{"id":9661,"date":"2003-01-07T19:49:48","date_gmt":"2003-01-07T18:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9661"},"modified":"2025-04-24T11:01:54","modified_gmt":"2025-04-24T09:01:54","slug":"friedensgebet-in-der-leipziger-nikolaikirche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/friedensgebet-in-der-leipziger-nikolaikirche\/","title":{"rendered":"Friedensgebet"},"content":{"rendered":"<h3 align=\"left\"><span style=\"color: #000099;\">Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche | <\/span><span style=\"color: #000099;\">13. Januar 2003 | Friedrich Schorlemmer |<\/span><\/h3>\n<p align=\"left\">Der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Damit endet normalerweise eine Predigt. Ich m\u00f6chte sie damit beginnen. Es geht nicht gegen die Vernunft, sondern um h\u00f6here Vernunft, um die g\u00f6ttliche Vernunft, die der menschlichen Gewaltlogik widerspricht. Daf\u00fcr hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt.<\/p>\n<p>Wir werden viel innere Kraft brauchen: f\u00fcr unseren \u00e4u\u00dferen Widerstand und f\u00fcr unsere Hoffnung, damit wir nicht verzagen, nicht versagen. Das Geistliche wird politisch, weil Gott in die Welt gekommen ist \u2013 nicht blo\u00df in unsere Seelen und Gottes-H\u00e4user, sondern in unsere so wunderbare und so furchtbar zugerichtete Welt. Und das Politische braucht das Geistliche, das tiefere Fragen, die befreiende Begleitung, das Unverf\u00fcgbare des Geistes Gottes \u2013 sonst wird alles zur politischen Parole, Taktik und Diplomatie der Feigheit. Es ist Zeit aufzuwachen.<\/p>\n<p>Der Friede ist unmittelbar bedroht, der Weltfriede. Es wird ein Krieg durch die einzig verbliebene Supermacht im Verbund mit Gro\u00dfbritannien vorbereitet, bei dem zwar die Sieger feststehen, aber nicht klar ist, wer alles zu den Verlierern geh\u00f6ren wird \u2013 auch die Sieger. Fest steht nur, dass die Weltgemeinschaft und das internationale Recht Verlierer sein werden und dass die Spirale des Hasses sich schneller und weiter drehen wird. Und dass nach extern perfiden \u201eSch\u00e4tzungen\u201c 250.000 Menschen sterben werden, zigtausende zu Fl\u00fcchtlingen werden \u2013 Opfer, die niemand beweint, wenn die Sieger feiern.<\/p>\n<p>Um einige Missverst\u00e4ndnisse von vornherein auszur\u00e4umen:<\/p>\n<ul>\n<li>Wer gegen einen Krieg im Irak ist, ist nicht f\u00fcr Saddam Hussein.\u00a0Dieser ist und bleibt ein so gef\u00e4hrlicher wie gewiefter Diktator. Aber er ist nicht der einzige, der eine Gefahr darstellt, und es l\u00e4sst sich diese Gefahr nicht \u00fcberall auf der Welt wegbomben.<\/li>\n<li>Gegen die Bush-Administration zu sein ist kein Anti-Amerikanismus, doch was die F\u00fchrungsmacht macht, muss nicht gut sein, weil die Amerikaner als selbst ernannte gute Macht gegen die Macht des B\u00f6sen zu k\u00e4mpfen behaupten. Und wir Deutschen (und wir Europ\u00e4er) sind keine Anti-Amerikaner, aber wir sind auch keine Befehlsempf\u00e4nger von George W. Bush. Wir sind ein souver\u00e4nes Land, in freundschaftlichem Verbund mit anderen demokratischen Staaten und in der UNO.