{"id":9713,"date":"2003-12-07T19:49:29","date_gmt":"2003-12-07T18:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9713"},"modified":"2025-06-28T10:22:46","modified_gmt":"2025-06-28T08:22:46","slug":"titus-34-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/titus-34-7\/","title":{"rendered":"Titus 3,4-7"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Weihnachten \u0097 &#8222;Als aber Gottes G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit erschien\u0085&#8220;<br \/>\n<\/strong>\u00dcberlegungen zu Titus 3,4-7<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>1. Weihnachten ist nicht schon Heilige Nacht <\/strong><\/p>\n<p>Im Reigen der grossen Feste nimmt Weihnachten im Laufe des Jahres gef\u00fchlsm\u00e4ssig den gr\u00f6ssten Raum ein. Auch das Festtagsgesch\u00e4ft bl\u00fcht wie sonst wohl kaum. Und wenn in der Adventszeit eher stressige Betriebsamkeit herrscht und kaum Ruhe f\u00fcr den Sinn von Advent (= Ankunft) gefunden wird, dann kann schon die Frage beklemmen, ob Weihnachten inzwischen auch ohne Kirche ganz gut ablaufen w\u00fcrde. Ist nicht schon die Vorbereitungszeit ein Zeichen daf\u00fcr, dass wir uns ein krankes Bild von Weihnachten aufdr\u00e4ngen lassen? Bestimmen nicht Gesch\u00e4ftigkeit und ein selbstverst\u00e4ndlicher Pakt des Schenkens und Beschenktwerdens unsere Stimmung so sehr, dass kaum mehr Zeit und Laune vorhanden sind, sich dem tiefen Sinn von Weihnachten als &#8222;geheiligter Nacht&#8220; auszuliefern. Und \u00f6ffnen wir unseren Mitmenschen und vornehmlich den Kindern am Festabend mit dem F\u00fcllhorn der Geschenke, Spielsachen und S\u00fcssigkeiten auch unsere eigenen Herzen? Viele nehmen schon vorher reissaus vor dem Fest und gehen in Ferien. Man kann auch mit seinem Kopf und seinem Herzen den Sinn und die Botschaft dieses Festes fliehen und davor die Weite suchen. Man kann in der Tat ein \u00fcppiges Weihnachten haben, ohne dass Heilige Nacht wird, selbst dann, wenn wir religi\u00f6se Lieder singen, fromme und humanit\u00e4re Reden bem\u00fchen und wieder einmal das religi\u00f6se Gef\u00fchl an der Mitternachtsmette aufw\u00e4rmen. Vielleicht ist das ja manchmal schon viel. Aber es findet sich noch nicht, was Weihnachten sagen will.<\/p>\n<p><strong>2. Weihn\u00e4chtliche Kurzformel des Glaubens: Titus 3,4-7 <\/strong><\/p>\n<p>Die vier Verse aus dem Titusbrief, die die Kirche im Weihachtsgottesdienst verk\u00fcndet, lauten: &#8222;Als aber die G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet \u0097 nicht weil wir Werke vollbracht h\u00e4tten, die uns gerecht machen k\u00f6nnen, sondern aufgrund seines Erbarmens \u0097 durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Mass \u00fcber uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Verfasser dieses Briefes, wohl ein Bischof, der ganz von Paulus und dessen Lehre gepr\u00e4gt gewesen ist, hatte nat\u00fcrlich keine Ahnung von unserem heutigen Weihnachtsrummel. Die Probleme in den an Paulus orientierten urchristlichen Gemeinden gegen Ende des ersten Jahrhunderts waren ganz anderer Natur: die schon recht deutlich verfassten Gemeinden m\u00fcssen sich in einer heidnischen Umwelt wehren. So kreisen die Sorgen im Titusbrief um die Einsetzung geeigneter Vorsteher (Bisch\u00f6fe) und um die