{"id":9702,"date":"2003-12-07T19:49:35","date_gmt":"2003-12-07T18:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9702"},"modified":"2025-06-28T10:13:18","modified_gmt":"2025-06-28T08:13:18","slug":"hebraeer-5-7-9-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-5-7-9-2\/","title":{"rendered":"Titus 2:11-14"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(Predigt zum Gottesdienst am 24.12.2003 um 23.00 Uhr im Dom St. Blasii zu Braunschweig)<\/p>\n<p><strong>Die heilsame Gnade <\/strong><\/p>\n<p><em>11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen <\/em><em>12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ung\u00f6ttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben <\/em><em>13 und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des gro\u00dfen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus, <\/em><em>14 der sich selbst f\u00fcr uns gegeben hat, damit er uns erl\u00f6ste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig w\u00e4re zu guten Werken. <\/em><em>15 Das sage und ermahne und weise zurecht mit ganzem Ernst. Niemand soll dich verachten. <\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Ich feiere gerne Weihnachten und vorbereitet bin ich auch: Die Weihnachtsbotschaft vom Kind geboren in Bethlehem, aber auch \u00c4u\u00dferes hat dazu beigetragen, auch mancher Weihnachtsmarkt, der Schmuck in den Fenstern und an den H\u00e4usern. Musik, Lieder anders als sonst \u0096 bekannt, vertraut, an Dimensionen meines Lebens r\u00fchrend, sie weckend, die sonst eher brach liegen, schwingen durch diese Tage und in mir. Es ist etwas anderes als sonst und, weil ich das erlebte, deswegen habe ich auch die Beschleunigung dieser Zeit ausgehalten. Ich wusste zwar, dass noch so viel zu erledigen blieb. Und fragte mich im Stillen: Schaffe ich das? Erreiche ich nur ersch\u00f6pft das Ziel, die Heilige Nacht?<\/p>\n<p>Ja, sie ist und war das Ziel meines adventlichen Weges und nun bin ich da mit Ihnen, mit Ihnen, Alten und Jungen, M\u00e4nner und Frauen, Belasteten und Fr\u00f6hlichen, Trauernden und Gl\u00fccklichen. Nun bin ich angekommen in der Heiligen Nacht. Der Weg war noch nicht das Ziel. Das Ziel ist jetzt erreicht mit Ihnen hier im Dom. Wir sind angekommen. So, wie die Hirten damals von ihrer Arbeit, aus der Nacht, vielleicht aus der Verwirrung ihres Lebens sich aufmachten und stolpernd \u00fcber die von Steinen belasteten Felder dem Licht entgegen zum Kind in der Krippe kamen. So sind auch wir gekommen.<\/p>\n<p>Ich feiere gerne Weihnachten, und ich feiere gerne Weihnachen mit Ihnen. Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenslagen, auf ganz unterschiedlichen Wegen hier hergekommen. Menschen, denen dieser Raum vertraut ist und anderen, die sich ihm nur behutsam n\u00e4hern. So war das immer zur Heiligen Nacht von Anfang an. Die Heilige Nacht bringt Menschen auf den Weg, unterschiedliche, sie f\u00fchrt sie zusammen. Und Manche und Mancher fragt sich, wieso eigentlich, wieso ich, wieso ich hier? So wird es auch den Hirten gegangen sein und sp\u00e4ter den K\u00f6nigen. Wieso ich, wieso ich hier?<\/p>\n<p>Ist es dieser Raum, der Dom? Ist es die Musik? Ja, das ist es auch alles, aber eines kommt hinzu, das eine, das den Dom, das die Musik, das unser Empfinden bestimmt: <strong>Es ist Heilige Nacht, ein Kind ist geboren. <\/strong><\/p>\n<p>Seltsam eigentlich, dass dieses Geschehen solche Wirkung hatte und hat. Mit dem Kind hat es zu tun. Mit dem Kind, schwach und hilflos wie alle Kinder, angewiesen auf F\u00fcrsorge und Begleitung, auf Eltern, auf Menschen.<\/p>\n<p>Das Ungew\u00f6hnliche, das Neue, das, was dieser Nacht noch einmal Glanz gibt: Gott ist im Kind erschienen, im Kind!