{"id":9721,"date":"2003-12-07T19:49:29","date_gmt":"2003-12-07T18:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9721"},"modified":"2025-06-28T10:27:59","modified_gmt":"2025-06-28T08:27:59","slug":"weihnachtspredigt-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/weihnachtspredigt-3\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 1,1-3"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>So oder so: die Zeit vor Weihnachten ist eine Zeit der Spannung. Kinder f\u00fchren uns das besonders deutlich vor Augen. Genau betrachtet, l\u00f6st sich die Spannung nicht am Heiligen Abend; die Weihnachtsbotschaft f\u00fchrt vielmehr in vielerlei aufregende, allerdings neue Spannung, die, wenn es denn sein darf, au\u00dferordentlich fruchtbar ist.<\/p>\n<p>\u0084Vorzeiten\u0093 und \u0084zuletzt\u0093 deutet ein erstes Spannungsmoment an. \u0084Das ist mein letztes Wort\u0093 sagen Menschen, wenn z\u00e4he Verhandlungen dicht vor dem Abbruch stehen.<\/p>\n<p>\u0084Das ist mein letztes Wort\u0093 meint: Schluss der Debatte, jedes weitere Gespr\u00e4ch ist sinnlos. Als, fr\u00fcher, Kriege noch erkl\u00e4rt wurden, nannte man das \u0084letzte Wort\u0093 Ultimatum; danach wurde zur\u00fcckgeschossen oder mit dem Schiessen erst eigentlich begonnen.<\/p>\n<p>Unser letztes Wort schlie\u00dft ab, schlie\u00dft zu, bricht ab. Das letzte Wort dagegen, \u0084in den letzten Tagen\u0093 gesprochen, schlie\u00dft auf. Unsere letzten Worte l\u00e4uten ein Ende ein; Gottes letztes Wort setzt einen Beginn. Unsere letzten Worte machen \u0096 im Nu \u0096 die Gegenwart zur uneinholbaren Vergangenheit; Gottes letztes Wort er\u00f6ffnet Zukunft. Wenn wir \u0084letzte Worte\u0093 gesprochen haben, kommt nichts mehr, geht nichts mehr, \u0084l\u00e4uft\u0093 nichts mehr; nach Gottes letztem Wort kommt Gutes in Bewegung; da beginnt das Leben zu laufen.<\/p>\n<p>Gottes \u0084letztes Wort\u0093 wird vernehmbar, nachdem er vorzeiten \u0084auf mancherlei Weise geredet hat\u0093. Damit tut sich ein weiterer Spannungsbogen auf: mit der Botschaft, die mit dem Namen Jesu von Nazareth verbunden ist, f\u00e4ngt nicht \u00fcberhaupt erst alles an, was \u0084Religion\u0093 ist und bedeutet. Da gibt es vielmehr eine lange, ansehnliche, reiche Vorgeschichte, eine doch auch bewunderungsw\u00fcrdige Vorgeschichte der Sehnsucht, des Suchens und Hoffens, in der Gott \u0084vorzeiten und vielfach und auf vielerlei Weise\u0093 von sich reden gemacht hat.<\/p>\n<p>Der Hebr\u00e4er-Brief denkt vor allem an die \u0084Vorzeit\u0093 der Propheten Israels; an sie und das vielfache Glaubenszeugnis der Nachkommen Abrahams und Isaaks und Jakobs denken zun\u00e4chst wir alle.