{"id":9665,"date":"2002-03-07T19:49:45","date_gmt":"2002-03-07T18:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9665"},"modified":"2025-04-24T10:11:18","modified_gmt":"2025-04-24T08:11:18","slug":"reflexion-zum-glaubensbekenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/reflexion-zum-glaubensbekenntnis\/","title":{"rendered":"Reflexion zum Glaubensbekenntnis"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><strong>Reflexion zum Glaubensbekenntnis | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p>&#8222;Ich glaube an Gott, &#8230; den Allm\u00e4chtigen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Scheinbar ist es akademische Haarspalterei, wenn man fragt: Ist Gott<br \/>\nals der Vater der Allm\u00e4chtige? Oder ist er als der Allm\u00e4chtige<br \/>\nder Vater? Oder ist er gerade als allm\u00e4chtiger Vater bzw. in v\u00e4terlicher<br \/>\nAllmacht Gott? Doch mit diesen Fragen wird nicht akademisch-theoretische<br \/>\nFlohf\u00e4ngerei betrieben. Hier steht vielmehr in der Gestalt blo\u00dfer<br \/>\nfeiner Differenzierungen Wesentliches zur Frage, n\u00e4mlich: Wen<br \/>\nbekennen wir, indem wir Gott als den allm\u00e4chtigen Vater bekennen?<br \/>\nWen \u2013 eine Urmacht und Urpotenz, aus der alles hervorgeht und<br \/>\ndie wir darum als Vater aller Dinge bezeichnen und als Gott verehren?<br \/>\noder Gott als den, der v\u00e4terlich, wie liebende Eltern, sich uns<br \/>\nzuwendet und darin sich als machtvoll und g\u00f6ttlich erweist? oder<br \/>\neine v\u00e4terliche Ur- und Allmacht, die wir aufgrund unserer Erfahrung<br \/>\nals Gott identifizieren? Kurz, um wen oder was geht es: die Macht,<br \/>\ndie V\u00e4terlichkeit oder ums Gottsein?<\/p>\n<p>Man sage nicht, das sei nur f\u00fcrs theologische Denken von Belang.<br \/>\nDie Kirchengeschichte belehrt uns bitter, was es bedeutet, wenn wir Gott<br \/>\nvor allem in Begriffen und Bildern der Macht erfassen: Das schl\u00e4gt<br \/>\nirgendwann unvermeidlich um in Gewalt und Tyrannis. Sie belehrt uns nicht<br \/>\nminder, da\u00df die einseitige Betonung des Vaters zum \u201elieben<br \/>\nGott\u201c f\u00fchrt \u2013 jenem gutwilligen, doch etwas hilflosen<br \/>\nalten Mann, der im Grunde auf uns und unsere H\u00e4nde und Gedanken<br \/>\nund auch Schlaumeiereien angewiesen ist. Sie gibt ebenso zu erkennen,<br \/>\nda\u00df das Ausgehen von dem Gottesbegriff, den wir dann durch Macht<br \/>\nund V\u00e4terlichkeit erkl\u00e4ren und f\u00fcllen, wie wir sie im<br \/>\neigenen Leben, in Natur und Geschichte, in erhabenen Augenblikken oder<br \/>\nauch Katastrophen erfahren, zu \u2013 <em>einem<\/em> Gott zu f\u00fchren pflegt,<br \/>\nwie wir ihn in den Dichtungen unserer Klassiker oder auch in der b\u00fcrgerlichen<br \/>\nMoral antreffen.<\/p>\n<p>Der Umblick erbringt: Man wird von vornherein die drei Begriffe zusammennehmen<br \/>\nund sich dagegen verwahren m\u00fcssen, da\u00df man sie voneinander<br \/>\ntrenne. Also: Gott ist Gott als Vater und Allm\u00e4chtiger; er ist Vater<br \/>\nals allm\u00e4chtiger Gott; er ist der Allm\u00e4chtige als Gott der<br \/>\nVater. Wozu dann die Differenzierung? Darum, weil das Wort \u201eGott\u201c zu<br \/>\ngro\u00df, viel zu gro\u00df ist f\u00fcr uns und all unser Denken<br \/>\nund alle unsere Erfahrung. Sagten wir nur \u201eGott\u201c, wir w\u00fcrden<br \/>\nuns in diesem