{"id":9737,"date":"2004-01-07T19:49:32","date_gmt":"2004-01-07T18:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9737"},"modified":"2025-06-28T10:41:23","modified_gmt":"2025-06-28T08:41:23","slug":"jakobus-4-13-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jakobus-4-13-17\/","title":{"rendered":"Jakobus 4, 13-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>( Nikolaikirche in Leipzig)<\/p>\n<p>\u0084Wenn nichts dazwischen kommt.\u0093<br \/>\nLiebe Gemeinde,<br \/>\nso hat es wohl bei dem Planen und der Vorschau f\u00fcr<br \/>\ndas Neue Jahr 2004 oft gehei\u00dfen, deutlich ausgesprochen oder nur<br \/>\nin Gedanken, im Stillen. \u0084Wenn nichts dazwischen kommt\u0093, so sagen wir,<br \/>\nwenn wir etwas planen, eine Verabredung, ein Treffen, ein gr\u00f6\u00dferes<br \/>\nUnternehmen oder eben das, was wir im neuen Jahr vorhaben. \u0084Wenn nichts<br \/>\ndazwischen kommt\u0093, so m\u00fcssen wir realistischerweise bei allen Zukunftspl\u00e4nen<br \/>\nsagen, weil wir nicht in die Zukunft sehen k\u00f6nnen und doch immer<br \/>\netwas dazwischen kommen kann.<\/p>\n<p>Der kluge Mann baut vor und plant das in die Planung ein: \u0084Wenn nichts<br \/>\ndazwischen kommt\u0093, das ist der vorherbedachte Unsicherheitsfaktor bei<br \/>\nallen Planungen. So bew\u00e4ltigen wir Zuf\u00e4lligkeiten, Kontingenzbew\u00e4ltigung<br \/>\nsagen die Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Die Steuersenkung wird vorgezogen, das m\u00fcsste die Wirtschaft beleben,<br \/>\nArbeitspl\u00e4tze schaffen, die Sozialkassen entlasten \u0096 wenn nichts<br \/>\ndazwischen kommt, oder die Experten sich einfach verrechnet haben. \u00c4rgerlich<br \/>\nist nur, wenn bei diesen Planungen nicht mit gesagt wird, wie st\u00f6ranf\u00e4llig<br \/>\nsie sind, denn wir wissen inzwischen, dass gro\u00dfe Pl\u00e4ne wie<br \/>\nKartenh\u00e4user zusammenklappen, wenn nur Steuersch\u00e4tzungen nicht<br \/>\ngenau eintreffen. Es ist eine Regel der Klugheit und der Ehrlichkeit,<br \/>\nden Unsicherheitsfaktor bei allen Planungen mit zu nennen und mit zu<br \/>\nbedenken.<\/p>\n<p>Und was kann nicht alles dazwischen kommen. Ein Zug kommt zu sp\u00e4t,<br \/>\noder das Auto steht im Stau, und ich verpasse eine Besprechung, die ich<br \/>\nnicht verpassen darf. Ein Termin kommt unangek\u00fcndigt dazwischen<br \/>\nund bringt die sorgf\u00e4ltige Planung durcheinander. Eine Krankheit<br \/>\nkommt unerwartet oder ein Unfall. Das sind Ereignisse, die einen mitunter<br \/>\nwie Schl\u00e4ge treffen und Angst machen. Es ist, als ob man immer auf<br \/>\neinem Weg ist, auf dem etwas dazwischen kommen kann wie ein Steinschlag<br \/>\nan einem nicht gesicherten Hang. Ein Kind wird erwartet. Wird es gesund<br \/>\nsein, wird alles gut gehen? Oder bei einer langen Krankheit: wird der<br \/>\nWeg zur Heilung f\u00fchren? So ist es alle Tage: auf Wegen kann etwas<br \/>\ndazwischen kommen, auf Berufswegen, auf den Wegen einer Partnerschaft,<br \/>\nauf geplanten Wegen in der Politik und im Leben. \u0084Wenn nur nichts dazwischen<br \/>\nkommt.\u0093 Das \u0084Wenn\u0093 ist der Unsicherheitsfaktor, die Unw\u00e4gbarkeit<br \/>\nund auch die drohende Bedingung.