{"id":9764,"date":"2004-02-07T19:49:36","date_gmt":"2004-02-07T18:49:36","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9764"},"modified":"2025-06-28T13:16:56","modified_gmt":"2025-06-28T11:16:56","slug":"roemer-1-14-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1-14-17\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 1, 14-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3 style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Epiphanias, 25. Januar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcbe<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">r R\u00f6mer 1, 14-17, verfa\u00dft von Wolfgang Winter<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p align=\"center\"><strong>Was tr\u00e4gt? <\/strong><\/p>\n<p><em>&#8222;Griechen wie Barbaren, Gebildeten wie Ungebildeten bin ich verpflichtet.<\/em><br \/>\n<em>Daher mein Wunsch, was an mir liegt, auch Euch in Rom das Evangelium zu predigen.<\/em><br \/>\n<em>Denn ich sch\u00e4me mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, um jeden, der glaubt, zu erretten, den Juden zuerst und genau so auch den Griechen. Denn in ihr wird Gottes Gerechtigkeit kundgemacht \u0096 aufgrund des Glaubens und f\u00fcr den Glauben, wie es in der Schrift hei\u00dft: wer aus Glauben gerecht ist, wird das Leben haben.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>kennen Sie das Gef\u00fchl der Scham? Es ist eins der bedrohlichsten Gef\u00fchle, die ich kenne. Ich m\u00f6chte Ihnen ein paar Erfahrungen damit berichten. Vielleicht erkennen Sie Eigenes darin wieder. Anl\u00e4sse gibt es viele. Ich denke etwa an Gespr\u00e4che, in denen ich dabei ertappt wurde, dass meine Rede heute nicht mit der \u00fcberein stimmte, die ich gestern f\u00fcr richtig gehalten habe. Ich denke auch an Situationen, in denen ich mich gegen meine \u00dcberzeugungen handelnd vorfand, und ich denke auch an Stunden, in denen mir deutlich wurde, dass ich so, wie ich mich verhielt, nicht dem Bild entsprach, das ich von mir selber hatte.<\/p>\n<p>Ich denke aber vor allem an Situationen des Verlegen-Werdens und Sich\u0096Sch\u00e4mens, wenn ich etwas von meiner innersten \u00dcberzeugung zum Ausdruck bringen m\u00f6chte oder m\u00fcsste, von dem also, was ich f\u00fcr das Wichtigste in meinem Leben halte. Diese Scham ist nach meiner \u00dcberzeugung die tiefgehendste: wenn einer beginnt, sich seiner innersten \u00dcberzeugung zu sch\u00e4men, dessen, was er f\u00fcr das Wichtigste in seinem Leben h\u00e4lt, seines Glaubens. Und wenn er sich dann selbst zu verraten droht.<\/p>\n<p>Was passiert dann?<\/p>\n<p>Wenn ich zu sagen versuche, worauf ich mein Leben baue, wird ja vielleicht etwas dabei herauskommen, was nicht stimmt, was nicht wirklich wahr, vielleicht nur eingebildet oder ungesichert ist, was sich vielleicht als hohl oder als sch\u00f6ner Schein herausstellt. Was einen dann also so beklommen machen kann, ist die Frage an sich selbst: &#8222;Kann ich daf\u00fcr wirklich einstehen?&#8220;<\/p>\n<p>Wenn ich von dem zu reden beginne, worauf ich mein Leben baue, kommt weiter zum Vorschein, dass ich trotz aller Leistungen und Verdienste, aber auch trotz allen Versagens und aller Misserfolge offenbare, wie angewiesen ich doch bin. Angewiesen auf die letzte Grundlegung in jedem Leben, die uns lebendig macht und auch erh\u00e4lt und immer wieder ganz und heilt macht, und die uns sagen l\u00e4sst: \u0084Ich bin, weil Du mich liebst, immer wieder liebst.