{"id":9719,"date":"2003-12-07T19:49:34","date_gmt":"2003-12-07T18:49:34","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9719"},"modified":"2025-06-28T10:26:04","modified_gmt":"2025-06-28T08:26:04","slug":"hebraeer-1-1-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-1-1-6\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 1, 1-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><strong>Gottes unauff\u00e4llige Herrlichkeit <\/strong><\/p>\n<p>Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, &#8211; so erz\u00e4hlt eine chassidische Legende \u0096spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. Er verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gef\u00e4hrte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck; aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Dar\u00fcber musste er weinen, kam weinend in die Stube seines Gro\u00dfvaters gelaufen und beklagte sich \u00fcber den b\u00f6sen Spielgenossen. Da flossen Rabbi Baruch die Augen \u00fcber, und er sagte: \u0084 <em>So spricht Gott auch: \u0082Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.&#8217;\u0093 <\/em> (aus: Martin Buber, die Erz\u00e4hlungen der Chassidim, Manesse Verlag, Z\u00fcrich 1949, 191)<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung sagt von Gott: Er versteckt sich und will gesucht werden. Diese Aussage entspricht der Erfahrung vieler Menschen, nicht zuletzt derer, denen Gott nicht gleichg\u00fcltig ist, die sich nach seiner N\u00e4he sehnen. Gott versteckt sich, er verbirgt sich \u0096 oft so gr\u00fcndlich, als g\u00e4be es ihn \u00fcberhaupt nicht. \u00dcberlegen Sie, wie viel Not Sie dadurch schon durchlitten haben. Gerade da, wo er am meisten gebraucht wird, scheint er nicht da zu sein. Er zeigt sich nicht in Not, in Krankheit, in Lebensbedrohung, Arbeitslosigkeit, Kriegsgefahr. Die Klage des Psalmisten: \u0084Gott, warum verbirgst Du Dich?\u0093 ist f\u00fcr viele hoch aktuell. Gott ist ihnen nicht greifbar, nicht sp\u00fcrbar, nicht sichtbar, geschweige denn, eindeutig erfahrbar. Gott verbirgt sich. F\u00fcr viele, gerade wenn Gott ihnen nicht gleichg\u00fcltig ist, ist das eine schmerzliche Erfahrung.<\/p>\n<p>Und da sagt der Hebr\u00e4erbrief: \u0084Er (Jesus) ist der Abglanz seiner Herrlichkeit\u0093. Es l\u00e4sst sich im Horizont unserer Zeit mit einiger Berechtigung fragen: Wo ist er denn \u0096 wo ist seine Herrlichkeit? Es ist nicht viel von ihm zu sehen in unserer Welt \u0096 geschweige denn von seiner Herrlichkeit. Schneller, als es uns lieb sein kann, landen wir bei jener Thematik, die die Geschichte Gottes mit dem Menschen wie ein roter Faden durchzieht: Der sich offenbarende Gott entzieht sich gleichzeitig immer wieder. So ist es ja auch mit seiner Geburt. Er erscheint in dem Kind von Bethlehem auf unserer Erde. Das tut er jedoch so unauff\u00e4llig, fast unsichtbar, zumindest unscheinbar, dass man es \u00fcbersehen k\u00f6nnte. Wer sucht Gott schon bei Schafen und Hirten? Wer entdeckt seine Herrlichkeit schon im Viehstall in einer Futterkrippe? Nicht umsonst landen die drei Sterndeuter aus dem Morgenland dort, wo sie es herrlich glauben: am Hof des K\u00f6nig Herodes. Angesichts der Armut von Bethlehem vom \u0084Abglanz seiner Herrlichkeit\u0093 reden, das erfordert einige Phantasie.