{"id":9729,"date":"2003-12-07T19:49:31","date_gmt":"2003-12-07T18:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9729"},"modified":"2025-06-28T10:35:58","modified_gmt":"2025-06-28T08:35:58","slug":"lukas-211","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-211\/","title":{"rendered":"Lukas 2,13-23"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Jede gute Geschichte mu\u00df einen Anfang haben, eine Mitte und einen<br \/>\nAbschlu\u00df. Und die Weihnachtsgeschichte von Jesus hat zumindest,<br \/>\ndas wissen alle, einen Anfang. Das wissen wir von Heiligabend und dem<br \/>\nersten Weihnachtstag: Das Kommen des Kindes in die Welt. Das Kind wird<br \/>\ngeboren. Geboren werden hei\u00dft in die Welt kommen, und in die Welt<br \/>\nkommen hei\u00dft zu jemandem kommen, und zu jemandem kommen hei\u00dft<br \/>\nin dessen Leben eingreifen, und da kommt es zu Verwicklun\u00adgen. Es<br \/>\nentstehen neue Horizonte.<\/p>\n<p>&#8222;Euch ist heute der Heiland geboren in der Stadt Davids&#8220;.<br \/>\nEr ist geboren. Das ist die Botschaft der Weihnacht. Aller Anfang ist<br \/>\nAnfang f\u00fcr uns. Ob man nun sich verliebt. Ob es wirkliche Liebe<br \/>\nist. Ob man ein Kind bekommt. Aller Anfang bedeutet, da\u00df man von<br \/>\netwas anger\u00fchrt wird, das von au\u00dfen kommt.<\/p>\n<p>Aller Anfang ist Erhebung. Aller Anfang bedeutet neue M\u00f6glichkeiten.<br \/>\nDeshalb ist die Weihnachtsbotschaft des Anfangs auch: &#8222;F\u00fcrchtet<br \/>\neuch nicht, denn ich verk\u00fcndige euch gro\u00dfe Freude&#8220;. Oder: &#8222;Friede<br \/>\nauf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen&#8220;. Aller Anfang ist Freude,<br \/>\nFriede, Furchtlosigkeit.<\/p>\n<p>Aber zu jeder Geschichte geh\u00f6rt auch eine Mitte und ein Abschlu\u00df.<br \/>\nUnd davon h\u00f6rt man nicht in erster Linie am Heiligabend und am Weihnachtstag,<br \/>\nsondern davon h\u00f6rt man am zweiten Weihnachtstag und heute &#8211; am Sonntag<br \/>\nnach Weihnachten. Hier wird davon erz\u00e4hlt, wie die wahre Freude<br \/>\nund der wahre Friede verfolgt und erschlagen werden. Der mittlere Teil<br \/>\nder Geschichte handelt immer vom Widerstand gegen den Anfang: das B\u00f6se,<br \/>\ndie Feindschaft, Weinen und Tr\u00e4nen. Alle Mitte ist Kampf, Ausdauer<br \/>\nund Hoffnung.<\/p>\n<p>In diesem Raum wird noch immer die gute alte Geschichte erz\u00e4hlt<br \/>\nmit einen Schlu\u00df, der ein happy end hat. Der Kampf zwischen dem<br \/>\nGuten und dem B\u00f6sen endet nicht mit dem Sieg des B\u00f6sen, sondern<br \/>\ndes Guten. Davon k\u00f6nnt ihr an Ostern h\u00f6ren, denn hier findet<br \/>\nder entscheidende Kampf statt.<\/p>\n<p>Die Weihnachtsgeschichte enth\u00e4lt einen Anfang, eine Mitte und einen<br \/>\nSchlu\u00df. Leider bekommen die meisten die Mitte und das Ende nicht<br \/>\nmit, weil sie nur den Gesang der Engel h\u00f6ren: &#8222;F\u00fcrchtet<br \/>\neuch nicht&#8220;, &#8222;Friede den Menschen&#8220;. Und dann ist das nicht<br \/>\nnur eine halbe Geschichte, sondern man l\u00e4uft auch Gefahr, sentimental<br \/>\nund oberfl\u00e4chlich zu werden.<\/p>\n<p>Aber wie vollzieht sich der mittlere Teil der Geschichte? Davon handelt<br \/>\nder Sonntag nach Weihnachten. Was geschieht, wenn die gute Botschaft<br \/>\nvon den Engeln in die Welt geht und auf Widerstand st\u00f6\u00dft?