{"id":9730,"date":"2003-12-07T19:49:29","date_gmt":"2003-12-07T18:49:29","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9730"},"modified":"2025-06-28T10:36:51","modified_gmt":"2025-06-28T08:36:51","slug":"1-korinther-14-1-3-20-25","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-14-1-3-20-25\/","title":{"rendered":"1. Korinther 14, 1-3.20-25"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"left\">Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Wer geht schon zum Gottesdienst an einem solchen Sonntag\u0085? Wer sind<br \/>\ndie Zuh\u00f6rer? &#8211; das sind die Fragen die sich wohl alle Prediger heute<br \/>\nstellen.<\/p>\n<p>Die Feiertage liegen hinter uns\u0085, alle sind \u00fcber- und abgef\u00fcllt<br \/>\nund f\u00fcr manchen ist das wohl auch geistlich gemeint: \u0093\u0085also dann,<br \/>\nbis zum n\u00e4chsten Weihnachtsgottesdienst\u0085\u0094<\/p>\n<p>Wer sind die Zuh\u00f6rer heute?, warum sind Sie gekommen?<\/p>\n<p>In meiner Gemeinde hier im S\u00fcden Argentiniens, am Rande der patagonischen<br \/>\nSteppen (und mit hochsommerlichen Temperaturen!), sind es die besonders<br \/>\nTreuen, oder einige Neugierige? Oder machen sich jene auf den weiten<br \/>\nWeg (bis zu 150 km) die wenige Tage zuvor nicht die \u0093Ware Weihnachten\u0094 feierten,<br \/>\nsondern das \u0093wahre Weihnachten\u0094. Ja, ich denke so ist es: die sich heute<br \/>\nversammeln, haben etwas <em>mehr <\/em> von dem verstanden was eigentlich<br \/>\nallen schon gesagt ist: Gott ist Mensch geworden!<\/p>\n<p>Seit dreizehn Jahren leben und arbeiten wir in Argentinien. Und noch<br \/>\nimmer f\u00e4llt es uns schwer, gewisse Dinge zu verstehen. Wir kommen<br \/>\neben aus dem \u0093kalten\u0094 Deutschland. Gef\u00fchle zu zeigen, sich von ihnen<br \/>\nleiten und bestimmen zu lassen, das ist \u0093typisch\u0094 argentinisch. Die Menschen<br \/>\nhier wollen \u0093Erfahrungen\u0094 machen, ihren Glauben \u0093sehen\u0094 und \u0093ber\u00fchren\u0094 k\u00f6nnen<br \/>\nund sind zutiefst \u0093wundergl\u00e4ubig\u0094. Wer auf den Strassen des Landes<br \/>\nunterwegs ist, wird sich \u00fcber die oft bizarren Alt\u00e4re wundern<br \/>\ndie an den Strassenr\u00e4ndern aufgebaut sind: Volksheilige und Madonnen,<br \/>\nob amtskirchlich anerkannt, oder nicht, das interessiert niemanden. Einer<br \/>\nder beliebtesten Fernsehnachrichtenkan\u00e4le berichtet fast t\u00e4glich \u00fcber<br \/>\nmilagr\u00f6se Erscheinungen, Hunderttausende die unglaubliche Strapazen<br \/>\nauf sich nehmen, um endlich die Figur irgendeines Heiligen ber\u00fchren<br \/>\nzu k\u00f6nnen\u0085, er soll ihnen Arbeit beschaffen, Gesundheit, sie vom<br \/>\nElend befreien. Und wenn es nicht der katholische Volksglaube ist, dann<br \/>\nlockt mich an der n\u00e4chsten Strassenecke bestimmt ein selbsternannter<br \/>\nPfingstprediger der mir die L\u00f6sung aller meiner Probleme verspricht\u0085,<br \/>\nvorausgesetzt ich lasse mich bekehren\u0085.