{"id":9727,"date":"2003-12-07T19:49:33","date_gmt":"2003-12-07T18:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9727"},"modified":"2025-06-28T10:34:24","modified_gmt":"2025-06-28T08:34:24","slug":"1-johannes-1-1-4-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-1-1-4-2\/","title":{"rendered":"1. Johannes 1, 1-4"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><span style=\"color: #000099;\">1. Sonntag nach dem Christfest<\/span><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #000099;\">28. Dezember 2003<br \/>\nPredigt \u00fcbe<\/span><span style=\"color: #000099;\">r 1. Johannes 1, 1-4<\/span><\/h3>\n<h3><span style=\"color: #000099;\">verfa\u00dft von Caroline Warnecke <\/span><\/h3>\n<hr \/>\n<h4>1. Johannes 1, 1-4<\/h4>\n<p><em>1\u00a0Was von Anfang an war, was wir geh\u00f6rt haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre H\u00e4nde betastet haben, vom Wort des Lebens \u2013 2\u00a0und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verk\u00fcndigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist \u2013, 3\u00a0was wir gesehen und geh\u00f6rt haben, das verk\u00fcndigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4\u00a0Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, der Predigttext f\u00fcr den 1. Sonntag nach Weihnachten aus dem 1. Johannesbrief im 1. Kapitel:<\/p>\n<p>1. Was von Anfang an war, was wir geh\u00f6rt haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir betrachtet haben und unsere H\u00e4nde betastet haben, vom Wort des Lebens \u2013 2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verk\u00fcndigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist-, 3 was wir gesehen und geh\u00f6rt haben, das verk\u00fcndigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und dem Sohn Jesus Christus. 4 Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.<\/p>\n<p>I. Was von Anfang an war &#8230;.. das Leben ist erschienen. Es gibt Worte, die verlieren ihre Leuchtkraft nie. Sie leuchten durch die Zeit, durch die Jahrhunderte und Jahrtausende; auf wundersame Weise werden sie von irgendwoher mit Energie versorgt \u2013 wie die Sterne am Himmel, die da sind und leuchten \u2013 immerdar, sternenklar \u2013 auch wenn Wolken unseren Blick auf die himmlische Lichtwelt verdunkeln. Das Leben ist erschienen. Es gibt Worte, die leben und h\u00f6ren niemals auf zu leben. Worte des Lebens \u2013 wenn sie denn Worte des Lebens sind \u2013 leben und sind nicht totzukriegen, stehen immer wieder auf \u2013 als ob sie von irgendwoher auf wundersame Weise mit Lebenskraft versorgt werden. Das Leben ist erschienen &#8230;. was von Anfang an war.<\/p>\n<p>II. Weihnachten war \u2013 und nun: zwischen den Jahren. Heute mittendrin, ganz auf der H\u00f6he. Das Alte ist noch nicht vergangen, das Neue hat noch nicht begonnen. Leben \u2013 dazwischen. Das Zeitgef\u00fchl ist etwas verwirrt, der Rhythmus unterbrochen. Freie Tage und Ferien. Betriebe und B\u00fcros geschlossen. Eigenartig zeitlos, diese Zwischenzeit. Man k\u00f6nnte in aller Ruhe ein Buch lesen oder einen langen Spaziergang machen, sich mit den Kindern im Spielen verlieren oder das Gespr\u00e4ch f\u00fchren, das schon lange ansteht. Man k\u00f6nnte einfach mal den Gedanken nachh\u00e4ngen, einfach so, ganz unproduktiv&#8230;oder \u00fcber das Leben nachdenken. \u00dcber das Leben \u2013 zwischen den Jahren \u2013 \u00fcber das Leben in all den Jahren \u2013 \u00fcber das Leben so, an sich&#8230; Wir sind in dieser Zeit daf\u00fcr offener als sonst, aber auch empfindsamer. Weihnachten hat an unseren Gef\u00fchlen ger\u00fcttelt. Nicht wenige sind froh, es bis hierher geschafft zu haben. Was sich in der Geburtsgeschichte unseres Heilands abspielt \u2013 in der ganzen Spannung zwischen erl\u00f6sender Rettung und unbarmherzigem Elend, himmlischem Reichtum und irdischer Armut, w\u00e4rmender Heimat und eiskalter Flucht &#8230; &#8211; das inszeniert sich auch auf unserer Gef\u00fchlspalette immer wieder neu: &#8222;Welch gro\u00dfe Freude!&#8220; und &#8222;Was f\u00fcr ein Kummer!&#8220;, &#8222;Was f\u00fcr eine \u00dcberraschung!