Bek\u00e4mpfung der Irrlehren; es erfolgen Anweisungen f\u00fcr die M\u00e4nner und Frauen sowie f\u00fcr die Sklaven und Aussagen \u00fcber die Gnade und ein christliches Leben, insbesondere \u00fcber die Pflichten der Getauften im sozialen Bereich. Und in diesem Zusammenhang finden wir die Betonung der Gnade, der G\u00fcte und der Menschenfreundlichkeit Gottes, die in Jesus Christus erschienen sind. Wir entdecken in diesem Brief sowohl Instruktionen zur Kirchenordnung und Ermahnungen zum Verhalten der Getauften als auch feierlich stilisierte S\u00e4tze, die in der Verk\u00fcndigung und im Gottesdienst zu festen Formeln geronnen sind. Es werden zentrale Glaubenss\u00e4tze vorgelegt: sie k\u00fcnden vom Retter, vom Heiland. Damit stehen wir mitten im Geheimnis, das an Weihnachten gefeiert wird: &#8222;Christ, der Retter, ist da.&#8220;<\/p>\n<p>Im Titusbrief werden Selbsterl\u00f6sung und Werkgerechtigkeit ausgeschlossen. Vielmehr beinhaltet Rettung diese tiefgreifende Erneuerung des Menschen im Hl. Geist, radikal wie eine zweite Geburt (Tit 3,5). Und aus der geschenkten Rettung fliesst gleichsam das glaubw\u00fcrdige Handeln als Getaufter. Der Indikativ des geschehenen Heils wird zum Imperativ christlicher Verhaltensweise.<\/p>\n<p>Dieses Licht der Gnade, der G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit Gottes, das in Jesus Christus erschienen ist, erhellt nun das Dunkel der Welt. So stehen auch die heutigen Verse aus dem Titusbrief in einem grellen Kontrast zur ehemaligen Aussichtslosigkeit im Unheil (Tit 3,3). Durch das Aufscheinen Gottes in Jesus Christus ist die einschneidende Wende vollzogen zwischen dem dunklen &#8222;Einst&#8220; und dem hellen &#8222;Jetzt&#8220;. Auch Weihnachten ist ganz erf\u00fcllt vom Gedanken des Lichtes im Dunkel.<\/p>\n<p><strong>3. Im Dunkel der Nacht\u0085 <\/strong><\/p>\n<p>Unser Zwiespalt mit Weihnachten liegt nicht nur in der Art und Weise, wie wir dieses Fest einmal pro Jahr begehen. Er h\u00e4ngt viel tiefgr\u00fcndiger mit dem Advent unseres Lebens zusammen, den wir auch ausserhalb der Weihnachtszeit das ganze Jahr hindurch leben und erleben, gestalten und erleiden. Es kann wohl kaum an Weihnachten das pl\u00f6tzlich gelingen und sich schenken, was sonst im Alltag unseres pers\u00f6nlichen Lebens und im menschlichen Miteinander kaum eine Chance erh\u00e4lt. An Weihnachten kann ich nicht mit einem heroischen Gewaltakt dem Ganzen meines Lebens pl\u00f6tzlich wieder punktuell einen tiefen Sinn verschreiben oder die sonstige Langeweile und den Mangel an Geborgenheit \u00fcberspringen und f\u00fcr einige Stunden &#8222;heile Welt&#8220; spielen.<\/p>\n<p>Auch in der weiten Welt der grossen Politik k\u00f6nnen die ideologischen und martialischen Waffen zwar f\u00fcr einige Stunden zum Schweigen gebracht werden, aber Frieden wird dadurch noch nicht gestiftet. Weiss Gott, wir brauchten heute viele Friedenstauben, die den Weg der Menschen und der V\u00f6lker zueinander finden helfen. Und selbst dann bleiben doch Hunger, Gewalt und Ungerechtigkeiten, Vereinsamung und die Sinn-Krise des heutigen Menschen. \u0097 Und wie soll Weihnachten zu einem Zeichen voll Hoffnung werden, wenn es sich nicht auch bew\u00e4hrt f\u00fcr die sozial Benachteiligten, Drogenabh\u00e4ngigen, Neurotiker, Progressiven und Konservativen, die Armen und Kranken, Frustrierten und M\u00fcdegewordenen, die bis an den Rand des Lebenswollens gedr\u00fcckt werden usw.?