<br \/>\nWas geschieht, wenn sich Himmel und Erde begegnen? Und wie \u00fcberwindet<br \/>\nder gute Anfang mit Friede und Freude und Furchtlosigkeit die b\u00f6se<br \/>\nWelt mit Feindschaft und Widerstand?<\/p>\n<p>Es geht darum, den Feind zu \u00fcberlisten, es geht darum, an den guten<br \/>\nTr\u00e4umen festzuhalten, denn wenn man das kann, dann wird das Ende<br \/>\ngut, und dann wird alles gut!<\/p>\n<p>Apropos diese Redewendung, die wir so oft verwenden. Und die wir ja<br \/>\ngerade in bezug auf eine Krise verwenden, die wir erleben, einen Widerstand,<br \/>\nden wir \u00fcberwunden haben, ein Unwetter, das \u00fcber uns hereinbrach.<br \/>\nWenn es \u00fcberstanden ist, atmen wir erleichtert auf und sagen: &#8222;Ende<br \/>\ngut, alles gut!&#8220;<\/p>\n<p>William Shakespeare benutzte dies als Titel f\u00fcr eine Kom\u00f6die.<br \/>\nUnd der Titel k\u00f6nnte sozusagen f\u00fcr alle Kom\u00f6dien verwendet<br \/>\nwerden, teils auch f\u00fcr die Trag\u00f6dien. Aber hier ist es vielleicht<br \/>\nschwerer zu sehen. Was ist das f\u00fcr ein Trick, den Shakespeare verwendet,<br \/>\num alles zum Guten zu wenden? Er bedient sich des Betrugs, der Illusion,<br \/>\nder wei\u00dfen L\u00fcge. Wie nun in der letzten Kom\u00f6die die Shakespeare<br \/>\nschreibt, dem &#8218; <em>Unwetter&#8216; <\/em>.<\/p>\n<p>Die Kom\u00f6die &#8218;Das Unwetter&#8216; \u00e4hnelt sozusagen der Erz\u00e4hlung<br \/>\ndes heutigen Evangeliums. Sie handelt vom Herzog Prospero von Mailand,<br \/>\nder von seinem Bruder Antonio vertrieben wurde und sich nun zw\u00f6lf<br \/>\nJahre auf einer Insel zusammen mit seiner Tochter Miranda aufgehalten<br \/>\nhat. Dieser Prospero besitzt heimliche, okkulte K\u00fcnste und magische<br \/>\nZauberkraft. So ist er imstande, ein Unwetter zu arrangieren, das bewirkt,<br \/>\nda\u00df sein b\u00f6ser Bruder auf seiner Heimreise von einer Hochzeit<br \/>\nSchiffbruch erleidet und an der einsamen Insel landet. Hier geschehen<br \/>\nviele Intrigen, Verkleidungen und Verwechslungen, alles um den Feind<br \/>\nin die Falle zu locken. Und als wir dann im f\u00fcnften Akt angelangt<br \/>\nsind, haben die Richtigen einander gefunden, das B\u00f6se ist entlarvt,<br \/>\ndie meisten bereuen au\u00dfer einem einzelnen. Und eben das ist die<br \/>\nPointe bei Shakespeare, da\u00df fast alle, die in das B\u00f6se korrumpiert<br \/>\nund hineinbetrogen worden sind, auch in die Wahrheit hineinbetrogen werden<br \/>\nk\u00f6nnen, d.h. in das wahre und ehrliche Leben, in dem Milde und G\u00fcte<br \/>\nherrschen. Au\u00dfer wie gesagt einem einzigen. In fast allen Dramen<br \/>\nbleibt einer drau\u00dfen, eingefroren in das B\u00f6se. Die Vers\u00f6hnung<br \/>\nhat also ihre Grenzen.<\/p>\n<p>Der intrigante und machtbesessene Antonio glaubte, er habe alles, d.h.<br \/>\ndie Stadt Mailand, unter Kontrolle. Aber das ist nur eine Illusion und<br \/>\nein Selbstbetrug, auf dem er seine Macht begr\u00fcndet. Prospero aber<br \/>\ngewinnt seine Macht und seine Stadt wieder &#8211; nicht durch bittere Rache,<br \/>\nsondern vorsichtig und listig betr\u00fcgt er sie hinein in den Zustand<br \/>\nder vergebenden und wieder aufrichtenden Liebe. B\u00f6ses soll nicht<br \/>\nmit B\u00f6sem vergolten werden, sondern Betrug mit Betrug.