{"id":9755,"date":"2004-01-07T19:49:32","date_gmt":"2004-01-07T18:49:32","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9755"},"modified":"2025-06-28T13:10:42","modified_gmt":"2025-06-28T11:10:42","slug":"roemer-12-4-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-12-4-16\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 12, 4-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>das Bild vom Leib und den Gliedern als Bild f\u00fcr die christliche Gemeinde ist uns allen wahrscheinlich gel\u00e4ufig. Paulus benutzt es nicht nur hier, sondern auch im Korintherbrief . Es scheint ihm ein ganz wichtiges Bild zu sein. Und wir selbst haben uns daran auch gew\u00f6hnt, dass es immer dann zur Sprache kommt, wenn es um das Zusammenleben in der Gemeinde geht oder wenn jemand eine neue Aufgabe in der Gemeinde \u00fcbernimmt. Jeder ist ein Glied in einem gro\u00dfen Ganzen, getragen durch den Glauben an Jesus Christus. Also: alles klar, wir k\u00f6nnen weitermachen.<\/p>\n<p>Aber so einfach ist das, denke ich, nicht. Sehen wir uns doch mal unsere Gemeinden an. Sind unsere Gemeinden denn wirklich so, dass wir f\u00fcreinander da sind? Dass wir im Frieden miteinander leben?<\/p>\n<p>Ich habe es viel eher erlebt, dass es da immer wieder zu Unstimmigkeiten kam. Das fing oft bei Kleinigkeiten an: Warum darf die heute Kaffee kochen? Das war doch sonst immer meine Aufgabe! Immer diese Mutter-und Kind-Gruppen- da liegen auch schon wieder Windeln im M\u00fcll und stinken. K\u00f6nnen die denn nie mal aufr\u00e4umen? Die Konfirmanden sitzen aber auch nie still im Gottesdienst. Die Jugendgruppe ist ja fruchtbar laut- was die da nur wieder machen? Ich denke, Ihnen fallen ganz viele Punkte ein, wo Gemeindegruppen, Gemeindeglieder aneinander Kritik \u00fcben und eben nicht Anteil nehmen.<\/p>\n<p>Und sehen wir uns selbst doch mal an. Sind wir wirklich ganz frei von Neid und k\u00f6nnen uns an den Gaben und F\u00e4higkeiten der anderen wirklich ganz ungetr\u00fcbt freuen? Und verteilen wir unser Lob wirklich gleichm\u00e4\u00dfig oder erkennen wir nicht doch manches h\u00f6her an als anderes? \u0084Der ist doch im Kirchenvorstand\u0093 oder \u0084Die verteilt doch nur den Gemeindebrief\u0093, sind S\u00e4tze, die ich gut kenne und die eben durch kleine W\u00f6rter deutlich machen, dass wir eben nicht alle Glieder f\u00fcr gleich wichtig halten.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem erlebe ich immer wieder, dass in einer Gemeinde eben nicht alle Gaben und F\u00e4higkeiten vorhanden sind. Da gibt es vielleicht ganz viele, die toll handarbeiten k\u00f6nnen. Klasse, eine Gabe, die die Gemeinde gut nutzen kann. Aber es fehlt dann an denen, die die Organisation des Verkaufs \u00fcbernehmen k\u00f6nnen und schon kommen auch die tollen Handarbeiten nicht so recht zur Geltung. Oder: es fehlt an Menschen, die wirklich zuh\u00f6ren k\u00f6nnen und vielleicht mal den einen oder anderen Besuch \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Was machen wir denn, wenn Glieder, wenn Gaben fehlen?<\/p>\n<p>Das alles macht eines deutlich: Paulus zeichnet ein Idealbild. Das Idealbild einer Gemeinde, in der alle Glieder eben so gut zusammenarbeiten wie die K\u00f6rperteile eines K\u00f6rpers.<\/p>\n<p>Das kann ja verschiedene Gr\u00fcnde haben: Entweder es gab wirklich mal so eine ideale Gemeinde oder aber es gab zur Zeit des Paulus schon dieselben Schwierigkeiten wie heute. Wie sah es denn nun aus in Rom, soweit wir das heute wissen? Kurz gesagt: Nicht viel anders als heute bei uns. In der Gesellschaft Roms gibt es unterschiedliche und sich widersprechende Str\u00f6mungen und Moden. Die kulturelle Vielfalt bietet nat\u00fcrlich viele M\u00f6glichkeiten, aber l\u00e4sst auch Konkurrenz zwischen den einzelnen Gruppen entstehen und eine gewisse Beliebigkeit. Fremde Religionen kommen nach Rom, sie werden in privaten Zirkeln au\u00dferhalb des gew\u00f6hnlichen Alltags gelebt. Vom Staat wird gleichzeitig Kaiserverehrung gefordert. Um \u00fcberhaupt eine Einheit zwischen den vielen Str\u00f6mungen zu bekommen, wird die Sprache vereinheitlicht, das Recht wird einheitlich sowie M\u00fcnzen, Ma\u00dfe und Gewichte. Es entsteht der Gedanke eines Weltb\u00fcrgertums. Die Gesellschaft spaltet sich aber in eine Oberschicht, die in unerme\u00dflichem Reichtum und Luxus lebt und eine breite Masse von verarmten Arbeitern und Schuldsklaven.