{"id":9757,"date":"2004-02-07T19:49:39","date_gmt":"2004-02-07T18:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9757"},"modified":"2025-06-28T13:12:22","modified_gmt":"2025-06-28T11:12:22","slug":"menschen-sind-nicht-egoistisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/menschen-sind-nicht-egoistisch\/","title":{"rendered":"Johannes 4, 5-26"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Menschen sind nicht egoistisch<\/p>\n<p>Das Zusammenleben erfordert Regeln und Verbote. Das Leben braucht Grenzen,<br \/>\num sich entfalten zu k\u00f6nnen, ohne destruktiv zu werden. Deshalb<br \/>\nsind Verbote im Grunde gut. Es ist gut, da\u00df wir nicht einander<br \/>\numbringen wegen einer b\u00f6sen Bemerkung oder einer zugef\u00fcgten<br \/>\nWunde. Das Verbot besch\u00fctzt uns also. Es sch\u00fctzt uns vor dem<br \/>\nDestruktiven in uns selbst und in anderen. Aber Verbote und Regeln k\u00f6nnen<br \/>\nauch lebenzerst\u00f6rend sein. Denn im Sog der vielen Verbote und Regeln<br \/>\nfolgt das Verurteilen. Das moralische Verdikt und Urteil.<\/p>\n<p>Das moralische Urteil, wenn ein Mensch sich vergangen hat. Und wenn<br \/>\ndas geschieht, werden Verbote und Gesetze lebensbegrenzend und nicht,<br \/>\nwie es eigentlich vorgesehen war, lebensbefreiend.<\/p>\n<p>Viele Verbote bewirken viele \u00dcbertretungen, und viele \u00dcbertretungen<br \/>\nf\u00fchren zu Verurteilungen. Sie f\u00fchren zur Verurteilung<br \/>\nderer, die anders sind, oder derer, deren Leben nicht richtig gelingt.<br \/>\nIch denke, ich brauche hier keine Beispiele daf\u00fcr anzuf\u00fchren,<br \/>\ndenn die Zeitungen sind voll von Beispielen daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Wo Regeln und Verbote ein Schutz sein sollten, der das Leben frei macht,<br \/>\nwerden sie zu Verschlossenheit, man schlie\u00dft sich in das ein, was<br \/>\nman selbst ist. Ja man besch\u00fctzt sich selbst, indem man andere ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Eben dies geschieht in der Erz\u00e4hlung von der Frau am Brunnen. Sie<br \/>\nist eine Fremde im Land und hat ein recht ungeordnetes Leben mit<br \/>\nvielen verschiedenen M\u00e4nnern hinter sich. &#8211; Das geht zu weit! Nicht<br \/>\ngenug, da\u00df sie eine Fremde ist, dann kann sie auch noch nicht einmal<br \/>\nein anst\u00e4ndiges Leben unter den B\u00fcrgern der Stadt leben! Das<br \/>\ngeht zu weit. Deshalb ist sie allein am Brunnen. Denn keiner will mit<br \/>\nihr zusammen sein. Sie hat die Regeln und Gesetze der Gemeinschaft verletzt<br \/>\nund ist deshalb ausgeschlossen worden. Sie ist ausgesto\u00dfen worden.<\/p>\n<p>Die Leute distanzieren sich von ihr und wollen nichts mehr mit ihr zu<br \/>\ntun haben, deshalb sind ihre M\u00f6glichkeiten f\u00fcr ein gutes Leben<br \/>\nverpa\u00dft. Denn seinen Ruf verliert ein Mensch nur ein Mal. Ja, man<br \/>\nkann sagen, da\u00df sie sowohl ein Paria im eigenen Umfeld und im Lande<br \/>\ngeworden ist, in dem sie sich niedergelassen hat, denn sie hat die geschriebenen<br \/>\nund ungeschriebenen Regeln f\u00fcr die Lebensf\u00fchrung in beiden<br \/>\nUmfeldern verletzt.<\/p>\n<p>Am Brunnen begegnet sie Jesus. Er bricht ihre Isolation, indem er ihr<br \/>\netwas Wasser reicht. Das Wasser, das das Leben in sich tr\u00e4gt, wenn<br \/>\nes den Durst l\u00f6scht und man seine Felder begie\u00dfen kann. Aber<br \/>\nes handelt sich nicht nur um H2O. Denn es geschieht etwas hier. Es ist,<br \/>\nals entst\u00fcnde ein Ausweg heraus aus dem Destruktiven, in dem sie<br \/>\nsich befindet, zur\u00fcck in das, was Leben tr\u00e4gt, als Jesus mit<br \/>\nihr spricht.<\/p>\n<p>Jesus kannte die Wahrheit \u00fcber sie sehr wohl, er kannte ihr Leben,<br \/>\naber er reichte ihr dennoch die Hand. Wie oft tun wir das? Wie oft wagen<br \/>\nwir es, \u00fcber Mauern der Verurteilung und der Angst zu springen,<br \/>\ndie wir zwischen uns aufbauen? Wir kennen alle die Worte der Bergpredigt<br \/>\nvon den Verfolgten, die selig sind, und da\u00df wir unsere Feinde lieben<br \/>\nsollen. Aber es ist schwer, das Fremde zu lieben, das zu lieben, was<br \/>\nwir nicht verstehen. Und vielleicht h\u00e4ngt das damit zusammen, da\u00df wir<br \/>\nnur das Liebenswerte lieben.