{"id":9743,"date":"2004-01-07T19:49:32","date_gmt":"2004-01-07T18:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9743"},"modified":"2025-06-28T10:46:43","modified_gmt":"2025-06-28T08:46:43","slug":"mission-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mission-heute\/","title":{"rendered":"Epheser 3, 2-3a.5-6"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p align=\"center\">I<\/p>\n<p>Eigentlich will jeder irgendwo dazu geh\u00f6ren. Sp\u00e4testens in<br \/>\nder Schulklasse f\u00e4ngt das an. Und wehe, wenn du nicht dazu geh\u00f6rst.<br \/>\nWehe, wenn du drau\u00dfen bist, anders bist als die anderen. Wehe,<br \/>\nwenn du die falschen Klamotten tr\u00e4gst, Mathe gerne machst oder dich<br \/>\nnicht f\u00fcr den S\u00e4nger interessierst, der gerade \u0084in\u0093 ist. Du<br \/>\nbist nicht nur einsam, wenn du nicht dazu geh\u00f6rst, sondern wom\u00f6glich<br \/>\nhacken auch noch alle auf dir herum.<\/p>\n<p>Als Erwachsene sind wir misstrauisch geworden gegen solche Vorg\u00e4nge.<br \/>\nWir wissen, wie leicht der Wunsch, dazu zu geh\u00f6ren, ausgenutzt werden<br \/>\nkann, um Menschen zu manipulieren, abh\u00e4ngig zu machen, f\u00fcr<br \/>\nZwecke zu benutzen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Wir sind misstrauisch<br \/>\ngeworden gegen die Werbung, die aus dem Wunsch dazu zu geh\u00f6ren,<br \/>\nnur Marktvorteile ziehen m\u00f6chte. Wir sind misstrauisch gegen Politiker,<br \/>\ndie sich die Massen gef\u00fcgig machen wollen, indem sie ihnen suggerieren,<br \/>\nsie geh\u00f6rten dazu, w\u00e4hrend andere die B\u00f6sen seien, alle<br \/>\nSchuld tr\u00fcgen, sich drau\u00dfen bef\u00e4nden, zu verachten und<br \/>\nzu bek\u00e4mpfen seien.<\/p>\n<p>Und doch brauchen wir alle das, dass wir dazu geh\u00f6ren. Dazu geh\u00f6ren<br \/>\nzu einer Familie, zu einer Gruppe von Freunden, zu einem Betrieb, zu<br \/>\neinem Verein, vielleicht auch zur Kirche. Vielfach wollen die Menschen<br \/>\nauch zu einem Land geh\u00f6ren, zu einem Volk mit seinen Traditionen;<br \/>\nsie wollen wissen: hier ist mein Platz, hier bin ich zu Hause, hier geh\u00f6re<br \/>\nich hin.<\/p>\n<p align=\"center\">II<\/p>\n<p>Zur Zeit des Paulus fiel f\u00fcr viele Menschen die Zugeh\u00f6rigkeit<br \/>\nzu einem Volk, zu einem Land und zu einem Gott zusammen. Das war das<br \/>\nNormale: jedes Volk hat seinen Gott oder seine G\u00f6tter. Die Menschen<br \/>\nlebten in einem festen Gef\u00fcge aus Religion und Brauchtum, jeder<br \/>\ngeh\u00f6rte zu einer eigenen kleinen Welt. Auf der anderen Seite hatte<br \/>\ndas riesige R\u00f6mische Reich diese kleinen Welten auch aufgesprengt.<br \/>\nViele Menschen waren entwurzelt und wussten gar nicht mehr so genau,<br \/>\nwo sie hin geh\u00f6rten. Da kamen neue Religionen auf, die auch und<br \/>\ngerade denen Zugeh\u00f6rigkeit boten, die entwurzelt waren. F\u00fcr<br \/>\ndie sogenannten Mysterienreligionen musste man nicht einem bestimmten<br \/>\nVolk angeh\u00f6ren. Diese Religionen zelebrierten gerade das Dazugeh\u00f6ren<br \/>\nganz besonders. Denn sie waren als Geheimkulte organisiert. Nur wer sich<br \/>\neinem Einweihungsritus unterzogen hatte, geh\u00f6rte dazu. Und nur wer<br \/>\ndazu geh\u00f6rte, durfte wissen, was drinnen geschah, was der Glaube<br \/>\nwar, welche Geheimnisse den Eingeweihten offenbart wurden. Wer aber dazu<br \/>\ngeh\u00f6rte, wer in die Geheimnisse eingeweiht war, der war geborgen,<br \/>\ndessen Leben hatte wieder Sinn; er war nicht mehr der Entwurzelung ausgeliefert.