<\/p>\n<p>Vermag der Stern von Bethlehem, der die Botschaft vom unverhofften und unerwarteten Retter und Heiland ausstrahlt, das Dunkel im Leben vieler Menschen zu erhellen? Wirkt der in Bethlehem verk\u00fcndete Friede sich auch unter uns Christen und in unseren Kirchen aus? Wenn Friede und Freude Qualit\u00e4tszeichen einer Heiligen Nacht sein sollen, in der die Botschaft vom Anbruch des Lichtes im Dunkel der Nacht verk\u00fcndet wird, dann stellt sich die Frage \u0097 wie im Titusbrief \u0097 ob wir Christen und Christinnen uns von der Strahlkraft dieses Festes anziehen lassen und selber zu glaubw\u00fcrdigen Zeugen und Zeuginnen seiner Botschaft werden. Wenn man das alles \u0097 auch mutig gegen\u00fcber dem eigenen Herzen \u0097 bedenkt, dann wird es wichtig, bei allem Weihnachtsrummel den Durchbruch zur Tiefe des Festes zu wagen, denn im Dunkel der Nacht beginnt das Licht der Hoffnung zu strahlen: die G\u00fcte und die Menschenliebe Gottes, des Retters (Tit 3,4)<\/p>\n<p><strong>4. &#8222;\u0085 verk\u00fcnde ich euch eine grosse Freude&#8220; (Lk 2,10) <\/strong><\/p>\n<p>Den Sinn der Heiligen Nacht k\u00f6nnen wir verfehlen, wenn wir die biblischen Weihnachtsgeschichten nur als blosse Kindheitsberichte historisch oder psychologisch erkl\u00e4ren und deuten wollen. Mehr als eine fromme Legende oder Biographie k\u00e4me nicht heraus. Die Berichte von der Geburt im Dunkel der Nacht wollen vielmehr verk\u00fcnden und ank\u00fcndigen. Dabei darf nicht \u00fcbersehen werden, dass die biblischen Erz\u00e4hlungen von der Geburt Jesu nach Ostern verfasst worden sind. Der Glaube an Jesus als den von Gott in sein Leben aufgenommenen Christus steht am &#8222;Anfang&#8220;, nicht die Nacherz\u00e4hlung einer Geburt. Vom Ostergeschehnis und vom Glauben an den Auferstandenen her erh\u00e4lt die Heilige Nacht ihre Tiefe, weil das Geheimnis, das an Ostern offenbar wurde, schon im Kommen dieses Kindes anwesend ist: schon im Kind Jesus kommt Gott an. Das macht Weihnachten zur Heiligen Nacht.<\/p>\n<p>So wenig das Kreuz Ostern verhindern konnte, so wenig kann die Armseligkeit der Krippe das Geheimnis dieses Kindes kompromittieren: vom ersten Augenblick seines Daseins an ist Gott in ihm am Werk. Schon in seiner Geburt wirkt verborgen, was sich an Ostern dem gl\u00e4ubigen Blick offen erweist: Gott, den Jesus noch in seinem Sterben und in seinem Tod als liebenden Vater fand, kommt in diese Welt und bietet den Menschen seine rettende Liebe an. Im Vertrauen auf das Kind von Bethlehem, im Vertrauen auf das Wort und den Weg, den Jesus gegangen ist, sind Scheitern, Tod und verh\u00e4rmtes Leiden, sind Nacht und Dunkelheit nicht das letzte Wort, kein Fall in ein bodenloses Nichts.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht und die Kunde von der grossen Freude sind nicht abseits unseres konkreten Lebens oder gar nur im sakralen Bereich bedeutsam. Es gibt nicht den weltlichen und den g\u00f6ttlichen Bereich getrennt nebeneinander. Vielmehr bedeutet die Geburt als Ankunft im Dunkel der Nach das Kommen Gottes in diese Welt. Die Welt und die menschliche Wirklichkeit sind gleichsam die Krippe, in die Jesus hineingelegt werden will. Heilige Nacht bedeutet, nicht mehr das Dunkel ist bestimmend, weil Gott und Mensch von nun an zusammengeh\u00f6ren. Das macht die gute Nachricht zur Kunde von der grossen Freude, macht jedes Menschen Leben sinnvoll und liebenswert.