&#8220;, aber auch &#8222;Was f\u00fcr eine Entt\u00e4uschung!&#8220; &#8222;Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck&#8220;! und &#8222;was f\u00fcr ein Leid!&#8220; &#8211; das liegt an Weihnachten oft ganz dicht, sehr dicht beieinander. W\u00fcnsche, die sich erf\u00fcllt haben und Erwartungen, die offen geblieben sind, wandern einem durch\u00b4s Herz. Das &#8222;F\u00fcrchte dich nicht!&#8220; klingt im Ohr. &#8222;Ich habe trotzdem Angst!&#8220; schreit\u00b4s im Innern. Der Heiland und das Unheil dieser Welt. Das Kind und die eigenen Lebenstr\u00e4ume. Das Geborene und das Gestorbene. Das Leben ist erschienen &#8230;. &#8211; Was von Anfang an war. 2003 geht zuende. Das Leben in diesem Jahr geht zuende. Weltgeschichtliche Ereignisse und der pers\u00f6nliche R\u00fcckblick: Was war? Was hat sich ver\u00e4ndert? Wo mussten wir durch? Wo geht es hin? Ist mir das Leben erschienen? Ist mir das Leben erschienen? Ich habe gelebt. Ich habe Tage, Stunden und Monate durchlebt, auch bange Minuten&#8230; Ist mir da irgendwo in diesem gelebten Jahr das Leben erschienen?<\/p>\n<p>III. Einige sagen: Ja. Wir haben es geh\u00f6rt, wir haben es gesehen mit unseren Augen und betrachtet, wir haben es betastet mit unseren H\u00e4nden&#8230;. Uns ist das Leben erschienen \u2013 das Leben, das ewig ist und beim Vater war, das von Anfang an war. Die haben Gott gesehen. Die haben in Jesus Christus das Leben gesehen. Kein Schein-Leben, keine Illusion, kein Hirngespinst, sondern das wahre Leben in Fleisch und Blut. Gott, der sich zeigt. Vom Himmel hoch \u0096 auf die Erde nieder&#8230;.Wort des Lebens ward Fleisch und wohnte unter uns. Hat ein Gesicht. Kann man ber\u00fchren. Kann man f\u00fchlen. Kann man kaum denken, aber mit allen Sinnen wahrnehmen: H\u00f6ren, sehen, tasten. Auch riechen, auch schmecken. Glauben mit Leib und Seele, Hoffnung mit Hand und Fu\u00df, Liebe mit Herz und Mund. Gott, der sich zeigt und da noch mal anf\u00e4ngt, wo wir alle anfangen in unserem Leben: in der Geburt, in dem Kind, in der Bed\u00fcrftigkeit und dem Angewiesensein. Der da zur Welt kommt, wo wir\u00b4s am meisten brauchen : in einem abgerissenen Stall, in der dunkelsten Ecke menschlicher Verlorenheit und Armut. Der sich in\u00b4s pure Leben begibt, damit wir nicht l\u00e4nger irgendwelchen Lebensentw\u00fcrfen hinterher rennen, die das Leben versprechen, aber nicht bieten. Haben macht uns nicht reicher, Geld nicht gl\u00fccklicher, Sch\u00f6nheit nicht liebenswerter, Leistung nicht attraktiver. Das ist ganz reizvoll, aber nicht das Leben. Das Leben liegt in der Krippe. Das Leben wohnt unter uns \u0096 Gottes N\u00e4he in unserer Schwachheit. Gottes N\u00e4he in unseren Zukunfts\u00e4ngsten, in unserer Einsamkeit, auch in unserer Freude und in unserer Dankbarkeit, in unserem Gl\u00fcck. Gott in allem. Wer oder was sollte glaubw\u00fcrdiger sein, als ein Gott, der mit uns durch dick und d\u00fcnn geht? Der mit uns lebt, der mit uns leidet, der mit uns stirbt? Der da anf\u00e4ngt, wo wir auch anfangen, aber da nicht aufh\u00f6rt, wo wir einen Schlussstrich ziehen. Ein tragf\u00e4higer Glaube erweist sich darin, ob er unserem Leben standh\u00e4lt. Ob er uns tragen kann, wenn alles drunter und dr\u00fcber geht, ob er uns halten kann, wenn alles zusammenbricht. Diesen Glauben gefunden zu haben, das wahre Leben gesehen zu haben &#8211; das macht Freude.<\/p>\n<p>IV. Darum dieser Brief \u2013 aus lauter Freude geschrieben. Der Schreiber des 1. Johannesbriefes kann gar nicht so schnell schreiben, wie er erz\u00e4hlen m\u00f6chte. Er \u00fcberschl\u00e4gt sich f\u00f6rmlich: (rhetorisch die Verben-H\u00e4ufung deutlich machen) Wir haben geh\u00f6rt und gesehen, wir haben es mit unseren H\u00e4nden betastet. Das Leben ist erschienen. Wir haben es gesehen und bezeugen und verk\u00fcndigen. Und wir haben es gesehen und geh\u00f6rt, und darum verk\u00fcndigen und bezeugen wir das Ganze \u2013 auch Euch. Da muss man erst mal ausatmen \u2013 und kann dann vielleicht noch mal ganz in Ruhe dar\u00fcber nachdenken, ob man nicht selber auch