{"id":9740,"date":"2004-01-07T19:49:35","date_gmt":"2004-01-07T18:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9740"},"modified":"2025-06-28T10:44:17","modified_gmt":"2025-06-28T08:44:17","slug":"1-johannes-5-11-13-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-johannes-5-11-13-2\/","title":{"rendered":"1. Johannes 5, 11-13"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">2. Sonntag nach dem Christfest, 4. Januar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcbe<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">r 1. Johannes 5, 11-13, verfa\u00dft von Detlef Reichert <\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>der Gottesdienst zum Jahreswechsel liegt hinter uns, &#8211; R\u00fcckblick,\u00a0Dankbares, erinnerte Abschiede, &#8211; leises Herantasten an Erwartungen und Hoffnungen, verbunden auch mit der Hoffnung, in der wir glauben. Ein Teil von Stille ist es immer noch, die in diesen Tagen mitgeht. Das volle gewohnte Tempo hat uns noch nicht erreicht. Wenn es im Markusevangelium heisst &#8211; die Jahreslosung, wie wir sie am Mittwoch geh\u00f6rt haben &#8211; \u0084Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen\u0093, &#8211; dann nimmt das viel davon auf mit dem Blick auf Vergehendes und der Gewi\u00dfheit unverg\u00e4nglicher Zukunft. Und dass da etwas nicht vergeht, ewig ist, das f\u00fcgt sich in solche Gedanken, &#8211; ist nicht, nicht so schnell, widerst\u00e4ndig, weil es scheinbar zu erlebter Wirklichkeit und Gegenwart nicht im Widerspruch steht, -weil es seine Worte sind und nicht unser Tun, &#8211; seine Worte und nicht unser menschen-oder naturbewirktes Erleben.<\/p>\n<p>Die Nachrichten und Bilder der Erdbebenkatastrophe im Iran, Tod und Leid der Menschen in Bam, niemanden l\u00e4sst das unber\u00fchrt, &#8211; die milit\u00e4rischen Dauermeldungen, wir nehmen sie hin, auch wenn wir uns nicht an sie gew\u00f6hnen, &#8211; und doch: Eine direktes unaufl\u00f6sbares Gegeneinander zur Jahreslosung ist dies auf der Gedanken- und Gef\u00fchlsebene noch nicht. Das Nicht-Vergehen, die Ewigkeit, von der die Jahreslosung redet, scheint so stark an ihn gebunden und unserem Tun entzogen, dass vertr\u00e4glich scheint, was im Kern so auseinanderklafft.<\/p>\n<p>Der Predigttext aus dem 1. Johannesbrief f\u00fcr diesen zweiten Sonntag nach Weihnachten, die Verse 11-13 im 5. Kapitel, stellt die Frage sch\u00e4rfer. Und, liebe Gemeinde, auch dies ist zu Jahresbeginn ja nicht schlecht, in dem allgemeinen Innehalten auch nach dem Zueinander der Ebenen zu fragen, in denen wir leben, &#8211; wie sich Realit\u00e4t, gestaltete und erlittene Wirklichkeit, verh\u00e4lt und vertr\u00e4gt mit dem, was und wie ich glaube, was mich in meinem Leben tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Also erster Johannesbrief: \u0084Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und solches Leben ist in seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht. Solches habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, auf dass ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt.\u0093<\/p>\n<p>In diesen Worten gibt es keine freundlich helfende Distanz f\u00fcr die Zuordnung von Wirklichkeit und ewigem Leben. Ewiges Leben habt ihr, haben wir &#8211; wie?