<\/p>\n<p>Also: Vermutlich hatten die Menschen in Rom dieselben Schwierigkeiten wie wir heute. Menschen erleben t\u00e4glich, dass sie austauschbare Nummern oder verk\u00e4ufliche Ware sind, dass sie nicht aufgrund ihrer F\u00e4higkeiten geachtet werden, sondern einzig und allein nach dem Ansehen und der Macht, die sie haben. Sie erleben das wahrscheinlich auch innerhalb der Gemeinde.<\/p>\n<p>Und da stellt Paulus die Frage, was Menschen in der christlichen Gemeinde eigentlich miteinander verbindet. Das Verbindende, und darauf kommt es Paulus vor allem an, das Verbindende ist die Liebe. Die Liebe, mit der Jesus Christus jeden von uns liebt, eben nicht als austauschbare Nummern, sondern durch die jeder einzelne Mensch etwas Besonderes ist. Jeder Einzelne ist unentbehrlich, er oder sie ist in Gottes Augen etwas Besonderes, etwas ganz Tolles, eben ein geliebtes Wesen mit ganz speziellen F\u00e4higkeiten. Damit kann er oder sie dem Nutzen aller dienen, nicht mit seiner Rolle oder Funktion. Wir sollen und d\u00fcrfen uns mit den Augen der Liebe sehen, das ist das, was Paulus m\u00f6chte von einer idealen Gemeinde. Und wer sich mit diesen Augen sieht, der kann dann eben auch gastfreundlich sein, der kann Anteil nehmen aneinander, f\u00fcreinander beten und jeden gleich achten.<\/p>\n<p>Wie geht das nun in der Praxis? Ich denke, das erste, was wir lernen k\u00f6nnen, ist uns gegenseitig wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Ich war jahrelang Pastorin auf einem Dorf. Da sollte man eigentlich meinen, dass jeder jede kennt. Aber auch da war es schon so, dass die Mutter-Kind-Gruppen nicht wussten, wer denn die Mitglieder der Bibelstunde sind und umgekehrt oder selbst die Gottesdienstbesucher sich nicht mehr alle kannten. Oft ist es ja auch so, dass die Kritik aneinander, das Unverst\u00e4ndnis dadurch entsteht, dass wir gar nicht genau wissen, was die anderen denn da so machen.<\/p>\n<p>Und wie oft habe ich erlebt, dass Menschen, die sich jahrelang vom Sehen her kannten, erst in einer schwierigen Situation erfahren haben, dass der Andere etwas konnte, was weiterhalf. Dar\u00fcber hatte man eben nie geredet.<\/p>\n<p>Die Konfirmanden in unserer Gemeinde machten w\u00e4hrend ihrer Konfirmandenzeit immer ein Gemeindepraktikum, d.h. sie gingen f\u00fcr drei Wochen je zu dritt oder viert in eine Gruppe oder einen Kreis der Gemeinde und haben den Anderen dar\u00fcber berichtet. Sie waren oft ganz erstaunt, was es da so alles gab und manchmal haben sie es auch ihren Eltern erz\u00e4hlt und neue verborgene Talente kamen zum Vorschein, weil die Eltern pl\u00f6tzlich Interesse bekommen hatten.<\/p>\n<p>Wenn ich Sie jetzt fragen w\u00fcrde, wie es in der Gemeinde so aussieht, ich wei\u00df nicht, was da f\u00fcr Antworten k\u00e4men: Was wissen Sie \u00fcber die einzelnen Gruppen und Kreise der Gemeinde? Wer geh\u00f6rt alles dazu? Wie viele Konfirmanden und Konfirmandinnen in wie vielen Gruppen gibt es denn eigentlich? Und was machen die in ihrem Unterricht?<\/p>\n<p>Und wenn Sie jetzt in Gedanken noch ein St\u00fcck weiter \u00fcberlegen: Gehen Sie mal in Gedanken in Ihre Stra\u00dfe, in Ihr Wohnviertel. Wissen Sie, wer da wohnt und ob der Nachbar krank ist und vielleicht Hilfe braucht? Ich lebe in einer kleinen Stra\u00dfe. Bis vor zwei Jahren kannte ich alle Nachbarn, man sah sich, redete ein paar Worte. Inzwischen sind einige neu eingezogen, die ich bis heute nicht kennengelernt habe. Und selbst in so einer kleinen Stra\u00dfe kann es passieren, dass jemand lange krank ist und keiner es wei\u00df, weil man sich eben nur ab und an mal auf der Stra\u00dfe trifft.