naomi redet weiter gegen sie an. Versucht<br \/>\nsie zu \u00fcberzeugen, dass<br \/>\nsie selber keine Kinder mehr geb\u00e4ren wird und daher keine Zukunft<br \/>\nmehr habe, aber dass sie, die jungen Frauen, diese Zukunft doch noch<br \/>\nvor sich h\u00e4tten \u2013 in ihrer eigenen Heimat. Und sie klagt: \u201eMein<br \/>\nLos ist zu bitter f\u00fcr euch, denn die Hand Gottes ist gegen mich<br \/>\ngewesen.\u201c Da reicht es Orpa und sie kehrt um. Sie schl\u00e4gt<br \/>\nden offensichtlich vern\u00fcnftigen Weg ein, der ihr neue M\u00f6glichkeiten<br \/>\nverhei\u00dft: in Moab.<\/p>\n<p>Rut aber l\u00e4sst nicht von ihr. Sie klammert<br \/>\nsich an Naomi, und diese ist \u00fcberrascht, vielleicht sogar genervt: \u201eSiehe,&#8220; ruft<br \/>\nsie, \u201edeine Schw\u00e4gerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu<br \/>\nihrem Gott; kehre du auch um!\u201c Sie meint damit: \u201eDu hast<br \/>\nnur eine Chance. Nun los, benutzte deinen Kopf!\u201c Ganz offensichtlich<br \/>\nwill Naomi nichts mehr mit Rut zu tun haben. Daher erstaunen die n\u00e4chsten<br \/>\nWorte von Rut um so mehr:<\/p>\n<p>\u201e<br \/>\nRede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.<br \/>\nWo du hingehst, da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich<br \/>\nauch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Ich werde<br \/>\nsogar dein Grab mit dir teilen. M\u00f6ge Gott mir auch Schreckliches<br \/>\nantun, nur der Tod wird mich von dir scheiden.\u201c<\/p>\n<p>Diese Worte m\u00f6gen<br \/>\nwohl anr\u00fchrend klingen \u2013 vern\u00fcnftig<br \/>\nsind sie nicht. Es gibt keinen Platz f\u00fcr Rut in Israel. Als Frau<br \/>\nz\u00e4hlt sie wenig in einer v\u00f6llig patriarchal, also auf M\u00e4nner<br \/>\nausgerichteten Gesellschaft. Noch weniger gilt sie als Witwe und gar<br \/>\nals Ausl\u00e4nderin. Zudem hat sie eine andere Religion und eine andere<br \/>\nKultur. Und schlie\u00dflich hat Naomi \u2013 ihre einzige Verwandte<br \/>\nin Israel \u2013 kein Interesse an ihr. Mit ihren Worten hat Rut ihr<br \/>\neigenes Leben weggeworfen zugunsten ihrer Schwiegermutter. Kein Wunder,<br \/>\ndass diese Worte die Jahrhunderte so gut \u00fcberdauert haben. Sie sind<br \/>\nein unvergleichliches Beispiel von Hingebung, ohne dass irgendetwas daf\u00fcr<br \/>\nerwartet wird.<\/p>\n<p>Ruts Worte machen Naomi sprachlos. Sie wehrt sich nicht<br \/>\nmehr gegen Rut, und so ziehen beide nach Bethlehem. Dort werden sie begeistert<br \/>\nbegr\u00fc\u00dft,<br \/>\nvor allem Naomi, deren alte Freunde und Nachbarn sie lange Jahre nicht<br \/>\ngesehen haben: \u201eIst das wirklich Naomi, die Liebliche?\u201c fragen<br \/>\nsie. \u201eNein,\u201c antwortet diese, \u201enennt mich nicht `lieblich\u00b4.<br \/>\nNennt mich besser \u201eMara\u201c, die Bittere. Denn Gott hat mir<br \/>\nviel Bitteres angetan. Voll zog ich aus, aber Gott hat mich leer zur\u00fcckgebracht.\u201c<\/p>\n<p>Nun,<br \/>\nwas muss die v\u00f6llig verstummte Rut bei diesen Worten denken?<br \/>\nSie hat gerade ihr Leben f\u00fcr diese Frau gegeben, und jetzt verk\u00fcndet<br \/>\ndiese, ihr Leben sei v\u00f6llig leer! Rut selbst ist leer, verlassen,<br \/>\nallein in einem fremden Land, ohne Eltern, Geschwister, Freunde. Vielleicht<br \/>\nwird sie jetzt endlich zur Vernunft kommen und nach Moab zur\u00fcckkehren.