{"id":9711,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9711"},"modified":"2022-10-24T11:16:50","modified_gmt":"2022-10-24T09:16:50","slug":"johannes-15-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-15-2\/","title":{"rendered":"Johannes 15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>In einer neuerbauten Kirche an einem Ort hier in D\u00e4nemark gibt<br \/>\nes ein sehr gro\u00dfes Fenster \u00fcber dem Altar. In der ersten Zeit<br \/>\nnach der Einweihung der Kirche hatte diese Kirche klare Fenster, so da\u00df man<br \/>\nin der Kirche sitzen konnte und den V\u00f6geln und den Wolken am Himmel<br \/>\nund den Bl\u00e4ttern und Zweigen der B\u00e4ume folgen konnte. Aber<br \/>\nmit der Zeit sammelte die Gemeinde Geld f\u00fcr das, was schon immer<br \/>\nbeabsichtigt war: Ein gro\u00dfes Glasmosaik in diesen gro\u00dfen<br \/>\nFenstern.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Glasmosaik wurde angebracht. Und es war sehr modern.<br \/>\nDa waren keine Formen, die man wiedererkennen konnte, alles war nonfigurativ,<br \/>\nmit vielen unterschiedlichen Farben und Formen. Als es fertig war, trafen<br \/>\nsich der K\u00fcnstler und die Gemeinde, um \u00fcber das Werk zu sprechen.<br \/>\nEin Mann aus der Gemeinde sagte bei dieser Gelegenheit:<\/p>\n<p>&#8222;Ich geh\u00f6re zu den Unzufriedenen. Was ich gegen das Fenster<br \/>\nhabe, ist nicht dies, da\u00df es nichts &#8218;\u00e4hnelt&#8216;. Ganz im Gegenteil:<br \/>\nEs \u00e4hnelt viel zu sehr, es gleicht der Zeit, in der wir leben. Ich<br \/>\nhabe die ganze Gegenwart vor Augen, wenn ich jetzt in der Kirche sitze.<br \/>\nDas Bild ist flimmernd, gespalten und gesprengt, so wie es die heutige<br \/>\nZeit ist, etwas, was vereint, findet sich nicht, die Harmonie fehlt in<br \/>\ndem Bild, so wie sie auch der heutigen Zeit fehlt. Deshalb finde ich<br \/>\ndas Bild verfehlt, weil es all das hineinnimmt, was wir doch lieber drau\u00dfen<br \/>\nlassen und vergessen sollten, wenn wir in der Kirche sind. In einer Kirche<br \/>\nsoll Frieden herrschen; dieses Fenster schafft Unruhe. In einer Kirche<br \/>\nh\u00f6ren wir auf das Wort vom alten Jerusalem, um an das neue Jerusalem<br \/>\nzu denken, in einer Kirche wollen wir den heutigen Tag vergessen und<br \/>\ngehalten werden von der Botschaft von dem kommenden Reich. Deshalb!&#8220;<\/p>\n<p>So weit dieser Mann.<\/p>\n<p>&#8222;Und la\u00dft uns geh&#8217;n mit stillem Sinn<br \/>\nMit Hirten auch zur Krippe<br \/>\nhin,<br \/>\nMit Freudentr\u00e4nen danken Gott<br \/>\nFroh f\u00fcr sein Gnadenangebot&#8220;<br \/>\n(Aus Grundtvigs Weihnachtslied &#8222;Det kimer nu til julefest&#8220;)<\/p>\n<p>So haben wir gesungen. Deshalb kommen wir heute in die Kirche. Nicht<br \/>\num von all dem zu h\u00f6ren, was uns verwirrt und beunruhigt und wovon<br \/>\ndie Welt so voll ist, sondern um vom Frieden zu h\u00f6ren und dem Heil,<br \/>\ndas in die Welt kam. Denn unsere Zeit ist so verworren aus einem einzigen<br \/>\nGrund: Weil wir nicht Glauben und Vertrauen haben. Weil der Mensch sein<br \/>\neigener Gott geworden ist. Und deshalb feiern wir Weihnachten erst in<br \/>\nder Kirche und dann zu hause um den Weihnachtsbaum, weil wir das brauchen,<br \/>\netwas was rein und warm ist. Etwas, was zu uns von au\u00dfen kommt.<br \/>\nDas nicht an unserer Verworrenheit teilhat.