{"id":9724,"date":"2003-12-07T19:49:37","date_gmt":"2003-12-07T18:49:37","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9724"},"modified":"2025-06-28T10:32:28","modified_gmt":"2025-06-28T08:32:28","slug":"1-johannes-4-1-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-4-1-4\/","title":{"rendered":"1. Johannes 4, 1-4"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p align=\"left\">(1) Sinnliche Weihnachten! &#8211; Ein etwas ungew\u00f6hnlicher Wunsch, so denken Sie wahrscheinlich. Sinnliche Weihnachten! &#8211; Dieser Wunsch ist bei uns jedenfalls nicht gebr\u00e4uchlich. Das Wort Sinnlichkeit ist ein wenig zu vorbelastet, um es in Verbindung zu heiligen Dingen wie dem Weihnachtsfest zu bringen. Bei Sinnlichkeit k\u00f6nnte es passieren, dass man an das Falsche denkt, zum Beispiel an etwas anr\u00fcchige Filme sp\u00e4tabends im Privatfernsehen. Auch der sinnliche Genuss beim Verzehr von Weihnachtsgeb\u00e4ck k\u00f6nnte einem beim Stichwort Sinnlichkeit einfallen. Tja, aber damit sind wir schon gar nicht mehr so weit weg von dem, was unser Predigttext beschreibt. Denn unser Predigttext aus dem 1. Johannesbrief steckt voller Sinnlichkeit, voller Symbole sinnlicher Erfahrung. Wollte man ihn zusammenfassen, so k\u00f6nnte man einfach sagen: Sinnliche Weihnachten. Ich lese aus 1. Johannes 4 die Verse 1-4.<\/p>\n<p align=\"left\">\u0084Was von Anfang an war, was wir geh\u00f6rt haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre H\u00e4nde betastet haben, vom Wort des Lebens \u0096 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verk\u00fcndigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist \u0096, was wir gesehen und geh\u00f6rt haben, das verk\u00fcndigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.\u0093<\/p>\n<p align=\"left\">(2) Haben Sie, habt Ihr all die sinnlichen Erfahrungen in unserem Text bemerkt: H\u00f6ren und sehen, betrachten, betasten und erscheinen, bezeugen und verk\u00fcnden, Gemeinschaft haben und vollkommene Freude \u0096 mit solchen Worten sinnenf\u00e4lliger Erfahrung beschreibt unser Text das Weihnachtsgeschehen. Ganz \u00fcberschw\u00e4nglich und hymnisch redet er davon wie in Christus das Leben erscheint und die Menschen verwandelt.<\/p>\n<p align=\"left\">Und das Leben erscheint eben in all seiner Sinnlichkeit an Weihnachten, es erscheint als Mensch, als greifbares Lebewesen. Alle Sinne werden vom Weihnachtsgeschehen erfasst. H\u00f6ren und Sehen und Tasten nennt unser Predigttext selbst. Aber auch die anderen Sinne werden an Weihnachten bedacht, das Riechen und das Schmecken kommen gleichfalls nicht zu kurz.<\/p>\n<p align=\"left\">F\u00fcnf Sinne unterscheidet man in der Regel. Und alle f\u00fcnf Sine werden wir heute durchgehen und \u00fcberlegen, inwiefern sie von Weihnachten betroffen werden. F\u00fcnf Sinne nur? Was ist mit dem sechsten oder dem siebten Sinn werden Sie, werdet Ihr vielleicht fragen. Nun gut, auch diese wollen wir kurz bedenken.<\/p>\n<p align=\"left\">(3) Der <em>siebte Sinn <\/em> ist ja angeblich der Sinn f\u00fcr den Stra\u00dfenverkehr. Ganz so viel wie heute d\u00fcrfte damals auf den Stra\u00dfen nicht los gewesen sein. Aber die Volksz\u00e4hlung des Kaisers Augustus scheint doch f\u00fcr ein erh\u00f6htes Verkehrsaufkommen gesorgt zu haben. Jedenfalls waren die Fremdenverkehrseinrichtungen in Bethlehem ziemlich \u00fcberlastet, sonst w\u00e4re die Geburt im unwirtlichen Stall wohl nicht n\u00f6tig gewesen.