{"id":9723,"date":"2003-12-07T19:49:31","date_gmt":"2003-12-07T18:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9723"},"modified":"2025-06-28T10:31:20","modified_gmt":"2025-06-28T08:31:20","slug":"weihnachtspredigt-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/weihnachtspredigt-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 10,32-42"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Man sagt, Weihnachten ist das Fest der Herzen. Wir sind mit den Menschen<br \/>\nzusammen, mit denen wir eng verbunden sind. Unsere Familie, unsere Freunde.<br \/>\nWeihnachten ist wie keines der gro\u00dfen Feste ein Sammlungspunkt<br \/>\nf\u00fcr die Familie. Wir reisen mit Bahn, Auto, Schiff und Flugzeug<br \/>\nweit umher, um dorthin zu kommen, wo wir zu Hause sind, wo wir herkommen,<br \/>\num mit den Menschen zusammen zu sein, mit denen wir seit unser fr\u00fchesten<br \/>\nKindheit verbunden waren. Ob sich nun diese Sehnsucht nach dem Paradies<br \/>\nzu Hause f\u00fcr ein paar Tage erf\u00fcllt wird und man deshalb aus<br \/>\nFreude weint, oder ob sie sich nicht erf\u00fcllt, weil die Kindheit<br \/>\nunwiderruflich verloren ist und man deshalb aus Trauer weinen mu\u00df &#8211;<br \/>\nman hat sein Herz mit dabei.<\/p>\n<p>Weihnachten ist der Traum vom verlorenen Paradies. Vom Paradies zu Hause.<br \/>\nZu Hause bei der Mutter, wo etwas in der Luft liegt, wie es in einem<br \/>\nbeliebten d\u00e4nischen Adventslied hei\u00dft. Man wei\u00df nicht<br \/>\nwas. Wie ein Fr\u00fchling, auch wenn der Wald seine Bl\u00e4tter verloren<br \/>\nhat. Deshalb m\u00fcssen wir Weihnachten nach Hause. Ob wir nur wollen<br \/>\noder nicht. Auch ein Gem\u00fct, das wie Disteln verstockt ist, wie der<br \/>\nd\u00e4nische Dichter Brorson in seinem Weihnachtslied sagt, Menschen,<br \/>\ndie allen Ernstes am 1. Dezember beteuern, da\u00df diese Rituale und<br \/>\nTraditionen nur zerbrochene Illusionen schaffen und Heulen und Z\u00e4hneklappern.<br \/>\nSelbst diese Verstockten stehen am Bahnsteig 4 in Kopenhagen und wollen<br \/>\nnach Hause nach L\u00f8gumkloster, Ellum und H\u00f8jst. Die Kindheit,<br \/>\nder &#8222;s\u00fc\u00dfe Morgentraum des Herzens&#8220; (Grundtvig) treibt<br \/>\neinen weiter als die erwachsene Vernunft, treibt einen nach Hause, ob<br \/>\nnun Weihnachten ein Tanz auf Rosen ist oder man in einer Depression versinkt.<\/p>\n<p>Beides, Freude und Leid, sind Ausdruck der Sehnsucht, so erkannt und<br \/>\ngesehen zu werden, wie man gerne gesehen werden will: als geliebt und<br \/>\ngeachtet. Wenn wir einander Weihnachtsgeschenke geben und dabei<br \/>\noft unser Bankkonto \u00fcberziehen, so ist das eine Erinnerung an die<br \/>\nWeisen aus dem Morgenlande. So wie sie dem Jesuskinde Geschenke mitbrachten,<br \/>\nso tun es auch wir, um den Bund zwischen uns zu erneuern: Wer das Geschenk<br \/>\nerh\u00e4lt, hat unendliche Bedeutung f\u00fcr uns. Das Geschenk ist<br \/>\nAusdruck f\u00fcr eine Lebensbest\u00e4tigung. Eine Best\u00e4tigung<br \/>\nunserer Liebe zu einander.<\/p>\n<p>Die Botschaft Jesu handelte von der Liebe, die zu uns hinabstieg. Vom<br \/>\nWort, das Fleisch wurde und unter uns wohnte. Wie wir das in dem Lied<br \/>\ngesungen haben:<\/p>\n<p>Heute geht aus seiner Kammer<br \/>\nGottes Held,<br \/>\nder die Welt rei\u00dft aus allem jammer.<br \/>\nGott wird Mensch dir,<br \/>\nMensch zugute,<br \/>\nGottes Kind,<br \/>\ndas verbindt<br \/>\nsich mit unsrem Blute.<br \/>\n(Paul Gerhardt)<\/p>\n<p>Paulus nannte die Liebe das vollkommene Band. Ein Band, das weiter reicht<br \/>\nals die Bande, die wir sonst kennen und von denen wir uns binden lassen.<\/p>\n<p>Ja ist denn die Liebe, die uns Gott Weihnachten erweist, eine andere<br \/>\nLiebe als die, die wir einander erweisen? Sind wir von zwei Arten von<br \/>\nLiebe gebunden? Die zu Gott und die zu Menschen?