<\/li>\n<li>Es geht auch nicht um einen deutschen Sonderweg, sondern um einen Weg, der mit allen Kr\u00e4ften den friedlichen Ausweg aus der Krise sucht. Nicht \u201eaus deutscher Sicht\u201c liegt der Fall anders als die Bush-Administration das behauptet, sondern aus jeder anderen Sicht.<br \/>\nEs ist ein merkw\u00fcrdiges Argument zu sagen, wir m\u00fcssten mit in den Krieg ziehen, an der Seite der Amerikaner stehen, weil wir sonst am Katzentisch der Weltdiplomatie s\u00e4\u00dfen. Was man als falsch erkannt hat, kann man nicht mitmachen, blo\u00df um mit dabei zu sein. Unsere Regierung braucht und verdient Unterst\u00fctzung, um bei ihrem Nein zu diesem abenteuerlichen Krieg zu bleiben.<br \/>\nDiesmal schaut die Welt auf Deutschland nicht als Aggressor, sondern als ein freies, neu vereintes Land, das sich einer Friedenspflicht bewusst bleibt \u2013 aus historischer Erfahrung, als T\u00e4ter und dann auch als Opfer von Krieg und Zerst\u00f6rung.<br \/>\nDie Deutschen sind bei PISA ziemlich schlecht weggekommen, aber in einer PISA-Studie zur Friedensbewahrung sollten sie gut abschneiden und weiter Kurs halten!<\/li>\n<li>Es w\u00e4re ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, alle Konflikte der Welt lie\u00dfen sich g\u00e4nzlich ohne Gewalt l\u00f6sen. Aber Gewalt bleibt klar definitives letztes Mittel, \u201eUltima ratio\u201c.<br \/>\nVielmehr gilt: Gewalt ist nicht der K\u00f6nigsweg zur L\u00f6sung von Konflikten; wo man kriegerische Gewaltma\u00dfnahmen, friedenserzwingende Aktionen plant, m\u00fcssen sie sich im Rahmen des m\u00fchsam errungenen internationalen Rechts vollziehen.<\/li>\n<li>Und schlie\u00dflich das letzte Missverst\u00e4ndnis: Politik geh\u00f6re nicht in die Kirche. Aber Gott kam in die Welt, nicht blo\u00df in unsere Seelen und unsere Gottes-H\u00e4user. Er kam in die Welt, um uns aus unserer Gewaltlogik zu befreien: Was Gott in Jesus Christus uns zeigt, ist h\u00f6her als unsere Logik von Schlag und Gegenschlag, Freundesliebe und Feindeshass, Siegern und Gewinnern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Und deshalb steht am Anfang der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, der ist es, der unsere Herzen und alle unsere Sinne bewahre, im Namen des Friedensbringers Jesus Christus.<\/p>\n<p>Die M\u00e4chtigen in der Welt k\u00f6nnen machen, was sie wollen, solange die Ohnm\u00e4chtigen nichts machen. Sie rechnen allenfalls mit der Lethargie der Ohnm\u00e4chtigen, notfalls mit ihrem Gehorsam, bestenfalls mit ihrer kriegerischen Begeisterung.<\/p>\n<p>Ich frage in dieser Zeit, in der Donald Rumsfeld zusammen mit R\u00fcstungs- und Energielobbys hegemoniale Politik macht: Wo bleibt der Aufschrei? Wir alle k\u00f6nnen wissen, was auf dem Spiel steht. Wo bleibt unser Aufschrei?<\/p>\n<p>Unsere Aktivit\u00e4t muss sich gegen einen Pr\u00e4ventivkrieg richten. Deshalb brauchen wir auf allen Ebenen Konfliktpr\u00e4vention, eine Vorsorge f\u00fcr politische L\u00f6sungen, nicht immer nur humanit\u00e4re Nachsorge f\u00fcr Opfer, f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge durch Hilfsorganisationen; auch sie bleiben wichtig. Was jetzt zu tun ist, ist zuallererst die St\u00e4rkung der UN und des internationalen Rechts und ein eindringlich lautes, ein sehr pers\u00f6nliches und ein gemeinschaftliches NEIN zum Krieg. Krieg ist keine Antwort.