{"id":9768,"date":"2021-02-07T19:49:31","date_gmt":"2021-02-07T19:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9768"},"modified":"2022-12-30T20:36:30","modified_gmt":"2022-12-30T19:36:30","slug":"roemer-1-16-17-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-1-16-17-2\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 1, 16-17"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Epiphanias, 25. Januar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcbe<\/span><\/b><b><span style=\"color: #000099;\">r R\u00f6mer 1, 16-17, verfa\u00dft von Dietz Lange<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p><strong>Die Offenherzigkeit des Glaubens<\/strong><br \/>\n(Gottesdienst in der Universit\u00e4tskirche<\/p>\n<p>St. Nicolai, G\u00f6ttingen)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>\u0084Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht.\u0093 Das ist ein starkes und imponierendes Bekenntnis. Ein Satz, der des Paulus w\u00fcrdig ist. Nimmt man ihn f\u00fcr sich, so f\u00e4llt einem gleich der ausf\u00fchrliche R\u00fcckblick auf seine Missionsreisen und seine Arbeit in der Gemeinde ein, den er im 11. Kapitel des II. Korintherbriefs gibt. \u0084Ich habe mehr gearbeitet als sie alle\u0093, sagt er dort, und auch mehr um des Glaubens willen erlitten &#8211; nicht um damit zu renommieren, sondern um sich gegen unfaire Angriffe zu verteidigen. Niemand wird ihm das Recht zu einem solchen Res\u00fcmee bestreiten k\u00f6nnen. Vor 100 Jahren sagte man, er sei ein \u0084Held des Glaubens\u0093 gewesen. Das gleiche Pr\u00e4dikat bekam damals Martin Luther. Man dachte dabei nat\u00fcrlich in erster Linie an dessen mutiges Auftreten auf dem Wormser Reichstag und an die Gefahr f\u00fcr Leib und Leben, der er dabei ausgesetzt war. Das \u0084Heldenhafte\u0093 bekam dann zugleich auch noch einen nationalen Anstrich: der \u0084deutsche Luther\u0093 gegen die r\u00f6mische Ausbeutung. Diese fatalen Nebenger\u00e4usche sind bei dem dritten Namen, der einem herk\u00f6mmlich in diesem Zusammenhang zur Hand ist, bei Dietrich Bonhoeffer, nicht zu vernehmen. Man kann sich freilich fragen, ob dieser Name nicht in unserer Zeit oft genug zur nationalen Ehrenrettung angesichts der im Dritten Reich begangenen Verbrechen und des Versagens so vieler Mitl\u00e4ufer missbraucht wird. Als \u0084Held\u0093 wird er jedenfalls gar nicht selten auch heute verstanden; bisweilen wird aus ihm geradezu an eine Art Kultfigur gemacht.<\/p>\n<p>Immerhin benutzen wir das Wort \u0084Held\u0093 im Zusammenhang des Glaubens heute nicht mehr. Sicher h\u00e4ngt das auch damit zusammen, dass wir nicht in \u0084heroischen\u0093 Zeiten leben. Wir haben gelernt, dass heroische Zeiten alles andere als erstrebenswert sind, weil sie unausweichlich tausendfaches unschuldiges Leiden mit sich bringen. Vielleicht ist es aber auch blo\u00df das fade, farblose Mittelma\u00df, das unter uns westlichen Christen heute weithin die Szene beherrscht. Was fangen wir da noch mit solchen Gestalten wie Paulus und Luther oder auch Bonhoeffer an? Dienen sie uns vielleicht nur noch zur Kompensation f\u00fcr die offensichtlichen M\u00e4ngel unseres eigenen Glaubenslebens? Oder sollten wir umgekehrt versuchen, ihre menschlichen Fehler aufzuzeigen, die sie &#8211; bei aller ihnen zu Recht geschuldeten Verehrung &#8211; nat\u00fcrlich auch gehabt haben? Vielleicht gar in der Hoffnung, sie damit irgendwie auf unser so viel niedrigeres Niveau herunterziehen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>All das ist, wie Sie wissen, nicht erfunden, sondern tats\u00e4chlich vielfach in unserer Kirche anzutreffen. Es taugt freilich samt und sonders nicht dazu, das Bekenntnis des Paulus \u0084Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht\u0093 zu verstehen. Der hochgemute Ton, der aus seinen Worten klingt, hat seinen Grund nicht in dem Stolz auf seine Lebensleistung oder auf das Durchhalteverm\u00f6gen, das es ihm erm\u00f6glicht hat, beispielsweise unter der Folter keinen Mitchristen zu verraten. Man w\u00fcrde solchen Stolz ja sogar verstehen. Aber Paulus ist viel zu ehrlich sich selbst gegen\u00fcber, um so etwas in sich zuzulassen. \u0084Meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig\u0093, ist f\u00fcr ihn das Grundwort Christi zu uns. Genauso meint er es auch an unserer Stelle im R\u00f6merbrief: \u0084Ich sch\u00e4me mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes .\u0093 Macht Gottes, Dynamik Gottes, die in uns und durch uns wirkt, kann man auch sagen. Eine Dynamik, die uns mitrei\u00dft und vorw\u00e4rtstreibt, eine Macht, die uns den Mut verleiht, unseren Glauben offenherzig anderen mitzuteilen, auch wenn uns feindselige oder zynische Stimmung entgegenschl\u00e4gt, sogar wenn wir selbst von Natur eher scheu und zur\u00fcckhaltend sind. Es ist Gottes Macht, die Paulus durchdrungen hat, ebenso Luther und Bonhoeffer und all die anderen. Deshalb kann und darf es keinen christlichen Personenkult geben.