<\/p>\n<p>Ist es das, was uns das Wort f\u00fcr heute sagen will?, l\u00e4dt es<br \/>\nuns ein an einen Gott zu glauben der spontan eingreift und mir das heisse<br \/>\nEisen aus dem Feuer holt? Das w\u00e4re doch ein Gottesbild das uns zur<br \/>\nabsoluten Passivit\u00e4t verdammt, eine Lebenshaltung die <em>alles <\/em> von <em>\u0093oben\u0094 <\/em> erwartet.<br \/>\nDas w\u00e4re dann auch ein Glaube der ausschliesslich von meinem Gef\u00fchl<br \/>\nabh\u00e4ngt\u0085Dabei lehrte mich mein Grossvater, dass der christliche<br \/>\nGlaube zwar immer pers\u00f6nlich ist (\u0093ich glaube\u0094), jedoch niemals<br \/>\nprivat.<\/p>\n<p>Also, Bewegung!-, der Glaube der in Bewegung versetzt, der sich mitteilen<br \/>\nwill; ein Glaube der vom Urquell des Lebens trinkt \u0096 und deshalb Leben<br \/>\nspenden will\u0085<\/p>\n<p><strong>Textlesung<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u0085vom Kinde kommend\u0085 <\/strong><\/p>\n<p>Als ich den Text zum ersten Mal las, musste ich an die Hirten aus der<br \/>\nWeihnachtsgeschichte denken\u0085, wie sie vom Kinde kommend durch die Strassen<br \/>\nder D\u00f6rfer und St\u00e4dte zogen, um das zu verk\u00fcnden, was<br \/>\nsie sehen und ber\u00fchren durften: das fleischgewordene Wort: \u0093Als<br \/>\nsie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen<br \/>\nvon dem Kinde gesagt war\u0085\u0094, lesen wir im Weihnachtsevangelium.<\/p>\n<p align=\"left\">In diesen Tagen, es fehlt noch etwas bis zum Fest, haben<br \/>\nwir ein Kinderzeltlager hier bei uns auf dem Kirchgel\u00e4nde. Es sind<br \/>\nKinder aus sehr armen Familien, die meisten kennen ihre V\u00e4ter nicht,<br \/>\nteilen ein kleines Zimmer mit bis zu acht Geschwistern, einige f\u00fchren<br \/>\nein Strassenkinderdasein\u0085 Mit diesen Kindern sprechen wir \u00fcber Weihnachten.<br \/>\nSie vergleichen die Geburt Jesu mit der Ankunft eines neuen Geschwisterchens<br \/>\nin ihrer Familie. Diese Kinder sp\u00fcren, dass das neue Leben auch<br \/>\nmit ihrer eigenen Situation zu tun hat: sie erfahren die Geburt des Br\u00fcder,-<br \/>\noder Schwesterchens als die Ankunft eines Lichts das ihre triste Dunkelheit<br \/>\nerhellt\u0085, aber sie wissen auch, dass die Freude dar\u00fcber nur von<br \/>\nkurzer Dauer ist. Bald wird das Licht von den t\u00e4glichen Sorgen und<br \/>\ndem Kampf ums \u00fcberleben erstickt.<\/p>\n<p align=\"left\">Als die Kinder ihre Erfahrungen erz\u00e4hlten, malten<br \/>\nund spielten, habe ich pl\u00f6tzlich erkannt: wirkliches Leben, Leben<br \/>\ndas mit Hoffnung, Freude und Gl\u00fcckseligkeit zu tun hat, das existiert<br \/>\nf\u00fcr diese Kinder nur wenn (mal wieder) ein Geschwisterchen zur Welt<br \/>\nkommt\u0085, ein kurzes Aufleuchten einer anderen Wirklichkeit\u0085; die Geburt<br \/>\ndie sich alsbald in noch mehr Elend und noch mehr Dunkelheit verwandelt.<\/p>\n<p align=\"left\">Irgendwie haben die Kinder verstanden, dass die Hirten<br \/>\nin der Weihnachtsgeschichte die gleiche Freude erlebten und noch mehr:<br \/>\ndie Hirten sp\u00fcrten: das ist mehr als ein kurzes aufleuchten\u0085, <strong><em>diese <\/em><\/strong><em>s <\/em> Licht, <strong><em>dieses <\/em><\/strong> Leben<br \/>\nwill bleiben, es will ver\u00e4ndern\u0085<\/p>\n<p align=\"left\">Das Licht erhellt die Welt der Hirten und unserer Kinder,<br \/>\nes erhellt die Welt, die immer die gleiche sein wird, aber eben erleuchtet,<br \/>\nnicht mehr so dunkel.