<\/p>\n<p>Liebe Zeitgenossen,<\/p>\n<p>ich wiederhole: Der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Er bewahre unsere Herzen. Er bewahre uns in unserem Innersten, auch vor aller unserer Destruktion. Und er bewahre unsere Sinne, unser Denken, F\u00fchlen, Handeln, unser Tun und Lassen.<\/p>\n<p>Die Vernunft, die aus dem Frieden Gottes kommt, ist wahrlich nicht gegen die Vernunft, sondern braucht und verlangt eine andere Logik. Und deshalb muss auch politisch und nicht nur geistlich argumentiert werden, wenn es um Wege zum Frieden geht, der diesen Namen verdient.<\/p>\n<p>Wir leben in dumpfen Zeiten. Ein neuer Krieg scheint ausgemachte Sache zu sein. Eine gel\u00e4hmte Welt\u00f6ffentlichkeit schaut zu, wird hin- und hergeworfen zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Beteuerungen, dass ein Krieg noch nicht sicher sei, und der t\u00e4glichen Versicherung, dass er unausweichlich w\u00fcrde. L\u00e4hmung, Gew\u00f6hnung, Verwirrung. Der amerikanische Pr\u00e4sident mit seinem bestechend \u00fcberzeugenden einfachen Weltbild und an seiner Seite Donald Rumsfeld haben sich aufgemacht, die \u201aAchse des B\u00f6sen\u2019 zu zerschlagen. Was sie die &#8218;Achse des B\u00f6sen\u2019 nennen, nannte die alte griechische Mythologie den &#8218;Kampf gegen die Hydra\u2019 &#8211; ein neunk\u00f6pfiges Meerungeheuer, dessen Giftatem alles vernichtet.<\/p>\n<p>Wenn ihr die neun K\u00f6pfe abgeschlagen wurden, wuchsen diese jedes Mal doppelt nach, bis dann schlie\u00dflich Herakles kam und ihre Halsst\u00fcmpfe ausbrannte.<\/p>\n<p>Aber George W. Bush ist kein Herakles. Und er will nicht sehen, dass beim Abschlagen der Schlangenk\u00f6pfe viele nachwachsen werden. Der besorgniserregende Konflikt mit Nordkorea macht es deutlich.<\/p>\n<p>Und ein neuer Krieg w\u00fcrde neuen Terrorismus provozieren, weil es viele neue \u201eUnschuldige\u201c gibt, die sterben werden und deren Hass angestachelt und politisch oder religi\u00f6s aufgeladen werden wird.<\/p>\n<p>Ein Krieg muss vermieden werden. Dazu braucht es jede einzelne Stimme und die vielen einzelnen Stimmen, die laut vernehmlich sagen: Nein &#8211; in Leipzig, Paris, in Berlin, in Br\u00fcssel, in London, in Washington, Moskau, Kairo, in Ankara, Jerusalem, in Tel Aviv, in Ramallah, in Bagdad, Neu Delhi, in Karatschi und in jedem Dorf, in jeder Zeitung, in jeder Kirche sag: Nein. Krieg ist schon Niederlage, bevor er begonnen hat, Niederlage der zivilen L\u00f6sung von Konflikten, zu denen wir in dieser mehrfach gef\u00e4hrdeten Welt verpflichtet sind. Sag: Nein! R\u00fcttele die anderen auf, dass sie auch Nein sagen.<\/p>\n<p>Noch ist Zeit; die T\u00fcr zu einer friedlichen L\u00f6sung ist noch nicht zugeschlagen.<\/p>\n<p>Aber die V\u00f6lker m\u00fcssen laut und vernehmlich Nein sagen, und die V\u00f6lker bestehen aus vielen einzelnen Individuen. Und wir brauchen \u00fcberall Verb\u00fcndete &#8211; und sie brauchen uns: die amerikanischen Freunde, die einen Pr\u00e4ventivkrieg ablehnen, von Charter bis Clinton, vom ehemaligen deutschen UN-Inspektor Sponnek bis zum ehemaligen amerikanischen UN-Inspektor Ritter, vom englischen Dramatiker Herald Pinter bis zur amerikanischen Schriftstellerin Susen Sonntag, von der Inderin Arundhati Roy bis zum Isareli Uri Averny.