<\/p>\n<p>Der f\u00fcr den Neujahrstag 2004 gegebene Predigttext aus dem Jakobusbrief<br \/>\nformuliert den Vorbehalt anders: Ihr sollt sagen: \u0084Wenn der Herr will,<br \/>\nwerden wir leben und dies oder das tun.\u0093 Da ist von Leben die Rede, aber<br \/>\nes klingt doch bedrohlich, denn da wird das Letzte, die Grenze des Lebens,<br \/>\nder Tod, als Unsicherheitsfaktor in die Waagschale geworfen. \u0084Wenn der<br \/>\nHerr will, werden wir leben.\u0093 Hart klingt das, denn es erinnert an das,<br \/>\nwas wir nicht planen k\u00f6nnen. \u0096 Wissen wir, wie nah wir an dieser<br \/>\nnicht planbaren Grenze stehen?<\/p>\n<p>M\u00fcssen wir 2004 unter diesem Vorbehalt beginnen? Ist das \u0084Wenn\u0093 das<br \/>\nGesetz unseres Lebens? Wenn nur nichts dazwischen kommt, zwischen das,<br \/>\nwas ich will, plane, vorhabe. Ich erinnere mich, wie mir als Kind ein<br \/>\nalter Mann die Formel: \u0084So Gott will und wir leben\u0093, diese altehrw\u00fcrdige<br \/>\nconditio Iacobaea, zum ersten Mal in meinem Leben sagte. Ich wusste sofort,<br \/>\ndass er von seinem Tod sprach, und ich wunderte mich, dass er es offensichtlich<br \/>\nganz gelassen tat: \u0084So Gott will und wir leben\u0093, er sprach es ohne Angst,<br \/>\naber mich schreckte es, und ich h\u00f6rte es wie eine Drohung.<\/p>\n<p>Ist es die Eigent\u00fcmlichkeit des christlichen Glaubens, dass wir<br \/>\nunter einem drohenden \u0084Wenn\u0093 wie unter einem Schicksalsspruch leben?<br \/>\nSchon antike griechische und r\u00f6mische Philosophen lehrten solchen<br \/>\nSchicksalsglauben, und sie lehrten zugleich die Kunst, damit umzugehen,<br \/>\nihm unersch\u00fctterlich in die Augen zu sehen: \u0084Torheit ist es, \u00fcber<br \/>\nein ganzes Leben zu verf\u00fcgen, ohne auch nur Herr des morgigen Tages<br \/>\nzu sein.\u0093 Um dieser Torheit zu entgehen, gilt es, alle Tage die Sterblichkeit<br \/>\nzu bedenken. \u0084Memento mori\u0093, bedenke, dass du sterben musst, so lehrten<br \/>\nsie, dann erkennst du dich wahrhaft und planst richtig. Immer wieder<br \/>\nTodessituationen durchdenken und dabei Angstfreiheit trainieren, \u0084loslassen\u0093 sagt<br \/>\nman heute, weil das Leben hier doch nicht das eigentliche sei. Mit psychologisch<br \/>\nausgefeilten Sterbe\u00fcbungen leben lernen, Unersch\u00fctterlichkeit<br \/>\ntrainieren, das ist die Weisheit antiker und nicht nur antiker Humanisten.<br \/>\nLernen wir so zu leben? Todessituationen \u00fcben in einer Welt voller<br \/>\nTodesbedrohung als Anleitung zu gelingendem Leben? Ist das eine M\u00f6glichkeit?<br \/>\nDie von Kriegen betroffenen Kinder wissen nicht von dieser Lehre, aber<br \/>\nsie wissen von ihrer Realit\u00e4t: Leben lernen aus Todesbedrohung \u0096 sie<br \/>\nk\u00f6nnen davon nicht leben. Ist es nicht eher so, dass der im finstersten<br \/>\nWinkel noch sichtbare Hoffnungsschimmer zum Leben leitet? Die Hoffnung<br \/>\nauf Leben ist es, die die im Dunklen durchhalten l\u00e4sst: ein geschenktes<br \/>\nSt\u00fcck Brot, ein Blick, ein freundliches Wort.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir den Predigttext f\u00fcr den heutigen Neujahrstag: Jakobus<br \/>\n4, 13-17:<\/p>\n<p>\u0084Und nun ihr, die ihr sagt: heute oder morgen wollen wir in die oder<br \/>\ndie Stadt gehen und wollen ein Jahr dort zubringen und Handel treiben<br \/>\nund Gewinn machen, und wisst nicht, was morgen sein wird. Was ist euer<br \/>\nLeben? Ein Rauch seid ihr, der eine kleine Zeit bleibt und dann verschwindet.