<\/p>\n<p align=\"left\">Diese Freude geht vom Kinde aus, diese Freude setzt in<br \/>\nBewegung\u0085die Hirten, vom Kinde kommend\u0085<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u0085in die Welt hinaustragen\u0085 <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">und dann ist mir beim lesen dieser Verse noch etwas aufgefallen:<br \/>\nimmer wieder heisst es \u0093wir\u0094; \u0093\u0085was <em>wir <\/em> gesehen und was <em> wir <\/em> geh\u00f6rt<br \/>\nhaben\u0085\u0094. Es sind Zeugen und Zeugen soll man (aus)reden lassen, man soll<br \/>\nsie nicht unterbrechen.<\/p>\n<p align=\"left\">Wieder denke ich an die Kinder und die Hirten: sie, die<br \/>\nselten lachen, deren Gesichter unglaubliches Leid widerspiegeln und die<br \/>\ndas Leben nur als Kampf kennen, sie wollen, nein, sie m\u00fcssen (\u00a1)<br \/>\nerz\u00e4hlen was sie gesehen und geh\u00f6rt haben, sie wollen es der<br \/>\nganzen Welt mitteilen\u0085Ich sah den Glanz in ihren grossen und dunklen<br \/>\nAugen, die strengen, traurigen Gesichter die so pl\u00f6tzlich die ganze<br \/>\nFreude der Welt zeigen: \u0093\u0085ich durfte mein kleines Schwesterchen auf dem<br \/>\nArm halten\u0085!!!\u0094\u0085 Vergessen das ganze Elend, vergessen der Hunger, das<br \/>\neinzige warme Essen am Tag in der Schulspeissung, vergessen der Hass<br \/>\nund die Gewalt im Elendsviertel, Konsequenz einer Politik die ganz bewusst<br \/>\nReichtum f\u00fcr eine Elite und Elend f\u00fcr Massen produziert \u0085,<br \/>\nvergessen auch die Dunkelheit in diesen kleinen, so jungen Leben\u0085, vergessen,<br \/>\nweil: <em>wir <\/em> gesehen und <em>wir <\/em> geh\u00f6rt haben: das<br \/>\nLeben.<\/p>\n<p align=\"left\">In einem Lied des ber\u00fchmten argentinischen S\u00e4ngers<br \/>\nLe\u00f3n Gieco heisst es: \u0093\u0085in meinem Land gibt es zu viele Kinder<br \/>\ndie zum Himmel fliegen, ohne je richtig gelebt zu haben\u0085\u0094<\/p>\n<p align=\"left\">Einige der Kinder die gerade hier im Ferienlager sind werden<br \/>\nwohl zu diesen \u0093Himmelfliegern\u0094 geh\u00f6ren. Als Kirche k\u00f6nnen<br \/>\nwir diese ihre Welt nicht \u00e4ndern. Wir klagen an, wir versuchen zu<br \/>\nhelfen (im Einzelfall), wir zeigen ihnen eine andere Wirklichkeit, die<br \/>\nin ihrem Leben nur \u0093ab und zu\u0094 (im Regelfall einmal im Jahr) aufleuchtet\u0085 Vielleicht<br \/>\nreicht aber diese Erfahrung aus, um ihnen Kraft und Durchhalteverm\u00f6gen<br \/>\nzu geben.<\/p>\n<p align=\"left\">Am Ende der Freizeit malen die Kinder die Weihnachtsgeschichte:<br \/>\nein Licht kommt auf die Erde und erhellt den Stall und die Krippe,- und<br \/>\n(f\u00fcr unsere Kinder eine wichtige Entdeckung!) dieses Licht erhellt<br \/>\nauch jene die sich um das Kind herum versammeln. Da meine ich, es ist<br \/>\nwie eine leise Ahnung,- die Gesichter meiner Kinder zu erkennen. Ja,<br \/>\nsie habens begriffen: wer dieses Kind ansieht und von seinem Lichte ergriffen<br \/>\nwird, f\u00fcr den hat die Dunkelheit aufgeh\u00f6rt das letzte Wort<br \/>\nzu haben!