{"id":9679,"date":"2003-11-07T19:49:42","date_gmt":"2003-11-07T18:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9679"},"modified":"2025-06-28T09:48:30","modified_gmt":"2025-06-28T07:48:30","slug":"advent-zeit-des-wartens-zeit-des-neubeginns-zeit-der-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/advent-zeit-des-wartens-zeit-des-neubeginns-zeit-der-hoffnung\/","title":{"rendered":"Advent \u2013 Zeit des Wartens, Zeit des Neubeginns, Zeit der Hoffnung?"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt eine Zeit des Wartens und der Er-wartens. Die Adventszeit ist<br \/>\nbeides, wir warten und erwarten.<br \/>\nBesteht aber \u00fcberhaupt ein Unterschied zwischen diesen beiden<br \/>\nWorten? Ist Warten nicht dasselbe wie Erwarten?<br \/>\nGerade in der Adventszeit k\u00f6nnte man ja alles \u00fcber einen Kamm scheren<br \/>\nund sagen, da\u00df wir warten und erwarten. Wir <strong>warten<\/strong> darauf, da\u00df Weihnachten<br \/>\nkommt, da\u00df Gott sich ganz auf unsere Erde hinabbeugt. So weit, da\u00df er<br \/>\nselbst ein Teil dieser Erde wird. Und weil wir schon wissen, wer das ist, auf<br \/>\nden wir warten, <strong>erwarten<\/strong> wir uns alles Gute von dem, was kommen wird. Wir glauben,<br \/>\nwenn sich Gott ganz herabbeugt bis unter die Erde, und von dort wiederkommt,<br \/>\ngeschaffen wie jeder Mensch aus der Erde, aus der Geb\u00e4rmutter einer Frau,<br \/>\nso bedeutet dies, da\u00df er sich ganz wirklich mit uns gleich gemacht hat<br \/>\nund damit unsere Menschlichkeit gutgehei\u00dfen hat in all ihrer Gr\u00f6\u00dfe<br \/>\nund Schwachheit, St\u00e4rke und Verletzlichkeit.<br \/>\nIn der Adventszeit vereinen sich die Zeit des Wartens und Erwartens und werden<br \/>\nzu einer guten Zeit.<br \/>\nDie Wartezeit wird dadurch vers\u00fc\u00dft, da\u00df wir schon wissen,<br \/>\nworauf wir warten.<br \/>\nWir wissen, was wir erwarten k\u00f6nnen, und da\u00df dies etwas Gutes ist.<br \/>\nUnd eben darum geht es in der Adventszeit: Da\u00df wir wissen, worauf wir<br \/>\nwarten und es deshalb wagen, uns alles Gute zu erwarten. Das gibt der Wartezeit<br \/>\neine Ruhe, wir k\u00f6nnen l\u00e4chelnd, freudig und still warten.<\/p>\n<p>So aber verh\u00e4lt es sich nicht mit aller Wartezeit. Wenn wir auf<br \/>\netwas warten, so geschieht dies oft mit Angst und Unruhe. Oder vielleicht<br \/>\nver\u00e4rgert, beleidigt oder zornig. <strong>Warum<\/strong> kommt das nicht, worauf<br \/>\nwir warten? Oder <strong>wann<\/strong> kommt es?<br \/>\nWir warten auf das Ergebnis der Untersuchung im Krankenhaus &#8211; sind wir krank<br \/>\noder gesund?<br \/>\nWir warten auf die Stelle, um die wir uns beworben haben &#8211; werden wir genommen<br \/>\noder abgelehnt?<br \/>\nWir warten auf die Liebe &#8211; ist da jemand, der auf uns wartet?<br \/>\nWir warten auf das Kind &#8211; wird es ein gesundes Kind?<br \/>\nWir warten auf das Gl\u00fcck, auf das Leben, auf den Tod, darauf, da\u00df das<br \/>\nLeid ein Ende hat oder da\u00df die Freude kommen soll.<br \/>\nWir warten auf den Sinn, die Antwort, ein Verstehen.<\/p>\n<p>Vladimir und Estragon warteten auf Godot in dem Schauspiel, das das<br \/>\nWarten der Menschen auf einen Sinn des Lebens schildert. Godot kam nie,<br \/>\ndie beiden Landstreicher Estragon und Vladimir warteten vergeblich, denn<br \/>\nes ging dem Autor eben darum, uns Zuschauern zu erz\u00e4hlen, da\u00df es<br \/>\nkeinen Sinn des Lebens gibt, das Dasein ist in sich sinnlos.