<\/p>\n<p>Wir brauchen eine Antikriegsbewegung, bevor der Krieg ausgebrochen ist. Gegen\u00fcber der Pr\u00e4ventivstrategie brauchen wir pr\u00e4ventiven Widerstand. Es geht nicht um einen deutschen Sonderweg, sondern um einen friedlichen Weg. Nicht aus deutscher Sicht muss ein Krieg abgelehnt werden; nicht aus deutscher Sicht sehen die Dinge anders aus, als es sich Rumsfeld und Bush denken, sondern aus jeder anderen Sicht.<\/p>\n<p>Auf der deutschen Regierung lastet gegenw\u00e4rtig ein starker Druck, denn sie ist als einzige europ\u00e4ische Regierung gegenw\u00e4rtig noch immer bei einem Nein zu einem Krieg, den sie ein Abenteuer nennt. Und sie muss deshalb entschlossener auf europ\u00e4ischer Ebene f\u00fcr gewaltfreie L\u00f6sungen sich einsetzen, zusammen mit Kofi Annan und vielen anderen Diplomaten und Politikern auf der Welt. Und auf der deutschen Regierung lastet der Druck, als wenn die Deutschen unzuverl\u00e4ssige Verb\u00fcndete w\u00e4ren, wenn sie sich nicht an einem solchen Krieg beteiligen. Dabei sollten doch die anderen Nationen in der Welt froh sein, dass die Deutschen einmal nicht bellizistisch sind \u2013 sie, die sie im vorigen Jahrhundert zwei gro\u00dfe Kriege vom Zaun gebrochen haben. Die Deutschen haben ihre Lektion gelernt; sie sind nicht besser, aber sie haben noch deutliche Erinnerung an das, was Krieg bringt: Gewalt, Tod, Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Ich empfinde es jedenfalls als eine s\u00fcndhafte Schl\u00e4frigkeit der Mehrheit der Christen in unserem Land und der Mehrheit der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger unseres Volkes, die stumpf und stumm, zuschauend und achselzuckend bleiben, w\u00e4hrend einige Oberhirten sehr offen reden, wie der Bischof von Rom Johannes Paul II. oder der Ratsvorsitzende der EKD Manfred Kock. Was aber sind die Worte der Hirten, ohne das laut vernehmbare SCHALOM des ganzen Volkes Gottes, jedes Einzelnen? (Hier in Leipzig schl\u00e4ft man nicht! Sie alle, sie heute hier, sind Pfadfinder der Friedenshoffnung und der Kriegssorge!) Pr\u00e4ventiv aufstehen gegen Pr\u00e4ventivkriege, statt nach dem Krieg wieder zu bekennen, wie feige wir geschwiegen haben und wie sehr wir die Opfer bedauern. Ich habe den Zynismus der Machtpolitiker und der Gro\u00dfm\u00e4chte, der Gro\u00dfbanken und der R\u00fcstungslobbys gr\u00fcndlich satt. Etwa 100 Milliarden Dollar soll der Krieg kosten. Das sind Steuern der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Und die Kriegsgewinnler rechnen sich auch schon die Beute aus und teilen sie sich mit der \u00d6lindustrie. F\u00fcr die menschlichen Opfer, f\u00fcr die Beseitigung der Sch\u00e4den sind dann wieder die Hilfsorganisationen zust\u00e4ndig. Da sammeln wir dann die Groschen des Mitleids. Da werden die Bilder des Elends via Fernsehen in unsere Wohnzimmer gesp\u00fclt. Und die Verursacher des Leids f\u00fchlen sich nicht verantwortlich f\u00fcr die Folgen ihrer Verw\u00fcstungen an Leib und Seele f\u00fcr