<br \/>\nDagegen solltet ihr sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und dies<br \/>\noder das tun. Nun aber r\u00fchmt ihr euch in eurem \u00dcbermut. All<br \/>\nsolches R\u00fchmen ist b\u00f6se. Wer nun wei\u00df, Gutes zu tun,<br \/>\nund tut&#8217;s nicht, dem ist&#8217;s S\u00fcnde.\u0093<\/p>\n<p>Ein harter Text zum Beginn des Neuen Jahres. Jakobus skizziert und beurteilt<br \/>\neine Lebenshaltung, einen Lifestyle. Zwar waren die Christen der ersten<br \/>\nGemeinden eher sehr kleine Gesch\u00e4ftsleute, Kr\u00e4mer vom Tante<br \/>\nEmma Laden an der Ecke, Jakobus spricht aber hier von Handel Treibenden,<br \/>\nWachstumssteigerung in neuen Regionen, Gewinnmaximierung und \u0096 im Rahmen<br \/>\ndes r\u00f6mischen Weltreiches jedenfalls \u0096 von Globalisierung. Kritisch,<br \/>\nja geradezu prophetisch wirft er ein: Was ist euer Leben? Kritik des<br \/>\nWirtschaftsoptimismus und der Selbstvergessenheit der Planer, die \u00fcber<br \/>\nallem marktgerechten Planen vergessen zu haben scheinen, dass auch etwas<br \/>\ndazwischen kommen kann. Alte Lebensweisheiten tauchen auf in der Erinnerung: \u0084Lehre<br \/>\nuns bedenken, dass wir sterben m\u00fcssen, auf dass wir klug werden.\u0093 Und<br \/>\ndie Geschichte vom reichen Kornbauern, der das Gl\u00fcck gehabt hatte,<br \/>\nso viel zu ernten, dass seine Scheunen nicht ausreichten, und er gr\u00f6\u00dfere<br \/>\nbauen musste, und der sich dar\u00fcber sicher f\u00fchlte. Jetzt konnte<br \/>\nnichts mehr dazwischen kommen. Und dann die Drohung: \u0084Du Narr! Diese<br \/>\nNacht wird man deine Seele, dein Leben, von dir fordern; und wem wird<br \/>\ndann geh\u00f6ren, was du angeh\u00e4uft hast?\u0093<\/p>\n<p>Hat Jakobus Recht mit seiner drohenden Warnung? \u0084Ein Rauch seid ihr,<br \/>\nein Dampf\u0093, hei\u00dft es w\u00f6rtlich noch eindrucksvoller, rasch<br \/>\nverschwunden, verdampft. \u0084Ihr sollt sagen, wenn der Herr will.\u0093 Leicht<br \/>\nverf\u00fchrt diese Aufforderung zu einem Schicksalsglauben, der alles<br \/>\ngrau sieht. So ist Leben, zuf\u00e4llig, hinf\u00e4llig, nichtig. Jakobus<br \/>\nwill seine H\u00f6rer aufr\u00fctteln, nicht so selbstsicher auf die<br \/>\neigenen Planungen, sondern auf Gott zu setzen. Aber wie setzt man auf<br \/>\nGott und was bringt das, so mag man fragen.<\/p>\n<p>Manch einer sagt lieber: \u0084Wenn ich Gl\u00fcck habe\u0093 oder \u0084Wenn ich es<br \/>\nschaffe\u0093, da steckt eine positive Wendung drin, aber dabei wird auch<br \/>\ndie Anstrengung noch deutlicher, mit der wir an Planungen und Vorhaben<br \/>\ngehen. Das ganze Leben wie ein Examen, das man schaffen muss. Alle die,<br \/>\ndie auf der Suche nach einem Arbeitsplatz sind, kennen das sehr wohl,<br \/>\ndie M\u00fche, die Anstrengung, und dann war die Bewerbung wieder nichts.<br \/>\nDie Formel \u0084Wenn der Herr will\u0093 wird in diesem Zusammenhang zynisch.