<\/p>\n<p align=\"left\">Und wenn Sie, wenn Ihr an die Flucht nach \u00c4gypten denkt, dann wird schnell deutlich, welch guten siebten Sinn Josef haben musste, um an den Verkehrskontrollen des K\u00f6nig Herodes vorbei den rechten Weg zu finden. Ganz ohne Satelittennavigationssystem ist ihm das gelungen. Manch einer von uns w\u00e4re froh, sich heute im Stra\u00dfenverkehr so gut orientieren zu k\u00f6nnen wie Josef damals. Und die vielen r\u00fccksichtslosen Raser auf den Autobahnen w\u00e4ren auch gut beraten, wenn sie nicht schneller fahren w\u00fcrden als ihr Schutzengel fliegen kann.<\/p>\n<p align=\"left\">(4) Beim Stichwort Schutzengel sind wir aber schon beim <em>sechsten Sinn <\/em> angelangt. Denn Josefs guter siebter Sinn in Verkehrsfragen ist ja wohl kein Zufall. Die biblischen Weihnachtsgeschichten erz\u00e4hlen uns von manchen Ereignissen, die wir m\u00fchelos dem sechsten Sinn, dem Sinn f\u00fcr Ahnungen zuordnen k\u00f6nnen. So r\u00e4t eben ein <em>Engel <\/em> Josef im Traum zur Flucht vor dem amoklaufenden Herodes. Und auch den Wei\u00dfen aus dem Morgenland legt der sechste Sinn nahe, einen anderen Weg als den urspr\u00fcnglich geplanten nach Hause zu gehen. Ich will damit nicht sagen, dass Engel nur vom sechsten Sinn erfasst werden k\u00f6nnen. Sie sind auch manchmal zu sehen und zu ber\u00fchren. Aber der sechste Sinn, der Sinn f\u00fcr Ahnungen und Gef\u00fchle ist doch ihre ganz besondere St\u00e4rke. Engel kann man ja nicht einfach so sehen. Engel kommen meist in Verkleidung daher, manchmal in der Verkleidung eines freundlichen Mitmenschen, der einem hilft, wenn man mit zuviel Weihnachtsp\u00e4ckchen auf dem Arm auf der Rolltreppe stolpert. Dass man solche Engel als Engel erkennt, das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, das ist schon eine Sache des sechsten Sinns.<\/p>\n<p align=\"left\">Sinn sieben und sechs sind damit gekl\u00e4rt. Wie steht es aber mit den \u00fcbrigen, den normalen f\u00fcnf Sinnen?<\/p>\n<p align=\"left\">(5) Weihnachten <em>sehen? <\/em> Das sollte nicht schwer zu beschreiben sein. An Weihnachten gibt es alles M\u00f6gliche zu sehen. Die Hirten sehen die Engel, sie sehen den Stall und das Kind in der Krippe. Die Weisen aus dem Morgenland sehen den Stern, den K\u00f6nig Herodes und dann auch den Stall und das Kind. Maria und Josef wiederum sehen die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Die unwirtlichen Verh\u00e4ltnisse im Stall sehen sie ebenfalls. Vor allem aber sehen sie ihr Kind in der Krippe liegen. Dieses Kind soll Gottes Sohn sein, so wurde Maria verhei\u00dfen. In ihm erscheint das Leben der Menschen, \u0084das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und nun uns erschienen ist\u0093, wie es unser Predigttext sagt. Man wird es dem kleinen Jesuskind wohl kaum so direkt angesehen haben, dass es eine solch gro\u00dfe Bedeutung hat. Denn Gott wollte ja gerade in der Niedrigkeit erscheinen, nicht in Glanz und Gloria am Hof von Jerusalem. Das machte ja die Provokation aus, die den K\u00f6nig Herodes um den Verstand brachte. Wir m\u00fcssen uns das Christkind wohl ohne Heiligenschein vorstellen, jedenfalls ohne mit den Augen sichtbaren Heiligenschein. Mit dem Herzen wird man den Heiligenschein vielleicht doch schon gesehen haben, aber damit w\u00e4ren wir wieder beim sechsten Sinn und da waren wir ja schon.<\/p>\n<p align=\"left\">Weihnachten sehen? Wenn wir an Weihnachten durch die Stadt gehen, dann gibt es auch dort allerhand zu sehen. Zahllose Lichterketten, Nikol\u00e4use, Krippen und Hirtenszenen sind ausgestellt. Alle Welt ahmt die Ereignisse von damals nach. Jeder macht sich die Geschichte von Bethlehem zu Eigen. Es sieht ja so h\u00fcbsch, so allerliebst aus. Dass bei so vielen Dingen zum Sehen das Wesentliche aus dem Blick ger\u00e4t, liegt nahe. Die Klage dar\u00fcber ist weit verbreitet. Ich will sie nicht auch noch anstimmen.