<\/p>\n<p>So lebten die ersten Christen in einer Umwelt, in der es den Menschen<br \/>\nselbstverst\u00e4ndlich schien, zu einem Volk und dessen G\u00f6ttern<br \/>\nzu geh\u00f6ren, in der aber zugleich viele Leute ihre Wurzeln verloren<br \/>\nhatten und auf der Suche nach neuen Zugeh\u00f6rigkeiten waren.<\/p>\n<p>In diese Welt hinein verk\u00fcndigte der Apostel Paulus etwas ganz<br \/>\nNeues: den freien Zugang zu Gott f\u00fcr alle; die \u00d6ffnung des<br \/>\nGeheimnisses Gottes; die M\u00f6glichkeit auch f\u00fcr die Heiden, zu<br \/>\ndem Gott Israels zu geh\u00f6ren. Denn dieser Gott Israels ist der Gott<br \/>\nder ganzen Welt. Im Geheimnis von Kreuz und Auferstehung Jesu hat er<br \/>\nsich f\u00fcr alle offenbart. Nun gibt es Zugeh\u00f6rigkeit und Sinn<br \/>\nauch f\u00fcr die Entwurzelten und Verlassenen. Sie brauchen weder zum<br \/>\nVolk Israel zu geh\u00f6ren noch zu irgendeinem anderen auserw\u00e4hlten<br \/>\nVolk. Und sie brauchen sich auch nicht auf obskure Geheimniskr\u00e4merei<br \/>\nund esoterische Cl\u00fcbchen einzulassen. Durch die freie Gnade Gottes<br \/>\nk\u00f6nnen sie zur Familie Gottes geh\u00f6ren.<\/p>\n<p align=\"center\">III<\/p>\n<p>Wir feiern heute Epiphanias, die Erscheinung Jesu Christi vor aller<br \/>\nWelt. Dabei gedenken wir dankbar der \u00d6ffnung des Evangeliums, der<br \/>\nfrohen Botschaft auch f\u00fcr die Nichtjuden: sonst w\u00e4ren wir selbst<br \/>\nnicht dabei und die Jesusbewegung w\u00e4re wohl eine Randerscheinung<br \/>\nim R\u00f6mischen Reiche geblieben.<\/p>\n<p>Wegen dieser \u00d6ffnung geh\u00f6rt zu Epiphanias auch der Gedanke<br \/>\nan die Mission dazu. Mit Mission allerdings haben wir in unserer Welt<br \/>\nso manche Probleme. K\u00f6nnen wir denn sagen, dass unser Glaube f\u00fcr<br \/>\nMenschen, die in einer ganz anderen Lebenswelt sind als wir, das Richtige<br \/>\nist? Stimmt denn der Anspruch, dass in Jesus das Heil f\u00fcr die ganze<br \/>\nWelt da ist? Haben nicht die Christen viel zu engstirnig gemeint, der<br \/>\nWelt ihren Glauben und ihre Lebensweise aufzwingen zu m\u00fcssen, notfalls<br \/>\nsogar mit Gewalt? Mancher meint sogar, dass die Leute viel besser daran<br \/>\nw\u00e4ren, h\u00e4tte man sie ihrer eigenen Religion \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Der Epheserbrief wirft auf die Mission ein v\u00f6llig anderes Licht,<br \/>\ner l\u00e4sst uns einmal die Perspektive wechseln und die Sache von einer<br \/>\nganz anderen Seite sehen. Paulus n\u00e4mlich musste sich zur Wehr setzen<br \/>\ngegen diejenigen, die das Christentum gern f\u00fcr sich behalten wollten.<br \/>\nEs reicht doch, wenn der Erl\u00f6ser zu Gottes Volk Israel kommt, meinten<br \/>\nsie. Und wenn jemand Anteil haben will am Heil, dann muss er erst einmal<br \/>\nin dieses Volk aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Dagegen leiht sich der Epheserbrief die Sprache der Mysterienreligionen.<br \/>\nZu Gott kann jeder kommen, der sich auf das Geheimnis Gottes einl\u00e4sst.<br \/>\nDas Heil ist nicht beschr\u00e4nkt auf ein bestimmtes Volk und einen<br \/>\nbestimmten Winkel der Erde.