<\/p>\n<p align=\"left\">Wer <em>das <\/em> begriffen hat, muss es der ganzen Welt<br \/>\nmitteilen\u0085<\/p>\n<p align=\"left\">Also: vom Kinde kommend, in die Welt hinaustragen\u0085<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>\u0085das Wort vom Leben. <\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">Wieder stelle ich mir vor, wie und was sich bei den Hirten<br \/>\nund bei meinen Kindern ge\u00e4ndert hat. Wir wissen aus eigener Erfahrung<br \/>\nund unserer Arbeit mit diesen Kindern in langen Jahren, dass das Evangelium<br \/>\neinen Menschen wirklich ver\u00e4ndern kann.<\/p>\n<p align=\"left\">Immer wieder frage ich mich, warum es uns Menschen viel<br \/>\nleichter f\u00e4llt jemanden auszugrenzen, zu diskriminieren, als ihn<br \/>\nhereinzuholen, ihn zu integrieren\u0085 Unsere Kinder haben das so definiert: \u0093weil<br \/>\nwir anders sind\u0085\u0094 Ja, sie sind \u0093anders\u0094, sie l\u00f6sen ihre Probleme<br \/>\nmit Gewalt, sie sind oft brutal, sie sind immer direkt und versuchen<br \/>\nnicht um den heissen Brei herum zu reden\u0085, und: sie sind nicht weiss,<br \/>\nsie haben eine dunkle Hautfarbe und pechschwarze Haare. Deshalb ist kein<br \/>\nPlatz f\u00fcr sie in der \u0093guten\u0094 Gesellschaft\u0085<\/p>\n<p align=\"left\">Das Evangelium lehrt uns den umgekehrten Weg: \u0093(gerade)<br \/>\ndu geh\u00f6rst dazu!\u0094<\/p>\n<p align=\"left\">\u0093Was <em>wir <\/em> gesehen und geh\u00f6rt haben\u0085 das f\u00fcr<br \/>\neuch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt\u0085\u0094<\/p>\n<p align=\"left\">Meine Freizeitmitarbeiter sind \u0093Ehemalige\u0094, die vor vielen<br \/>\nJahren als kleine Kinder zum ersten Mal das Wort vom Leben geh\u00f6rt<br \/>\nhaben. Sie sind dabei geblieben, f\u00fchlen sich integriert und akzeptiert.<br \/>\nDas war ein langer und schmerzlicher Prozess, auch f\u00fcr unsere Gemeinde<br \/>\n(\u00a1). \u0093Wenn das so weiter geht, haben wir in ein paar Jahren eine<br \/>\nandere Kirche\u0085\u0094 Die Angst vor Ver\u00e4nderung, vor denen die \u0093anders\u0094 sind.<\/p>\n<p align=\"left\">Heute sind wir alle stolz auf unsere \u0093morrochos\u0094 (die Dunkelheutigen),<br \/>\nsie sind die aktivsten unter den Gemeindegliedern\u0085<\/p>\n<p align=\"left\">\u0085sie selbst haben <em>gesehen <\/em>und <em>geh\u00f6rt <\/em>,<br \/>\ndas Wort vom Leben und <strong>deshalb <\/strong>ist es ihr gr\u00f6sster<br \/>\nWunsch diese Kinder in die Gemeinschaft mit <strong><em>IHM <\/em><\/strong> zu<br \/>\nholen.<\/p>\n<p align=\"left\">Das ist die Freude die vollkommen ist!<\/p>\n<p align=\"left\">Amen.<\/p>\n<p><strong>Reiner Kalmbach<br \/>\n<a href=\"mailto:reikal@neunet.com.ar\">reikal@neunet.com.ar <\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde: Wer geht schon zum Gottesdienst an einem solchen Sonntag\u0085? 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