<br \/>\nDie Unruhe, auf etwas zu warten, von dem man nicht sicher ist, ob es je kommt,<br \/>\nkennen die meisten. Wie Vladimir und Estragon warten wir darauf, da\u00df das<br \/>\nLeben aufgeht. Da\u00df der Sinn des Ganzen sich zeigen soll und sich alles<br \/>\nnach einem sch\u00f6nen Muster f\u00fcgen soll. Aber es ist eine \u00e4ngstliche<br \/>\nWartezeit, denn unsere Erfahrung ist die, da\u00df das Leben eben nicht aufgeht.<\/p>\n<p>Wir sind ungeduldig in unserem Warten.<br \/>\nModerne Menschen meinen nun, es sei nicht recht, da\u00df wir warten m\u00fcssen.<br \/>\nUnser Warten erh\u00e4lt Zuge der Berechtigung. Wir meinen, wir haben ein Recht<br \/>\nauf Gl\u00fcck, Liebe, das Kind, die Freude, den Sinn. Wir haben keine Zeit<br \/>\nmehr, darauf zu warten, da\u00df es zu uns kommt, oder keine Geduld, uns damit<br \/>\nabzufinden, da\u00df es vielleicht nicht in der Gestalt kommt, die wir uns<br \/>\ngew\u00fcnscht haben.<br \/>\nUns fehlen Gelassenheit, Geduld. Gelassenheit in dem Sinne, da\u00df man darauf<br \/>\nwartet, da\u00df die Dinge von selbst kommen. Und weil uns Gelassenheit fehlt,<br \/>\nwerden wir ausfahrend, aggressiv in unserem Warten.<br \/>\nWir werden ausfahrend und wollen uns selbst \u00fcbernehmen. Wir raffen uns<br \/>\nDinge zusammen.<br \/>\nJemand hat uns weisgemacht, da\u00df wir nicht warten m\u00fcssen, sondern<br \/>\ndas Leben selbst schaffen sollen, da\u00df wir selbst unser Gl\u00fcck schmieden<br \/>\nsollen, und deshalb bekommen wir Angstschwei\u00df im Ofen unseres Lebens:<br \/>\nWas ist, wenn uns das nicht gelingt?<br \/>\nJemand ist es gelungen, uns den Gedanken einzupflanzen, da\u00df unsere Welt<br \/>\nleer ist und da\u00df wir selbst daf\u00fcr sorgen m\u00fcssen, sie zu f\u00fcllen.<br \/>\nWenn du also nicht selbst losgehst und dir Gl\u00fcck schaffst, bekommst du<br \/>\nes nie. Es gibt da nichts, worauf wir warten sollen, sagen sie. Wer nur wartet,<br \/>\nist ein Narr, an ihm geht das Leben vorbei, w\u00e4hrend wir wieder losziehen,<br \/>\num es einzuholen und anzueignen.<br \/>\nWer das nicht aushalten kann, resigniert, gibt auf. Man ist \u00fcberfordert<br \/>\nmit der gro\u00dfen Schmiedearbeit am Lebensgl\u00fcck und gibt auf.<br \/>\nAn sich zu raffen und aufgeben &#8211; beides ist gleich schlimm.<\/p>\n<p>Wer predigt, da\u00df die Welt leer ist und da\u00df Sinn etwas ist,<br \/>\ndas du selbst mitbringen mu\u00dft, redet dem Teufel das Wort. Denn<br \/>\nes ist teuflisch, Menschen weiszumachen, da\u00df wir selbst unser Leben<br \/>\nf\u00fcllen sollen und da\u00df wir nichts anderes Gutes erwarten k\u00f6nnen<br \/>\nals das, was wir selbst schaffen. Welch eine Last wird uns da aufgeb\u00fcrdet!<br \/>\nUnd das ist eine L\u00fcge.<\/p>\n<p>Die Adventszeit sagt das Gegenteil. Sie sagt, da\u00df die Zeit voll<br \/>\nist von etwas, was zu uns <strong>von selbst<\/strong> kommt.<br \/>\nDu bist nicht, was du selbst produzierst &#8211; du bist, was du empf\u00e4ngst.<br \/>\nDu bist, was <strong>zu dir<\/strong> kommt.<br \/>\nDas Christentum widerspricht unserer Gesch\u00e4ftigkeit, es widerspricht dem<br \/>\nKampf um das Dasein &#8211; denn es sagt, da\u00df es darum geht, zu empfangen und<br \/>\nweiterzugeben, was du selbst empfangen hast.