{"id":9685,"date":"2003-12-07T19:49:43","date_gmt":"2003-12-07T18:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9685"},"modified":"2025-06-28T09:58:09","modified_gmt":"2025-06-28T07:58:09","slug":"jakobus-5-7-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-5-7-8\/","title":{"rendered":"Jakobus 5, 7-8"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>&#8222;So seid nun geduldig, liebe Br\u00fcder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die k\u00f6stliche Frucht der Erde und ist geduldig dar\u00fcber, bis sie empfange den Fr\u00fchregen und Sp\u00e4tregen. Seid ihr auch geduldig und st\u00e4rkt eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Sollen wir weiter auf die Wiederkunft des Christus warten?<\/p>\n<p>Dazu gibt es bei denen, die sich mit dieser Frage ernsthaft auseinandersetzen, mindestens drei verschiedene Auffassungen:<\/p>\n<p>\u0095\u00a0 Vergebliche M\u00fche, sagen die einen, er kommt nicht wieder; sie fassen die Aussage rein zeitlich auf und wollen nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag warten. Sie sind zwar entt\u00e4uscht, aber sie finden die Worte der Bibel immerhin so einleuchtend, da\u00df sie versuchen, sich in ihrem Leben daran zu halten, so wie sie es z. B. aus den Geboten verstehen, die Mose gebracht und Jesus Christus erl\u00e4utert hat.<\/p>\n<p>\u0095\u00a0 Er ist doch schon da, er kommt t\u00e4glich zu den Menschen, sagen andere; Christus hat doch selbst gesagt, da\u00df er in einem jeden der geringsten Br\u00fcder zu erkennen sei, sie warten nicht auf einen fernen oder nahen Zeitpunkt seiner Wiederkunft; manche, die so reden, warten dann aber auch lieber gar nicht mehr. Sie reden nicht entt\u00e4uscht vom Sankt Nimmerleinstag, sondern von den Aufgaben, die vor ihnen liegen, weil sie in bed\u00fcrftigen Mitmenschen Christus erkennen.<\/p>\n<p>\u0095\u00a0 Die dritten sagen: Wir warten gerne, wir leben aus der Vorfreude, vielleicht erleben w i r es ja noch. Vorfreude ist f\u00fcr uns die sch\u00f6nste Freude und einstweilen haben wir mit den Vorbereitungen noch genug zu tun.<\/p>\n<p>Dies sind drei ernsthafte M\u00f6glichkeiten, sich mit der alten Verhei\u00dfung, Christus werde wiederkommen, auseinander zusetzen; man kann sie nebeneinander gelten lassen, braucht sie nicht gegeneinander auszuspielen, denn sie beeinflussen das Leben der Menschen, die ihnen anh\u00e4ngen, positiv.<\/p>\n<p>In meinem Leben ist mir die zweite Auffassung am wichtigsten, aber auch die dritte beeinflusst mich gelegentlich: Dass ich in einem anderen Menschen Christus erkennen soll, ist f\u00fcr mich und f\u00fcr viele Menschen eine starke Herausforderung. Sollen wir den Bed\u00fcrftigen auf der Stra\u00dfe etwas geben von unserem mehr oder weniger reichlichen Geld? Begegnet uns Christus in der pflegebed\u00fcrftigen Nachbarin, und wie sollen wir mit ihr umgehen, wenn uns selbst die Kr\u00e4fte kaum reichen.<\/p>\n<p>Die Behauptung der Christen, dass uns Christus in jedem bed\u00fcrftigen Menschen begegnet, ist ein echtes Kontrastprogramm, sie durchbricht die \u00fcblichen Ordnungen von Gemeinschaften und V\u00f6lkern, ist ein Schritt auf dem Weg in die Globalisierung.<\/p>\n<p>Die N\u00e4he Christi in meinem N\u00e4chsten gibt jedem Augenblick in meinem Leben Gewicht: Nicht erst nach dem Tod oder nach der Auferstehung, nicht erst jenseits unserer Lebenszeit ist Gott uns nahe; nein, schon hier auf der Erde begegnet er uns in jedem Bed\u00fcrftigen, der unsere Hilfe braucht.