<\/p>\n<p>Und das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft: Da\u00df Gott zu uns<br \/>\ndas Beste sandte, das er hat, seinen eigenen Sohn. Euch ist heute ein<br \/>\nHeiland geboren in der Stadt Davids, in Bethlehem. Er ist Christus, der<br \/>\nHerr. So sprachen die Engel zu den Hirten auf dem Felde. Ein Heiland?<br \/>\nWas bedeutet das? Das ist ein Wort, das so unhandlich und fern von unserem<br \/>\nallt\u00e4glichen Leben zu sein scheint. Wir denken oft anders vom Heil<br \/>\nund verwenden das Wort \u00fcber unsere eigenen kleinen Anliegen. Wie<br \/>\nein Graffiti, das ich einmal an einer Mauer in \u00c5rhus gesehen habe: &#8222;Was<br \/>\nw\u00fcrden wir tun, wenn Jesus morgen wiederk\u00e4me?&#8220; Die Antwort<br \/>\nstand gleich darunter: &#8222;Ebbe Sand auf den Fl\u00fcgel stellen&#8220;.<\/p>\n<p>Da\u00df Jesus zu uns als unser Heiland gekommen ist, bedeutet f\u00fcr<br \/>\nmich zweierlei. Erstens, da\u00df Gott sich zu dir und mir bekennt,<br \/>\nso wie wir sind. Er sandte sicherlich nicht Jesus in die Welt, weil sich<br \/>\ndie Menschen der Erde gut aufgef\u00fchrt hatten und es sich verdient<br \/>\nhatten, da\u00df Jesus kam. Jesus wurde geboren, weil Gott in der denkbar<br \/>\ndeutlichsten und klaren Sprache sagen wollte, da\u00df er sich zu uns<br \/>\nbekennt. Er bekennt sich so sehr zu uns, da\u00df sein eigener Sohn<br \/>\neiner von uns wird.<\/p>\n<p>Und deshalb bekennt er sich nicht nur zu uns, er kennt auch unser Leben<br \/>\ndurch und durch. All das, wor\u00fcber wir seufzen, was schwer zu ertragen<br \/>\nist. Wor\u00fcber wir vielleicht weinen, wenn wir allein sind. Die schweren<br \/>\nGedanken, die zu dir kommen. Alles kennt er. Alles kennt er durch und<br \/>\ndurch, weil er Mensch wurde. Er bekennt sich zu uns so wie wir sind,<br \/>\nauch wenn er und kennt, so wie wir sind. Das ist das Wunderbare an der<br \/>\nWeihnachtsbotschaft. Daran wird nicht ger\u00fcttelt. Wir k\u00f6nnen<br \/>\nuns von Gott abwenden. Aber er h\u00e4lt an uns fest.<\/p>\n<p>Da\u00df Jesus Heiland wurde, bedeutet zweitens, da\u00df uns eine<br \/>\nHoffnung geschenkt wird. Hoffnung hat nichts zu tun mit Optimismus oder<br \/>\nPessimismus. Hoffnung ist etwas, was wir haben oder nicht haben, ganz<br \/>\nunabh\u00e4ngig von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden. Hoffnung ist<br \/>\nGottes Gabe an uns. Die Hoffnung kam in der Weihnacht auf die Welt. Und<br \/>\ndas bedeutet: Wenn alle unsere M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pft sind,<br \/>\nwenn wir an die Grenze dessen gelangt sind, was wir k\u00f6nnen, dann<br \/>\nbleibt noch die Hoffnung.<\/p>\n<p>Wenn der Arzt gesagt hat: Wir k\u00f6nnen leider nichts mehr f\u00fcr<br \/>\nDich tun. Wir haben keine Behandlungsm\u00f6glichkeiten mehr. Dann bleibt<br \/>\nnoch immer die Hoffnung, nicht als Optimismus, denn es gibt vielleicht<br \/>\nnicht sehr viel, worauf man den Optimismus begr\u00fcnden k\u00f6nnte.<br \/>\nSondern als Hoffnung, weil Hoffnung Vertrauen ist auf ihn, der \u00fcber<br \/>\nalles bestimmt, deine und meine Zukunft und die der ganzen Welt. Hoffnung<br \/>\nkommt zu uns, auch und vielleicht besonders, wenn es am finstersten<br \/>\naussieht. Und da k\u00f6nnen wir die N\u00e4he Gottes in einer wunderbar<br \/>\nstarken Weise erfahren. Ihn in unser Herz fl\u00fcstern h\u00f6ren: ich<br \/>\nlasse dich nicht los, ich verlasse dich nicht. Du und ich geh\u00f6ren<br \/>\nzusammen.<\/p>\n<p>Wir brauchen nicht etwas Bestimmtes zu tun oder besonders barmherzig<br \/>\nund gut zu sein, um erl\u00f6st zu werden. Wir k\u00f6nnen und sollen<br \/>\nnur eines: Gott vertrauen. Dem vertrauen, der zu uns in der Weihnacht<br \/>\nkam. Die Erde ist noch warm von seinem K\u00f6rper. Er ist unser Heiland.