<\/p>\n<p>Und damit beginnt die Umkehrung des \u00dcblichen: Der Allm\u00e4chtige selbst \u00fcbernimmt die Rolle des Schw\u00e4chsten und dann geht es weiter so mit diesem Gott und seiner Menschlichkeit. Er sieht die Traurigen und Fr\u00f6hlichen. Er steht an ihrer Seite und lebt mit beiden. Armen und Reichen, Gesunden und Kranken, Menschen wie Sie und ich, und er wirkt so, dass ein verschlossenes Leben sich neu \u00f6ffnet, dass vermeintlich unheilbare Krankheit \u00fcberwunden wird, dass Menschen Schuld, die sie qu\u00e4lt, abgeben k\u00f6nnen, und dass sie neu beginnen k\u00f6nnen mit sich, mit anderen. Er macht klar: ausgegrenzt wird niemand und keiner und keine wird zur\u00fcckgelassen. Das ist neu, das ist anders, als wir es sonst so kennen und praktizieren. Kein Selektionsprinzip, nicht, der St\u00e4rkste wird es machen. Ein Kontrastprogramm des guten Lebens ist das. Alleine aus ihm l\u00e4sst sich begr\u00fcnden und herleiten, was unser Leben m\u00f6glich werden l\u00e4sst. Gegen das Selektionsprinzip steht das Barmherzigkeitsprinzip.<\/p>\n<p>Gott im Kind begehrt auf gegen die Selektionen der Schwachen und Unangepassten. Und wir haben es schon immer geahnt: Das Selektionsprinzip, das \u0084Einer frisst den Anderen-Prinzip\u0093 gibt aus sich selbst heraus keine Argumente daf\u00fcr, den Alten ein gutes Leben zu erm\u00f6glichen, Behinderten einen Platz in unserer Gesellschaft zu \u00f6ffnen und sich um Kranke zu k\u00fcmmern. Das aber ist Kultur des Lebens. Dort begann sie, mit diesem Gott als Kind, als Liebender. Seine Ankunft in dieser Welt ist Zeichen daf\u00fcr, dass Terror und Gewalt nicht das letzte Wort haben, sondern, dass die Liebe nur die Herzen zum Frieden und zum guten Leben wenden kann. Ob es das ist, was uns hierher f\u00fchrt? Die Ahnung, dass wir f\u00fcr unser Leben mehr brauchen, als das, was wir uns selber geben k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ja, das ist es, das ist das Geheimnis dieser Nacht. F\u00fcr alle Menschen ist etwas in die Welt gekommen. F\u00fcr alle ist etwas da, was gut ist, was die Verh\u00e4ltnisse \u00e4ndert. F\u00fcr alle ist etwas in die Welt gekommen zum Heil. <strong>Gnade ist in die Welt gekommen <\/strong>, damals in der Heiligen Nacht. Gnade und Barmherzigkeit f\u00fcr alle und sei ihr Leben noch so hart, noch so m\u00fchsam, noch so verschieden, noch so verloren. Gnade ist erschienen! Daran ist nichts mehr zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ohne uns zu fragen, ohne unsere Zustimmung abzuwarten, hat Gott gehandelt, das glauben wir Christen und Christinnen. Gnade ist nicht ein ewiges Ger\u00fccht, wie Max Frisch in seinem Theaterst\u00fcck \u0084Andorra\u0093 sagt. Gnade ist kein ewiges Ger\u00fccht. Sie ist eine historische Tatsache. Sie ist erschienen im Kind, sie ist uns geschenkt damals in Bethlehem, bleibend geschenkt in der Liebe Jesu, ein Lebensangebot.<\/p>\n<p>Martin Luther beschreibt dies einmal so (WA 12, 557, 15-18): \u0084Man kann Gott nicht h\u00f6her loben noch preisen, Ehre geben und nachsagen, als wenn wir bekennen, dass er aus lauter Gnade und Barmherzigkeit von uns S\u00fcnde, Tod und H\u00f6lle nimmt und f\u00fcr unseren lieben Sohn gibt und uns seine G\u00fcte alle miteinander schenket.\u0093<\/p>\n<p>Und damit habe ich den so theoretisch klingenden ersten Vers unseres Predigttextes aus Titus 2, 11-14 abgeschritten. Das ist gemeint mit dem altert\u00fcmlichen Satz:: <em> \u0084Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.\u0093 <\/em><\/p>\n<p>Darum also feiern wir &#8211; eigentlich gegen alle Vernunft, denn auch unser adventliche Weg bis hierher war von den \u00fcblichen Gewaltakten, den Anschl\u00e4gen, den Katastrophenmeldungen bestimmt und das nicht nur im Gro\u00dfen. Auch in unseren pers\u00f6nlichen Lebenszusammenh\u00e4ngen gab es das oft genug, eher Leben ohne Gnade, als, \u0084die Gnade ist erschienen\u0093.