<br \/>\nAber falls wir das glauben, dann haben wir ihr nicht zugeh\u00f6rt oder<br \/>\nihr nicht geglaubt, was sie auf der Stra\u00dfe nach Bethlehem zu Naomi<br \/>\ngesagt hat. Diese Frau wird Naomi niemals verlassen.<\/p>\n<p>Diese gro\u00dfe Treue zu Naomi beweist Rut gleich nach ihrer Ankunft<br \/>\nin Bethlehem aufs Neue. \u201eLass mich aufs Feld gehen und \u00c4hren<br \/>\nauflesen, bei einem, vor dessen Augen ich Gnade finde.\u201c So sagt<br \/>\nsie zur Schwiegermutter. Damit riskiert sie zum 2. Mal ihr Leben und<br \/>\nihre Zukunft. Nicht, dass dieses \u00c4hrenauflesen verboten w\u00e4re.<br \/>\nNach den Gesetzen Israels sind die \u00c4hren am Rande des Feldes wie<br \/>\nalles, was den Schnittern beim Binden der Korngarben herunterf\u00e4llt,<br \/>\nf\u00fcr die Bed\u00fcrftigen da. Aber dieses Auflesen ist eine harte<br \/>\nArbeit und st\u00e4ndig der Gefahr durch lustvolle Feldarbeiter oder<br \/>\nw\u00fctende Besitzer ausgesetzt, eine Gefahr besonders f\u00fcr eine<br \/>\njunge und unbekannte fremde Witwe.<\/p>\n<p>Dennoch geht Rut auf das Feld, um<br \/>\nf\u00fcr Naomi zu sorgen. Und sie geht \u2013 wie<br \/>\nes das Schicksal will \u2013 direkt zum Feld von Boaz. Was sie nicht<br \/>\nwei\u00df: Boaz ist ein naher Verwandter von Naomis verstorbenem Mann<br \/>\nElimelech \u2013 und damit auch ein Verwandter von Rut. Ein angesehener,<br \/>\nehrenvoller und reicher Mann.<\/p>\n<p>Als Boaz an diesem Tag an seinem Feld vorbeikommt,<br \/>\ngr\u00fc\u00dft er<br \/>\nseine Arbeiter und bemerkt sofort Rut, die am Rand \u00c4hren sammelt.<br \/>\nEr fragt seinen Vorarbeiter: \u201eZu wem geh\u00f6rt das M\u00e4dchen?\u201c Dieser<br \/>\nerz\u00e4hlt ihm, dass sie die Moabiterin sei, die mit Naomi gekommen<br \/>\nist, und dass sie darum gebeten habe, \u00c4hren auflesen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nDa k\u00fcmmert sich Boaz ganz besonders um sie: Er warnt sie, nahe bei<br \/>\nseinen M\u00e4gden zu bleiben; er warnt seine Knechte, dass sie sie alleine<br \/>\nlassen. Und sie darf von dem Wasser der Arbeiter trinken. Das erscheint<br \/>\nalles unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfz\u00fcgig zu sein.<\/p>\n<p>Aber<br \/>\nBoaz wei\u00df mehr \u00fcber Rut, als er zuerst zugibt. Er lobt<br \/>\nRut f\u00fcr das, was sie f\u00fcr Naomi getan hat. Das hat ihn schwer<br \/>\nbeeindruckt. Er bittet sogar Gott um einen \u201evollkommenen Lohn\u201c f\u00fcr<br \/>\nihre Taten, f\u00fcr ihre gro\u00dfe Treue zu Naomi. W\u00e4hrendessen<br \/>\nwei\u00df Rut gar nicht, wie ihr geschieht. Woher kommt nur dieses Interesse<br \/>\ndes Feldbesitzers?<\/p>\n<p>Doch dieses Interesse geht noch weiter. Mittags l\u00e4dt<br \/>\nBoaz Rut sogar zu einem reichhaltigen Essen ein und erlaubt ihr danach<br \/>\nauf dem Feld<br \/>\nGetreide zu sammeln, wo es sonst strikt verboten ist. &#8230; Vielleicht<br \/>\nmerkt ihr, was hier los ist. Boaz gibt es nicht offen zu, aber der Mann<br \/>\nhat sich verliebt!