<\/p>\n<p>Vielmehr ist durch Paulus das Geheimnis Gottes offenbar geworden, und<br \/>\ndie Nichtjuden sind nicht mehr vom Heil ausgeschlossen, sie geh\u00f6ren<br \/>\ndurch Jesus Christus jetzt zur Familie Gottes, sind Miterben der Gnade<br \/>\nGottes, ja sie geh\u00f6ren zum Leib Christi dazu, sind in die engste<br \/>\nGottesbeziehung aufgenommen. Das klingt so \u00e4hnlich wie das, was<br \/>\ndie Mysterienkulte zu bieten hatten. Zugleich ist aber auch die \u00c4hnlichkeit<br \/>\nmit diesen Kulten schon wieder aufgehoben. Denn die \u00d6ffnung geht<br \/>\nso weit, dass eben nicht nur ein kleines H\u00e4uflein Eingeweihter dazu<br \/>\ngeh\u00f6rt, sondern das Heil wird \u00f6ffentlich aller Welt verk\u00fcndet.<\/p>\n<p align=\"center\">IV<\/p>\n<p>Mission also einmal anders: als \u00d6ffnung verschlossener T\u00fcren<br \/>\nf\u00fcr die, die drau\u00dfen sind; als Einladung in die Familie Gottes;<br \/>\nals Aufhebung des exklusiven Gehabes. Wer auf der Suche ist nach Zugeh\u00f6rigkeit:<br \/>\nhier kann er sie finden. Wer sich sehnt nach der Geborgenheit einer Gruppe<br \/>\nund der Sicherheit zu wissen: da geh\u00f6re ich hin, der ist hier eingeladen.<\/p>\n<p>Hat aber nicht die Kirche wie so mancher Politiker die fatale Tendenz,<br \/>\ndie Welt einzuteilen in drinnen und drau\u00dfen, in Gute und B\u00f6se,<br \/>\nin Schwarz und Wei\u00df? Da liegt dann auch die Gefahr nicht fern,<br \/>\ndie Menschen \u0084drinnen\u0093 zu manipulieren und f\u00fcr die eigenen Zwecke<br \/>\nzu missbrauchen. Wir k\u00f6nnen uns von solchen Tendenzen wohl kaum<br \/>\nfreisprechen.<\/p>\n<p>Gerade deshalb aber ist Mission f\u00fcr die Kirche so wichtig: dass<br \/>\nsie offen bleibt und einl\u00e4dt und nicht zumacht und alle drau\u00dfen<br \/>\nverteufelt. Aus dem Epheserbrief wird dabei deutlich: Wahre Mission ist<br \/>\nnicht kirchlicher Aktionismus, sondern im Tiefsten Aktivit\u00e4t Gottes.<br \/>\nPaulus wurde nicht aus eigenem Antrieb zum Apostel und Missionar. Es<br \/>\nwar nicht sein \u00fcberragendes Wissen, das ihn predigen lie\u00df.<br \/>\nEr hatte kein unstillbares Fernweh, das ihn zu den Heiden trieb. Sondern<br \/>\nes war Gottes Offenbarung, die ihn bewegte, zum Diener Jesu Christi zu<br \/>\nwerden. Und diejenigen, denen er das Evangelium predigte, wurden zu Miterben<br \/>\nder Verhei\u00dfung, weil Gott sie zu Miterben machte und nicht sie<br \/>\nselbst sich dazu aufschwangen.<\/p>\n<p align=\"center\">V<\/p>\n<p>Wir hatten zu Anfang gesagt: Eigentlich will jeder irgendwo dazu geh\u00f6ren.<br \/>\nUnd schlimm ist es, drau\u00dfen zu sein und Au\u00dfenseiter. Was<br \/>\nf\u00fcr eine frohe Botschaft zu Epiphanias: ihr geh\u00f6rt zum Leib<br \/>\nChristi dazu, und Gott selbst hat sein Heil ge\u00f6ffnet f\u00fcr alle!<\/p>\n<p align=\"left\"><strong> <strong>Prof. Dr. Jorg Christian Salzmann<br \/>\nLutherische Theologische Hochschule Oberursel<br \/>\n<\/strong> <a href=\"mailto:dr.jchr@jmsalzmann.de\">dr.jchr@jmsalzmann.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I Eigentlich will jeder irgendwo dazu geh\u00f6ren. Sp\u00e4testens in der Schulklasse f\u00e4ngt das an. Und wehe, wenn du nicht dazu geh\u00f6rst. 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