<\/p>\n<p>Es ist ein immens hohes Ma\u00df an Verantwortung, das dieser Satz fordert: Kein Mensch soll aus der F\u00fcrsorge seiner Mitmenschen herausfallen.<\/p>\n<p>Andererseits soll aber auch kein Mensch ohne Not seine Mitmenschen belasten, und so bleibt es die allt\u00e4gliche Aufgabe zu schauen, wer wirklich unsere Sorge braucht.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass Christus eines Tages wieder kommen k\u00f6nnte, liegt dem allgemeinen Bewu\u00dftsein im \u00fcbrigen viel n\u00e4her als der Gedanke an seine Gegenwart in den Bed\u00fcrftigen. Denn letztlich stellen sich alle bewu\u00dft lebenden Menschen immer wieder die Frage: Was machen wir aus unserem Leben, sei es bis zu unserem Lebensende, sei es bis zur Wiederkehr Christi. Wie kann ich mein Leben sinnvoll einrichten?<\/p>\n<p>Von solchem bewu\u00dften Gestalten einer Zwischenzeit, vom geduldigen Warten, nicht vom hektischen Warten, berichtet der Predigttext:<\/p>\n<p>\u0084Siehe ein Ackermann wartet auf die k\u00f6stliche Frucht der Erde und ist geduldig dar\u00fcber, bis sie empfange den Fr\u00fchregen und Sp\u00e4tregen. Seid ihr auch geduldig und st\u00e4rket eure Herzen.\u0093<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Deutschland ist kein Agrarstaat mehr, aber das Bild vom Ackermann versteht immer noch jeder.<\/p>\n<p>Man wei\u00df, da\u00df ein Bauer nicht unt\u00e4tig wartet, er sitzt nicht faul herum, wartet nicht ab, bis ihm gebratene Tauben in den Mund fliegen; Ackerland ist kein Schlaraffenland. Erfahrene Landwirte haben aber ein klares Gef\u00fchl daf\u00fcr, wann sie etwas wachsen lassen m\u00fcssen und wann sie zugreifen k\u00f6nnen und m\u00fcssen, wann bew\u00e4ssert werden mu\u00df, wann Unkraut entfernt oder die Pflanzen auseinandergesetzt werden m\u00fcssen, ganz zu schweigen von der intensiven Vorbereitung, die der Wachstumsphase voraus geht, ohne Bodenbearbeitung kein Ertrag. Aber Geduld ist dann schon auch notwendig, nur ist das keine Schafsgeduld, wie ein Schaf bei der Schur geduldig ist, sondern eher eine Engelsgeduld, die den Segen des Himmels abwarten kann, der das Wachstum anregt, &#8211; und nicht selten brauchen Bauern wirklich eine Engelsgeduld, wenn der Mairegen ausbleibt oder die Schafsk\u00e4lte im Juni das Wachstum hemmt.<\/p>\n<p>Wie Bauern t\u00e4tig und aufmerksam auf den Segen der Ernte warten, so sollen es alle Menschen in ihrem ganzen Leben machen, empfiehlt Jakobus. Ausschau halten nach den Fr\u00fcchten des Lebens, nach den Spuren des Segens im Leben, in unserem Leben.<\/p>\n<p>Bauern wissen, worauf sie warten, denn sie haben das Korn ja ges\u00e4t, oder die Erdbeerpflanzen gesetzt oder die Reben oder die Apfelb\u00e4ume. Aber sie sind nat\u00fcrlich gespannt, was bei Ihrer Saat herauskommt, wieviel und wie gut, welche G\u00fcteklasse, wieviel \u00d6chsle. Landwirtschaftliche Laien sehen wenig mehr als die Menge und Gr\u00f6\u00dfe, viel oder wenig, klein oder gro\u00df, ein Fachmann sieht die Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wissen wir, worauf wir warten? Welche Spuren wachsenden Lebens wir suchen? Sind wir Fachleute eines guten, humanen Lebens?