<\/p>\n<p>Mit wohl \u00fcber 20 kg Gerste kommt Rut am Abend<br \/>\nzu Naomi \u2013 und<br \/>\nmit den Resten des \u00fcppigen Mittagessens. Naomi ist v\u00f6llig \u00fcberrascht<br \/>\nund jubelt, als sie die Geschichte h\u00f6rt. Sie freut sich, dass Gott<br \/>\nsich doch nicht von ihr abgewandt hat. Und sie scheint schon Pl\u00e4ne<br \/>\nzu schmieden, als sie Rut erz\u00e4hlt: \u201eDieser Boaz, wei\u00dft<br \/>\ndu, das ist ein Verwandter von uns; er geh\u00f6rt zu unseren L\u00f6sern.\u201c Vielleicht,<br \/>\nso scheint sie zu denken, vielleicht ist dieser Verwandter unsere Rettung.<br \/>\nDenn nach dem Gesetz Israels ist der n\u00e4chste m\u00e4nnliche Verwandte<br \/>\neines kinderlos gestorbenen Mannes verpflichtet, dessen Witwe zu heiraten.<br \/>\nDieser Verwandte ist der \u201eL\u00f6ser\u201c, der den ganzen Besitz<br \/>\ndes Verstorbenen \u201eausl\u00f6sen\u201c kann. Das erste Kind aus<br \/>\ndieser neuen Ehe wird dann dem Verstorbenen zugerechnet, damit seine<br \/>\nLinie, sein Name nicht ausstirbt. Also scheint Boaz der perfekte Heiratskandidat<br \/>\nzu sein.<\/p>\n<p>Aber Naomis Hoffnungen scheinen sich schnell zu verfl\u00fcchtigen.<br \/>\nDenn nach dem guten ersten Tag geht Rut immer wieder aufs Feld. Tag f\u00fcr<br \/>\nTag. Bis zum Ende der Erntezeit, mindestens 7 Wochen lang. Aber Boaz<br \/>\nbewegt sich kein St\u00fcck weiter auf sie zu.<\/p>\n<p>Da entwickelt Naomi einen verwegenen Plan. Sie hat lange genug gewartet.<br \/>\nJetzt will sie handeln und mit Boaz einen neuen Schwiegersohn und Ern\u00e4hrer<br \/>\nan Land ziehen. Und wie k\u00f6nnte es anders sein: Ihr Plan schlie\u00dft<br \/>\nRut ein. Noch nicht einmal diese ahnt, was ihre Schwiegermutter mit ihr<br \/>\nvor hat. \u201eMeine Tochter,\u201c sagt sie zu Rut, \u201eich will<br \/>\ndir ein neues Zuhause suchen. Boaz ist unser n\u00e4chster Verwandter.<br \/>\nHeute Nacht arbeitet er auf der Tenne, um die Spreu vom Weizen zu trennen.<br \/>\nEr ist ein guter Mann, aber ihm fehlt etwas Initiative. Also nimm ein<br \/>\nlanges Bad, benutze mein bestes Parf\u00fcm, zieh dein bestes Kleid an \u2013 du<br \/>\nwei\u00dft schon, welches ich meine \u2013 und geh zur Scheune. Zeige<br \/>\ndich nicht, sondern warte, bis er sich schlafen legt. Wenn du sicher<br \/>\nbist, dass er schl\u00e4ft, dann geh hin, decke seine Beine auf und lege<br \/>\ndich neben ihn. Er wird dir schon sagen, was du tun sollst.\u201c<\/p>\n<p>Parf\u00fcm,<br \/>\ndas sch\u00f6nste Kleid, Ausziehen, sich neben ihn legen \u2013 Naomi<br \/>\nstellt hier die sch\u00f6nste sexuelle Falle auf. Das entspricht nat\u00fcrlich<br \/>\nin keinster Weise allen Gesetzen oder kulturellen Gepflogenheiten Israels.<br \/>\nAber wenn Boaz nicht zu Rut kommt, dann muss Rut eben zu Boaz kommen.<\/p>\n<p>Und was antwortet Rut ihrer Schwiegermutter? Ganz gehorsam: \u201eAlles,<br \/>\nwas du mir sagst, will ich tun.\u201c Aber das stimmt nur halb.<\/p>\n<p>Ja, sie<br \/>\nbadet sich, sie macht sich sch\u00f6n und geht im Geheimen zur<br \/>\nScheune. Sie zieht Boaz sogar seine Kleidung weg und legt sich neben<br \/>\nihn. Aber als Boaz aufwacht, da wartet sie nicht einfach auf das, was<br \/>\nBoaz machen k\u00f6nnte. Sie ergreift selber die Initiative und fordert<br \/>\nihn auf: \u201eBreite den Zipfel deines Gewandes \u00fcber mich und<br \/>\nnimm mich zur Frau. Du bist doch der L\u00f6ser.