{"id":9701,"date":"2003-12-07T19:49:36","date_gmt":"2003-12-07T18:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9701"},"modified":"2025-06-28T10:21:55","modified_gmt":"2025-06-28T08:21:55","slug":"weihnachtsgottesdienst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/weihnachtsgottesdienst\/","title":{"rendered":"Lukas 2, 22-40"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>In Bonn, wo ich 12 Weihnachten meines Lebens verbracht habe,<br \/>\ngibt es eine Krippentour, die auch die Krippen der romanischen Kirchen<br \/>\nin K\u00f6ln mit einbezieht. Wenn man jeden Tag zwischen Heilig Abend<br \/>\nund Epiphanias sich auf den Weg macht, an den Tagen der 12 wei\u00dfen<br \/>\nN\u00e4chte, dann kommt man vielleicht durch alle Kirchen mit Krippenausstellungen<br \/>\ndurch. Ich habe diese Krippentour nie vollst\u00e4ndig absolviert, immer<br \/>\nnur teilweise. Auf so einer Teilstrecke der Krippentour fanden wir die<br \/>\nmerkw\u00fcrdigsten Darstellungen der Weihnachtsgeschichte. In der Kapelle<br \/>\nder Universit\u00e4tskliniken z.B. hatte der Stall die Gestalt des Verwaltungsgeb\u00e4udes<br \/>\nder Klinik, und es gab \u00dcberlegungen, das Christkind ganz Krankenhausgem\u00e4\u00df in<br \/>\neinen Brutkasten zu legen, es sei ja schlie\u00dflich f\u00fcr die Welt<br \/>\nzu fr\u00fch gekommen. Weihnachten im modernen Krankenhaus w\u00f6rtlich<br \/>\ngenommen. In einer anderen Kirche kamen die ganzen Berufsgruppen zum<br \/>\nStall, die an Heilig Abend arbeiten: Polizisten, Krankenschwestern, Feuerwehr,<br \/>\nSchaffner und Busfahrer. In einer riesigen Krippenlandschaft in der Heilandkirche<br \/>\nschlie\u00dflich kam das ganze alte Testament heran, Adam und Eva, Abraham,<br \/>\nIsaak und Jakob, die Propheten und Psalms\u00e4nger.<\/p>\n<p>Das war eine Heilsgeschichtliche<br \/>\nZusammenschau aller Zeiten. Und indem wir uns einreihten in die Krippenbesucher,<br \/>\nfanden wir uns pl\u00f6tzlich gleichzeitig mit denen, die die Geburt<br \/>\nJesu vorausgesagt hatten, obwohl sie ihn rein historisch betrachtet nicht<br \/>\nmehr erlebt haben. Wir befanden uns in der Wolke der Zeugen, die Gott<br \/>\nund Mensch zusammen sehen durch die Zeiten und Generationen. In dieser<br \/>\nriesigen Krippenlandschaft fand ich auch die beiden Gestalten Simeon<br \/>\nund die Prophetin Hanna, von denen das heutige Evangelium des Lukas erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, erz\u00e4hlt hier von Zeitgenossen<br \/>\nJesu, die die alte prophetische vorchristliche Tradition verk\u00f6rpern<br \/>\nund best\u00e4tigen. Simeon und Hanna, das sind die uralten Zeugen, die<br \/>\naus zweier Zeugen Mund, die Zeitenwende und die heilsgeschichtliche Zusammenschau<br \/>\nbezeugen. Jesus der lange Erwartete, der Heiland, Licht der V\u00f6lker<br \/>\nund Zeichen Israels, das Widerspruch hervorrufen wird. Ich lese aus dem<br \/>\n2.Kap. die Verse 22-40 und bitte Sie im Gesangbuch die rote Nr 764 aufzuschlagen.<br \/>\nUnter der Nr 764 finden Sie den Lobgesang des Simeon, das Nunc dimittis,<br \/>\neinen der neutestamentlichen Psalmen, den wir in der Lesung gemeinsam<br \/>\nsprechen wollen&#8230;.<\/p>\n<p>Weihnachten ist durchaus nicht nur ein Fest f\u00fcr<br \/>\nKinder. Hier ist es ein Fest f\u00fcr zwei ganz alte Menschen. Sie schauen<br \/>\nnicht nostalgisch zur\u00fcck sondern nach vorne. Und so werden sie Zeugen<br \/>\ndes Neuanfangs und der Zukunft mit Gott: Von Simeon h\u00f6ren wir, dass<br \/>\ner ein Alter erreicht hat, in dem er schon den Tod erwartet, und wenn<br \/>\nwir das Alter der Hanna rekonstruieren, 84 Jahre Witwenschaft + 7 Jahre<br \/>\nEhe + sagen wir 15 Jahre vor der Ehe &#8211; dann kommen wir auf mindestens<br \/>\n105 Jahre! Wir h\u00f6ren also von zwei wirklich sehr alten Menschen,<br \/>\ndie das erste Mal in ihrem Leben Weihnachten erleben.