<\/p>\n<p><strong>5. Heilige Nacht\u0085 <\/strong><\/p>\n<p>Wir sind leicht geneigt, an das Kind von Bethlehem Fragen zu stellen. Wenn wir aber glaubend bekennen, dass sich im Kommen Jesu von Nazaret das Ja Gottes zu uns Menschen vollzog, dann stellt das Kind von Bethlehem uns in Frage.<\/p>\n<p>Vom Kind in Bethlehem her gibt es nur eine L\u00f6sung: Weihnachten als Heilige Nacht ernst zu nehmen, das Licht im Dunkel leuchten und erstrahlen zu lassen. Oder etwas n\u00fcchtern ausgedr\u00fcckt: was wir an Weihnachten feiern, sollte &#8222;Programm&#8220; des ganzen Jahres und Sinn unseres ganzen Lebens sein. Wenn es im Johannes-Prolog heisst: &#8222;Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt&#8220;, dann stellt diese Aussage ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Leben und den Mut zum Lebendigsein dar. Deshalb darf trotz der negativen Bilanz an Elend und Verlassenheit nicht \u00fcbersehen werden, wieviel Kr\u00e4fte im Sinn von Weihnachten enthalten sind: Gott ist in Jesus Christus, im Kind von Bethlehem, ein Gott <em>f\u00fcr uns <\/em> geworden. Wir Christen m\u00fcssen demnach daran erkennbar werden, dass wir auch Menschen <em>f\u00fcr andere <\/em> werden, dass wir uns verborgen und offen als Experten f\u00fcr Menschlichkeit und letztlich auch f\u00fcr Lebensfreude erweisen, dass wir uns mit Mut und Solidarit\u00e4t an die Probleme der Menschen heranwagen. \u0097 Zwar k\u00f6nnen wir nicht alle Schatten des Dunkels l\u00f6sen; aber wir k\u00f6nnen uns im Dunkel der Nacht Mut und Zuversicht sowie Frieden, Freude und Hoffnung schenken lassen und diese dann selber weitergeben.<\/p>\n<p>Wenn wir uns bei aller Betriebsamkeit des Weihnachtsfestes dem Sinn der Heiligen Nacht, dass Gott uns nahegekommen ist, nicht verschliessen, dann ist unser Weihnachten offen f\u00fcr das Licht und die Botschaft, die die Nacht der Geburt Jesu zur Heiligen Nacht werden l\u00e4sst. Dann ertr\u00e4gt es den gesellschaftlichen Rahmen als \u00fcppiges Fest und als gegenseitiges Schenken und Beschenktwerden. Ja, das Fest gewinnt dadurch seinen Sinn. Erst recht gilt es, &#8222;fr\u00f6hliche Weihnacht&#8220; zu w\u00fcnschen. Die Heilige Nacht wird zum Geschenk und zur Bereicherung, wenn man den unwahrscheinlichen Mut aufbringt, sich dem Sinn und Geheimnis des Kommens Gottes auszuliefern. In diesem Sinn ist der Weihnachtswunsch ein Wunsch f\u00fcr das Leben eines jeden Menschen, auch wenn wir noch im Advent des Lebens stehen. So gesehen kann man gar nicht anders als jedem Menschen getrost frohe Weihnachten zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Leo Karrer, Neuchatel, WSchweiz<br \/>\nc\/o <a href=\"mailto:Bernadette.Schacher@unifr.ch\">Bernadette.Schacher@unifr.ch <\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten \u0097 &#8222;Als aber Gottes G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit erschien\u0085&#8220; \u00dcberlegungen zu Titus 3,4-7 1. 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