\u201c<\/p>\n<p>Boaz erkennt<br \/>\nsofort, was Rut von ihm will. Er segnet sie daf\u00fcr,<br \/>\ndass sie ihn den j\u00fcngeren M\u00e4nnern vorgezogen hat. Und er gibt<br \/>\ndann zu, dass Rut das Heft in der Hand hat: \u201eAlles, was du sagst,<br \/>\nwill ich dir tun.\u201c<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Ja zum Heiratsantrag von Rut!<br \/>\nWas k\u00f6nnte jetzt<br \/>\nnoch schief gehen? Nur eins &#8230;\u201e<br \/>\nEs gibt noch einen Verwandten,\u201c sagt Boaz der verdutzten Rut, \u201eund<br \/>\nder ist n\u00e4her mit dir verwandt als ich.\u201c Auf einmal zerschlagen<br \/>\nsich alle Hoffnungen Ruts. Ein anderer Mann ist n\u00e4her verwandt mit<br \/>\nihrem Schwiegervater Elimelech und hat daher das Erstrecht auf dessen<br \/>\nBesitz, wozu eben in der damaligen M\u00e4nnerwelt auch Rut geh\u00f6rt.<br \/>\nDoch noch scheint nicht alles verloren. Denn Rut hat Boaz schon ganz<br \/>\nf\u00fcr sich gewonnen. So verspricht er ihr, sie zur Frau zu nehmen,<br \/>\nwenn der andere Verwandte solches ablehnt. Und daf\u00fcr w\u00fcrde<br \/>\ner schon sorgen.<\/p>\n<p>Und er sorgt auch daf\u00fcr. Gleich am n\u00e4chsten Morgen ruft er<br \/>\ndie M\u00e4nner des Ortes am Tor zusammen, am Ort des Gerichtes. Und<br \/>\ner spricht zun\u00e4chst gar nicht von Rut. Vielmehr bietet er dem potentiellen<br \/>\nMitbewerber, dem n\u00e4herstehenden Verwandten, das alte Land von Elimelech<br \/>\nan, das immer noch auf dessen Namen lautet. \u201eDu hast das Erstkaufsrecht.\u201c Sagt<br \/>\ner ihm. \u201eAber wenn du es nicht willst, dann l\u00f6se ich es, da<br \/>\nich nach dir komme.\u201c Der andere Verwandte geht begeistert auf das<br \/>\nAngebot ein. Klar, das Land will er haben. Doch da sagt Boaz: \u201eDa<br \/>\nist nur ein Haken an der Sache. Als n\u00e4chster Verwandter musst du<br \/>\ndann auch Rut heiraten, die verwitwete Schwiegertochter von Elimelech.<br \/>\nDenn nur so kann die Linie von Elimelech weitergehen und sein Besitz<br \/>\nin seinem Namen bleiben.\u201c Da z\u00f6gert der Verwandte. Das St\u00fcck<br \/>\nLand h\u00e4tte er schon gerne, aber nicht, wenn es dann dem ersten Kind<br \/>\nvon Rut geh\u00f6ren w\u00fcrde, da dieses Kind ja nach altem Recht zu<br \/>\nElimelech geh\u00f6ren, seinen Namen fortschreiben w\u00fcrde. Und da<br \/>\nk\u00f6nnten ja noch andere Kinder kommen, die er zu versorgen h\u00e4tte.<br \/>\nDankend winkt er ab und l\u00e4sst Boaz Land und Besitz, sprich Rut.<br \/>\nEr w\u00e4hlt den einfachen, wirtschaftlich \u00fcberzeugenden, vern\u00fcnftigen<br \/>\nWeg, wie damals Orpa.<\/p>\n<p>Endlich kann Boaz vor allen Leuten erkl\u00e4ren,<br \/>\ndass er das alte Land von Elimelech und auch Rut \u201ekaufen\u201c will.<br \/>\nDie damalige Welt der M\u00e4nner scheint wieder in Ordnung, da auch<br \/>\nbald ein m\u00e4nnlicher<br \/>\nNachkomme geboren wird, der offiziell Naomis S\u00f6hne ersetzt. Hier<br \/>\nk\u00f6nnte die Geschichte eigentlich enden. Doch \u00fcberraschend tauchen<br \/>\nnoch einmal die Nachbarinnen von Naomi auf und verk\u00fcnden: \u201eDeine<br \/>\nSchwiegertochter, die dich liebt, die hat einen Sohn geboren. Sie ist<br \/>\ndir mehr wert als 7 S\u00f6hne.