{"id":9658,"date":"2002-03-07T19:49:51","date_gmt":"2002-03-07T18:49:51","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9658"},"modified":"2025-04-24T11:05:02","modified_gmt":"2025-04-24T09:05:02","slug":"der-heilige-geist-der-mich-heilig-spricht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/der-heilige-geist-der-mich-heilig-spricht\/","title":{"rendered":"Apostelgeschichte 8,26-39"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\">Der Heilige Geist, der mich heilig spricht | Apostelgeschichte 8,26-39\u00a0| Esko Ry\u00f6k\u00e4s |<\/h3>\n<p>Der Heilige Geist, der mich heilig spricht<br \/>\nMartin Luther, WA 30 I, 91,13-16: &#8222;Ut ergo Christi mors et resurrectio occulta<br \/>\nnon maneret, venit spiritus sanctus, praedicat, das heisst, quod spiritus sanctus<br \/>\nte ducat ad dominum, qui te liberat. Quando ergo te quaero: Quid significat iste<br \/>\narticulus? responde: Ego credo, quod spiritus dei me sanctificet.&#8220;<\/p>\n<p>1. Zwei Verkaufsverteter einer Schuhfabrik besuchten ein Entwicklungsland in der \u00c4quitorialgegend Afrikas. Sie sollten dort Schuhe vertreiben. Nach ein Paar Tagen meldete sich einer von beiden eilig: Meine Reise ist v\u00f6llig umsonst. Niemand tr\u00e4gt hier Schuhe. Unmittelbar danach schickte der andere Vertreter seine Meldung: Eine gl\u00e4nzende Reise. Unedlich breiter Markt. Noch niemand tr\u00e4gt hier Schuhe.<\/p>\n<p>Man kann die Wirklichkeit aus verschiedenen Gesichtswinkeln betrachten, obgleich sie nur eine ist. Einer sieht die eine, einer die andere Seite. Die Situation ist auch uns bekannt.<\/p>\n<p>Der Mensch versteht die Wirklichkeit aus seinem eigenen Erfahrungshorizont und aus seiner eigenen Gedankenwelt heraus. Unsere Augen sehen bestimmte Konturen und von diesen Konturen entsteht im Gehirn ein Bild. Bei der Reise in ein fremdes Land kann es geschehen, dass wir glauben, einem Nachbarn oder einem Arbeitskollegen zu begegnen. Aber bei n\u00e4herer Betrachtung stellt sich heraus, dass es nicht so war. In den Gesichtsz\u00fcgen gibt es vielleicht eine \u00c4hnlichkeit, und so k\u00f6nnen wir uns in unseren Gedanken davon eine Vorstellung machen. Der Mensch w\u00e4hlt, was er sieht.<\/p>\n<p>2. Zwei Betrachter standen vor 2000 Jahren in Jerusalem. Sie beobachteten eine Kreuzigung von Verbrechern. Der Erste sah, dass drei Verbrecher ihre verdiente Strafe bekamen. Ihre Kleider wurden abgezogen, sie wurden gekreuzigt und auf dem Kreuz in der Sonnen sterben gelassen. Er dachte, dass das B\u00f6se vergolten w\u00fcrde. Gleichzeitig sah der Andere neben ihm etwas anderes. Die gleichen Verbrecher gingen ihren letzten Weg. Die gleichen Menschen wurde gekreuzigt und zum Sterben gelassen. Aber er sah, dass der Mensch auf dem mittleren Kreuz kein Verbrecher war. Er sah dort Gottes Sohn, den Messias, der die Welt mit Gott vers\u00f6hnen wollte. Er sah im Menschen Gottes Sohn.<\/p>\n<p>Der Glaube ist etwas, was einer hat und der andere nicht. Durch den Glauben sieht die Realit\u00e4t anders aus. Die Wirklichkeit ist f\u00fcr alle gleich, aber ins Gehirn des Betrachters wird die Meldung vermittelt: Hier wirkt Gott, hier ist noch eine andere Wirklichkeit vorhanden. Zwei Menschen sehen die Welt anders, abh\u00e4ngig davon, ob sie glauben oder nicht.