<\/p>\n<p>(Aber ich denke mit einem jetzt nicht zu diskutierenden Recht auch daran, dass Gott \u0084vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise\u0093 auch in anderen Religionen, Kulturen, V\u00f6lkern \u0084von sich reden gemacht\u0093 hat. Und es ist ein spannendes Unternehmen, durch diese Vorzeit zu wandern und das \u0084auf vielerlei Weise zur Sprache-Kommen Gottes\u0093 zu entdecken: in tiefen philosophischen \u00dcberlegungen, in k\u00fcnstlerischen Aus-bildungen, in den Such-Bildern der M\u00e4rchen und Mythen der V\u00f6lker. Wer unvoreingenommen zusieht, wird ernstes, ehrliches Erschaudern vor der Majest\u00e4t des G\u00f6ttlichen entdecken, &#8211; wird hei\u00dfes Bem\u00fchen erkennen, S\u00fchne zu schaffen f\u00fcr Unrecht und Schuld. Ein gro\u00dfes Opfern und Fasten, ein Sorgen und M\u00fchen, ein Pr\u00fcfen und Sich-\u00c4ngsten ging um die Welt, wie denn wohl Heil zustande gebracht, Vers\u00f6hnung gestiftet, ein St\u00fcckchen \u0084Himmel auf Erden\u0093 bewerkstelligt werden k\u00f6nnten. Gott hat vorzeiten vielfach und auf vielerlei Wiese von sich reden gemacht und Menschen bis ins Innerste bewegt.)<\/p>\n<p>\u0084Nun aber, in diesen letzten Tagen, hat er zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben \u00fcber alles.\u0093 Gottes \u0084letztes Wort\u0093 hat \u0084der Sohn\u0093 geredet. Und dieses letzte Wort schlie\u00dft nicht zu, sondern auf; es beendet nicht den Dialog, sondern l\u00e4sst ihn beginnen.<\/p>\n<p>Zuletzt hat Gott geredet in dem Christus-Geschehen. Aber \u0096 ein weitere Spannungsbogen tut sich auf -: was f\u00fcr ein Geschehen ist das! Gemessen an dem und verglichen mit all dem, was \u0084vorzeiten\u0093 gesagt, gebildet, gemalt, besungen wurde, ist dies Geschehen wahrhaft \u0096 k\u00fcmmerlich! Mit einer einfachen Geschichte f\u00e4ngt&#8217;s an: ein Handwerker-Paar bekommt ein Kind; das wird \u0084der Sohn\u0093, durch den Gott in den letzten Tagen redet. Eine schmucklose Geschichte: in \u00e4rmlichen Umst\u00e4nden wird ein Kind geboren \u0096 \u0084der Sohn\u0093, von Gott eingesetzt zum Erben \u00fcber alles. Eine \u0096 leider!! \u0096 allt\u00e4gliche Geschichte: gejagt ist dieses Leben von Anbeginn an: auch er, \u0084der Sohn\u0093 durch den alles geworden ist, soll \u0084eingesch\u00e4tzt\u0093 werden nach dem Befehl des Kaisers. Eine nachdenkliche Geschichte: kein Platz ist da f\u00fcr dieses Kind, es ist ein herumgesto\u00dfener Asylant, und doch und gerade er \u0084der Sohn\u0093, durch den Gott die Welt geschaffen hat. Schlicht, schmucklos, unsensationell diese Geschichte; dennoch fasziniert sie. Wollten sich doch nur Menschen von ihr wirklich faszinieren lassen! Und nicht nur fasziniert sein in diesen Tagen von eigenen Befindlichkeiten, Gef\u00fchlen und Erinnerungen, so wichtig die auch sein m\u00f6gen.<\/p>\n<p>\u0084Gott hat zu uns geredet durch den Sohn.\u0093 Pr\u00e4zise meint der Sohnes-Titel, was wir meinen, wenn wir einen Jungen beobachten und zu dem Urteil finden: er ist \u0084ganz der Vater\u0093; er spricht, er bewegt sich, er verh\u00e4lt sich wie der Vater: \u0084er ist ganz der Vater.\u0093 Eben dies sagt das Christus-Lied am Anfang dieses Hebr\u00e4er-Briefes: Er \u0096 der Sohn \u0096 ist der Abglanz seiner \u0096 des ewigen Gottes \u0096 Herrlichkeit; er ist das Ebenbild seines Wesens; er tr\u00e4gt alle Dinge mit seinem kr\u00e4ftigen, sch\u00f6pferischen Wort, und er hat \u0084vollbracht die Reinigung von den S\u00fcnden.