gro\u00dfen Wort gleichsam verlieren \u2013 mit dem Ergebnis,<br \/>\nda\u00df wir nach Gef\u00fchl und Gutd\u00fcnken unsererseits eintr\u00fcgen,<br \/>\nwas wir unter diesem Wort verstehen. Damit aber w\u00fcrde aus Gott letztlich<br \/>\nentweder mein jeweiliger Privatg\u00f6tze oder aber ein gemeinsamer Nenner,<br \/>\nauf den man schier alles nebeneinander schreiben kann, weil er in seiner<br \/>\nBestimmung beliebig wurde. Gott, das ist deutlich, w\u00fcrde dar\u00fcber<br \/>\nverloren. Man k\u00f6nnte dann nur noch seufzen: \u201eAch Gott, ach<br \/>\nGott&#8230;!\u201c Gesagt w\u00e4re dabei nichts mehr.<\/p>\n<p>Indem wir an Gott glauben und ihn bekennen, beten wir einen Gott an<br \/>\nund sprechen von ihm, der ausgesagt, benannt, identifiziert werden kann.<br \/>\nWoraufhin? Daraufhin, da\u00df er, wie es die Bibel kennzeichnet (Apg.<br \/>\n14,17), \u201esich nicht unbezeugt gelassen\u201c hat, sondern der<br \/>\nin spezifischer Weise hervorgetreten ist. Im vorigen Jahrhundert hat<br \/>\nman das mit dem Begriff der \u201eSelbstoffenbarung\u201c festzuhalten<br \/>\nversucht, der allerdings in abstraktes R\u00e4sonieren und insbesondere<br \/>\ndahin gef\u00fchrt hat, da\u00df man beim Reden von Gott in feuilletonistischer<br \/>\nHaltung verblieb, was so einleuchtend ist, wie wenn man \u00fcber die<br \/>\neigene Ehefrau\/den eigenen Ehemann allerlei geistreiche Weisheiten und<br \/>\nAussagen erh\u00f6be und in abstrakter logisch-analytischer Untersuchung<br \/>\nausdifferenzierte. Was dabei im einzelnen herauskam, kann jetzt nicht<br \/>\ndargestellt werden; jedenfalls ist hier erkennbar ein Irrweg begangen<br \/>\nworden. Es gilt, ihn zu verlassen und mehr auf das den Blick zu richten,<br \/>\nwas man urspr\u00fcnglich mit der Rede von Gottes \u201eSelbstofffenbarung\u201c hatte<br \/>\nfesthalten wollen: da\u00df n\u00e4mlich Gott, er selbst, gehandelt<br \/>\nhat, und zwar so, da\u00df er f\u00fcr uns eindeutig ist als Gott, der<br \/>\nallm\u00e4chtige Vater. F\u00fcr diese Neubesinnung blicken wir auf Luthers<br \/>\nKatechismen samt den ihnen vorausgehenden bzw. sie begleitenden Katechismuspredigten.<\/p>\n<p>Ich stelle hier nur ab auf den<em> Kleinen Katechismus<\/em> (EG 806.2).<br \/>\nDort verweise ich <em>als Erstes <\/em>auf eine scheinbar rein \u00e4sthetisch-sprachliche \u00c4u\u00dferlichkeit:<br \/>\nLuther beginnt seine Erkl\u00e4rung bekanntlich mit \u201eIch glaube,<br \/>\nda\u00df mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen&#8230;\u201c Ich<br \/>\nbin \u00fcberzeugt, da\u00df wir unsererseits, gesetzt einmal, wir verwendeten<br \/>\nLuthers Vokabeln, geschrieben haben w\u00fcrden: \u201eIch glaube, da\u00df Gott<br \/>\nsamt allen Kreaturen auch mich geschaffen hat&#8230;\u201c Da\u00df erg\u00e4be<br \/>\nim ersten Satzteil den nichtssagenden Rhythmus einer Banalit\u00e4t:<br \/>\n~&gt;~~&gt;~&gt;~&gt;~&gt;~~&gt;~&gt;~~. Das flie\u00dft in gleichm\u00e4\u00dfiger<br \/>\nL\u00e4ppischkeit<br \/>\nvor sich hin und f\u00e4llt am Ende kraftlos ab. Luther aber sagt: \u201eIch<br \/>\nglaube, da\u00df mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen&#8230;\u201c,<br \/>\nalso ~&gt;~&gt;&gt;&gt;~&gt;~~~&gt;~~~&gt;~. Was bei dieser Kennzeichnung ins Auge springt,<br \/>\nwird beim lauten Sprechen nicht allein merklich, sondern dr\u00e4ngt<br \/>\nsich geradezu auf: Die drei Akzente nacheinander erzeugen einen Stau.