Millionen Menschen, f\u00fcr ganze Regionen. Macht, Geld und Zynismus bilden eine unselige Dreieinigkeit. Der Seher Johannes nennt das zutreffend: die Hure Babylon. Und dennoch d\u00fcrfen wir es nicht an Barmherzigkeit fehlen lassen, zugleich aber m\u00fcssen wir Menschen \u00fcberall auf der Welt den Machtzynikern das Handwerk legen \u2013 mit der Kraft unserer Herzen und der Klarheit unseres Kopfes und mit unerm\u00fcdlicher Hoffnung, dass es gelingen kann, den Geist des Friedens und der Gerechtigkeit in unserer Welt Bahn zu brechen. Vor allem dieses archaische Denken, diese t\u00f6dlichen Vereinfachungen, diese verlogenen Rechtfertigungen, die das B\u00f6se im Gewand des Guten an sich hat, gilt es zu durchschauen und zu durchbrechen mit Mitteln des Rechts, mit dem Ziel, das Lebensrecht aller zu f\u00f6rdern. Die W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar. Zu seiner W\u00fcrde geh\u00f6rt seine Lebensm\u00f6glichkeit &#8211; gleich woher sie kommen, wie viel sie besitzen, wo sie leben, welcher Kultur sie angeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Auch wenn es sein kann, dass wir nichts bewirken konnten, sollten wir wenigstens nicht die Schuld des Schweigens auf uns laden, uns nicht an das Kriegerische gew\u00f6hnen und uns nicht von der Propaganda der Kriegsl\u00fcsternen verwirren lassen: An einem Tag hei\u00dft es, es wird kein Krieg sein; am n\u00e4chsten Tag, es wird doch ein Krieg sein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend gesagt wird, die Frage, ob es ein Krieg g\u00e4be, sei noch l\u00e4ngst nicht entschieden, verlegt man innerhalb weniger Tage zu den 70.000 schon stationierten Truppen nun noch einmal 30.000 und nun noch einmal 27.000. Wer soll noch glauben, dass sie in ein kleines Man\u00f6ver ins Ausland verlegt werden? Eine beinah kriegsbesessene Gro\u00dfmacht steht einem verbrecherischen Diktator gegen\u00fcber. Es stehen sich gegen\u00fcber das irakische Volk und die V\u00f6lkergemeinschaft. Soll denn ein Krieg gef\u00fchrt werden gegen ein ganzes Volk, um einen einzigen Diktator loszuwerden?<\/p>\n<p>Zweifellos werden die Amerikaner den Krieg gewinnen. Und sie werden auch nur ihren Pr\u00e4ventivkrieg gegen ein Land beginnen, bei dem sie gewinnen werden und bei dem ihr eigenes Territorium nicht erreicht wird.<\/p>\n<p>Die Frage ist nur noch, wie lange er dauern und wie viele Opfer er kosten wird. Gegenw\u00e4rtig scheint einzig zu z\u00e4hlen, wie viele Opfer es bei den Pr\u00e4ventivkriegern (bei den Angreifern!) geben und welche Folgen dies f\u00fcr die Weltwirtschaft haben wird. Bei den Siegern gelten nie die Zahlen der Toten bei den Verlierern. Der Sieg der Weltmacht gegen ein einzelnes Land, das eingekreist und ohne Nachschub lebt, ist sicher. Das irakische Regime und das irakische Volk werden verlieren. Zugleich aber hat unsere Zivilisation schon verloren.<\/p>\n<p>In welche archaischen Zeiten mit modernsten Machtmitteln wird unsere Welt zur\u00fcckkatapultiert? Da erkl\u00e4rt der amerikanische Pr\u00e4sident im September 2002 in einer Rede: Saddam sei ein b\u00f6ser Mann, dem man auf keinen Fall trauen k\u00f6nne, und f\u00e4hrt dann w\u00f6rtlich fort: \u201eSchlie\u00dflich ist das auch der Kerl, der meinen Vater umbringen wollte.