<\/p>\n<p>Doch darum geht es. Das Auge des Glaubens tr\u00e4gt eine \u0084Trotzdem-Brille\u0093. Es bleibt nicht beim Vordergrund stehen, es blickt hinter Dinge, Ereignisse und Menschen. So sieht es die Geschichte dieses Kindes von Bethlehem, das ja als Erwachsener mit seinem schm\u00e4hlichen Ende am Kreuz auch nicht sonderlich erfolgreich war, in einem weiten Horizont: aus der Sicht des Ostermorgens und der Erh\u00f6hung in der Himmelfahrt.<\/p>\n<p>Es gibt Dinge, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind. Um manche Zusammenh\u00e4nge zu begreifen, braucht der Mensch einen sehr langen Atem, einem Atem, der sich der Unendlichkeit eines Gottes ann\u00e4hert, der Zeit hat, viel Zeit!\u0093 Mit solcher Ausdauer und Z\u00e4higkeit verl\u00e4ngert sich der Augenblick in die F\u00fclle der Zeit, bis in die Ewigkeit. Weiter scheinen im Leben dieses Jesus immer wieder Begebenheiten auf, die nachdenklich machen: Er wirkt \u0084Zeichen\u0093, die \u00fcber sich hinausweisen. So deutet es Johannes \u0096 und kann darum zusammenfassend \u00fcber Jesu Leben sagen: \u0084Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1, 14b) Er ist heilend in der Welt gegenw\u00e4rtig. Aber diese Heilungen wollen durchsichtig bleiben auf Gott hin. Darum sollen die Geheilten kommen und \u0084Gott die Ehre geben\u0093. (Lk 17,18)<\/p>\n<p>Der Augenblick erkennt diese Gegenwart Gottes und seine darin aufscheinende Herrlichkeit h\u00e4ufig nicht. Im weiten Horizont des gesamten Lebens Jesu und in der Aufmerksamkeit eines Glaubens, der Gott etwas zutraut, erkennt der verweilende Blick hinter den Dingen, Ereignissen und Menschen Gott \u0096 oft erst viel sp\u00e4ter. Will ich die Herrlichkeit Gottes im Wirken Jesu mitten in dieser Welt erkennen, muss ich gr\u00fcndlich und vor allem lange genug hinschauen.<\/p>\n<p>Die Krippe verr\u00e4t mir dabei noch etwas: Der R\u00fcckblick kann erkennen, dass in der Unauff\u00e4lligkeit und Unscheinbarkeit der Krippe Gottes Herrlichkeit aufscheint. Ohne deswegen andere Wege und andere Orte des Gottsuchens in Frage zu stellen, es gibt Orte der Gottsuche, die wir leicht \u00fcbersehen, von denen ich den Eindruck habe, dass es Gottes Lieblingsorte sind, und die sind \u0084unten\u0093. Jedenfalls haben schon viele, die Gott suchten, eine \u00fcberraschende Entdeckung gemacht. Sie suchten Gott oben, aber sie fanden ihn unten.<\/p>\n<p><strong>Abbild seines Wesens <\/strong><\/p>\n<p>Das zweite, was unser Text \u00fcber Jesus sagt, lautet: \u0084Er ist das Abbild seines Wesens\u0093. Willst du etwas von Gottes Wesen erfahren, dann schau auf Jesus! Ob Gott in seinem Sohn auf Erden erschienen ist, dass wir sein Wesen neu entdecken?<\/p>\n<p><em>Michael Ende <\/em> erz\u00e4hlt in seinem Buch \u0084Jim Knopf und Lukas der Lokomotivf\u00fchrer\u0093 (Stuttgart\/Wien 1990, S 124ff) von einem Riesen und seinem Geheimnis. Als Lukas und Jim Knopf den Riesen am Horizont sehen, erschrecken sie und wollen weglaufen. \u0084Bitte lauft nicht fort\u0093, bettelt der Riese. In dem er n\u00e4her kommt, wird er immer kleiner, und als er neben ihnen steht, hat er die Gr\u00f6\u00dfe eines normalen Menschen. Die beiden schauen ihn ratlos an. Er erkl\u00e4rt: Jeder Mensch hat ein Geheimnis, so auch ich. Jeder andere, der sich entfernt, wird zum Horizont hin immer kleiner. Bei mir ist es umgekehrt, ich werde immer gr\u00f6\u00dfer. Und er f\u00e4hrt fort: <em>\u0084Je weiter ich entfernt bin, desto gr\u00f6\u00dfer sehe ich aus. Und je n\u00e4her ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.