<br \/>\nAn dieser Stelle geht es nicht in glattem Flu\u00df. Sondern hier dr\u00e4ngt<br \/>\nsich etwas auf engstem Raum zusammen und erzeugt eine intensive Verdichtung: \u201e&#8230;d\u00e1\u00df m\u00edch<br \/>\n<em>G\u00f3tt<\/em>&#8230;\u201c In ihr steckt so viel Spannung, da\u00df alles<br \/>\nFolgende gleichsam hineingezogen ist; also, um es so zu sagen: Es <em>mu\u00df<\/em> einfach<br \/>\nweitergehen, auch \u00fcber \u201emich\u201c weit hinaus. Wer in Luther<br \/>\neingelesen ist, wei\u00df: Das ist bewu\u00dft so gesetzt (vgl. z.B.<br \/>\nin der Weihnachtsgeschichte \u201e&#8230;die war schwanger&#8230;\u201c [????] \u2013 nicht,<br \/>\nwie\u2019s korrekt w\u00e4re, \u201e&#8230;die schwanger war&#8230;\u201c [????],<br \/>\nwas wie ein Anh\u00e4ngsel gewirkt h\u00e4tte [s. den Rhythmus des vorstehenden<br \/>\nNachsatzes!]).<\/p>\n<p>Hierin ist eine Aussage enthalten, die Aussage: In das Faktum von Gottes<br \/>\nallm\u00e4chtigem Schaffen bin ich unmittelbar und unl\u00f6sbar einbezogen.<br \/>\nIch kann hier nicht theoretisieren, nicht in kritische Distanz gehen,<br \/>\nnicht gleichsam mit ausgestreckten Armen davon oder dar\u00fcber handeln<br \/>\nals wie \u00fcber einen Sachverhalt. Ich war, bin und bleibe unmittelbar<br \/>\nund total involviert. Wer Gott, dieser Gott, ist und was er tut, das<br \/>\nwirkt sich unvermeidlich auf mich aus. Indem ich von Gott spreche, mache<br \/>\nich Aussagen auch von mir. Darin steckt zugleich: Wenn ich <em>\u00fcber<\/em> Gott<br \/>\nzu reden mich unterfange, dann habe ich auch mich selbst im Grundlegenden<br \/>\nvergegenst\u00e4ndlicht. Dann ist, streng bis zum Ende gedacht, meine<br \/>\nDefinition und daraufhin auch Vernummerung nur eine Frage der Zeit bzw.<br \/>\nder Konsequenz. Und was das hei\u00dft, darauf hat Theodor W. Adorno<br \/>\nin seiner <em>Negativen Dialektik<\/em> eindringlich aufmerksam gemacht<br \/>\nam Beispiel der Judenvergasung. Gott also ist weder Gegenstand noch Sache.<br \/>\nGott \u2013 eine<br \/>\nvon Eugen Rosenstock-Huessys Grundbehauptungen ist, das Wort \u201eGott\u201c sei<br \/>\nurspr\u00fcnglich ein Vokativ. Inhaltlich gesehen, hat er recht: Wer<br \/>\nvon Gott redet nicht aus geschehener Anrufung hin auf wieder geschehende<br \/>\nAnrufung, macht blo\u00dfe Worte und gr\u00fcndet sich in blo\u00dfe<br \/>\nWorte.<\/p>\n<p><em>Als Zweites<\/em> weise ich darauf hin, da\u00df der Tenor in der Tat aussagt,<br \/>\nwas die Sprache als solche vollzieht: Ich bin \u201esamt allen Kreaturen\u201c von<br \/>\nGottes Schaffen und Wirken, von seiner Macht und seiner \u2013 wie\u2019s<br \/>\nsp\u00e4ter hei\u00dft \u2013 \u201ev\u00e4terlichen G\u00fcte\u201c umschlossen.<br \/>\nD.h. der Frage danach, wo Gott zu finden sei, wie und auf welchen Ebenen<br \/>\nbzw. in welchen Medien (z.B. unser Geist, die Natur etc.), ist von vornherein<br \/>\nder Boden entzogen, und auch eine \u201eOffenbarung\u201c ist hier \u00fcberfl\u00fcssig,<br \/>\ndie uns die Schuppen von den Augen n\u00e4hme. Die Frage ist hier \u00fcberhaupt<br \/>\nnicht die nach der Gotteserkenntnis und deren Bedingnissen und Modalit\u00e4ten;<br \/>\ndiese Frage setzt ja voraus, da\u00df ich als eine Art \u201eIch-AG\u201c lebte<br \/>\nund mich umt\u00e4te und dabei dann auf dies und jenes stie\u00dfe und<br \/>\nan einer bestimmten Stelle das Gefundene als \u201eGott\u201c identifizierte \u2013 die<br \/>\nHaltung des abstrakten Ichs des reinen Gedankens. Das traditionelle Lehrst\u00fcck<br \/>\nvon der Gotteserkenntnis bel\u00e4\u00dft Luther hier also an seinem<br \/>\nOrt, n\u00e4mlich der Studierstube, und tr\u00e4gt an seiner Stelle die<br \/>\nwesentliche, die relevante \u2013 nein, nicht Frage, sondern <em>Aussage<\/em> vor: da\u00df Gott uns alle wie mich mit seinem Tun und Handeln bereits<br \/>\numschlossen hat, l\u00e4ngst bevor jemand nach ihm fragte, da\u00df somit<br \/>\nbelangvoll ist allein, da\u00df ich\u2019s tats\u00e4chlich wahrnehme<br \/>\nund mit meinem Leben angemessen aufnehme.<\/p>\n<p>Dabei wird jedoch nicht mit teutzschem Tiefsinn und luth\u00e9rischer<br \/>\nGrunds\u00e4tzlichkeit gleichsam vom Augenblick 0 ausgegangen. L\u00e4ngst<br \/>\nleben wir in verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen, die u.a. entscheidend<br \/>\ndadurch gepr\u00e4gt sind, da\u00df \u201eGott sich nicht unbezeugt<br \/>\ngelassen\u201c hat und somit z.B. das Glaubensbekenntnis gesprochen<br \/>\nund weitergegeben wird. Salopp geredet, h\u00e4lt Luther sich hier nicht<br \/>\ndamit auf, das Rad neu zu erfinden, sondern \u2013 um beim Bild zu bleiben \u2013 stellt<br \/>\nvor Augen und malt aus, da\u00df und wie wir rollen und was das hei\u00dft.<br \/>\nSo treten hier an die Stelle gewichtiger Fragen von fundamentaler Bedeutung,<br \/>\nmit denen man nur mehr die Hirnzellen trainiert, Hinweise von praktischer<br \/>\nBedeutung, die mein ganzes Leben mitsamt meiner Lebensf\u00fchrung unmittelbar<br \/>\nherausfordern \u2013 die Hirnzellen inclusive. Will sagen: Geht es um<br \/>\nGott, so geht es um die Realit\u00e4t, so geht es f\u00fcglich unausweichlich<br \/>\nauch um mich und mein Leben und meinen Alltag mit allem, was das hei\u00dft<br \/>\nund einschlie\u00dft. Abermals: Mit Gott stehe ich selbst zur Rede,<br \/>\nzur Frage, und das mit allem, was mich ausmacht. Der Punkt dabei ist<br \/>\nnicht, wie ich das erkenne und ableite und begr\u00fcnde, sondern: ob<br \/>\nich mir dar\u00fcber im klaren bin und erfasse, was das hei\u00dft,<br \/>\neinschlie\u00dft, an Konsequenzen erbringt. Da\u00df ich dann nicht<br \/>\nbei mir selber stehen bleiben und verharren kann, liegt auf der Hand.<\/p>\n<p><em>Als Drittes<\/em> stelle ich heraus, da\u00df Luther auf diese Weise zu einer<br \/>\nZuordnung der Pr\u00e4dikate bzw. Titel \u201eallm\u00e4chtiger\u201c und \u201eVater\u201c kommt,<br \/>\ndie die rein begriffliche Differenzierung \u00fcberbietet. Das geschieht<br \/>\ndurch bewu\u00dfte Umkehrung des Vorgehensweges. Normalerweise f\u00fchrt<br \/>\neine gedankliche Kl\u00e4rung zu Definition und Begriff \u2013 so unsere<br \/>\nwissenschaftliche Tradition bis in die Gegenwart. Definition und Begriff<br \/>\naber bed\u00fcrfen der Erkl\u00e4rung, der F\u00fcllung und der Ausf\u00fchrung,<br \/>\ndamit das in sie Abstrahierte erkennbar werde. Das ist notwendig, sollen<br \/>\ndie Begriffe nicht zu blo\u00dfen H\u00fclsen werden, mit denen dann<br \/>\nnur mehr logische Korrektheiten konstruiert w\u00fcrden. Begriffe ohne<br \/>\nAnschauung seien leer, hat Immanuel Kant gesagt und zugleich hinzugesetzt,<br \/>\nda\u00df Anschauung ohne Begriffe blind sei. Das nun macht Luthers Umkehrung<br \/>\ndes \u00fcblichen Weges spezifisch aus, da\u00df er in eins hiermit<br \/>\nder scheinbar unausweichlichen Dialektik dieses Doppelsatzes sich entwindet<br \/>\nund so das uns (und Kant!) so gel\u00e4ufige, wo nicht geradezu selbstverst\u00e4ndliche<br \/>\nSchema von Theorie versus Praxis leer laufen l\u00e4\u00dft. Formelhaft<br \/>\ngeredet also: nicht vom Begriff zur Kl\u00e4rung hin auf eine neue Gewinnung<br \/>\ndieses Begriffs bzw. die Gewinnung eines neuen Begriffs, sondern vom<br \/>\nBegriff hinein in die F\u00fclle der theologisch erfa\u00dften Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Das geschieht, indem Luther die \u2013 begrifflichen \u2013 Aussagen<br \/>\ndes Glaubensbekenntnisses weder begrifflich expliziert noch konkretisiert<br \/>\noder durch Beispiele zu veranschaulichen sich bem\u00fcht, er vielmehr<br \/>\nbereits im Ansetzen von dem ausgeht, <em>den<\/em> das Bekenntnis zum Grund und<br \/>\nzum Ziel hat: Gott, den allm\u00e4chtigen Vater. Es ist bezeichnend,<br \/>\nda\u00df Luther in der Erkl\u00e4rung die Begriffe der Vorgabe nur in<br \/>\neinem Falle anspielend streift (\u201e&#8230;v\u00e4terlicher, g\u00f6ttlicher<br \/>\nG\u00fcte&#8230;\u201c). Er hat sie zwar durchaus im Blick. Doch er hat<br \/>\nsie im Blick gleichsam als Sehhilfen, die ihn dazu anleiten, Gott als<br \/>\nWirkenden und in seinem alles umschlie\u00dfenden v\u00e4terlichen Handeln<br \/>\nwahrzunehmen und bekennend auszusagen. Also, wenn man so will: Begriffe<br \/>\nals das \u00c0propos f\u00fcr die Entfaltung der F\u00fclle von Gottes<br \/>\nHerrlichkeit, Gnade und Macht. Diese Entfaltung ist anschaulich und lebendig,<br \/>\ndenn das, was zu sagen ist, pr\u00e4gt unser Leben, gestaltet unsere<br \/>\nWelt, ragt bewahrend, hemmend, st\u00f6rend oder auch unauff\u00e4llig<br \/>\nin unseren Alltag herein. Somit werden nicht Stichw\u00f6rter expliziert,<br \/>\nsondern das, was ihnen Gehalt und Klang verlieh, vielmehr: <em>der<\/em> das tut,<br \/>\nwird verk\u00fcndigt. Das f\u00fchrt dazu, da\u00df damit die Begriffe<br \/>\ngleichsam von dem \u00fcberflutet werden, was sie weniger enthalten als<br \/>\nvielmehr ansprechen.<\/p>\n<p>Wenn also im vorstehenden \u201eGott, der allm\u00e4chtige Vater\u201c dem<br \/>\nAnschein nach nur beil\u00e4ufig ber\u00fchrt wurde, ging es im Kern<br \/>\ngleichwohl exakt hierum \u2013 allerdings: im Eingehen auf Luther. Luther<br \/>\nwar, wie Ulrich Nembach in seiner Einf\u00fchrung erw\u00e4hnte, dank<br \/>\nseiner Ausbildung in der herk\u00f6mmlichen, der begrifflich operierenden<br \/>\nTheologie nicht nur geschult, sondern er beherrschte sie. (Den Spitznamen \u201ePhilosoph\u201c wird<br \/>\ner als Student nicht grundlos getragen haben!) Aber er hatte ihre (hier<br \/>\nnicht auszubreitenden) Mi\u00dflichkeiten, Schw\u00e4chen und insbesondere<br \/>\nVerf\u00fchrungen erfa\u00dft und durchschaute, da\u00df auf jedem<br \/>\nihrer Wege \u2013 welchem auch immer! \u2013 stets sich ergab, da\u00df die<br \/>\nGrenzen der Theologie mit den Grenzen der Vernunft zusammenfallen, d.h.<br \/>\nGott auf das Ma\u00df unserer Einsichtsf\u00e4higkeit und -willigkeit<br \/>\nzur\u00fcckgestutzt wird. Damit wird er zu einem Objekt, zu einem Gegenstand,<br \/>\nden wir begrifflich verpacken und transportieren \u2013 oder vielmehr<br \/>\ndas zu tun vermeinen, gerade so, als lie\u00dfe Gott sich derart einfangen.