\u0093 Wer also diesen Sohn sieht, erkennt den himmlischen Vater, wer den Sohn h\u00f6rt, h\u00f6rt Gott; wer diesem Menschenkind \u0096 dessen Leben ausgespannt ist zwischen Krippe und Kreuz \u0096 sich n\u00e4hert, kommt dem Ewigen nahe. Unendlicher Abstand ist also \u00fcberwunden; die Ewigkeit ist eingegangen in die Zeit, Gott lebt und west unter uns als der Mensch Jesus von Nazareth. Gott stellt sich dar. Er teilt sich mit. Und das so, dass er verst\u00e4ndlich wird f\u00fcr jeden Menschen.<\/p>\n<p>\u0084Der Sohn\u0093 \u0096 \u0084Abglanz von Gottes Herrlichkeit\u0093. Diese Herrlichkeit, diese glanzvolle Majest\u00e4t freilich erdr\u00fcckt nicht, verbrennt nicht, macht nicht Angst. Dieser Abglanz l\u00e4sst vielmehr Zuneigung, Vertrauen, Liebe wachsen. Dieser Abglanz fasziniert, zieht in sein Licht, macht frei und bereit, das Wunder anzubeten, dass Gottes \u0084letztes Wort\u0093 in dem Geschehen der Christ-Geburts-Nacht gesprochen ist. \u0084Der Sohn\u0093 \u0096 Ebenbild des Wesens Gottes. Dieses Wesen \u00fcberm\u00e4chtigt, \u00fcberf\u00e4hrt, \u00fcberw\u00e4ltigt nicht mit Gewalt \u0084von oben herab\u0093. Sein Wesen ist: mit der Welt zu sein, liebend in der Welt zu sein, ihr zugeneigt, ihr zugewandt: Immanuel. So ist er zur Welt gekommen, wie wir es staunend und voller Dankbarkeit feiern: als Kind, als Mensch, im h\u00f6rbaren, verstehbaren Wort.<\/p>\n<p>Dieses Wort schlie\u00dft niemanden von vornherein aus. Es wendet sich an Arme und Reiche, an M\u00e4chtige wie an Ohnm\u00e4chtige, an Unwissende und an Kenner. Dieses Wort ist von jener Einfachheit wie die Geste, mit der einer seinem N\u00e4chsten eine ausgestreckte Hand entgegenh\u00e4lt. Der Sohn und sein Wort. Gottes freundlich, offen, herzlich uns entgegengestreckte Hand.<\/p>\n<p>Seine Liebe vollendet sich darin, dass er Schuld \u0084auf-hebt\u0093; das meint nun eben nicht, dass er sie einfach hin-f\u00e4llig, nichtig sein l\u00e4sst, sondern: auf-hebt, tr\u00e4gt und sie damit ihres Stachels beraubt.<\/p>\n<p>\u0084Er hat vollbracht die Reinigung von den S\u00fcnden\u0093, so singt das Christus-Lied. Es singt in der Sprache des Opferkultes, in einem Zusammenhang also, der uns Heutigen nicht mehr vertraut ist. Wir sagen \u0096 und sagen es mit gro\u00dfer Dankbarkeit-: Er, \u0084der Sohn\u0093, hat die gefallene, verschuldete Sch\u00f6pfung vers\u00f6hnt mit ihrem Sch\u00f6pfer; er hat beide wieder zusammengebracht; er hat, was sie trennte, \u00fcberwunden; er hat sich selbst preisgegeben, hineingegeben in den Riss, der die Welt von ihrem Lebensgrund, der die Menschen von der sie tragenden und n\u00e4hrenden G\u00fcte trennt.<\/p>\n<p>Der ein Recht h\u00e4tte zu strafen, zu richten, zu vernichten, was ihm entgegensteht, &#8211; der ein Recht h\u00e4tte darauf, dass wir rein vor ihm stehen: Derselbe tr\u00e4gt die Strafe, erleidet das Urteil \u00fcber die Gottferne. Der, gegen den alle Rebellion, alle Ichsucht, alles daraus folgende Ungl\u00fcck letztlich sich richtete: Derselbe macht Rebellen zu seinen Kindern, nennt Kinder, die ihm nach dem Thorn trachteten, die \u0084sein wollten wie Gott\u0093. Er schenkt Erbrecht denen, die ihr Erbe \u0096 Kindschaft und Menschlichkeit \u0096 immer schon verspielt haben.