\u201c Er bezog sich auf einen 1993 vereitelten Mordanschlag auf George Bush in Kuwait. Und Bush senior erkl\u00e4rt: \u201eIch habe nichts als Hass f\u00fcr ihn \u00fcbrig.\u201c Geht es hier also um ein archaisches Muster von Blutrache und um einen \u201es\u00fc\u00dfen Moment f\u00fcr die Familie Bush\u201c, wenn Saddam verschw\u00e4nde? (vgl. MZ 30.09. 2002)<\/p>\n<p>Dabei steht eines au\u00dfer Frage: Saddam Hussein ist ein so gewiefter wie brutaler Diktator, der Giftgas eingesetzt hat gegen schiitische Minderheiten im S\u00fcden und gegen aufst\u00e4ndische Kurden im Norden, ganz zu schweigen vom bestialischen Krieg mit dem Iran. Aber woher hatte er seine Waffen?<\/p>\n<p>Auf welche Weltordnung m\u00fcssen wir zugehen, wenn wir uns von der Gei\u00dfel der Massenvernichtungswaffen befreien wollen? Wir werden uns nicht davon befreien, wenn die m\u00e4chtigste Nation der Welt sich das Recht zum Erstschlag mit Massenvernichtungswaffen nimmt. Es muss weiter um entschiedene und entschlossene Ma\u00dfnahmen gehen. Dazu braucht die Uno die Machtmittel, die sie zur Durchsetzung internationalen Rechts braucht, statt der Druckmittel der Supermacht auf die Uno. Das internationale Recht braucht die Macht, es durchzusetzen, und nicht eine einzelne Macht darf sich das Recht nehmen, notfalls zu machen, was sie f\u00fcr richtig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wer nicht alles daran setzt, friedliche L\u00f6sungen in Konflikten zu suchen, setzt sich dem begr\u00fcndeten Verdacht aus, Krieg zu wollen und mit Krieg alles andere zu wollen als das Ausr\u00e4umen der Konfliktursachen.<\/p>\n<p>Dabei sind bei allem, was uns bekannt wird, die bisherigen Erkenntnisse der Uno-Inspektoren im Irak mit ihren erweiterten Vollmachten nicht so, dass sie die besondere Besorgnis n\u00e4hrten, dass Saddam Hussein seine Massenvernichtungsprojekte weitergef\u00fchrt hat und die Welt bedrohen kann.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen erkl\u00e4rt der amerikanische Pr\u00e4sident, dass alles, was Saddam Hussein bisher getan habe, ihn \u201eentmutigen\u201c w\u00fcrde. Wieso entmutigen? Meint er gar entmutigen, seinen Krieg zu f\u00fchren? W\u00e4hrend alles zun\u00e4chst auf den 27. Januar zul\u00e4uft und Nordkorea w\u00e4hrenddessen nuklear droht, wird zugleich gesagt, ein Krieg sei keineswegs sicher. Wieso aber werden weitere 60.000 Elitesoldaten zu den bereits 70.000 Stationierten in die Region entsandt? Man h\u00e4lt offenbar die Welt\u00f6ffentlichkeit, vor allen Dingen sein eigenes Volk und seine Soldaten, f\u00fcr ausreichend propaganda-gl\u00e4ubig, apathisch oder schon f\u00fcr dumm genug, um der Propagandazentrale im Pentagon zu glauben.<\/p>\n<p>Vor Weihnachten meinte Donald Rumsfeld, eine Informationsoffensive sei insbesondere f\u00fcr die pakistanische und deutsche \u00d6ffentlichkeit n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Und es begegnet uns der Vorwurf, wer gegen diesen Krieg und gegen die au\u00dfenpolitischen Ma\u00dfnahmen dieser Administration sei, sei im Grund antiamerikanisch.