<\/p>\n<p>Die von den Versworten f\u00fcr sich her scheinbar schnelle zuordnende und ausschlie\u00dfende Antwort &#8211; \u0084wer Jesus hat, hat ewiges Leben, &#8211; wer Jesus nicht hat, hat ewiges Leben nicht\u0093 &#8211; lasse ich getrost beiseite. Kein einzelnes Wort und kein einzelner Vers steht f\u00fcr sich. Ein wenig weiter m\u00fcssen wir schon. Und das lassen Sie uns genauso getrost tun.<\/p>\n<p>Wie geh\u00f6rt unser ewiges Leben zur Ewigkeit Gottes, denn darum geht es? Dass Ewigkeit zu Gott geh\u00f6rt, glauben wir gern, akzeptieren es als Axiom, lassen es, wo wir \u00fcberhaupt von Gott reden, mit ihm rechnen, gelten. Dass alles, was uns umgibt, und wir selbst seinen Anfang hat und sein Ende, das wissen wir. Ob es Sekunden sind oder Jahrmillionen, ohne Anfang und ohne Ende ist nichts. Unsere Lebenserwartung mag weiter ansteigen wie in den vergangenen Jahrzehnten. Die Kunst, den Tod zu \u00fcberlisten, wird sicher noch viel gr\u00f6\u00dfere Fortschritte machen, als wir sie uns selbst vorstellen k\u00f6nnen, &#8211; im Gleichschritt im \u00fcbrigen vermutlich mit der Kunst, dem Tod pl\u00f6tzlich Massenernten zu liefern. Die zunehmende F\u00e4higkeit, Tod und Leben zu manipulieren und zu speichern, wird deren Grenzen zueinander verschieben. Nur aufheben wird sie den Tod nicht und wird das Leben nicht zu einem ewigen, einem ohne Ende hier werden lassen. Leben bleibt Leben auf Zeit und darum auf den Tod hin.<\/p>\n<p>So wie wir Wissenschaft und Technik miterleben und -hilfreich oft genug zum Gl\u00fcck auch an uns selbst- erleben, sehen wir vieles, was zum Leben geh\u00f6rt, sch\u00e4rfer als Menschen fr\u00fcher.<\/p>\n<p>S i e hatten, wenn sie vom ewigen Leben redeten, den realen Tod hart vor Augen, weil er sie t\u00e4glicher und direkter begleitete als uns. Und doch konnten sie sich im Widerspruch gegen den Tod ein Leben ohne Tod denken. W i r dagegen sind gew\u00f6hnt und trainiert, Leben und Tod als biologische Phaenomene zu nehmen. Leben und Tod sind darin ein Prozess, ein Ablauf, untrennbar voneinander. Ewiges Leben scheint dem gegen\u00fcber ein Widerspruch, unaufl\u00f6sbar. Wir k\u00f6nnen uns kein Leben vorstellen, zu dem nicht Ver\u00e4nderung, Bewegung, Mangel und Unvollkommenes geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>D i e vor uns wussten, dass es Bilder sind, wenn geredet und geschrieben wurde und bekannt wird vom \u0084ewigen Leben\u0093 als einem paradiesischen Leben, einem Freudenmahl, einem Lobpreis des Himmels, einem Schauen der Herrlichkeit Gottes. Aber es waren f\u00fcr sie Bilder, die voll waren und ges\u00e4ttigt von Leben, &#8211; Leben satt. U n s ist die Spanne zwischen Bildern und Wirklichkeit ungeheuer gro\u00df geworden. So gro\u00df, dass die Wirklichkeit die Bilder aufzufresen droht und droht, sie unanwendbar zu machen daf\u00fcr, mit ihnen vom ewigen Leben zu reden.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen deswegen einfach noch einmal nachfragen danach, wie wir von Ewigkeit reden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, Ewigkeit ist ein Gegensatz zur Zeit. Das ist wahr. Immer. Aber wie? So, dass jede Begrenzung der Zeit durchgestrichen und aufgehoben w\u00e4re? So reden wir ja auch sonst im Alltag von Ewigkeit nicht. Wenn wir nur ein bischen l\u00e4nger als gewohnt irgendwo warten m\u00fcssen und nicht genau wissen, wie lange wird es noch dauern, wie schnell sagen wir dann: Das dauert je eine Ewigkeit. Oder wir reden von ewigen Wahrheiten und meinen damit ganz einfach eine allgemeine Richtigkeit, die niemand bestreitet; die Summe der drei Winkel in einem Dreieck betr\u00e4gt nun einmal 180 Grad; Diskussion dar\u00fcber ist nicht sinnvoll. Irgendwie und meist ungenau h\u00e4ngen Zeit und Ewigkeit hier zusammen und sind nicht un\u00fcberbr\u00fcckbar voneinander getrennt.