<\/p>\n<p>Was bedeutet diese andere Wirklichkeit, und wie kann man sie zu verstehen versuchen? Viele grosse Denker haben \u00fcber diese Frage nachgedacht. Es w\u00e4re sch\u00f6n, die Welt so sehen zu k\u00f6nnen, wie Gott sie sieht. Wie w\u00e4re dies m\u00f6glich?<\/p>\n<p>3. Martin Luther war ein grosser Denker. Ihm war es wichtig heraus zu finden, wie der Mensch mit Gott leben kann. Die L\u00f6sung von Luther kann man in seinen Predigten finden: In ipsa fide Christus adest; im Glauben selbst ist Christus anwesend (WA 40, 1, 228-229). Wenn der Mensch glaubt, kommt Gott zu ihm, nach Luthers Worten: Christus kommt zu ihm. Er ist nicht mehr derselbe unvollst\u00e4ndige Mensch. Er ist immer noch ein Mensch, egoistisch und auf seinen eigenen Vorteil bedacht, aber in ihm wohnt Gott, in ihm ist Gott anwesend. Und Gott bewirkt, dass er gleichzeitig auch ein anderer Mensch ist. Er ist gleichzeitig durch und durch ein S\u00fcnder und aber auch gottgef\u00e4llig. Im Glauben leben in einem Menschen zwei verschiedene Menschen.<\/p>\n<p>Dies ist nat\u00fcrlich eine Wahrheit auf der Glaubensebene. Durch den Glauben kann man auf die Ansicht Luthers vertrauen. Im Glauben kann man verstehen, dass im menschlichen K\u00f6rper Gott, Christus anwesend ist. Im Glauben kann man verstehen, dass Christus durch die Taten, die der Mensch verrichtet, lebt und wirkt. Dies ist eine Realit\u00e4t auf der Ebene des Glaubens. Und wie kann man sie sich aneignen?<\/p>\n<p>So kommen wir zur Realit\u00e4t des Heiligen Geistes. Die dritte Person Gottes ist eine Tatsache, die die Wirklichkeit ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>4. In der Welt gibt es etwa 65 Millionen Lutheraner. In letzten Jahren ist das durch charismatische und Pfingstbewegung betonte Christentum gr\u00f6sser geworden. Diese Gruppen sind schwer zu bestimmen, weil sie keine deutliche Konfession vertreten. Sogar nach vorsichtigen Einsch\u00e4tzungen ist diese Gruppe, die die T\u00e4tigkeit des Heiligen Geistes betont, zahlenm\u00e4\u00dfig eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe als die Menschen, die der lutherischen Kirchengemeinschaft angeh\u00f6ren. Die Mitgliedschaft dieser Bewegung ist besonders in der Dritten Welt gestiegen, aber auch innerhalb der alten Kirchen ist ihr Einfluss unter der Leuten gewachsen. Die charismatische Bewegung hat verschiedene Phasen durchgemacht. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hob sich Zungenreden und Geistestaufe hervor. Danach betonten sie andere, sogenannte Geistesgaben. In den zwei letzen Jahrzehnten trat die Richtung mit &#8222;Wunder und Zeichen&#8220; auch international hervor. Im Zusammenhang mit der T\u00e4tigkeit des Heiligen Geistes wurde \u00fcber \u00e4hnliche Bekenntnistaten wie am Anfang der ersten Zeiten der Kirche berichtet. Es wird behauptet, dass Kranke geheilt, Essen erschaffen, sogar Tote zum Leben erweckt wurden.<\/p>\n<p>Luther betont in seiner Lehre Christus, nicht den Heiligen Geist. Dies hat das Luthertum gepr\u00e4gt. Luther setzt sich jedoch nicht gegen den Heilige Geist. Der Heilige Geist ist ihm wichtig als Glaubenserzeuger, Tr\u00f6ster. Luthers Gott ist dreieinig, wie in der Hauptbekenntnisschrift des Luthertums, im Augsburger Bekenntnis, schon in den ersten Seiten festgestellt wird. (CA I) Der Unterschied zwischen den verschiedenen Personen Gottes bedeutet nicht, dass einige Personen weniger wichtig w\u00e4ren.