<\/p>\n<p>Eine merkw\u00fcrdige<br \/>\nVorstellung, als alter Mensch Weihnachten zu erleben, das erste Mal:<br \/>\nSchauplatz ist nicht der Stall von Bethlehem sondern der Tempel von Jerusalem,<br \/>\nder Ort, zu dem alle Kinder frommer j\u00fcdischer Eltern gebracht wurden.<br \/>\nEs ist der Ort der eigenen religi\u00f6sen Tradition. Wohl dem, der solch<br \/>\neinen Ort hat und ihn im Alter auch noch kennt. Wir erfahren, dass die<br \/>\nEltern Jesu alles nach dem Brauch und nach dem Gesetz ihrer Tradition<br \/>\ntun: sie lassen Jesus beschneiden, als 8 Tage um waren, und sie geben<br \/>\nihm den Namen, der vom Engel genannt war vor seiner Geburt, nach 40 Tagen<br \/>\nbringen sie das Kind mit der Kollektengabe zum Tempel und begegnen Simeon<br \/>\nund Hanna. Ich lese diese liebevolle Darstellung des Brauchtums von Beschneidung<br \/>\nund Darbringung im Tempel zun\u00e4chst wie eine exemplarische Taufgeschichte:<br \/>\nSetzen wir f\u00fcr Tempel Kirche und f\u00fcr Beschneidung Taufe ein.<br \/>\nTaufe und Beschneidung, das bedeutet das gleiche: Zugeh\u00f6rigkeit<br \/>\nzu Gott. Eingezeichnet sein in seine Hand. Wir taufen die kleinen Kinder<br \/>\nin der Kirche, und zwar wenn die Mutter wieder fit ist, wir taufen nicht<br \/>\nim stillen K\u00e4mmerlein, wir bringen die Kinder vor die \u00d6ffentlichkeit<br \/>\nder Gemeinde, wir sammeln eine Kollekte, nicht mehr in Naturalien sondern<br \/>\nin Euro, voller Dankbarkeit \u00fcber die gl\u00fcckliche Geburt und<br \/>\nin dem Wissen, dass unsere Kinder nicht uns geh\u00f6ren sondern Gott.<br \/>\nWir \u00fcbergeben und befehlen sie in der Taufe den H\u00e4nden Gottes<br \/>\nund empfangen sie aus seinen H\u00e4nden wieder neu. In seine H\u00e4nde<br \/>\nsind sie eingezeichnet und wir auch. Das Kind selber spielt noch keine<br \/>\naktive Rolle. Das \u00fcbernehmen Eltern und Paten. Die Paten kommen<br \/>\nals Zeugen, im Falle Jesu hei\u00dfen sie Simeon und Hanna. Wir erwarten,<br \/>\ndass die Paten dem Kind ihren Glauben bezeugen, den Segen Gottes f\u00fcr<br \/>\ndas Kind erbitten und auch seine Zukunft im Blick behalten, und zwar<br \/>\nunabh\u00e4ngig von den Eltern, also auch, wenn die Z\u00f6glinge den<br \/>\nEltern Kummer bereiten werden. Taufe als Ankn\u00fcpfung an Brauchtum<br \/>\nund Tradition, Patenschaft als geistliches Amt. Simeon und Hanna, die<br \/>\nexemplarischen Paten, die Paten Jesu Christi.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, gute Paten k\u00f6nnen warten. Sie sehen nicht nur,<br \/>\nwas vor Augen liegt, ein ganz normales Baby, sie sehen mehr, sie sehen<br \/>\nseine Zukunft. Das richtige Sehen hat Simeon vom Heiligen Geist gelernt<br \/>\nund vom Warten auf den Trost Israels. Er l\u00e4sst sich nicht nur von<br \/>\nBrauchtum und Gewohnheit leiten, er ist auch nicht Tag und Nacht im Tempel<br \/>\nwie die Prophetin Hanna, sondern er folgt der spontanen Eingebung in<br \/>\nden Tempel zu gehen. Er kommt auf Anregen des Geistes, sagt Lukas. Zwei<br \/>\nZeugen, zwei Formen des Wartens, zwei Formen der Fr\u00f6mmigkeit, die<br \/>\nsich erg\u00e4nzen, erleben wir in Simeon und Hanna. Ein Mann und eine<br \/>\nFrau. Die Prophetin Hanna stammt aus einem alten Geschlecht, sie hat<br \/>\nein Amt im Tempel, der Vater Phanuel hat schon im Namen, was Hannas Aufgabe<br \/>\nist: Phanuel hei\u00dft Angesicht Gottes. Im Angesicht Gottes leben,<br \/>\nin seinem Licht leben, unter dem Segen Gottes, dessen Angesicht \u00fcber<br \/>\nuns leuchtet, wandeln. Epiphanias ist ihr Lebensprogramm, n\u00e4mlich<br \/>\ndie Zuwendung Gottes im Menschen aufsp\u00fcren und sch\u00fctzen, seine<br \/>\nGottesebenbildlichkeit, sein Licht erkennen und preisen. Nicht nur das<br \/>\nsehen, was vor Augen liegt.