<\/p>\n<p>Joseph \u00fcberlistete K\u00f6nig Herodes. Das war die Jahrhunderte<br \/>\nalte Tradition in der Familie infolge dem Evangelisten Matth\u00e4us.<br \/>\nEs geh\u00f6rt mit zu den Akteuren der heiligen Geschichte, den Haupt\u00adschauspielern,<br \/>\nda\u00df sie auf eine Reise nach \u00c4gypten mu\u00dften, ehe sie<br \/>\nnach Hause kamen, um den Plan Gottes auszuf\u00fchren. Joseph wurde von<br \/>\nseinen Br\u00fcdern in den Brunnen geworfen und dann an \u00e4gyptische<br \/>\nSklavenh\u00e4ndler verkauft. Und in \u00c4gypten wurde er Landwirtschaftsminister<br \/>\nund rettete \u00c4gypten und Israel vor einer Hungerkatastrophe. Moses<br \/>\nwurde als \u00e4gyptischer Prinz erzogen, konnte aber seine neue Identit\u00e4t<br \/>\nnicht ertragen und mu\u00dfte sich in die W\u00fcste zur\u00fcckziehen,<br \/>\num sp\u00e4ter zur\u00fcckzukehren und sein Volk u.a, durch Zauberkunst<br \/>\nzu retten. Aber \u00fcber \u00c4gypten ging der Weg, wenn sie den Plan<br \/>\nGottes zum Ende f\u00fchren wollten. Eine gute List ist notwendig, um<br \/>\ndie Welt vom B\u00f6sen zu befreien.<\/p>\n<p>Und dann sind auch Tr\u00e4ume notwendig. Ein Engel des Herrn erschien<br \/>\nJoseph im Traum. Den Hang zum Tr\u00e4umen haben sie nun auch in der<br \/>\nheiligen Geschichte gehabt. Vor allem wenn es schwierig wurde und man<br \/>\nauf Widerstand stie\u00df. Man denke an den alten Patriarchen, als er<br \/>\nvor seinem Bruder Esau fl\u00fcchtete und auf dem Wege zu seinem Onkel<br \/>\nwar und nicht viel wert war. Da legte Jakob sein Haupt auf einen Stein,<br \/>\nund die Engel wanderten auf und nieder, und es waren nur gute und sch\u00f6ne<br \/>\nWorte, die ihm ins Ohr gefl\u00fcstert wurden von derartigen Wesen. Ja<br \/>\nso gut und sch\u00f6n waren die Worte, da\u00df er nie dem Kampf aufgab,<br \/>\nganz gleich auf wieviel Widerstand er stie\u00df. Und die Nachkommen<br \/>\nerbten diese F\u00e4higkeit, gro\u00dfe, gute Tr\u00e4ume zu tr\u00e4umen.<br \/>\nUnd das war die Rettung f\u00fcr Joseph und seine Familie.<\/p>\n<p>Shakespeare l\u00e4\u00dft den guten K\u00f6nig Prospero von Mailand<br \/>\ndie ber\u00fchmten Worte von der Wichtigkeit von Tr\u00e4umen sagen: &#8222;Wir<br \/>\nsind vom selben Stoff, die Tr\u00e4ume weben, und unser kurzes Leben<br \/>\nist vom Schlaf umfangen&#8220;. Der Schlaf und die Tr\u00e4ume sind in<br \/>\nder Welt Shakespeares die \u00e4u\u00dfersten Bilder f\u00fcr das innerste<br \/>\nWesen des Daseins. Da sind sowohl der drohende Schlaf und der Alptraum<br \/>\nals auch der gute Schlaf und die sch\u00f6nen Tr\u00e4ume. Die Tr\u00e4ume,<br \/>\ndie am guten und wahren Leben festhalten. Der Traum von der W\u00fcrde<br \/>\ndes Lebens. Das Leben in Liebe und Gnade.<\/p>\n<p>Wie Grundtvig in seinem Weihnachtsgedicht schrieb:<\/p>\n<p>Da schlafen sie s\u00fc\u00df und sehn im Traum, &#8211;<br \/>\ndem dunklen aber<br \/>\nwahren, &#8211;<br \/>\ndas Bethlehemkind im Krippenraum,<br \/>\nwie sie von euch erfahren;<br \/>\nda tanzen sie um den Weihnachtsbaum<br \/>\nmit Gottes Engelscharen.