<\/p>\n<p>Einiget k\u00f6nnte darauf hindeuten, mit der Geschichte, die wir heute<br \/>\ngeh\u00f6rt haben. Denn das ist nicht die Liebe der weihnachtlichen<br \/>\nGem\u00fctlichkeit.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.<br \/>\nIch bin gekommen, um Streit zu bewirken&#8220; (so die d\u00e4nische \u00dcbersetzung).<br \/>\nDas ist ein Mi\u00dfton in unseren Ohren, wenn der, der das Wort der<br \/>\nLiebe selbst ist, der unter uns wohnt, sagt, da\u00df er nicht gekommen<br \/>\nist, Frieden zu stiften, sondern das Schwert. Streit zu bewirken zwischen<br \/>\ndenen, die miteinadner verbunden sind mit dem Band des Blutes, des Familienlebens.<br \/>\nWeihnachten ist offenbar nach dem Evangelium dieses Tages mehr als Lebensbest\u00e4tigung,<br \/>\nmehr als Best\u00e4tigung der Werte von Familie, Heimat und Tradition.<\/p>\n<p>Neulich konnte man in den Zeitungen von einem Mann lesen, der aus Kopenhagen<br \/>\nin seine Heimat in Westj\u00fctland zur\u00fcckgekehrt war. Als er in<br \/>\nden Weg einbog, der zu seinem Hof f\u00fchrte, kam seine ganze Geschichte<br \/>\nin ihm hoch: seine Urgro\u00dfmutter, Gro\u00dfmutter und die<br \/>\nGeschichte der Vorfahren. Sie wurde durch die Landschaft wach, die B\u00e4ume,<br \/>\nund die B\u00fcsche, die Luft und die Ger\u00fcche. Hier geh\u00f6rte<br \/>\ner hin. Und dennoch war das etwas, was nicht hierhin geh\u00f6rte. Und<br \/>\ndas wurde deutlich in dem M\u00e4dchen, das ihn begleitete. Sie war kein<br \/>\nTeil dieser Geschichte. Die hate Arbeit der Urgro\u00dfmutter, die man<br \/>\nan den roten und runzeligen Fingern sehen konnte. Die H\u00e4rte und<br \/>\nder Opferwille der Gro\u00dfmutter. All das kannte sie nicht. Und<br \/>\nwie sie sagte: Sie ist die Liebe, sie ist die Wahl.<\/p>\n<p>Er war gebunden durch etwas anderes als seinen Geburtsort, seine Familie,<br \/>\ndie Heimat, die Gegend, aus der er stammnte. Das, was unser Schicksal<br \/>\nist. Seine Gebundenheit war etwas anderes. Seine Liebe zu der Geliebten<br \/>\nwar ein anderes Band. Ein Leben mu\u00df verloren gehen, damit neues<br \/>\nLeben entstehen kann. Er wu\u00dfte, da\u00df da etwas war, was man<br \/>\naufgeben mu\u00dfte, was er nicht mitnehmen konnte. Gebunden werden<br \/>\ndurch die Liebe eines anderen Menschen, Mittelpunkt werden f\u00fcr einen<br \/>\nanderen Menschen, das bedeutet ja nicht, da\u00df man das Erbe von zu<br \/>\nhause aufgibt. Denn dieses Erbe sitzt in einem wie ein Schicksal. Aber<br \/>\ndie neue Liebe von einem anderen Menschen kann Konflikt bedeuten und<br \/>\nStreit mit dem Leben, das ich mitbringe.<\/p>\n<p>Es gibt eine Spannung zwischen dem, was ich empfange, und dem, was ich<br \/>\nbesitze. Zwischen dem Neuen, was zu mir kommt kommt, und dem Alten, was<br \/>\nich schon habe. Wer das Letztere retten will &#8211; das Erbe, das, was man<br \/>\nschon hat, mu\u00df das Erste verlieren, das was zu einem kommt, die<br \/>\nLiebe des geliebten. Und umgekehrt.<\/p>\n<p>Die Liebe der Weihnacht ist auch ein Band. Es band Jesus an die Menschen.<br \/>\nF\u00fcr ihn war das Leben das geschenkte Leben, und das himmlische Leben<br \/>\nwar das Leben, das wir besitzen. Er gab sozusagen das auf, was sein Schicksal<br \/>\nwar &#8211; seine Gottheit, seinen Himmel. Er verzichtete auf sein g\u00f6ttliches<br \/>\nErbe &#8211; zu dem er bestimmt war, das himmlische Leben. Und gebunden von<br \/>\nder Liebe Gottes zu uns begab er sich in die Macht der Menschen. Er wurde<br \/>\ndas geschenkte Leben f\u00fcr uns. Die himmlische Liebe wurde zum neuen<br \/>\nBand. Das Band der Liebe, wo keine S\u00fcnde ist, kein Tod, wo alles<br \/>\nLiebe ist.<\/p>\n<p>Das gegebene Leben in Liebe ist N\u00e4chstenliebe. Das ist die Liebe,<br \/>\ndie allen gilt. Das ist die himmlische Liebe. W\u00e4hrend die Liebe<br \/>\nauf Erden, die Liebe, die f\u00fcr uns zu dem Leben geh\u00f6rt, das<br \/>\nwir besitzen, das ist, was man mit S\u00f8ren Kierkegard die &#8222;Vorlie\u00adbe&#8220; genannt<br \/>\nhat, sie gilt nicht allen, sondern nur denen, die man ausgew\u00e4hlt<br \/>\nhat.