{"id":9689,"date":"2003-12-07T19:49:31","date_gmt":"2003-12-07T18:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9689"},"modified":"2025-06-28T10:01:31","modified_gmt":"2025-06-28T08:01:31","slug":"lukas-713-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-713-14\/","title":{"rendered":"Lukas 7,13-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Ein gro\u00dfer Sprung ist das, seit wir das letzte Mal von dem priesterlichen<br \/>\nVater von Johannes dem T\u00e4ufer geh\u00f6rt haben. Das war vor neun<br \/>\nMonaten, und da war er stumm. Jetzt aber str\u00f6men die Worte nur so<br \/>\naus ihm.<\/p>\n<p>Damals im M\u00e4rz &#8211; als Zacharias h\u00f6rte, da\u00df der sehnlichste<br \/>\nWunsch seiner Frau Elisabeth, ein Kind zu bekommen, in Erf\u00fcllung<br \/>\ngegangen war, wagte er nicht, daran zu glauben. So lange hatten sie getr\u00e4umt<br \/>\nund so oft gehofft, da\u00df Elisabeth schwanger sei, und immer waren<br \/>\nsie entt\u00e4uscht worden. Das hatte Zacharias skeptisch gemacht und<br \/>\ner h\u00f6rte auf zu hoffen &#8211; und deshalb erstarrt Zacharias v\u00f6llig,<br \/>\nals es schlie\u00dflich doch Wirklichkeit wird.<\/p>\n<p>Nun kann man ja sagen, da\u00df er ja auch dar\u00fcber neun Monate<br \/>\nlang gebr\u00fctet hat &#8211; und nun bei der Geburt des Jungen zerbricht<br \/>\nsein Schweigen.<\/p>\n<p>Er selbst wird befreit und kommt aus seiner Eingeschlossenheit, in die<br \/>\nihn sein Mi\u00dfmut und seine Freudlosigkeit gebracht hat. Er f\u00fchlt<br \/>\nwirklich, da\u00df sein fehlender Glaube ihm vergeben ist, und er hat<br \/>\nsich selbst mit seinem Dasein vers\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Und in prophetischer Weise \u00fcbertr\u00e4gt Zacharias seine pers\u00f6nliche<br \/>\nErfahrung auf das ganze Volk. Die Befreiung, die er selbst erlebt hat,<br \/>\nsollen die V\u00f6lker der Erde erleben. An der Freude, die ihn nun erf\u00fcllt,<br \/>\nsollen alle Menschen teilhaben. Es gibt Vergebung in der Welt, so da\u00df ein<br \/>\nMensch nicht mehr in altem Mi\u00dfmut und alter Verschlossenheit h\u00e4ngenbleiben<br \/>\nmu\u00df, und das soll alle Welt wissen.<\/p>\n<p>So wie er gemerkt hat, da\u00df in ihm etwas Neues unterwegs ist, ist<br \/>\nauch etwas Neues in der Welt im Kommen: &#8222;Der Aufgang aus der H\u00f6he<br \/>\nwird uns besuchen, auf da\u00df er erscheine denen, die da sitzen in<br \/>\nFinsternis und Schatten des Todes&#8220;. Und Zacharias sieht, wie sein<br \/>\nJunge an dieser neuen Bewegung teilhat; er soll mit dazu beitragen und<br \/>\ndazu helfen, da\u00df Gott und das Reich Gottes in der Welt mehr wirklich<br \/>\nwerden: Das Licht soll sich ausbreiten, mehr Menschen sollen den Weg<br \/>\ndes Friedens gehen.<\/p>\n<p>&#8222;Und das Kindlein wuchs und ward stark im Geist. Und er war in<br \/>\nder W\u00fcste, bis da\u00df er sollte hervortreten vor das Volk Israel&#8220;.<br \/>\nVon Zacharias aber h\u00f6ren wir nichts mehr. Man mu\u00df fast hoffen,<br \/>\nda\u00df er die Entwicklung und das Schicksal seines Sohnes nicht mehr<br \/>\nerlebt hat.<\/p>\n<p>Denn Johannes wurde ein Extremist, der der Welt nur Verachtung entgegenbringen<br \/>\nkonnte. Mir ist es immer so vorgekommen, da\u00df Johannes in seinem<br \/>\nSinnen und Denken durch die W\u00fcste gepr\u00e4gt und bestimmt war.<br \/>\nSein Denken ist hart und steril. Als k\u00f6nne er nur die Finsternis<br \/>\nund den Tod und die Schatten in der Welt sehen. Die Welt ist in der Sicht<br \/>\ndes Johannes faul, und deshalb ist es nur gut, da\u00df sie zugrunde<br \/>\ngeht, damit eine neue und bessere Welt kommen kann.<\/p>\n<p>Zacharias hatte an seinem eigenen Leibe erlebt, wie das ist, keine Erwartungen<br \/>\nan das Dasein zu haben, und was f\u00fcr eine Befreiung das ist, wieder<br \/>\nhoffen und glauben zu k\u00f6nnen. Deshalb kann sich Zacharias f\u00fcr<br \/>\ndas Dasein \u00f6ffnen. Er ist mit seiner eigenen Unvollkommenheit vers\u00f6hnt<br \/>\nund kann deshalb mit der Unvollkommenheit anderer leben &#8211; sein Sohn aber<br \/>\nwurde zu einem Fanatiker.