\u0093 <\/em> Dieser Satz k\u00f6nnte aus dem Mund Gottes stammen. Gott ist herabgestiegen, nach \u0084unten\u0093 zu uns Menschen gekommen, weil er eine Sehnsucht hat, dass wir seine wirkliche Gestalt erkennen, dass wir sein wirkliches Wesen erkennen.<\/p>\n<p>Der sich verbergende Gott ist f\u00fcr viele weit weg. Er wird darum von manchen missbraucht, wie es M\u00fctter gelegentlich mit dem zur Arbeit abwesenden Vater tun: \u0084Warte nur, bis Papa nach Hause kommt, dann gibt&#8217;s was!\u0093 Der weit entfernte Gott ist von Pharis\u00e4ern und Schriftgelehrten missbraucht worden, um Menschen zu \u00e4ngstigen und gef\u00fcgig zu machen; \u00e4hnlich ist er Sinn sp\u00e4ter in der Kirche Jesu Christi missbraucht worden. Ob Jesus darum Mensch wurde, ob wir uns darum j\u00e4hrlich neu ins Ged\u00e4chtnis rufen, dass er Mensch wurde? An ihm, an seinem Leben, an seinem Umgang mit den Menschen, an seiner Liebe und Treue bis in den Tod, an seiner Auferstehung, die st\u00e4rker ist als jeder Tod sollen wir Gottes wahres Wesen erkennen.<\/p>\n<p>Diese Zusage findet sich au\u00dfer in unserer Textstelle in manchem anderen Schriftwort: \u0084Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.\u0093 (Joh 12,45) \u0084Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.\u0093 (Kol 1,15) Im menschgewordenen Sohn Gottes k\u00f6nnen wir darum Gott erkennen. Welchen Gott? Wir erkennen in Jesus einen Gott, der Liebe ist: \u0084Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!\u0093 (Joh 15,9) Wir erkennen in Jesus einen menschenfreundlichen Gott: \u0084Als aber die G\u00fcte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien&#8230;\u0093, schreibt der Titusbrief (Tit 3,4) Wir begegnen in Jesus dem Abbild eines Gottes, der uns Menschen liebt, der Unheiles heilt, der Schuld verzeiht, der Neuanf\u00e4nge erm\u00f6glicht, der in seiner Liebe treu ist bis in den Tod, der st\u00e4rker ist als der Tod, weil er das Leben ist, der \u0084zur rechten der Majest\u00e4t Gottes in der H\u00f6he thront\u0093.<\/p>\n<p>\u0084Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens.\u0093 Wenn wir heute am zweiten Weihnachtstag mit diesem Satz des Hebr\u00e4erbriefes das Geheimnis der Menschwerdung Gottes vertiefen, haben wir die Chance, im menschlichen Gesicht des Kindes von Bethlehem das Gesicht des liebenden und menschenfreundlichen Gottes als Halt und Zusage f\u00fcr unser Leben zu entdecken.<\/p>\n<p>(Einige dieser Gedanken sind meinem Buch entnommen: \u0084Suchst du Gott, dann such ihn unten\u0093, Erich-Wewel-Verlag, Donauw\u00f6rth 2003)<\/p>\n<p><strong>Heribert Arens (Franziskaner)<br \/>\nFranziskanerkloster H\u00fclfensberg<br \/>\n<a href=\"mailto:heribert_arens@huelfensberg.de\">heribert_arens@huelfensberg.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gottes unauff\u00e4llige Herrlichkeit Rabbi Baruchs Enkel, der Knabe Jechiel, &#8211; so erz\u00e4hlt eine chassidische Legende \u0096spielte einst mit einem anderen Knaben Verstecken. 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