<br \/>\nUnd alle, die um die Gesundheit eines lieben Menschen bangen \u0096 wenn der<br \/>\nHerr will \u0096<\/p>\n<p>Jakobus hat den Leistungsaspekt des Lebens stark betont. Darin ist dieser<br \/>\nBrief au\u00dferordentlich modern: Leben ist Leistung, M\u00fche und<br \/>\nArbeit. Ihr sollt Gutes tun und euch nicht mit einem unt\u00e4tigen Glauben<br \/>\nberuhigen, so ermahnt er die Christen. Glauben ist kein Ruhekissen. Aber<br \/>\ndamit das Tun nicht selbstherrlich wird, ist das g\u00f6ttliche \u0084Wenn\u0093 als<br \/>\ndrohender Vorbehalt stets mit zu denken. \u0084Wenn der Herr will.\u0093 Christlicher<br \/>\nGlaube rei\u00dft Menschen aus Unt\u00e4tigkeit, und dabei wird auch<br \/>\nein wenig mit dem g\u00f6ttlichen Vorbehalt gedroht.<\/p>\n<p>Martin Luther hat deshalb den Jakobusbrief kritisiert. Ja, er wollte<br \/>\nmit diesem Brief, in dem es so sehr um Leistung und gute Werke geht,<br \/>\nam liebsten den Ofen heizen und ihn aus der Sammlung der biblischen B\u00fccher<br \/>\nentfernen. Luther war der Meinung, dass Jakobus die gute, tr\u00f6stliche,<br \/>\nermutigende Botschaft des Evangeliums verfehle, ja sogar unterschlage.<br \/>\nKurz: der Lifestyle, den Jakobus predige, sei nicht evangeliumsgem\u00e4\u00df.<br \/>\nAber Luther hat den Brief nicht verbrannt. Ehrw\u00fcrdige biblische<br \/>\nB\u00fccher verschwinden, Gott sei Dank, nicht so schnell wie unliebsame<br \/>\nAkten, die man gestrenger Einsicht entziehen will. Doch gestritten hat<br \/>\nLuther weiter gegen den Jakobus und gestritten werden muss, wo es um<br \/>\nLebensstile und Lebensplanungen geht, wo es darum geht, was dazwischen<br \/>\nkommt, wenn Leben einmal nicht so geht, wie wir planen. Das ist nicht<br \/>\nnur Theologengez\u00e4nk. Wenn wir die Formel \u0084Wenn Gott will\u0093 nicht<br \/>\nals blinden Schicksalsglauben nehmen wollen, den wir im Horoskop nachlesen,<br \/>\nm\u00fcssen wir wissen, was dazwischen kommt. Aber eben das wissen wir<br \/>\nnicht.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wir wissen nicht, was dazwischen kommt, aber wir wissen,<br \/>\nwer dazwischen kommt. Gott kommt dazwischen in einem Kind. Kein ferner<br \/>\nWeltenlenker, kein drohender Schicksalsgott, sondern ein Kind, und dieses<br \/>\nKind bittet um Raum und Zeit bei uns. Wir kommen von der Krippe gerade<br \/>\nher. Geschenk ohne Bedingungen, geschenktes Leben, in dem Gott sich gibt.<\/p>\n<p>Wo ein Kind dazwischen kommt, da muss man sich auf \u00dcberraschungen<br \/>\ngefasst machen, gro\u00dfe \u00dcberraschungen. Den Hirten war es so<br \/>\ngegangen. Eigentlich war ihr Leben festgelegt und geplant. Sie waren<br \/>\neingestellt darauf, dass \u0084uns nichts geschenkt wird\u0093. Und nun das: ein<br \/>\nKind und Licht und Freude f\u00fcr sie, die da drau\u00dfen am unteren<br \/>\nRand der Gesellschaft siedelten. Da kommen wohl Pl\u00e4ne und Ordnungen<br \/>\ndurcheinander, weil ein Kind Pl\u00e4ne und Ordnungen umkehrt in Richtung<br \/>\nauf Leben.<\/p>\n<p>Freude provoziert dieses Kind, Licht, Hoffnungsschimmer, neues Leben.<\/p>\n<p>\u0084Das ewig Licht geht da herein<br \/>\ngibt der Welt ein neuen Schein,<br \/>\nes leucht wohl mitten in der Nacht<br \/>\nund uns des Lichtes Kinder macht.\u0093<\/p>\n<p>Die Erinnerung an die Geburt des Kindes, geschenktes Leben ohne Bedingungen,<br \/>\nstrahlt in unser Leben, auch wenn die Krippenfiguren schon wegger\u00e4umt<br \/>\nsind.<\/p>\n<p>Es kommt nicht mit einem gewaltigen Schlag, sondern wie jedes Kind mit<br \/>\nder Bitte um Raum und Zeit bei uns, und es will Leben.