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren sah ich auf einem Lehrgang \u00fcber den Islam einen<br \/>\nenglischen Film, der in seiner Weise die Geschichte von Johannes und<br \/>\nZacharias nachdichtet. Der Film hei\u00dft: &#8222;My son, the fanatic&#8220;, &#8222;Mein<br \/>\nSohn, der Fanatiker&#8220;. In dem Film begegnen wir einem gutwilligen<br \/>\nMuslim, der versucht, das Dasein f\u00fcr seine Frau und seine Kinder<br \/>\nso gut wie m\u00f6glich zu machen, auch f\u00fcr die Menschen, denen<br \/>\ner begegnet. Er ist Taxifahrer und lernt die englische Gesellschaft sozusagen<br \/>\nvon ihrer Vorderseite und ihrer Kehrseite kennen, aber er ist imstande,<br \/>\nden einzelnen Menschen hinter religi\u00f6sen und sozialen Fassaden zu<br \/>\nerkennen. Er ist nicht blind f\u00fcr seine eigenen Fehler und hat deshalb<br \/>\nVerst\u00e4ndnis f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Er engagiert sich f\u00fcr seinen Sohn, da\u00df der eine gute Ausbildung<br \/>\nerh\u00e4lt und am liebsten auch ein englisches M\u00e4dchen bekommt.<br \/>\nSelbst geht er treu zum Freitagsgebet, pa\u00dft aber sonst seine muslimischen<br \/>\nRegeln der englischen Gesellschaft an. Der Sohn aber distanziert sich<br \/>\nvon dieser Gesellschaft, die er f\u00fcr verdorben und gottlos h\u00e4lt<br \/>\n&#8211; und wird zu einem Fanatiker, der versucht, sowohl sein Familienleben<br \/>\nals auch die Gesellschaft in feste Formen zu pressen. Er verdammt den<br \/>\nVater und dessen vers\u00f6hnliche Haltung.<\/p>\n<p>Der Vater bewahrt in dem Film seine Menschlichkeit, aus meiner Sicht \u00e4hnelt<br \/>\ner Zacharias &#8211; so wie der fanatische Sohn Johannes dem T\u00e4ufer \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Die St\u00e4rke des Johannes liegt daran, da\u00df er den Mut hat,<br \/>\nkonkrete Unmoral, Doppelmoral und Gottlosigkeit im Allgemei\u00adnen zu<br \/>\nkritisieren.<\/p>\n<p>Seine Schw\u00e4che ist, da\u00df er nicht vergeben kann und da\u00df er<br \/>\nmeint, man m\u00fcsse die F\u00e4ulnis radikal ausrotten, ehe etwas Neues<br \/>\nwerden kann.<\/p>\n<p>Er verwies auf den Weg des Friedens, er ging ihn aber selbst nicht.<br \/>\nEr verwies auf das Licht, blieb aber selbst im Dunkel. Er predigte die<br \/>\nBarmherzigkeit Gottes, konnte aber selber nicht barmherzig sein.<\/p>\n<p>Nun ist das nicht ganz richtig, was ich sage. Denn Johannes kamen selbst<br \/>\nZweifel &#8211; \u00fcber sein Projekt, ob er Recht hatte.<\/p>\n<p>Wenn er l\u00e4nger gelebt h\u00e4tte, w\u00e4ren seine Predigten vielleicht<br \/>\nweniger verurteilend gewesen. Vielleicht h\u00e4tte er sehen k\u00f6nnen,<br \/>\nda\u00df das entscheidend Neue, f\u00fcr das er gerne den Weg bereiten<br \/>\nwollte, eben eine Vergebung enth\u00e4lt, da\u00df man sich aus dem<br \/>\nDunkel herauswagt &#8211; hinein in das Licht, in dem unsere Schw\u00e4chen<br \/>\nzwar an den Tag kommen, wo wir aber deshalb nicht verworfen werden.<\/p>\n<p>Denn das Licht, das auf uns leuchtet, ist ein gn\u00e4diges Licht.<\/p>\n<p>In diesem Licht ist Segen, so da\u00df wir darin leben k\u00f6nnen.<br \/>\nIn diesem Licht ist Gnade, und deshalb k\u00f6nnen wir die sein, die<br \/>\nwir sind &#8211; in diesem Licht.<\/p>\n<p>In diesem Licht ist Friede, da\u00df wir glauben und hoffen k\u00f6nnen,<br \/>\nda\u00df die Finsternis zwar nicht abgeschafft und verschwunden<br \/>\nist, aber das Licht dennoch st\u00e4rker ist. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrerin Hanne Sander<br \/>\nPrins Valdemarsvej 62<br \/>\nDK-2820 Gentofte<br \/>\nTel.: 39 65 52 72<br \/>\n<a href=\"mailto:sa@km.dk\">e-mail: sa@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<div align=\"left\"><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein gro\u00dfer Sprung ist das, seit wir das letzte Mal von dem priesterlichen Vater von Johannes dem T\u00e4ufer geh\u00f6rt haben. Das war vor neun Monaten, und da war er stumm. Jetzt aber str\u00f6men die Worte nur so aus ihm. 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