<\/p>\n<p>Bei Gott ist das anders. Er liebt nicht nur das Liebenswerte, sondern<br \/>\ngenauso oft, das, was noch nicht liebenswert ist, etwas, was wir noch<br \/>\nnicht sind, sondern was in uns geschaffen werden kann, wenn wir seiner<br \/>\nLiebe glauben. Deshalb konnte Luther von den S\u00fcndern sagen: &#8222;So<br \/>\nwerden die S\u00fcnder sch\u00f6n, weil sie geliebt werden, die werden<br \/>\nnicht geliebt, weil sie sch\u00f6n sind&#8220;.<\/p>\n<p>Darin liegt viel Anfang und Leben, zu wissen, da\u00df ich geliebt<br \/>\nbin &#8211; nicht f\u00fcr das, was ich tue, sondern trotz dem, was ich tue.<br \/>\nUnd das M\u00e4dchen wird geadelt, wie wir alle im Glauben geadelt werden,<br \/>\nwie der K\u00f6nig, dessen Geburt wir gerade gefeiert haben, weil wir<br \/>\nstets eine Chance erhalten, uns wieder zu erheben.<\/p>\n<p>Davon handelt das ganze Evangelium. Da\u00df es keine Versto\u00dfenen<br \/>\ngibt, da\u00df es keine Verkehrten gibt, nur K\u00f6nige, richtige,<br \/>\nliebe Menschen. Denn es gibt immer auch eine andere Geschichte. Und das<br \/>\nstellt unsere ganze moralische Auffassung auf den Kopf vom dem, was richtig<br \/>\nist und verkehrt, wichtig und unwichtig. Denn die letzten werden die<br \/>\nersten sein, und das ist so anst\u00f6\u00dfig und so schwer. Denn wir<br \/>\nMenschen wollen so gerne alles in Systeme, Regeln und Gesetze fassen,<br \/>\nin richtig und falsch, so da\u00df wir schlie\u00dflich glauben, es<br \/>\nginge im Leben nur darum. Da\u00df wir so, wie wir uns in gesellschaftlicher<br \/>\nHinsicht eingerichtet haben, uns auch in menschlicher Hinsicht arrangieren<br \/>\nsollen.<\/p>\n<p>Wir sind karg mit unserer Vergebung, wir sind sparsam mit unserer Liebe.<br \/>\nAber jetzt, wo wir in der Heiligendreik\u00f6nigszeit sind und im buchst\u00e4blichen<br \/>\nSinne mit der Weihnachtsbotschaft einhergehen, da sollen wir an das gr\u00f6\u00dfte<br \/>\nGebot im Gesetz denken, Gott zu lieben und seinen N\u00e4chsten wie sich<br \/>\nselbst.<\/p>\n<p>Denn Gott ist freigiebig. In seiner Liebe. In seiner Vergebung. Und<br \/>\ndavon leben wir, und aus dieser Freigiebigkeit sollen wir unseren N\u00e4chsten<br \/>\nlieben &#8211; unabh\u00e4ngig von Rasse und Hautfarbe, sozialem Stand oder<br \/>\nReligion. Eine Begegnung mit einem anderen Menschen wird erst dann w\u00fcrdig<br \/>\nund gleichberechtigt, wenn wir das k\u00f6nnen. So einfach ist das.<\/p>\n<p>Und dann k\u00f6nnen wir auch ein wenig uns selbst vergessen, vielleicht<br \/>\nauch ein wenig die Zeitungen &#8211; damit die Vorurteile, die Entt\u00e4uschungen,<br \/>\ndie Bitterkeit und die Verurteilung, dein Eingeschlossenheit in Regeln<br \/>\netwas verschwinden &#8211; und statt dessen etwas von der Freigiebigkeit Gottes<br \/>\nin uns und unter uns lebendig wird.<\/p>\n<p>Denn wir leben von der Liebe Gottes, aber auch von der Vergebung, die<br \/>\nwir einander zuteil werden lassen. Amen.<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pastorin Kristine Stricker Hestbech<br \/>\nM\u00f8llevej<br \/>\n1<br \/>\nKongsted<br \/>\nDK-4683 R\u00f8nnede<br \/>\nTlf.: ++ 45 &#8211; 56 71 11 56<br \/>\n<a href=\"mailto:kshe@km.dk\">E-mail: kshe@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen sind nicht egoistisch Das Zusammenleben erfordert Regeln und Verbote. Das Leben braucht Grenzen, um sich entfalten zu k\u00f6nnen, ohne destruktiv zu werden. Deshalb sind Verbote im Grunde gut. Es ist gut, da\u00df wir nicht einander umbringen wegen einer b\u00f6sen Bemerkung oder einer zugef\u00fcgten Wunde. Das Verbot besch\u00fctzt uns also. 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