<\/p>\n<p>\u00dcber allem Planen ger\u00e4t gelegentlich das Wunder der Geburt<br \/>\neines Kindes in Vergessenheit, das Geschenk, die Freude, der Hoffnungsschimmer<br \/>\neinfach so, gratis, ohne Wenn und Bedingung. Aber Gott kommt dazwischen<br \/>\nund bittet. Wir planen und messen und untersuchen, ob das kleine Wesen<br \/>\nden Normen und Gesundheitsvorstellungen entspricht, dar\u00fcber verdunkeln<br \/>\nwir oft eine ganze Dimension des Lebens, die mit der Geburt eines Kindes<br \/>\nneu aufbricht und dazwischen kommt, das Geschenk, man kann auch sagen<br \/>\ndie Gnade. Gnade ist die F\u00fclle des Lebens, die st\u00e4rker ist<br \/>\nals Angst und Planen und Sorge. Unter dem Zwang des Planens l\u00e4sst<br \/>\nman sich dazu verleiten, \u00fcber Leben zu verf\u00fcgen und es zuzulassen<br \/>\noder auch nicht. Aber das Kind will leben, und Gott bittet, und diese<br \/>\nBitte wirkt Wunder, so wie Eltern sich wunderbarerweise \u00e4ndern k\u00f6nnen<br \/>\ndurch die Geburt eines Kindes. Freude gewinnt die Oberhand \u00fcber<br \/>\nder sorgenvollen Frage, ob das Kind in den Plan passt und allen Normen<br \/>\nentspricht. Mit der Geburt eines jeden Kindes bricht etwas an vom Gnadenjahr<br \/>\ndes Herrn.<\/p>\n<p>So ist es auch 2004. Gnadenjahr des Herrn, weil Gott heilsam dazwischenkommt.<br \/>\nUnd nun ist es eigenartig mit Raum und Zeit und Planung. Wo vorher alles<br \/>\nverplant war \u0096 wir selbst unser Plan, biotechnisch optimiert, \u00f6konomisch<br \/>\ndurchorganisiert \u0096 tun sich Raum und Zeit und damit Herzen auf, weil<br \/>\nMenschen, die sich Liebe schenken lassen, freundlich werden und liebevoll<br \/>\naufeinander eingehen.<\/p>\n<p>Freilich d\u00fcrfen wir uns nicht irren und denken, nun werde am Neujahrstag<br \/>\nder Terminkalender abgeschafft und alles Planen obendrein. Der Plan bleibt<br \/>\nso voll, wie er schon ist, und er wird gewiss noch voller, und vern\u00fcnftiges,<br \/>\numsichtiges Planen bleibt unsere Aufgabe f\u00fcr 2004. Es gilt weiterhin<br \/>\nn\u00fcchtern zu berechnen, um Haushaltspl\u00e4ne ordnungsgem\u00e4\u00df zu<br \/>\nverabschieden, und es gilt weiterhin genau zu planen, um etwa Familien-<br \/>\nund Berufsplanung miteinander zu organisieren. Aber wir, die wir den<br \/>\nPlan schreiben und leben, wissen, dass das Kind schon dazwischen gekommen<br \/>\nist in unseren Plan hinein. Die empfangene Freude macht wacher und sensibler,<br \/>\nzwischen Planung und Terminen die Freudenzeichen zu sehen und die Bitten<br \/>\nzu h\u00f6ren, mit denen Gott dazwischen kommt und mitgeht.<\/p>\n<p>\u0084Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Br\u00fcdern,<br \/>\ndas habt ihr mir getan.\u0093<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, Gott, der sich uns gibt in einem Kinde, kommt dazwischen<br \/>\nin unseren Plan hinein, und die Bitte des Kindes erinnert an den Freiraum \u0084Ihr<br \/>\nd\u00fcrft leben!\u0093 Menschen planen auch Tod, sie verwerfen auch Kinder,<br \/>\ndie sie nicht annehmen wollen und k\u00f6nnen. Aber Gott will Leben.<br \/>\nEr nimmt ein jedes Kind, einen jeden Menschen an: \u0084Ihr d\u00fcrft leben!\u0093 Sein<br \/>\nGnadenjahr ist der wunderbare Freiraum, in dem wir angenommen sind und<br \/>\nmachtvoll ver\u00e4ndert werden, so dass wir annehmen k\u00f6nnen, wo<br \/>\nwir vorher keine M\u00f6glichkeit sahen.