\u0093 &#8211; Menschen k\u00f6nnen wir dies sicherlich nur zuweilen , und leider nicht immer sagen, weil wir mit ihnen eben auch die anderen Erfahrungen machen, zu Gott aber schon, weil er der Grund der Liebe ist, w\u00e4hrend bei uns immer nur Spuren von ihr zu finden sind.<\/p>\n<p>Und noch etwas geschieht, wenn ich wegen meines Glaubens verlegen zu werden drohe, wenn ich mich des Evangeliums zu sch\u00e4men beginne. Dann wird n\u00e4mlich in meinem F\u00fchlen, Denken und Sprechen recht bald die Gestalt Jesu Christi in ihren Konturen sichtbar werden, vielleicht zun\u00e4chst nur andeutungsweise und schemenhaft wie von ferne, und dann doch deutlicher \u2013 oder aber ganz andere Figuren und Gestalten als Unterpfand und Leitbild meines Glaubens.<\/p>\n<p>Im Bilde Jesu Christi, das vollends zum Ausdruck bringt, wes&#8216; Geistes Kind ich bin, wird dann n\u00e4mlich meine Verletzlichkeit, freilich auch meine Kraft, endg\u00fcltig deutlich. Er war ja kein gro\u00dfartiger Held auf der B\u00fchne des \u00f6ffentlichen Lebens. In seinem Bild wird vielmehr die Verletzlichkeit und die Kraft zugleich deutlich, die Zerrissenes und Zerbrochenes, individuelles und gemeinschaftliches Leben immer wieder ganz und heil machen kann. In seinem Bild wird die Verletzlichkeit und die Kraft zugleich deutlich, die uns sagen l\u00e4sst: \u0084Ich bin Dir wieder gut\u0093; die uns in Gespr\u00e4chen, hilflos zuweilen, dableiben und aus- und zusammenhalten l\u00e4sst, was in St\u00fccke zu fliegen oder &#8211; geschlagen zu werden droht, und uns Tr\u00e4nen in die Augen treibt, wenn wir Bilder geschundenen Lebens sehen.<\/p>\n<p>Es ist schon eine eigenartige Kraft, die Kraft des Evangeliums, diese Liebe Gottes, die so grundlegend ist, so viel Ruhe ausstrahlt und so lebensfroh und gelassen, aber eben auch verletzlich und mitleidend macht. Und diese Verletzlichkeit ist wohl der letzte Grund daf\u00fcr, dass man sich sch\u00e4mt. Und dann kommen Furcht und Zweifel und fl\u00fcstern einem ins Ohr: \u0084Ob das alles wirklich stimmt? Ob das alles wirklich wahr ist?\u0093<\/p>\n<p>Vielleicht haben Sie l\u00e4ngst bemerkt, dass ich mich mit meinen Gedanken bereits mitten in den \u00dcberlegungen und Sorgen des Autors dieser Briefstelle befinde. Paulus schreibt diese eindrucksvollen Worte \u00fcber seinen umfassenden Verk\u00fcndigungsauftrag und deren Kern, die liebende Zuwendung Gottes zu jedem Menschen, ohne jegliche Vorleistung und allein aus Glauben \u0096 Paulus schreibt dies in einer Situation, in der er keineswegs gewiss sein konnte, ob diese Botschaft aufgenommen w\u00fcrde. Wie w\u00fcrden die Heidenchristen, wie w\u00fcrden die Judenchristen in Rom reagieren? Leid hatte er schon reichlich von nichtchristlichen Juden und j\u00fcdischen Christen, aber auch nichtchristlichen Heiden erfahren. Kurz bevor er an die R\u00f6mer schrieb, hatte Paulus sich mit anderen Missionaren verglichen. \u0084Ich habe mehr gearbeitet, ich bin \u00f6fter gefangen gewesen, ich habe mehr Schl\u00e4ge erlitten, ich bin oft in Todesn\u00f6ten gewesen &#8230; \u0084(2. Kor. 11, 23)<\/p>\n<p>Was tr\u00e4gt in Krisenzeiten, damals wie heute? Gewiss nicht unser eigenes Verhandlungsgeschick, \u00fcberhaupt nicht unsere eigenen Leistungen. Es ist umgekehrt. Gott l\u00e4sst uns teilhaben an seiner Treue, Barmherzigkeit und Liebe. Keine Macht, auch nicht Macht des Zweifels und der Unsicherheit, kann uns trennen von dieser unendlichen Liebe. Nur in der Zuversicht auf sie k\u00f6nnen wir leben \u0096 so wie auch Abraham aus dieser Zuversicht lebte, gegen alle irdische Wahrscheinlichkeit.