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich denke bei Ihnen und Euch zu Hause gibt es auch etwas zu sehen an Weihnachten. Einen Christbaum, vielleicht eine Krippe, dazu auch Geschenke. Der Sinn der Geschenke an Weihnachten ist es ja, Gottes Liebe zu uns sichtbar nachzuahmen. Wie Gott uns mit der Geburt seines Sohnes beschenkt und Freude bereitet, so beschenken wir uns gegenseitig und machen einander eine Freude. Durch die gegenseitigen Geschenke an Weihnachten entsteht Gemeinschaft untereinander. Und genau das ist auch das Ziel von Weihnachten. Unser Predigttext sagt es ganz deutlich: \u0084damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt\u0093, darum geht es. Weihnachten zielt darauf ab, dass wir untereinander und mit Gott Gemeinschaft haben. Genau dazu dienen die Geschenke und ich hoffe, dass Sie und Ihr solche Gemeinschaft an den Festtagen erleben konnten.<\/p>\n<p align=\"left\">(6) Weihnachten tasten? Geht das? Unser Predigttext geht ganz selbstverst\u00e4ndlich davon aus: Wir verk\u00fcnden, so hei\u00dft es, \u0084was wir betrachtet haben und unsre H\u00e4nde vom Wort des Lebens betastet haben\u0093. Wie sollen wir uns das vorstellen? Das Wort des Lebens betasten? Das Wort des Lebens ist ja keine Leuchtreklame, die man anfassen k\u00f6nnte. Sicher. Aber das Wort des Lebens ist nat\u00fcrlich auch nicht nur ein Wort. Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, so sagt es das Johannesevangelium. Das Wort des Lebens wurde in Jesus Christus handgreiflich erfahrbar. Es wurde Mensch, ganz handgreiflich und real. Wer Gott ist und wie er sich zu uns Menschen verh\u00e4lt, das k\u00f6nnen wir an Jesus Christus sehen und begreifen.<\/p>\n<p align=\"left\">(7) Wenn wir die Sache so betrachten, dann ist es gar nicht mehr so verwunderlich, dass man das Wort des Lebens betasten kann. Dann ist auch klar, dass man es <em>riechen <\/em> und <em>schmecken <\/em> kann, weil es ja in den Bereich der sinnlichen Erfahrung eingetreten ist. Dass das heute noch geht und gilt, dass wir das Wort des Lebens ertasten, riechen und schmecken k\u00f6nnen, liegt am Abendmahl. In Brot und Wein, so sagen wir beim Abendmahl, ist Jesus Christus selbst gegenw\u00e4rtig. In den Gaben des Abendmahls ist das Wort des Lebens mit allen Sinnen erlebbar. Wir tasten und sehen und schmecken das Brot. Wir sehen, schmecken und riechen den duftenden Wein. Abendmahl bedeutet einfach, dass wir Gottes Wort des Lebens mit allen Sinnen erleben, dass es ganz real f\u00fcr uns erfahrbar wird. Abendmahl ist also so etwas wie ein wiederholtes Weihnachten, mit allen sinnlichen Seiten dieses Festes.<\/p>\n<p align=\"left\">(8) Das <em>H\u00f6ren <\/em> haben wir bislang ausgelassen. Weihnachten kann man nat\u00fcrlich auch h\u00f6ren. Das H\u00f6ren ist vielleicht sogar das Wichtigste. Deshalb habe ich es bis zum Schluss aufgehoben. Die Hirten auf dem Felde sehen die Engel nicht nur, sie h\u00f6ren sie auch. Das ist gut und wichtig. Denn ohne dass die Engel etwas gesagt h\u00e4tten, w\u00e4ren die Hirten wohl vor Angst davongelaufen. So aber h\u00f6rten sie den Gru\u00df der Engel: \u0084F\u00fcrchtet euch nicht. Denn siehe ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude, euch ist heute der Heiland geboren.\u0093 Doch das H\u00f6ren ist an Weihnachten noch in einer anderen Hinsicht wichtig. Denn die Hirten erz\u00e4hlen von dem, was sie im Stall gesehen haben ja weiter. Sie werden selbst zu Verk\u00fcndigern und finden H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer f\u00fcr ihre Botschaft.