<br \/>\nDamit haben wir uns auch in anderer Hinsicht bereits selber belogen:<br \/>\nWir tun dann n\u00e4mlich so, als w\u00e4ren wir in der Position \u2013 um<br \/>\nvon der F\u00e4higkeit zu schweigen! \u2013 , Gott als Gegen\u00fcber<br \/>\nsozusagen frei in den Blick zu nehmen. Genau umgekehrt ist er es jedoch,<br \/>\nder seinerseits uns umf\u00e4ngt und umwaltet und tr\u00e4gt und erh\u00e4lt,<br \/>\nder uns wie \u00fcberhaupt alles, was es gibt, geschaffen hat und auch<br \/>\ndas seinerseits uns schenkt, was wir selber produzieren wie \u201eKleider<br \/>\nund Schuh&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Es geht Luther also, pointiert geredet, nicht um die <em>Begriffe<\/em> \u201eGott,<br \/>\nder allm\u00e4chtige Vater\u201c und deren korrekten Gebrauch. Ihm geht<br \/>\nes darum, da\u00df wir unser Herz Gott \u00f6ffnen und unser Leben von<br \/>\nihm empfangen und in ihm gegr\u00fcndet wissen und dabei uns durch die<br \/>\ntraditionellen Begriffe und ihr differenzierendes Kennzeichnen dazu bringen<br \/>\nlassen, von Gott gerade v\u00e4terliche G\u00fcte und F\u00fcrsorge und<br \/>\nmachtvollen Schutz und Weltbeherrschung im Gro\u00dfen wie im Kleinen<br \/>\nzu erfahren, zu erwarten und \u2013 nicht zuletzt im Gebet zu erbitten.<br \/>\nDer Weg hierher aber ist nicht der von \u201eWissen und Verwirklichen\u201c noch<br \/>\nvon Belehrung und Tat oder Einsicht und Handeln etc. Auf alle diese Weisen<br \/>\nn\u00e4mlich erheben wir uns zu Subjekten des Glaubens, analog dem, da\u00df der<br \/>\n<em>Empfang<\/em> von Leib und Blut Jesu Christi im Abendmahl in einer langen,<br \/>\nfatalen Tradition als \u201eDanksagung\u201c (\u201eEucharistie\u201c)<br \/>\nbezeichnet wird. Kurz, der Weg geht nicht einfach von der Belehrung und<br \/>\nErkl\u00e4rung \u00fcber die Reflexion und das Wollen hin zum existentiellen<br \/>\nVollzug, so wie es Moral und P\u00e4dagogik von Sokrates bis heute wie<br \/>\nselbstverst\u00e4ndlich nehmen.<\/p>\n<p>Darum ist seine Form der Dogmatik auch \u2013 scheinbar \u2013 undogmatisch:<br \/>\nBekenntnis, Predigt, Katechismus, seelsorgerlicher Rat. Denn es sind<br \/>\nallein diese Gattungen, die da realisieren lassen, was alle Dogmatiken<br \/>\nzwar behaupten, doch durch ihre Form faktisch dementieren und aushebeln: \u201e&#8230;da\u00df mich<br \/>\nGott geschaffen hat samt allen Kreaturen&#8230;\u201c und ich darum, wenn<br \/>\nich das oder vielmehr: ihn aussagen will, ich das sprachlich nur als<br \/>\nBekenntnis, Predigt, Katechismus oder Seelsorge vollziehen kann.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<br \/>\n<\/strong><strong><a href=\"mailto:hweissenfeldt@foni.net\">E-Mail: hweissenfeldt@foni.net<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p id=\"back\"><a href=\"credo_01.htm\">\u0095 Zur\u00fcck zur \u00dcbersicht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reflexion zum Glaubensbekenntnis | Klaus Schwarzw\u00e4ller | &#8222;Ich glaube an Gott, &#8230; den Allm\u00e4chtigen&#8230;&#8220; Scheinbar ist es akademische Haarspalterei, wenn man fragt: Ist Gott als der Vater der Allm\u00e4chtige? Oder ist er als der Allm\u00e4chtige der Vater? Oder ist er gerade als allm\u00e4chtiger Vater bzw. in v\u00e4terlicher Allmacht Gott? 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