<\/p>\n<p>Wenn wir in der Bibel von dem lebendigen Gott als dem ewigen lesen, so sind auch da Zeit und Ewigkeit nicht getrennt, und die Zeit ist schon gar nicht gleichg\u00fcltig dabei. Zeit ist eben nicht nur etwas, das ich mit der Uhr messen kann. Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt das zu ihr. Aber sie ist mehr als nur eine Ma\u00dfeinheit aus dem Physikunterricht in der Schule. Zeit ist f\u00fcr uns immer etwas, zu dem wir in einem Verh\u00e4ltnis stehen, &#8211; sei es unter Zeitnot, unter Zeitdruck oder gerade in einer unendlich sch\u00f6nen Zeitspanne. Pflanzen und Tiere sind der Zeit gegen\u00fcber ohne Distanz, wir Menschen nicht. Wir sind uns der Zeit bewu\u00dft, &#8211; wir h\u00e4ngen ihr nach, laufen ihr voraus und ganz selten sind wir genau und gerade mit ihr in \u00dcbereinstimmung. Wir denken an sie, planen, plagen uns mit ihr. Ob wir aus Tatendrang und Lebensgier nie genug von ihr haben oder sie aus Langeweile totschlagen, weil wir nun gerade wieder nichts mit ihr anfangen k\u00f6nnen, meist leben wir mit unserer Zeit im Zwiespalt &#8211; und damit mit uns selbst.<\/p>\n<p>Mehr als alles andere um uns herum sind wir durch die Zeit bestimmt und von ihr. Alles was wirklich und nur zu uns geh\u00f6rt &#8211; Vernunft, Sprache, Gewissen &#8211; h\u00e4ngt mit dem zusammen, wie wir mit unserer Zeit zusammengeh\u00f6ren. Und deswegen, denn das wissen wir sehr genau, deswegen wollen wir auch so unbedingt Herr unserer Zeit sein, &#8211; und sind ihr damit um so mehr unterworfen und von ihr abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Das ist der Angelpunkt von Zeit und Ewigkeit. Gott ist der Herr der Zeit, nicht wir. Darin ist Gott ewig mit der uneingeschr\u00e4nkten Zeitvollmacht, mit der unbeschr\u00e4nkten Freiheit, Zeit zu gew\u00e4hren und sie zu begrenzen. Ewigkeit und Zeit l\u00f6sen einander nicht ab und fallen nicht getrennt auseinander. Gott h\u00e4lt sie f\u00fcr uns beieinander, sie sind bei ihm zusammen: Wie Sch\u00f6pfer und Sch\u00f6pfung, so geh\u00f6ren in Gott Ewigkeit und Zeit zusammen.<\/p>\n<p>Das macht ihn aus, und dann auch uns<\/p>\n<p>Ewiges Leben hat erst einmal Gott allein. So wie wir an ihn glauben -als Geist und als Liebe- , darin wird klar, warum `ewig\u00b4 und `Leben\u00b4, warum ewiges Leben, kein Widerspruch ist. Der Geist, der lebendig macht und die Liebe, die nicht aufh\u00f6rt, sie lassen es nicht zu, dass man den Glauben an den Sch\u00f6pfer zu einer Theorie dar\u00fcber macht, wie Zeit, Welt und Leben entstanden sind, &#8211; eine Theorie, die wir dann nicht mehr in \u00dcbereinstimmung bringen mit dem, was wir naturwissenschaftlich wissen.<\/p>\n<p>Geist und Liebe weisen auf das Leben hin. Darauf kommt es an, &#8211; das ist es, was uns heil sein liesse, wenn wir es h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wie hatte der Johannesbrief -unser Predigttext, von dem ich jetzt scheinbar die ganze Zeit nicht geredet habe- ,wie hatte er gesagt? \u0084Ihr habt das Leben\u0093&#8230;<\/p>\n<p>Gott hat das ewige Leben. Der Mensch hat es nicht in sich und nicht aus sich, &#8211; er hat es verheissen bekommen. Nicht mehr, aber das. Unser Heil steht nicht bei uns. Darin besteht es, dass wir uns loslassen und uns ihm \u00fcberlassen, der Geist und Liebe ist und sie uns verhei\u00dft, eben in Jesus Christus, in dem er &#8211; Weihnachten haben wir noch im Ohr und vor Augen &#8211; Mensch geworden ist f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Darum ist das eigentliche Gegen\u00fcber, um das es geht, wenn ich ewiges Leben verstehen will, &#8211; darum ist sein eigentliches Gegen\u00fcber auch nicht der Tod, der mein Leben hier in der Zeit beendet. Sondern es ist dieses Leben hier, wo ich meine Zeit lebe.