<br \/>\n(Aus: Velkommen igen, Guds engle sm\u00e5)<\/p>\n<p>Wie in den Dramen Shakespeares geht es in der christlichen Geschichte<br \/>\ndarum, Traum und Ernst, Vision und Wirklichkeit zusammenzuhalten. H\u00e4lt<br \/>\nman sich nur an die Welt des Traums, wird man in Resignation und Ohnmacht<br \/>\nverwandelt. H\u00e4lt man sich umgekehrt nur an die Wirklichkeit, wird<br \/>\nman in Rastlosigkeit und Gesch\u00e4ftigkeit verwandelt. In der Einheit<br \/>\nzwischen Traum und Ernst, Vision und Tat, da ist man imstande, durch<br \/>\ndie Geschicke des Lebens verwandelt zu werden und sie zu verwandeln.<br \/>\nJoseph hielt die Dinge beieinander. Er hatte den Traum von der Flucht,<br \/>\naber er hatte auch den Traum, wieder zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Ich sagte, da\u00df jede Geschichte einen Anfang, eine Mitte und einen<br \/>\nSchlu\u00df hat. L\u00f6st man den Mittelteil aus der Weihnachtsgeschichte<br \/>\nheraus, bekommt man nicht das Gef\u00e4hrliche und das Drama mit. Die<br \/>\nGefahr und das Drama, die verborgen sind in dem anf\u00e4nglichen Wort: &#8222;F\u00fcrchtet<br \/>\neuch nicht&#8220; und &#8222;Friede auf Erden&#8220;. Diese Worte werden<br \/>\ngef\u00e4hrlich, sobald sie in der Welt Fleisch und Blut erhalten, die<br \/>\nbetrogen ist von dem Willen, der nur sich selbst will, von der Macht,<br \/>\ndie zerst\u00f6rt. Das wird dann gef\u00e4hrlich, wenn man sich nicht<br \/>\nauf Kompromisse einl\u00e4\u00dft mit der herodianischen Macht, wenn<br \/>\nman nicht nur ausweicht und denkt, da\u00df es schon gut gehen werde.<br \/>\nDas wird dann gef\u00e4hrlich, wenn man die angew\u00f6hnte Friedfertigkeit<br \/>\naufgibt, die sich mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner des Lebens zufrieden<br \/>\ngibt. Das wird dann gef\u00e4hrlich, wenn man die bequeme Mittelm\u00e4\u00dfigkeit<br \/>\nverl\u00e4\u00dft zugunsten eines wahren Friedens und wahrer Furchtlosigkeit.<\/p>\n<p>Der korrumpierenden und zersetzenden Macht zu widerstehen, erfordert<br \/>\ngro\u00dfe List und Inszenierung, dazu gute Visionen und gro\u00dfe<br \/>\nTr\u00e4ume. Wir kennen wohl alle, wenn wir nachdenken, einen oder zwei<br \/>\nMenschen, von denen es hei\u00dft, da\u00df sie einen Marschallstab<br \/>\nim Tornister tragen. Das ist der Mensch, der das Wort des Engels von<br \/>\nFurchtlosigkeit und Frieden in sich aufnahm. Der den Traum hoch hielt,<br \/>\nund der, wenn es darauf ankam und die harte Wirklich\u00adkeit sich aufdr\u00e4ngte<br \/>\nund das Unwetter am gr\u00f6\u00dften war, sich nicht zur\u00fcckzog<br \/>\nund nicht m\u00fcde wurde, den Feind zu \u00fcberlisten.<\/p>\n<p>Bei diesen Menschen k\u00f6nnen wir ruhig damit rechnen, da\u00df es<br \/>\nwahr ist: Ende gut, alles gut. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pfarrer J\u00f8rgen Demant<br \/>\nHjortek\u00e6rsvej 74<br \/>\nDK-45 88 40 Lyngby<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 45 88 40 75<br \/>\n<a href=\"mailto:j.demant@wanadoo.dk\">email: j.demant@wanadoo.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede gute Geschichte mu\u00df einen Anfang haben, eine Mitte und einen Abschlu\u00df. Und die Weihnachtsgeschichte von Jesus hat zumindest, das wissen alle, einen Anfang. Das wissen wir von Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag: Das Kommen des Kindes in die Welt. Das Kind wird geboren. 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