<\/p>\n<p>F\u00fcr Luther ist der Heilige Geist Kraftgeber, Heiligender. Es hat Luther ausgereicht, was der Heilige Geist wirkt, mehr brauchte er nicht. Daraus sollte man nicht den Schluss ziehen, dass man sich im Luthertum Wunder und Zeichen oder Zungenreden und andere in der Bibel berichtete Gnadensgaben widersetzen sollte. Sie waren Luther nicht so aktuell wie heutzutage. Die genannten Zeichen k\u00f6nnen anderen Menschen wichtig sein, und sei es so, aber Luther reichte es aus, was der Heilige Geist bewirkt.<\/p>\n<p>5. Warum? Weil der Heilige Geist so vieles bewirkt. Der Mensch ist und bleibt durch sein Leben derselbe. Es liegt in der menschlichen Natur, gegen andere zuwiderzuhandeln. Leider ist es so. So ein Mensch ist f\u00fcr Gott nicht tauglich. Aber der Heilige Geist wirkt Wunder. Wenn der Heilige Geist wirkt, ver\u00e4ndert sich die Realit\u00e4t, sie wird eine andere Wirklichkeit. Der s\u00fcndige Mensch bleibt gleich s\u00fcndig, aber jetzt wohnt in ihm Gott, mit dem und durch den Glauben. Deswegen taugt der Mensch zu allem, auch f\u00fcr Gott. Im Glauben ist Christus in ihm innewohnend, durch Christus ist der Mensch heilig, gottgef\u00e4llig, vollst\u00e4ndig. Der Heilige Geist heiligt den Menschen so, dass es dem Menschen gut ist, bei Gott zu sein.<\/p>\n<p>In der Apostelgeschichte wird \u00fcber einen sehr hohen Beamten am Hof des K\u00f6nigs von \u00c4thiopien berichtet. Er erforschte die Bibeltexte. Er hatte sie schon lange gelesen, aber die Stellung Christi hatte er noch nicht verstanden. Pl\u00f6tzlich kam ein Unbekannter zu ihm und sagte, wie die Sachen zu verstehen sind. Der Beamte h\u00f6rte zu, und die Welt ver\u00e4nderte sich. Auf einmal verstand er, was er lange Zeit gelesen hatte. Die Realit\u00e4t wurde anders. Ihm er\u00f6ffnete sich der Glaube, der Glaube an Christus.<\/p>\n<p>6. Eine tragische Lehre des Golfkrieges war und ist, dass die Menschen verschiedene Sachen in ihrer Umgebung sehen. Dort wo einige Verhandlungsm\u00f6glichkeiten finden, vertreten die anderen der Meinung, dass alle Alternative schon ersch\u00f6pft sind. Wie am Anfang dieser Rede die zwei Vertreter in einem Entwicklungsland zwei Realit\u00e4ten fanden. Und auch in dem Gekreuzigten k\u00f6nnen wir zwei verschiedene Menschen finden. Die Menschen sehen verschiedene Sachen.<\/p>\n<p>Die Text von heute berichtet uns, dass der Heilige Geist in der Welt durch den Glauben wirkt und dass der Mensch durch seinen Glauben die T\u00e4tigkeit Gottes sehen kann. So kann man auch verstehen, dass der Heilige Geist im Menschen wohnen kann. Der Heilige Geist kann unser Wollen und Tun bewirken. Alle sehen das aber nicht.<\/p>\n<p>Die Wunder und Zeichen k\u00f6nnen einem viel \u00fcber die T\u00e4tigkeit Gottes sagen und der andere glaubt nicht, unabh\u00e4ngig davon, was er zu sehen bekommt. Die Erz\u00e4hlungen \u00fcber die Heilung der Kranken und \u00fcber das Erwecken der Toten sind in der charismatischen Bewegung bekannt. Sie sind wirkliche Ereignisse. Luther stellt fest: Der Mensch glaubt nicht an Gott, wenn der Heilige Geist ihm nicht den Glauben schenkt. Die Wunder und Zeichen \u00fcberzeugen nicht, wenn der Heilige Geist es nicht bewirkt. Deswegen ist es verst\u00e4ndlich, dass Luther den Heiligen Geist nicht mehr brauchte. Der Glaube an die Taten Christi reicht dem Menschen, und diesen Glauben bekommt er von Gottes Wirken durch den Heiligen Geist. Durch den Heiligen Geist sieht die Welt anders aus.