<\/p>\n<p align=\"left\">Und auch zu uns kommt Weihnachten zun\u00e4chst einmal durch das H\u00f6ren der Geschichte von Weihnachten. Wir w\u00fcssten ja gar nichts mit all den sicht-, tast- und riechbaren Dingen an Weihnachten anzufangen, wenn wir die Geschichte dazu nicht geh\u00f6rt h\u00e4tten. Das gemeinsame H\u00f6ren der Weihnachtsgeschichte weckt erst das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr dieses Fest. Das gemeinsame H\u00f6ren ist es auch, das die Gemeinschaft unter uns herstellt. <em>H\u00f6ren ist also der weihnachtliche Schl\u00fcsselsinn <\/em>. Das H\u00f6ren gibt all dem anderen, was wir an Weihnachten erleben, erst seine Bedeutung.<\/p>\n<p align=\"left\">Weihnachten h\u00f6ren? Dazu f\u00e4llt mir noch etwas anderes ein: Was w\u00e4re Weihnachten ohne die sch\u00f6nen Lieder, ohne die weihnachtlich-festliche Musik? Weihnachten, das ist vor allem auch ein Ohrenschmaus. Denken Sie an die wunderbaren Lieder, an das Weihnachtsoratorium oder an die festlichen Kl\u00e4nge der Glocken, der Ch\u00f6re und Posaunen.<\/p>\n<p align=\"left\">(9) Doch gerade das H\u00f6ren macht Weihnachten auch zu einem gef\u00e4hrdeten Fest. Wenn wir in der Stadt sind, dann werden wir einem Dauerh\u00f6rterror sondergleichen ausgesetzt. Weihnachtlicher L\u00e4rmm\u00fcll erklingt aus zahllosen Lautsprechern. Gerade Weihnachten ist durch die Dauerberieselung mit S\u00e4uselmusik besonders bedroht. Die Sinne werden abgestumpft. Es vergeht erst das H\u00f6ren und dann auch das Sehen. Und das Schmecken und Riechen von Weihnachten haben wir bis zum Fest wahrscheinlich eh schon \u00fcber. Denn ab September werden wir in den L\u00e4den mit Weihnachtsgeb\u00e4ck bedroht. Und die Weihnachtsger\u00fcche \u00fcberfallen einen an jeder Ecke. Weihnachten ist \u00fcberall und mit allen Sinnen zu erfahren. Und genau so wird Weihnachten einer gef\u00e4hrlichen Inflation ausgesetzt. So sehr es zu begr\u00fc\u00dfen ist, dass dieses christliche Fest so gut in unserer Kultur verankert ist, so sehr m\u00fcssen wir darauf achten, dass die Weihnachtsinflation unser Fest nicht zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p align=\"left\">Aber selbst noch der Missbrauch und die inflation\u00e4re Wiederholung machen deutlich, dass Weihnachten eben wirklich ein Fest f\u00fcr alle Sinne ist. Weihnachten ist ein Fest, das uns in jeder Hinsicht ber\u00fchrt und bewegt. An Weihnachten gibt es zu h\u00f6ren und zu sehen, zu tasten und zu schmecken und zu riechen. Und das ist gut so. Denn all diese sinnlichen Erfahrungen sollen nur das eine vermitteln und deutlich machen: An Weihnachten ist im Kind in der Krippe das Leben erschienen. An Weihnachten wird Gottes ewiges Wort Fleisch, wird greifbar, sichtbar und h\u00f6rbar. In diesem Sinne w\u00fcnsche ich Ihnen und Euch allen weiterhin: Sinnliche Weihnachten! &#8211; Amen.<\/p>\n<p><strong>Dr. Christoph Dinkel<br \/>\nPfarrer, Privatdozent<br \/>\nG\u00e4nsheidestra\u00dfe 29<br \/>\n70184 Stuttgart<br \/>\n<a href=\"mailto:christoph.dinkel@arcor.de\">E-Mail: christoph.dinkel@arcor.de <\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde! (1) Sinnliche Weihnachten! &#8211; Ein etwas ungew\u00f6hnlicher Wunsch, so denken Sie wahrscheinlich. Sinnliche Weihnachten! &#8211; Dieser Wunsch ist bei uns jedenfalls nicht gebr\u00e4uchlich. Das Wort Sinnlichkeit ist ein wenig zu vorbelastet, um es in Verbindung zu heiligen Dingen wie dem Weihnachtsfest zu bringen. 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