<\/p>\n<p>Wer in der DDR gelebt und sich ein redliches Ged\u00e4chtnis bewahrt hat, kennt solche T\u00f6ne. Wer gegen die Niederwalzung des Aufstandes 1956 in Ungarn war, gegen den Einmarsch \u00b468, gegen denAfghanistan-Krieg 1980, gegen die SS-20-Stationierung 1983, der war antisowjetisch, antikommunistisch und gegen Frieden und Sozialismus.<\/p>\n<p>Wir werden unseren Kopf anstrengen m\u00fcssen und mit unseren Gef\u00fchlen sehr bedachtsam umgehen m\u00fcssen, um nicht in alte verh\u00e4ngnisvolle Muster zur\u00fcckzufallen. Dabei ist eines klar:<\/p>\n<p>Wer nach Ursachen und Zusammenh\u00e4ngen, nach Konflikten in der heutigen Welt wie nach deren langfristiger Beseitigung fragt, darf nicht die aktuelle Trauer \u00fcber den Tod von Menschen sowie die Emp\u00f6rung \u00fcber die Tat und die T\u00e4ter vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>Zugleich gilt, wen Trauer und Emp\u00f6rung zum verst\u00e4ndlichen Gegenschlag gegen die T\u00e4ter f\u00fchrt, darf nicht Ursachen und Zusammenh\u00e4nge vernachl\u00e4ssigen. Schlie\u00dflich: Wer um seine Toten trauert, darf auch die anderen Toten nicht vergessen, die ebenso unschuldig waren wie die eigenen Toten.<\/p>\n<p>Wer zum Gegenschlag ausholt, darf nicht unterschlagen, wie viele Unschuldige er trifft und wie viel neuer Hass sich gegen ihn richtet \u2013 je mehr Unschuldige getroffen werden.<\/p>\n<p>Wer Opfer in kalter Kriegslogik zu \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c erkl\u00e4rt, muss damit rechnen, dass hasserf\u00fcllte \u00dcberlebende, unmittelbare Angeh\u00f6rige und kulturell Zugeh\u00f6rige ihre Selbstmordattentate zynisch als vergleichbare \u201eKollateralsch\u00e4den\u201c verstehen. Und der ganze Globus, die globalisierte Welt, wird ihr Schlachtfeld sein. Und wir werden \u00fcberall Betroffene sein.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber einem weltweit verbreiteten Hass wird es keine ausreichenden Schutzma\u00dfnahmen geben; es sei denn, wir ersticken in einer Sicherheitshysterie, die alle unsere gewonnenen Freiheiten aufs Spiel setzt.<\/p>\n<p>Es gibt keine garantierte Sicherheit \u2013 nirgends! &#8211; es gibt nur eine Politik, die zu mehr Sicherheit f\u00fchrt durch Abbau von Konflikten. Politik ist im Konfliktfall der geduldige, kluge, besonnene, entschlossene Mut, Frieden mit dem Feind zu suchen, ohne vor ihm zu kapitulieren. Und es ist der Versuch, Gewaltt\u00e4ter und Gewalttaten einzud\u00e4mmen und dazu auch die Macht des Rechtsstaates und die Macht der internationalen Ordnung zu gebrauchen.<\/p>\n<p>Wenn wir die Menschenrechtsgrunds\u00e4tze unserer westlichen Zivilisation ernst nehmen, dann z\u00e4hlen aber alle Gewaltopfer, und zwar alle gleich, Mensch f\u00fcr Mensch: Terroropfer in New York und Bombenopfer in Afghanistan, zerrissene Bistrobesucher in Tel Aviv und Fl\u00fcchtlingsfamilien in Dschenin, deren H\u00e4user in die Luft gesprengt werden.<\/p>\n<p>Die entscheidende Frage ist nicht, wer angefangen hat, sondern wie wir es gemeinsam als B\u00fcrger zivilisierter Staaten schaffen, die Logik von Schlag und Gegenschlag zu \u00fcberwinden, konkrete T\u00e4ter und auch ihre Hinterm\u00e4nner zu fassen, aber nicht dem (verst\u00e4ndlichen) Hass Raum geben und \u201adie Pal\u00e4stinenser\u2019 oder \u201adie Iraker\u2019 oder \u201adie Juden\u2019 zu Opfern zu machen.