<\/p>\n<p>Wo ich an ewiges Leben glaube, widerspreche ich jedem Leben, das sich in sich selbst verkrallt und sich haben will durch Genuss, durch Leistung, durch Sorge, durch Zerstreuung. Alles das bringt mich vom Tod nicht weg, sondern es treibt mich vielmehr zu ihm hin und verleiht ihm Macht \u00fcber mich. Deswegen ist Glaube an ein ewiges Leben auch kein Spiel meiner Einbildungskraft, damit ich den Tod, vor dem ich stehe, verharmlosen und ertragen k\u00f6nnte, &#8211; sondern Glaube an das ewige Leben heisst, ernstmachen mit Gott, der der Herr unseres Lebens ist.<\/p>\n<p>Wie stand es im ersten Johannesbrief : \u0084Wer den Sohn hat -und ich lese das wie:`Wessen Herr der Sohn ist\u00b4- ,der hat das ewige Leben\u0093.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das so \u0084umlesen\u0093, k\u00f6nnen es so verstehen, weil es das ist, was den ersten Christen aufgegangen ist an Jesus, und den sie darum -Gott zur Ehre- als Herren \u00fcber Tod und Leben bekennen. So, wie wir es tun, in jedem Gottesdienst, in jedem Glaubensbekenntnis, immer, wenn wir sein Gebet sprechen miteinander.<\/p>\n<p>Ewiges Leben ist nicht Ersatz und Fortsetzung dieses Lebens nach dem Tod, &#8211; nicht jene Vorstellung, die wir so schlecht ineinanderbekommen mit unserem Leben in unserer Welt, &#8211; ewiges Leben ist die \u00dcberwindung und Erf\u00fcllung dieses Lebens durch den Tod hindurch. Es ist ein anderes Leben als das, das nur den Tod vor sich hat. Zu ihm geh\u00f6rt &#8211; gebunden an Jesus Christus &#8211; Weihnachten wie das Kreuz. Und darum ist dies das Leben, an dem wir schon Anteil haben durch den Glauben an ihn..<\/p>\n<p>Noch einmal der Predigttext: \u0084Solches habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, auf dass ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt\u0093 &#8211; und jetzt wieder \u0084umgelesen\u0093 und so verstanden: `Dass ihr ewiges Leben auch schon jetzt hier habt\u00b4.<\/p>\n<p>Das ist wahr. Fr\u00fcher war er anschaulicher, der \u0084Ort des ewigen Lebens\u0093 , -im Himmel \u00fcber uns und in der Zeit vor uns. Aber so geh\u00f6rt er nicht zum Glauben, auch wenn er als Bild fr\u00fcher vielen geholfen hat. Wir haben es nicht ganz so leicht, aber auch nicht weniger wirklich mit ewigem Leben.<\/p>\n<p>Nicht wie wir Raum und Zeit kennen und uns darin erleben, macht ewiges Leben aus. Es ist unanschaulicher geworden f\u00fcr uns, zugleich aber auch viel deutlicher: Es ist bezogen auf die Erfahrung, in der es in unserem Leben seinen Ort hat,- eben Leben hier schon will. So wie Gottes Geist und seine Liebe Liebe hier will im Leben zum Leben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Superintendent Dr. Detlef Reichert<br \/>\nG\u00fctersloh<br \/>\n<a href=\"mailto:SuperintendentGT@aol.com\">SuperintendentGT@aol.com<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach dem Christfest, 4. Januar 2004 Predigt \u00fcber 1. 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