\u201c Eine treffende Zusammenfassung<br \/>\nf\u00fcr diese au\u00dferordentliche Frau, Rut.<\/p>\n<p>Ruts Liebe und Treue<br \/>\nzu Naomi dominiert diese Geschichte. Zuerst gibt sie ihre Zukunft auf,<br \/>\num bei Naomi zu bleiben. Dann riskiert sie viel,<br \/>\nals sie auf das Feld zum \u00c4hrenlesen geht. Schlie\u00dflich riskiert<br \/>\nsie wieder viel, als sie gegen das Gesetz Boaz auf der Tenne aufsucht.<\/p>\n<p>Egal, wie patriarchal die Geschichte auch bestimmt ist, Rut durchbricht<br \/>\ndie m\u00e4nnliche Herrschaft und Normgebung. Nach dem Tod ihres 1. Mannes<br \/>\nund dem Wegzug von Naomi war ihr Leben leer. Aber durch ihre Liebe f\u00fcllt<br \/>\nsie es mit neuem Leben f\u00fcr sich und f\u00fcr Naomi, die zuletzt<br \/>\nmit ihrem Enkel Obed spielen kann, dem Gro\u00dfvater von K\u00f6nig<br \/>\nDavid.<\/p>\n<p>So wird in dieser Geschichte eine leere Welt mit Liebe und Leben<br \/>\ngef\u00fcllt.<br \/>\nDiese Geschichte mag uns bekannt vorkommen, wenn wir an unseren Gott<br \/>\ndenken, der immer wieder auf eine leere Welt blickt und immer wieder<br \/>\nPropheten, Apostel, seinen Sohn Jesus und andere Heilige schickt, um<br \/>\nsie mit Liebe zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p>Naomi dankte Rut am Anfang unserer Geschichte<br \/>\nf\u00fcr ihre Liebe und<br \/>\nTreue zu ihr und ihrer Familie. Und sie sagte weiter: \u201eSei wie<br \/>\nRut, o Gott.\u201c \u201eHandle auch so wie Rut an mir.\u201c (frei<br \/>\nnach 1,8) Und Gott ist wie Rut. Wie eine Witwe aus Moab.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Pastor Christian Berndt, Stade<br \/>\n<a href=\"mailto:Christian.Berndt@evlka.de\">Christian.Berndt@evlka.de <\/a> <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigtreihe \u00fcber biblische Gestalten 2003 | Rut 1,8 | Christian Berndt | \u201eGott, die moabitische Witwe\u201c (in Anlehnung an eine Predigt von John Holbert, Preaching Old Testament, Nashville 1991, 93ff) Liebe Schwestern und Br\u00fcder, ich m\u00f6chte heute nicht \u00fcber eine Geschichte aus der Bibel predigen, sondern ich will euch eine solche Geschichte erz\u00e4hlen, eine Geschichte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11,1,2,727,157,853,1703,114,109,1031,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9657","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rut","category-aktuelle","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-christian-berndt","category-deut","category-predigten","category-predigten-ueber-biblische-gestalten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9657"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23309,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9657\/revisions\/23309"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9657"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9657"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9657"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9657"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}