<\/p>\n<p>Das ist das Wunder des Christus-Geschehens, das in der Heiligen Nacht begonnen hat: dass der \u0096 eigentlich eherne \u0096 Schuld-Strafe-Zusammenhang, &#8211; dass das unausweichliche Zusammenspiel von \u0084S\u00fcnde\u0093 und \u0084Verh\u00e4ngnis\u0093 unterbrochen, ausgesetzt, \u00fcberwunden, gel\u00f6scht ist.<\/p>\n<p>Unsere \u0084letzten Worte\u0093 schlie\u00dfen zu; Gottes \u0084letztes Wort\u0093 \u00f6ffnet Zukunft, erm\u00f6glicht Anf\u00e4nge. Die Frage an die H\u00f6rer der Weihnachtsbotschaft ist die: ob Menschen sich faszinieren lassen von Erinnerungen und Gef\u00fchlen, von Vergangenem, oder ob sie sich in die je und je neu sich \u00f6ffnende Zukunft hineinziehen lassen, ob sie zur froh-gemuten Anbetung des Geheimnisses um \u0084den Sohn\u0093 finden, ob sie damit dann g\u00fcltig sein lassen, dass Schuld und S\u00fcnde nicht mehr zerst\u00f6rerisch wirken m\u00fcssen, dass vielmehr trennung\u00fcberwindende Liebe empfangen, ge\u00fcbt, gelebt und in Wirkung gesetzt werden kann.<\/p>\n<p>Wer durch die Zumutung der Weihnachtsbotschaft \u0096 Gottes \u0084letztes Wort\u0093 h\u00f6rbar geworden im Wort Jesu \u0096 hindurchst\u00f6\u00dft zur Freude und zum Dank f\u00fcr dieses eigentliche Weihnachtswunder, der wird bereit, wird sich fragen, aber auch sich ermutigen lassen zur Nachfolge. Auf dem Weg der Nachfolge aber werden sich viele \u0096 nicht alle! \u0096 Fragen l\u00f6sen, die uns beschweren; und es werden sich Wege auftun, gegen die Heillosigkeit in der Welt das Heil Gottes bezeugend zu setzen, &#8211; Wege, Menschen in ihrem Kummer zu tr\u00f6sten, gegen Unrecht und Gemeinheit die Kraft der Liebe zu stellen, &#8211; Wege, Licht ins Dunkel zu tragen, Mut in die Bereiche der Mutlosigkeit, S\u00e4ttigung in Mangel und Hunger. Es werden sich dem, der Gottes \u0084letztem Wort\u0093 vertraut Wege auftun \u0096 nicht gerade, ebene Bahnen, aber Wege &#8211; , die je und je ein kleines, aber wichtiges St\u00fcck weiterf\u00fchren.<\/p>\n<p>Gott hat zuletzt und endg\u00fcltig geredet durch den Sohn \u0096 nichts weiter bed\u00fcrfen wir. Aber dieses Wortes bed\u00fcrfen wir wirklich.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Anmerkung:<br \/>\nDie Verse 1 \u0096 3 sind so gef\u00fcllt, dass eine Erweiterung des Predigttextes um die Verse 4 \u0096 6 nicht n\u00f6tig erscheint.<br \/>\nWer zum Stichwort \u0084Religion\u0093 theologisch die Position des fr\u00fchen K. Barth einnimmt, l\u00e4sst den eingeklammerten Teil der Predigt aus oder verwendet ihn nur teilweise.<\/p>\n<p><strong>Dr. Dankwart Arndt<br \/>\nPastor i. R.<br \/>\nAuf dem Breckels 1<br \/>\n24329 Grebin <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So oder so: die Zeit vor Weihnachten ist eine Zeit der Spannung. Kinder f\u00fchren uns das besonders deutlich vor Augen. 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