<\/p>\n<p>Und dazu will ich noch eine Geschichte erz\u00e4hlen:<\/p>\n<p>7. Es war ein langer Winter. Die K\u00e4lte dauerte \u00fcber viele Wochen. Johannes hatte schon lange auf Fr\u00fchlingszeichen gewartet. Jeden Morgen war er nach draussen gegangen und hatte sich umgeschaut, vergebens. Der Winter dauerte und dauerte.<\/p>\n<p>So auch heute morgen. Der Morgen war nicht hell. Am Himmel gab es Wolken. Es erweckte keine fr\u00f6hliche Stimmung, durchs Fenster nach draussen zu schauen. Johannes trat mit pessimistischer Miene durch die T\u00fcr nach draussen. Aber etwas war anders. Es war dunkel, am Himmel gab es Wolken, es gab nicht viel Licht, aber trotzdem f\u00fchlte Johannes etwas besonderes. Was es genau genommen war, das konnte Johannes nicht kl\u00e4ren, aber einer Sache war er sicher: In der Luft lag Fr\u00fchling. Alles war wie sonst: dunkel und kalt. Aber es war auch etwas anderes. Johannes war v\u00f6llig \u00fcberzeugt davon, dass jetzt, gerade jetzt, der Fr\u00fchling in die Stadt gekommen war.<\/p>\n<p>Johannes trat wieder herein. Er z\u00fcndete ein Licht an, weil es immer noch dunkel war. Es setzte sich auf einem Stuhl neben dem Fenster und schaute nach draussen. Die Dunkelheit war immer noch da, aber Johannes war fr\u00f6hlich. Die Stimme in seinem Inneren versicherte ihm: Die Dunkelheit setzt sich nicht fort bis in die Ewigkeit fort. Der Fr\u00fchling naht, seine ersten Zeichen sind schon da. Und der Winter wird endlich zur\u00fcckgehen. Der Tag war f\u00fcr Johannes nicht mehr dunkel und grau, obgleich er auf gleiche Weise dunkel und traurig war, wie schon seit vielen Wochen. Die Wolken waren nicht mehr schwer und traurig, obgleich sie gleich traurig und schwer waren wie fr\u00fcher. Der Hof war nicht mehr so nackt und traurig wie fr\u00fcher, obwohl er ebenso nackt und traurig war wie fr\u00fcher. In seinem Inneren wusste Johannes, dass sich alles jetzt ver\u00e4ndern wird. Er hatte in seinem Inneren die Sicherheit, und so ver\u00e4nderte sich auch die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>8. Das Wirken des Heiligen Geistes ist \u00e4hnlich wie das Wirken des werdenden Fr\u00fchlings f\u00fcr Johannes. Auf einmal weiss man, dass alles anders geworden ist, obgleich sich nichts \u00e4usserlich ver\u00e4ndert hat. Man versteht pl\u00f6tzlich, was man sieht, dass im Inneren der Wirklichkeit eine andere Realit\u00e4t steckt, ebenso wirklich wie die, die wir sehen. Und hier haben wir die Hoffnung. Wer dieses erleben kann, erlebt das gleiche, was nach der Apostelgeschichte der hohe Beamte des Hofes des K\u00f6nigs von \u00c4thiopien erlebt hat. \u00dcber ihn wird berichtet: Er setzte seine Fahrt fr\u00f6hlich fort. Jetzt sah er, und er hatte Hoffnung.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr. Esko Ry\u00f6k\u00e4s<br \/>\nJoensuun yliopisto PL 111<br \/>\n80101 Joensuu<br \/>\n013-251 3041<br \/>\nFinnland<br \/>\n<\/strong><a href=\"mailto:esko.ryokas@joensuu.fi\">E-Mail: esko.ryokas@joensuu.fi<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Heilige Geist, der mich heilig spricht | Apostelgeschichte 8,26-39\u00a0| Esko Ry\u00f6k\u00e4s | Der Heilige Geist, der mich heilig spricht Martin Luther, WA 30 I, 91,13-16: &#8222;Ut ergo Christi mors et resurrectio occulta non maneret, venit spiritus sanctus, praedicat, das heisst, quod spiritus sanctus te ducat ad dominum, qui te liberat. 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