<\/p>\n<p>Und dennoch, gerade darum feiern wir. Gnade ist da und sie wirkt. Im Text wird sie wie eine P\u00e4dagogin beschrieben: \u0084Und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ung\u00f6ttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen und gerecht und fromm in dieser Welt leben.\u0093 Sie hilft uns, uns gegen den Missbrauch unseres Lebens zu wehren. Sie hilft uns, \u0084Nein\u0093 zu sagen. Sie macht uns frei, weil wir \u0096 mit ihr beschenkt &#8211; durchschauen lernen, was uns unfrei macht. Unser Leben kann neu werden, so wie damals Leben neu wurde. Die Gnade wirkt und sie \u00f6ffnet den Horizont des Lebens, denn, es hei\u00dft weiter im Text: \u0084Und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinen der Herrlichkeit des gro\u00dfen Gottes unseres Heilands, Jesus Christus, der sich selbst f\u00fcr uns hingegeben hat, damit er uns erl\u00f6ste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig w\u00e4re zu guten Werken.\u0093<\/p>\n<p>Die Zukunft ist nicht mehr verschlossen. Ich glaube, das hilft uns auch die gegenw\u00e4rtigen Probleme unseres Landes recht zu sehen: Probleme in Familien, Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Gesundheit. Da will uns mitunter die Zukunft verschlossen erscheinen. Aber sie ist es nicht und alleine, dass wir hier sind in dieser Kirche, in der seit mehr als 800 Jahre Weihnachten, die Ankunft, das Geschenk der Gnade f\u00fcr unsere Welt gefeiert wird, ist eine kr\u00e4ftige Demonstration f\u00fcr die Kraft und die Zuversicht, die vom Kind in der Krippe und vom Barmherzigkeitsprinzip Gottes ausgeht. Er ist gekommen und die Zukunft dieser Welt ist auf ihn hin ge\u00f6ffnet. Und damit kommt das, was von Gott an G\u00fcte und an Liebe f\u00fcr diese Welt freigesetzt ist auch in unser Leben hinein.<\/p>\n<p>Ich feiere gerne die Heilige Nacht, weil diese Feier meinen Horizont \u00f6ffnet, weil sie mich mit Menschen so unterschiedlichen Herkommens zusammenbringt und weil sie eine kr\u00e4ftige Demonstration der Gnade Gottes ist und die k\u00f6nnen wir gebrauchen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Landesbischof Dr. Friedrich Weber<br \/>\nBraunschweig<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.landeskirche-braunschweig.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.landeskirche-braunschweig.de<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Predigt zum Gottesdienst am 24.12.2003 um 23.00 Uhr im Dom St. Blasii zu Braunschweig) Die heilsame Gnade 11 Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen 12 und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ung\u00f6ttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben 13 und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,1,727,157,545,114,1276,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9702","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-titus","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-christvesper","category-deut","category-friedrich-weber","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9702","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9702"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9702\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14100,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9702\/revisions\/14100"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9702"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9702"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9702"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9702"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9702"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9702"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9702"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}