<\/p>\n<p>Krieg ist Niederlage der Politik. Solange zivile Konfliktregelung m\u00f6glich ist, soll man sie betreiben \u2013 mit aller Kraft, mit allem Recht, mit aller List, mit aller Macht, mit aller Kunst! Krieg ist keine Kunst, sondern sanktioniertes Morden, Zerst\u00f6ren und Rauben.<\/p>\n<p>Um es abschlie\u00dfend noch einmal konkret, sehr konkret zu machen: Der Bootsmann auf dem Flugzeugtr\u00e4ger \u201eAbraham Lincoln\u201c, der im persischen Golf kreuzt und dessen Flugzeuge zwanzig Minuten von Bagdad mit ihrer t\u00f6dlichen Last entfernt sind, dieser Bootsmann sagt, er tue alles, was er dort tut, f\u00fcr seine Kinder und f\u00fcgt hinzu \u201eund f\u00fcr alle Kinder in der Welt\u201c. Sein Gewissen ist v\u00f6llig rein, er tut doch alles f\u00fcr die Kinder. Aber er fragt nicht mit, wie viele Kinder im Irak in zehn Jahren des Embargos und wegen des Embargos schon gestorben sind. Das wei\u00df er vielleicht nicht, das wird ihm auch nicht gesagt. Er h\u00f6rt auf seinen Pr\u00e4sidenten und sagt: \u201eIch glaube ihm\u201c. Und wie zu einer Andacht versammelt sich die Mannschaft vor dem Bordfernseher, wenn der Pr\u00e4sident spricht. Und der Pr\u00e4sident sagt \u2013 wiederholt \u2013: \u201eDer Tag der Abrechnung kommt.\u201c Und sein Verteidigungsminister sagt vor den Soldaten: \u201eIhr steht zwischen dem amerikanischen Volk und dem B\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>Wer das glaubt, der kann nur noch draufhauen auf diese Hydra, ohne zu fragen, wie viele Schlangenk\u00f6pfe ihr nachwachsen werden.<\/p>\n<p>In einer komplexen Welt darf keiner sich erlauben, harmlos zu sein und ganz \u201eeinfach\u201c zu denken. Es ist alles sehr viel komplizierter. Die einfach erscheinende L\u00f6sung ist die, die viele neue Probleme schaffen wird, statt sie zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Darum: Wer Frieden will, muss Frieden mit Mitteln des Friedens suchen und alle M\u00f6glichkeiten aussch\u00f6pfen, Krieg zu vermeiden.<\/p>\n<p>Noch ist das Fenster nicht geschlossen. Noch ist Zeit, unsere Stimme zu erheben. Noch ist Zeit, mit den Mitteln, die die UN-Charta f\u00fcr die V\u00f6lkergemeinschaft hat, f\u00fcr eine friedliche L\u00f6sung zu wirken und an sie zu glauben.<\/p>\n<p>F\u00fcr jeden Einzelnen gilt: Sag Nein zum Krieg! Sag Ja zu allem, was Krieg vermeidet. Und schlie\u00df dich den einfachen \u201eBitten der Kinder\u201c an: Wir alle sind Kinder, Kinder Gottes, Kinder dieser Welt.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Dr.h.c. Friedrich Schorlemmer<br \/>\nstellv. Direktor<br \/>\nTheologischer Studienleiter<br \/>\n(03491) 49 88-45<br \/>\neMail: <a href=\"mailto:Ev-Akademie-Wittenberg@t-online.de\">Ev-Akademie-Wittenberg@t-online.de<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche | 13. Januar 2003 | Friedrich Schorlemmer | Der Friede Gottes, der h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Damit endet normalerweise eine Predigt. Ich m\u00f6chte sie damit beginnen. 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