<br \/>\nEs geht nicht darum, genug Karma zu sammeln in einer Reihe von Leben<br \/>\nnach einander, um sich schlie\u00dflich sein eigenes Heil zu verdienen.<br \/>\nEs geht nicht darum, selbst g\u00f6ttlich zu werden. Es geht nur um dieses<br \/>\neine: Gott zu vertrauen. Am Vertrauen zu ihm festzuhalten. Ihn die Nummer<br \/>\neins in unserem Leben sein zu lassen. Und ist Gott f\u00fcr uns, wer<br \/>\nkann da gegen uns sein. Komme, was da wolle. Die Hoffnung verlieren wir<br \/>\nnicht.<\/p>\n<p>Es gibt einige, denen ich heute abend besonders eine frohe Weihnacht<br \/>\nw\u00fcnschen m\u00f6chte. Das seid Ihr, die an diesem Weihnachtsfest<br \/>\njemanden vermissen, jemanden, den Ihr seit dem letzten Weihnachtsfest<br \/>\nverloren habt. Wen da so viel ist, was Ihr gerne mit demjenigen oder<br \/>\nderjenigen teilen m\u00f6chtet, die nun weg sind. Verge\u00dft nicht<br \/>\ndie Hoffnung! Da\u00df Christus unser Heiland ist, bedeutet auch, da\u00df der<br \/>\nTod uns nicht scheiden kann von Gott. Ihm geh\u00f6ren wir im Leben und<br \/>\nim sterben. Und wir d\u00fcrfen einfach und echt zu einander sagen: Unsere<br \/>\nToten haben es gut bei Gott. Und wir werden sie einmal wiedersehen.<\/p>\n<p>Das ist die Ruhe, die wir brauchen und die wir hier in der Kirche finden.<br \/>\nEs gibt so viel, das uns verwirrt und angst macht vor der Zukunft. Merkw\u00fcrdig,<br \/>\nda\u00df dies so ist. Nie ging es uns besser als in diesen Jahren. Wir<br \/>\nsind eines der reichsten L\u00e4nder der Welt, und wir haben uns an einen<br \/>\nLebensstandard gew\u00f6hnt, der zu den allerh\u00f6chsten in der<br \/>\nWelt z\u00e4hlt. Abgesehen von gelegentlichen Orkanen sind wir verschont<br \/>\nvon gro\u00dfen Naturkatastrophen, die andere Teile der Welt zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Wir leben in Frieden mit unseren Nachbarn. Wir brauchen keine Angriffe<br \/>\nvon au\u00dfen zu f\u00fcrchten. Wir haben trotz aller Kritik eines<br \/>\nder am besten funktionierenden Gesundheitswesen mit \u00c4rzten, Krankenh\u00e4usern<br \/>\nund Kliniken. Wir haben eine Sozialgesetzgebung, um die uns viele L\u00e4nder<br \/>\nbeneiden. Kurz: Wir leben fast unbeschreiblich guten und gesicherten<br \/>\nVerh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Dennoch haben wir Angst. Dennoch sind wir verwirrt. Dennoch liegt die<br \/>\nFurcht vor einer k\u00fcnftigen Katastrophe dicht unter der Oberfl\u00e4che<br \/>\nin unsere gut funktionierenden Gesellschaft. Das Weihnachtsevangelium<br \/>\nsagt uns, da\u00df wir ohne Furcht leben sollen. &#8222;F\u00fcrchtet<br \/>\neuch nicht&#8220;, sagten die Engel. Lebe dein Leben ohne Furcht. Die<br \/>\nVergangenheit kannst du unter die Vergebung Gottes legen. Die Zukunft<br \/>\nkannst du unter die Hoffnung legen. Der Gegenwart kannst du dich \u00f6ffnen.<br \/>\nF\u00fcrchte dich nicht. Gesegnete Weihnachten. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Bischof Karsten Nissen<br \/>\nDomkirkestr\u00e6de 1<br \/>\nDK-8800 Viborg<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 86 62 09 11<br \/>\n<a href=\"mailto:kn@km.dk\">E-mail: kn@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer neuerbauten Kirche an einem Ort hier in D\u00e4nemark gibt es ein sehr gro\u00dfes Fenster \u00fcber dem Altar. 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