<\/p>\n<p>Ein ist ja ein schlichtes Bild, das Bild vom Ackermann, aber es ist zugleich ausdrucksstark: Es ist etwas ges\u00e4t, die Saat ist schon ausgebracht. Und f\u00fcr uns sagt dieses Bild: Christus hat das Wort Gottes in die Herzen der Menschen ges\u00e4t und die Saat wird wachsen und ist gewachsen; die Liebe Gottes ist ausgegossen in die Herzen der Menschen (R\u00f6m. 5,5). Das ist geschehen, dieses Ereignis steht am Anfang der Kirche, ohne dieses Grundgeschehen h\u00e4tte die Kirche gar nicht wachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun ist die Liebe Gottes ein Saatgut von besonderer Empfindlichkeit. Die Pflanzung braucht intensive Pflege, damit sie nicht lange vor der Reife an der K\u00e4lte der Menschenherzen, in denen sie wachsen soll, eingeht. Die Pflanzung braucht auch viel Bew\u00e4sserung durch den Geist. Es liegt zwar weiterhin nicht an den Menschen, ob Gottes Liebe w\u00e4chst, aber wir k\u00f6nnen einiges beitragen, die Pflanzung der Liebe Gottes zu kultivieren.<\/p>\n<p>Das Warten auf das Reich Gottes oder auf die Wiederkehr Christi hat wenig zu tun mit dem Warten auf einen unp\u00fcnktlichen Zug, wo wir wohl wissen, was wir erwarten und unzufrieden auf dem Bahnsteig frieren, weil der Zug nicht kommt, das Warten auf die Begegnung mit Christus hat auch wenig zu tun mit der hektischen Vorbereitung auf einen lange erwarteten Besuch, wo wir Ordnung im eigenen Haus machen, wie wir es f\u00fcr uns selbst nicht tun w\u00fcrden, um in den Augen des Gastes gut dazustehen.<\/p>\n<p>Das Warten auf das Reich Gottes ist wie das t\u00e4tige Warten des Bauern, der vorbereitend wartet und beim Warten weiter vorbereitet, der das Wachstum wachsam beobachtet. Zu solchem Warten geh\u00f6rt es auch, sich darauf einzustellen, dass Christus uns in jedem Bed\u00fcrftigen begegnen kann. Denn in solchen Begegnungen kann die Liebe Gottes zur Wirkung kommen, die unter den Menschen durch Christus ges\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Die Liebe Gottes reift immer wieder unter den Menschen, von Generation zu Generation gewinnt sie Gestalt, eben in der Zuwendung zu den Bed\u00fcrftigen und \u00fcberhaupt in jeder freundlichen Verantwortung von Menschen f\u00fcreinander.<\/p>\n<p>Dazu gebe uns Gott Kraft und seinen Segen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr- Reinhard Schmidt-Rost, Bonn<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:R.Schmidt-Rost@web.de\">R.Schmidt-Rost@web.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;So seid nun geduldig, liebe Br\u00fcder, bis auf die Zukunft des Herrn. Siehe, ein Ackermann wartet auf die k\u00f6stliche Frucht der Erde und ist geduldig dar\u00fcber, bis sie empfange den Fr\u00fchregen und Sp\u00e4tregen. Seid ihr auch geduldig und st\u00e4rkt eure Herzen; denn die Zukunft des Herrn ist nahe.&#8220; Liebe Gemeinde, Sollen wir weiter auf die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[612,60,1,727,157,114,613,349,3,109,183],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9685","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-advent","category-jakobus","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-kapitel-05-chapter-05-jakobus","category-kasus","category-nt","category-predigten","category-reinhard-schmidt-rost"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9685","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9685"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9685\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13840,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9685\/revisions\/13840"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9685"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9685"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9685"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9685"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9685"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9685"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9685"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}