<\/p>\n<p>Die Bitte des Kindes in der Krippe erinnert an den Freiraum f\u00fcr<br \/>\ndie, die darum nicht k\u00e4mpfen k\u00f6nnen, noch nicht und nicht mehr,<br \/>\nund an den Freiraum, den wir selbst brauchen, eine jede und ein jeder<br \/>\nvon uns, den Freiraum, aus dem wir alle mit unsrem Planen sch\u00f6pfen<br \/>\nund aus dem eine Gesellschaft ihre Menschlichkeit sch\u00f6pft. Gott<br \/>\nschenkt uns diesen Freiraum schon zuvor.<\/p>\n<p>Stellen wir uns einmal ein Leben vor, indem nichts dazwischen kommt,<br \/>\nsondern alles nur nach unserem Plan abl\u00e4uft. Wir selbst unser Plan,<br \/>\nvom ersten bis zum letzten Tag, ma\u00dfgeschneidert, das \u00f6konomische<br \/>\nSoll und vielleicht auch das Gl\u00fccksplansoll erf\u00fcllend und schlie\u00dflich<br \/>\nin letzter Entscheidung dem Lebensplan seinen Endzeitpunkt setzend, indem<br \/>\nwir Schluss machen. Ist das nicht zu wenig? Jedenfalls ist das lieblos<br \/>\nund langweilig, unendlich langweilig wie S\u00fcnde, weil nichts dazwischen<br \/>\nkommen kann, wo Menschen sich nichts schenken lassen.<\/p>\n<p>Da k\u00f6nnen dann wahrhaftig nur noch Schicksalsschl\u00e4ge dazwischen<br \/>\nkommen. Sie kommen hart und unvermittelt. Der Dichter spricht davon:<\/p>\n<p>Es schwinden, es fallen<br \/>\ndie leidenden Menschen<br \/>\nblindlings von einer<br \/>\nStunde zur andren,<br \/>\nwie Wasser von Klippe<br \/>\nzu Klippe geworfen<br \/>\nJahr lang ins Ungewisse hinab.<\/p>\n<p>Zwischen verplantem Leben und Schicksalsgeworfenheit kommt Gott und<br \/>\nbittet in Gestalt eines Kindes um Zeit und Raum bei uns. Dass die Freizeiten<br \/>\nbleiben, die Ruhe- und Festzeiten und die Sonntage, denn aus ihnen sch\u00f6pfen<br \/>\nMenschen Rhythmus, Erholung und Aufatmen, und dass immer wieder die Zeit<br \/>\nbleibt, in der Menschen mit all ihrem Planen aufeinander zugehen und<br \/>\naneinander denken. Denn von daher kommen und leben wir, dass zuvor schon<br \/>\njemand liebevoll an uns gedacht hat und sich Zeit f\u00fcr uns genommen<br \/>\nhat. Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? Gott hat Zeit f\u00fcr<br \/>\nuns in seinem Plan, seinem f\u00fcrsorglichen Gedenken, f\u00fcr ein<br \/>\nfreundliches Wort, ein Wort, das die Angst nimmt und die Verschlossenheit \u00fcberwindet.<\/p>\n<p>Zwischen verplantem Leben und Schicksalsgeworfenheit kommt Gott dazwischen<br \/>\nund bittet in Gestalt eines Kindes, dass das Recht auf Leben bleibt ohne<br \/>\ndrohendes Wenn und Aber, damit niemand in die Enge getrieben wird, weil<br \/>\ner sich f\u00fcr sein Dasein rechtfertigen muss, hier in Leipzig, in<br \/>\nDeutschland und an allen Orten der bewohnten Erde. Gott kommt dazwischen<br \/>\nund bittet f\u00fcr einen jeden Menschen.<\/p>\n<p>Und die Schicksalsschl\u00e4ge? Wenn nur nichts dazwischen kommt \u0096 so<br \/>\nGott will. Liebe Gemeinde, wir wissen, dass der Weg von der Krippe zum<br \/>\nKreuz gef\u00fchrt hat. Der als Kind dazwischen kam, wurde ans Kreuz<br \/>\ngeschlagen. Wir k\u00f6nnen daran erkennen, dass der Gott, der uns durch<br \/>\ndas neue Jahr 2004 geleiten will, kein ferner allm\u00e4chtiger Weltenlenker<br \/>\nist, sondern der, dessen Allmacht Hingabe ist. So kommt Gott dazwischen,<br \/>\nindem er sich gibt aus Liebe. So ist er nahe. So entstehen wohl Raum<br \/>\nund Zeit und neue Lebensm\u00f6glichkeiten, wie Liebende einander Raum<br \/>\nund Zeit geben, weil sie sich an einander verschwenden.