<\/p>\n<p>Simeon und Hanna, ihre Namen bedeuten Gott<br \/>\nhat erh\u00f6rt und Gott hat sich erbarmt. Die beiden Krippenfiguren<br \/>\nin der Heilandkirche, die wir auf der Krippentour gefunden haben, sehen<br \/>\naus, als w\u00e4ren sie blind. Man hat den Eindruck, der Simeon nimmt<br \/>\ndas Kind in die Arme, um es zu ertasten und ganz zu umfangen. Er h\u00e4tte<br \/>\nauch sagen k\u00f6nnen: meine H\u00e4nde haben den Heiland gesehen oder<br \/>\nmein Herz. So wie wir es nachher singen werden: Eins aber hoff ich, wirst<br \/>\ndu mir, mein Heiland nicht versagen, dass ich dich m\u00f6chte f\u00fcr<br \/>\nund f\u00fcr, in, bei und an mir tragen.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, auch das, was<br \/>\nSimeon zu Maria sagt, kann man mit blo\u00dfem Auge nicht erkennen.<br \/>\nEr segnet sie, indem er ihr gro\u00dfe Leiden voraussagt. Dass ihr Leiden<br \/>\nein Segen sein soll, mag uns erstaunen. Denn der Segen Gottes, den Simeon<br \/>\nihr weitergibt, bedeutet f\u00fcr Maria nicht, dass alles glatt, friedlich<br \/>\nund freundlich in ihrem Leben laufen wird, sondern dass sie zu Jesus<br \/>\nChristus stehen wird in guten und in b\u00f6sen Tagen. Maria wird mit<br \/>\nJesus leiden, weil ihr Sohn Ablehnung und Widerspruch erfahren wird.<br \/>\nDie gleiche Ablehnung, die auch seine Nachfolger erfahren werden. Sie<br \/>\nsteht an der Krippe und wird auch am Kreuz stehen. Maria, die alles in<br \/>\nihrem Herzen bewegt, wird in der Wolke der Zeugen f\u00fcr Geduld und<br \/>\nMitleid stehen, f\u00fcr Ausdauer, Gehorsam und Treue. So &#8211; nur so &#8211;<br \/>\nwird sie auch nach dem Tod ihres Sohnes eine der ersten Zeugen der Christengemeinde<br \/>\nsein. Maria steht f\u00fcr das, was wir im Advent gesungen haben: Und<br \/>\nwer dies Kind mit Freuden umfangen, k\u00fcssen will, mu\u00df vorher<br \/>\nmit ihm leiden gro\u00df Pein und Marter viel, danach mit ihm auch sterben<br \/>\nund geistlich auferstehn, das ewig Leben erben, wie an ihm ist geschehn.<br \/>\nWir erleben an Simeon und an Hanna, eine Weitsicht des Glaubens, die<br \/>\ndas ganze Leben des Christkindes und seiner Mutter erfasst. Ob ihre leiblichen<br \/>\nAugen schon tr\u00fcb waren, wie es die Krippenfiguren in der Heilandkirche<br \/>\nbei Bonn wollen, oder nicht, macht da keinen gro\u00dfen Unterschied.<br \/>\nDiese Weitsicht erfordert eine innere Schau.<\/p>\n<p>Diese Weitsicht des Glaubens &#8211; und das ist der letzte Punkt &#8211; hat seinen<br \/>\nOrt nicht nur in der Taufe und am Anfang des Lebens, sie schlie\u00dft<br \/>\nauch das eigene Sterben und das Ende unseres Lebens mit ein: Herr, nun<br \/>\nl\u00e4ssest du deinen Diener in Frieden fahren. Wenn ich einmal soll<br \/>\nscheiden, so scheide nicht von mir, erscheine mir zum Schilde, zum Trost<br \/>\nin meinem Tod, und la\u00df mich sehn dein Bilde in deiner Kreuzesnot.<br \/>\nDiese friedliche Aussicht auf das eigene Sterben ist die beste Grundlage<br \/>\nf\u00fcr ein Leben bis zuletzt. Kreuz und Krippe aus dem gleichen Holz,<br \/>\nWindel und Lendentuch aus dem gleichen Stoff, Jesus Christus der einzige<br \/>\nTrost im Leben und im Sterben, das ist im Munde von Hanna und Simeon,<br \/>\nden Paten des Christkindes, die Weihnachtsbotschaft f\u00fcr die ganze<br \/>\nWelt und nicht nur f\u00fcr Weihnachten sondern auch f\u00fcr das neue<br \/>\nJahr.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, auf dieser Grundlage k\u00f6nnen auch wir das ganze<br \/>\nJahr \u00fcber viele neue lebendige Krippenlandschaften bauen, Hospizpflegedienst<br \/>\nund Obdachlosenfr\u00fchst\u00fcck, in unseren beiden reformierten Kirchen,<br \/>\nFreizeiten auf Amrum und in Ratzeburg, alte und junge Menschen gemeinsam,<br \/>\nAmen.<\/p>\n<p><strong>Dorothee L\u00f6hr, Hamburg <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! 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