etwas geh\u00f6rt, gesehen und begriffen hat vom Wort des Lebens \u2013 im vergangenen Jahr, in all den Jahren, an diesem Weihnachtsfest. Es gibt kein Kirchenjahresfest, das wir sinnlicher feiern ist als dieses. An Weihnachten gibt es soviel zu h\u00f6ren, zu sehen, zu betasten, zu riechen und zu schmecken, dass es einem fast zuviel wird. Darum ist Weniger hier oft Mehr und ein Nachher besser als ein Alles auf einmal. Man k\u00f6nnte zwischen den Jahren ja auch noch mal in aller Ruhe die Weihnachtsgeschichte lesen oder ganz dicht an die Krippe herantreten und hineinblicken in das Geschehen. Man k\u00f6nnte noch mal ganz bewusst diesen einen Strohstern in die Hand nehmen, der schon so viele Jahre mit einem durch die Weihnachtszeit gegangen ist oder den Brief lesen, den man bekommen hat oder am Tannenbaum riechen oder ganz lange in eine Kerze schauen. Zwischen den Jahren sind ja vielleicht auch unsere Sinnesorgane offener und empfindsamer. Mag sein, dass wir lange brauchen, um das Leben, das erschienen ist, zu sehen; mag sein, dass wir sehr lange warten und dar\u00fcber so alt werden wie Simeon und Hanna. Unsere Aufnahmef\u00e4higkeit f\u00fcr das wahre Leben ist ja zuweilen, manchmal f\u00fcr Jahre eigenartig verschlossen. Wir sehen\u00b4s einfach nicht, h\u00f6ren\u00b4s einfach nicht, kriegen\u00b4s einfach nicht zu fassen. Unsere H\u00f6r- und Sehgewohnheiten werden durch alles M\u00f6gliche in andere Richtungen gelenkt; wir tasten uns durch unser Leben und greifen dauernd daneben. Gut, dass wir Weihnachten immer wieder feiern d\u00fcrfen und auf dem wankenden Grund unserer Stunden, Tage und Jahre das ein um das andere mal h\u00f6ren, was da gesagt ist: Das Leben ist erschienen. Eine Gnade, dass sich Gott bereit h\u00e4lt, sich immer wieder zeigt und erscheint, dass durch seine Gegenwart in dieser Welt Menschen von neuem geboren werden, Glaube heranw\u00e4chst und stark wird (vgl. Lk 2,40). Ein Segen, dass jene, die das erfahren haben, nicht schweigen, sondern ihre Erfahrungen und ihre Freude dar\u00fcber weitersagen.<\/p>\n<p>V. F\u00fcr das Leben, das erschienen ist, gibt es keine Beweise. Gott l\u00e4sst sich nicht festhalten und dingfest machen, bleibt unverf\u00fcgbar. Aber es gibt Hinweise, Spuren, Belichtungen &#8211; und Zeugen \u0096 wie jene aus dem 1. Johannesbrief &#8211; die uns verk\u00fcndigen, was sie erlebt haben. Eine \u00dcberlieferungskette, die Erz\u00e4hlgemeinschaft der Heiligen \u00fcber Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. Wir geh\u00f6ren dazu. Wir leben von dem, was uns erz\u00e4hlt wurde und vermittelt wird; wir leben nicht nur von dem, was wir selber begriffen haben. Wir brauchen die alten Geschichten, die durchlebten Glaubenserfahrungen unserer V\u00e4ter und M\u00fctter, die Wolke der Zeugen, die mit uns mitzieht, um uns vergewissern zu k\u00f6nnen. Aber was wir gesehen, geh\u00f6rt und begriffen haben \u0096 und das ist gewiss mehr, als wir zun\u00e4chst vielleicht meinen &#8211; das einspeisen in den Strom der \u00dcberlieferung, hinzusprechen, ein-erz\u00e4hlen in die Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Glaubenserfahrungen wollen weitergesagt und weitergereicht werden, von Mund zu Mund, von Hand zu Hand. Andere um uns und die nach uns sollen h\u00f6ren und vor Augen bekommen und in die H\u00e4nde kriegen, was da gesagt ist: Das Leben ist erschienen . Worte des Lebens werden als Worte des Lebens erfahren, sie leuchten und leben und werden lebendig &#8211; und die Freude dar\u00fcber wird irdisch, himmlisch, g\u00f6ttlich vollkommen sein. In der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn Jesus Christus. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastorin Caroline Warnecke<br \/>\nStudieninspektorin am Gerhard-Uhlhorn-Studienkonvikt<br \/>\nG\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:cawarnecke@web.de\">cawarnecke@web.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach dem Christfest 28. Dezember 2003 Predigt \u00fcber 1. Johannes 1, 1-4 verfa\u00dft von Caroline Warnecke 1. 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