<\/p>\n<p>Aber die Wirklichkeit ist doch ganz anders, mag man angstvoll sagen,<br \/>\nda ist doch Tod und Gewalt und Machtmissbrauch und Leiden, das einem<br \/>\nmitunter zu schwer ist. So Gott will?<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, wie viel gr\u00f6\u00dfer ist die M\u00f6glichkeit<br \/>\nder Liebe gegen\u00fcber Hass, Tod und Gewalt! Das Kreuz steht als Zeichen<br \/>\ndes Mitleidens und der Bitte an allen St\u00e4tten der Gewalt und als<br \/>\nHoffnungszeichen f\u00fcr alle Opfer und f\u00fcr alle Leidenden. Die<br \/>\nLiebe wird nicht zu Schanden werden. Und wo uns im Neuen Jahr Schl\u00e4ge<br \/>\ntreffen, Schicksalsschl\u00e4ge, wie man so sagt, sind wir ihnen nicht<br \/>\nallein ausgesetzt und verloren. Der, dessen Weg von der Krippe zum Kreuz<br \/>\nf\u00fchrt und wunderbar zum Ostermorgen, steht auch neben uns und zwischen<br \/>\nuns und jedem Schicksalsschlag. Er geht mit, neben uns. Es ist, als ob<br \/>\ner die Schl\u00e4ge tr\u00e4gt, damit wir Freiraum haben. Denn, der die<br \/>\nZeit in H\u00e4nden hat, wandelt sie und alle Last und alles Leid in<br \/>\nSegen. So wird Schicksal zu gn\u00e4diger F\u00fchrung. Amen.<\/p>\n<p>Der Friede Gottes, welcher h\u00f6her ist als alle Vernunft, bewahre<br \/>\neure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Gunda Schneider<br \/>\nElsterstra\u00dfe 40<br \/>\n04109 Leipzig<br \/>\n<a href=\"mailto:gdrschn@attglobal.net\">gdrschn@attglobal.net <\/a><\/strong><\/p>\n<p align=\"left\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>( Nikolaikirche in Leipzig) \u0084Wenn nichts dazwischen kommt.\u0093 Liebe Gemeinde, so hat es wohl bei dem Planen und der Vorschau f\u00fcr das Neue Jahr 2004 oft gehei\u00dfen, deutlich ausgesprochen oder nur in Gedanken, im Stillen. \u0084Wenn nichts dazwischen kommt\u0093, so sagen wir, wenn wir etwas planen, eine Verabredung, ein Treffen, ein gr\u00f6\u00dferes Unternehmen oder eben [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":8543,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[60,122,1,727,157,114,121,1190,945,349,3,550,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-9737","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jakobus","category-adv_weihn_neujahr","category-aktuelle","category-archiv","category-beitragende","category-deut","category-festtage","category-gunda-schneider-flume","category-kapitel-04-chapter-04-jakobus","category-kasus","category-nt","category-neujahrstag","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9737"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":14311,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737\/revisions\/14311"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8543"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9737"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=9737"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=9737"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=9737"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=9737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}