<\/p>\n<p>Wir leben h\u00e4ufig nebeneinander, aber nicht miteinander. Und manch einer scheut sich auch etwas Pers\u00f6nliches zu fragen. Warum eigentlich? Ich empfinde es als sehr angenehm, wenn beim B\u00e4cker jemand sagt: &#8222;Oh, Sie kaufen aber viele Br\u00f6tchen heute, haben Sie Besuch?&#8220; Oder wenn der Nachbar sagt: &#8222;Ich habe Sie lange nicht gesehen: Waren Sie krank oder hatten Sie Urlaub?&#8220; Das zeigt doch: da nimmt mich jemand wahr. Ich bin nicht austauschbar.<\/p>\n<p>Aber es f\u00e4llt uns oft schwer, auf andere Menschen zuzugehen. Ich m\u00f6chte Sie jetzt einladen zu einem kleinen Experiment, zu etwas, was man sonst in der Kirche nicht tut. Drehen Sie sich mal in aller Ruhe um! Schauen Sie mal, wer da so alles mit Ihnen im Gottesdienst sitzt. Und dann \u00fcberlegen Sie mal: Wen kenne ich? Vom Sehen? Mit Namen? Mit wem habe ich vielleicht schon mal geredet? Wenn wir eine Gemeinde werden wollen, in der die Glieder sich gegenseitig erg\u00e4nzen, in der wir in Liebe aneinander Anteil nehmen, dann m\u00fcssen wir hier bei uns beginnen. Vielleicht sind Sie ja nach dem Gottesdienst mal ganz mutig und gehen einfach mal auf jemanden zu, mit dem Sie noch nie geredet haben und wechseln ein paar Worte. Das ist nicht einfach, ich wei\u00df, aber wie sch\u00f6n, wenn Sie sich dann demn\u00e4chst mal wieder treffen und nun wissen: das ist Frau und dann den Namen sagen k\u00f6nnen und die wohnt da und da. Und dann gehen Sie vielleicht beim n\u00e4chsten Mal auf jemanden anderes zu. So, stelle ich mir vor, kann deutlich werden, dass uns die Liebe Christi verbindet. So kann Gemeinde wachsen und so k\u00f6nnen wir auch neue Talente und F\u00e4higkeiten entdecken zur Bereicherung aller.<\/p>\n<p>Sicher, eine Idealgemeinde wird es wohl nicht geben, wir sind eben Menschen mit Schw\u00e4chen und Fehlern. Und es wird vielleicht auch immer die eine oder andere Gabe fehlen, aber entdecken k\u00f6nnen wir sie nur, wenn wir aufeinander zugehen. Dennoch k\u00f6nnen unsere Gemeinden gastfreundlicher und f\u00fcrsorglicher sein, wenn wir uns darum bem\u00fchen, die Anderen zu sehen.<\/p>\n<p>Vielleicht \u00fcberlegen Sie ja auch mal, wenn Sie einer Gruppe oder einem Kreis in der Gemeinde angeh\u00f6ren, ob Sie nicht mal eine andere Gruppe einladen, um sich kennenzulernen, um vielleicht mal etwas gemeinsam zu machen. Ein kleiner Anfang, der dann dazu f\u00fchren kann, das nicht mehr alle sagen: Die Bibelstunde, der Altennachmittag oder die Jugendgruppe, sondern dann sind es pl\u00f6tzlich Menschen mit Namen, Gesichtern und F\u00e4higkeiten, die wie wir auch Gemeinde Jesu Christi sind. Dann ist es vielleicht auch einfacher, Aufgaben zu verteilen oder Hilfe anzunehmen und so ein Leib mit vielen Gliedern zu werden.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Liedvorschl\u00e4ge<\/strong>:<\/p>\n<p>66, 1.7-8 Jesus ist kommen<br \/>\n5, 1-5 Gottes Sohn ist kommen<br \/>\n398 In dir ist Freude<br \/>\n70, 1-3.4 Wie sch\u00f6n leuchtet der Morgenstern<br \/>\n67, 1-4 Herr Christ,<br \/>\nder einig Gotts Sohn<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Angelika \u00dcberr\u00fcck<br \/>\nPastorin<br \/>\nJakob-Kaiser-Str. 14<br \/>\n21337 L\u00fcneburg<br \/>\nTel.: 04131\/852731<br \/>\nEmail: <a href=\"mailto:RUeberrueck@t-online.de\">RUeberrueck@t-online.de <\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, das Bild vom Leib und den Gliedern als Bild f\u00fcr die christliche Gemeinde ist uns allen wahrscheinlich gel\u00e4ufig. Paulus benutzt es nicht nur hier, sondern auch im Korintherbrief . Es scheint ihm ein ganz wichtiges Bild zu sein. 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