<\/p>\n<p>Dieser Grund des Lebens vermag uns durch alle pers\u00f6nlichen wie gesellschaftlichen Zerrei\u00dfproben und \u00fcber den Tod hinaus zu tragen, wie wir an Jesus Christus sehen k\u00f6nnen, der dem Tod die Macht genommen hat. Solche \u00dcberzeugung, gemeinschaftlich ausgesprochen, ist, wie wenn viele Menschen sich bei den H\u00e4nden fassen und einen Kreis bilden: das Um- und \u00dcbergreifende dieser Wahrheit wird noch einmal sichtbar in symbolischer Weise zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>Solcher Glaube hat Wirkungen im t\u00e4glichen Leben. Paulus spricht \u00f6fter von den Fr\u00fcchten des Geistes wie Liebe, Freude, Friede, Geduld. Eine dieser Fr\u00fcchte m\u00f6chte ich besonders herausheben. Vorhin sprach ich davon, dass die Kraft der Liebe Gottes uns auch verletzlich und mitleidend machen kann. Die Verweigerung von Mit-Leiden und Mit-F\u00fchlen hat meistens damit zu tun, dass wir in der Bed\u00fcrftigkeit eines anderen Menschen unserer eigenen Bed\u00fcrftigkeit begegnen. Wir sind dann eher geneigt, den Blick abzuwenden. Dass Gott jedenfalls von keinem Menschen seinen Blick abwendet, das hat Martin Luther einmal so beschrieben: \u0084Menschen wollen in die Tiefe nicht sehen, wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist, da wendet jedermann die Augen ab. Und wo solche Leute sind, das l\u00e4uft jedermann davon&#8230; Gott allein ist solches Hinsehen vorbehalten, das in die Tiefe, die Not, den Jammer sieht, und so ist er allen denen nahe, die in der Tiefe sind. Und je tiefer jemand unter ihm ist, desto besser sieht er ihn\u0093 (Auslegung des Magnificat, zu Luk. 1, 48).<\/p>\n<p>Unsere Blickrichtung muss sich daher umkehren, um Gottes Blick auf den Menschen zu entsprechen. Diesen Wechsel der Perspektive zeigen &#8211; das m\u00f6chte ich zum Schluss noch erz\u00e4hlen &#8211; sehr anschaulich die Fotos aus einem K\u00f6lner Vorort, die k\u00fcrzlich in einer Ausstellung zu sehen waren. Zun\u00e4chst imponierten auf den Bildern die tristen, grauen Kolosse der Hochh\u00e4user. Bei genauerem Hinsehen fiel das Auge des Betrachters auf Kinder, die sich in den seltsamsten Kost\u00fcmen fotografiert hatten. Beim Tanzen, beim Theaterspielen, beim Grimassenschneiden. So wurden die Bilder lebendig durch den Kontrast zwischen Erstarrung und Bewegung, zwischen Farblosigkeit und Buntheit. Auf diesen Bildern waren die Kinder mehr als blo\u00dfe Opfer verfehlter Wohnungsbau-Politik. In ihren Bildern war etwas von der W\u00fcrde selbstt\u00e4tigen menschlichen Lebens sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Gott st\u00e4rke uns darin, die Menschen immer mehr mit solchen Augen ansehen zu lernen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Wolfgang Winter<br \/>\nStudienseminar der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers<br \/>\n<a href=\"mailto:stg@gwdg.de\">stg@gwdg.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Epiphanias, 25. Januar 2004 Predigt \u00fcber R\u00f6mer 1, 14-17, verfa\u00dft von Wolfgang Winter Was tr\u00e4gt? &#8222;Griechen wie Barbaren, Gebildeten wie Ungebildeten bin ich verpflichtet. Daher mein Wunsch, was an mir liegt, auch Euch in Rom das Evangelium zu predigen. 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