<br \/>\nDas ist alles, und das gen\u00fcgt.<br \/>\nUnd du hast reichlich damit zu tun, das zu leben.<br \/>\nIn der Adventszeit warten wir auf den Gott, der ganz von sich aus kommt. Den<br \/>\nGott, der Liebe ist und der uns annimmt, der <strong>ganz von sich aus kommt.<\/strong> Das ganze<br \/>\nJahr hindurch haben wir uns vielleicht damit abgem\u00fcht, die schwere Last<br \/>\nzu tragen, die mit dem Glauben verbunden ist, da\u00df wir unser Leben schaffen<br \/>\nm\u00fcssen. Nun aber ist es Adventszeit, und es zeigt sich, da\u00df alles<br \/>\nvon selbst kommt. Adventszeit hei\u00dft, Ruhe zu finden in der Erwartung,<br \/>\nda\u00df alles gut wird. Auch wenn wir vielleicht auf ein Jahr zur\u00fcckschauen,<br \/>\ndas voll war von Entt\u00e4uschungen und Entbehrungen.Advent hei\u00dft erwarten,<br \/>\nda\u00df da immer mehr ist als unsere Entt\u00e4uschungen und Entbehrungen.<br \/>\nDa ist stets mehr zu erwarten. Das Eis schlie\u00dft sich nicht &#8211; Advent ist<br \/>\neine \u00d6ffnung im Eis, wo Leben ist.<\/p>\n<p>Manche meinen, da\u00df die wichtigsten Gebote des Christentums die<br \/>\nzehn Gebote des Mose sind. Wenn wir die halten, ist alles in Ordnung.<br \/>\nSo ist es nicht.<br \/>\nDas wichtigste Gebot des Christentums, das wir in der Adventszeit h\u00f6ren,<br \/>\nist Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Gro\u00dfz\u00fcgig sein hei\u00dft offene<br \/>\nH\u00e4nde haben, verschwenderisch sein mit dem, was man hat.<br \/>\nWas ist n\u00f6tig, damit man gro\u00dfz\u00fcgig sein kann?<br \/>\nEine bestimmte Erwartung, die n\u00e4mlich, da\u00df kein Zusammenhang besteht<br \/>\nzwischen dem, was man hat, und dem, was man gibt. Gro\u00dfz\u00fcgig sein<br \/>\nhei\u00dft davon \u00fcberzeugt sein, da\u00df meine H\u00e4nde immer voll<br \/>\nsind, weil mir immer gegeben wird.<br \/>\nGro\u00dfz\u00fcgigkeit ist das Gegenteil von Geiz und Gier.<br \/>\nIn der Gier rafft man an sich. Im Geiz h\u00e4lt man an dem fest, was man hat,<br \/>\nweil man Angst hat, da\u00df nicht mehr kommt.<br \/>\nGro\u00dfz\u00fcgig sein hei\u00dft davon \u00fcberzeugt sein, da\u00df man<br \/>\nimmer empf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die Adventszeit ist die Zeit der Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. W\u00e4hrend<br \/>\nwir unsere Kronen bzw. Euros im teuren Dezember z\u00e4hlen, h\u00f6ren<br \/>\nwir hier in diesem Hause, da\u00df wir immer erwarten k\u00f6nnen, da\u00df reichlich<br \/>\nda ist von dem, was wir <strong>wirklich<\/strong> brauchen, und da\u00df es von selbst<br \/>\nkommt.<\/p>\n<p>Siehe, dein K\u00f6nig kommt zu dir, sanftm\u00fctig, auf einem Esel<br \/>\nreitend.<br \/>\nWir warten mit ruhigen H\u00e4nden und erwarten uns alles Gute.<\/p>\n<p><strong>Pastorin Kirsten J\u00f8rgensen<br \/>\nPr\u00e6stegade 2<br \/>\nDK-5300 Kerteminde<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 65 32 13 20<br \/>\n<a href=\"mailto:kjoe@km.dk\">e-mail: kjoe@km.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt eine Zeit des Wartens und der Er-wartens. Die Adventszeit ist beides, wir warten und erwarten. Besteht aber \u00fcberhaupt ein Unterschied zwischen diesen beiden Worten? Ist Warten nicht dasselbe wie Erwarten? 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