<\/p>\n<p>Wir wollen nach Hause zu Weihnachten &#8211; zur Familie, Verwandten, nach<br \/>\nHause, der Heimat. Wir sind dadurch gebunden Das ist unser Schicksal.<br \/>\nDas ist der Ort unserer Vorliebe. Sie hat uns gesegnet mit Leben, F\u00fcrsorge,<br \/>\nGeborgenheit, Erziehung. Sie hat uns auf den Weg gebracht.<\/p>\n<p>Aber durch die Liebe der Weihnacht werden wir gebunden ah an das Herz<br \/>\nJesu Christi und an das ewige Leben, das dieses Herz besitzt. Dadurch<br \/>\nwird das ewige Leben f\u00fcr uns das gegebene Leben. Wenn ich das Leben,<br \/>\ndas ich besitze mit seiner Vorliebe, retten will, dann bin ich nicht<br \/>\nwert, das gegebene Leben zu besitzen, ich mu\u00df es verlieren. Das<br \/>\nhat seiner Parallele in dem jungen Mann, der mehr gebunden war durch<br \/>\nseine Bindung an seine Kindheit, so da\u00df wer seine Geliebte verlor,<br \/>\nweil das gegebene Leben von ihr weniger wog als das Leben, das wir haben.<br \/>\nWer sein Leben findet, der wird&#8217;s verlieren; und wer sein Leben verloert<br \/>\num meinetwillenj, der wird&#8217;s finden.<\/p>\n<p>Wir feiern die Taufe heute. Was soll man da denken? Geht es wirklich<br \/>\ndarum da\u00df das Kind in Jesus eingepflanzt wird, da\u00df dieses<br \/>\nLeben f\u00fcr die Eltern gef\u00e4hrlich werden kann? Da\u00df es in<br \/>\neinen Konflikt kommen kann? Eine Auseinandersetzung? Das ist ja fast<br \/>\neine christliche Tyrannei gegen\u00fcber den Eltern. Ja, in irgendeinem<br \/>\nSinne ist dies der Fall. Aber das geschieht, um die Freiheit des Getauften<br \/>\nzu retten. Was aber ist die christliche Freiheit?<\/p>\n<p>Freiheit besteht darin, eine andere Heimat zu haben als die der Familie,<br \/>\nn\u00e4mlich die Heimat der Kirche. Von dieser Heimat aus werden wir<br \/>\nin die Welt gesandt. Die Heimat ist n\u00e4mlich dazu da, Freiheit zu<br \/>\ngew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Das Kind in der Taufe hat wie wir geh\u00f6rt, da\u00df wir in erster<br \/>\nLinie Kinder Gottes sind und dann Kind unserer Eltern. Und das verpflichtet<br \/>\ndie Eltern, t\u00e4glich sich klarzumachen, da\u00df sie die Kinder<br \/>\nnicht besitzen, sie sind ihnen nur anvertraut als ein Geschenk.<\/p>\n<p>Darin besteht die christliche Verantwortung: Dein Kind dazu anzuregen,<br \/>\nauf eigenen F\u00fc\u00dfen zu stehen mit einer Verantwortung, d.h.<br \/>\nVerantwortung zu tragen f\u00fcr das eigene Leben, das Liebe, Gerechtigtkeit<br \/>\nund Barmherzigkeit erfordert.<\/p>\n<p>Wen die Liebe nicht weiter reicht als zur Familie, Verwandten und Bekannten,<br \/>\ndann sind wir uns nur selbst genug. Wir halten uns an das, was wir selbst<br \/>\nbesitzen. Die Weihnachtsgeschichte erz\u00e4hlt von dem Leben,<br \/>\ndas uns von Gott geschenkt wird, um das zu besiegen, was wir als Menschen<br \/>\nschon besitzen.<\/p>\n<p>Das klingt wie eine t\u00f6dliche Forderung, Aufgabe aller menschlichen<br \/>\nFreiheit, aber es ist Liebe, denn im Himmel und auf Erden gilt, da\u00df der,<br \/>\nder sein Leben verliert, nicht stirbt, sonder aus der Gnade der Liebe<br \/>\nlebt, und darin ist nicht Weinen, sondern Freude.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrer J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-45 88 40 Lyngby<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 45 88 40 75<br \/>\n<a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">email: j.demant@wanadoo.dk<\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man sagt, Weihnachten ist das Fest der Herzen. Wir sind mit den Menschen zusammen, mit denen wir eng verbunden sind. Unsere Familie, unsere Freunde. 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