<\/p>\n<p>Kein Personenkult &#8211; aber Gottes Macht nimmt uns als Personen in Anspruch. Uns alle, nicht nur die gro\u00dfen Ausnahmegestalten der Kirchengeschichte. Gottes Macht wirkt dabei nicht wie ein Herzschrittmacher, der automatisch immer dann eingreift, wenn das eigene Herz schlapp macht. Gewiss ist es auch Gott, der daf\u00fcr sorgt, das unser physisches Herz schl\u00e4gt und uns am Leben h\u00e4lt. Aber hier geht es um das Herz im Sinne unseres innersten Wesens, der Mitte unserer Person. Gott teilt sich dem Herzen mit, das f\u00fcr ihn offen ist, sich seiner Macht vorbehaltlos \u00f6ffnet. Das hei\u00dft in christlicher Sprache Glaube. Glauben bedeutet also nicht, eine gewisse Summe von Lehrs\u00e4tzen, vielleicht sogar von unverstandenen Lehrs\u00e4tzen, f\u00fcr wahr zu halten. Glaube ist die unbedingte Offenheit f\u00fcr Gott, die Bereitschaft, sich ganz und gar von ihm bestimmen zu lassen. Ein offenes Herz ist eines, das nicht Gott gegen\u00fcber auf irgendwelche Rechte pocht, sondern sich ihm wehrlos ausliefert. Ein offenes Herz gesteht seinen Unglauben und seine Lieblosigkeit vor Gott ein. Das mag mit Zittern und Zagen geschehen, denn Gott ist heilig; er l\u00e4sst sich nicht spotten oder wie ein Spielzeug religi\u00f6ser Laune missbrauchen. Aber das ist dann die gro\u00dfe Erfahrung unseres Glaubens, dass Gott unser Herz aus Angst und Gewissensqual befreit. Er r\u00e4umt die Stacheldrahtrollen weg, die wir um uns herum gezogen haben, damit unsere Desorientierung und die Fehlsteuerung unseres Lebens, unser Mangel an Gottvertrauen und unser Egoismus nur ja nicht ans Licht gezogen werden k\u00f6nnen. Wir bekommen offenen Zugang zu Gott, das ist die Offenherzigkeit des Glaubens.<\/p>\n<p>Es ist sicher richtig, dass dies kein Dauerzustand ist. Es ist auch richtig, dass wir von solcher Freiheit oft lange Zeit hindurch nicht recht etwas sp\u00fcren. Wir sollten uns aber von dem Gedanken frei machen, dass dies den so genannten Glaubenshelden anders ergangen w\u00e4re. Paulus spricht von einem Pfahl in seinem Fleisch. Was er damit gemeint hat, \u00fcber diese Frage sind Str\u00f6me von theologischer Tinte vergossen worden. Eine k\u00f6rperliche Krankheit? Epilepsie? Eine Psychose? Wir wissen es nicht. Jedenfalls hat er Zeiten der Mutlosigkeit und der Verzweiflung gekannt. So wie ihm ist es den anderen Gro\u00dfen auch ergangen. Wahrscheinlich sind bei ihnen die T\u00e4ler, die sie zu durchwandern hatten, auch viel tiefer gewesen als bei uns kleineren Geistern. In jedem Fall ist Gottes Kraft und Dynamik nicht etwas, \u00fcber das wir auf Abruf verf\u00fcgen k\u00f6nnten. Wir m\u00fcssen sie stets aufs Neue von ihm erbitten, uns in jeder neuen Situation wieder f\u00fcr sie \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Aber wir tun das nicht aufs Geratewohl. Unser Glaube hat einen festen Bezugspunkt: Jesus Christus. Von ihm handelt ja das Evangelium, dessen wir uns nicht zu sch\u00e4men brauchen. Hier ist Gott in einer wirklichen geschichtlichen Person in die Welt eingetreten. In Jesu Worten, in seinem Leiden und Sterben hat Gott seine Liebe irdisch greifbar gemacht. Das geschah, wie wir wissen, im antiken Pal\u00e4stina. Deshalb schreibt Paulus, dass das Heil zuerst zu den Juden gekommen sei. Das gilt nat\u00fcrlich auch in dem Sinn, dass das Christentum geschichtlich aus dem Judentum hervorgewachsen ist. Aber es blieb nicht auf ein Volk und auch nicht auf ein Zeitealter beschr\u00e4nkt. Gottes Liebe in Christus gilt allen Menschen. Es gibt keine Bedingungen nationaler Art, auch keine Bedingungen in Gestalt von zu erbringenden Leistungen, die den Freimut des Glaubens einengen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Es kann nat\u00fcrlich sein, dass dies Letzte in einem akademischen Gottesdienst gar nicht als vorrangiges Problem empfunden wird. Eher k\u00f6nnte vielleicht mancher denken, all die \u00dcberlegungen, die wir bisher angestellt haben, seien doch vielleicht ein wenig zu naiv, zu elementar, zu sehr f\u00fcr einfache Gem\u00fcter bestimmt und zu wenig intellektuell ausgefeilt. Aber, liebe Gemeinde, die Freiheit unseres Glaubens ist auch nicht von der Bedingung theologischer Bildung abh\u00e4ngig. Die Theologiestudentinnen und -studenten unter ihnen m\u00f6gen das nicht als Freibrief f\u00fcr aus dem \u00c4rmel gesch\u00fcttelte Predigten missverstehen. Schon deshalb nicht, weil ich nat\u00fcrlich nicht gerne mein ganzes Berufsleben an dieser Universit\u00e4t f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig erkl\u00e4ren m\u00f6chte. Aber die Offenheit des Glaubens ist nun einmal etwas anderes als die Freude an theologiegeschichtlicher Bildung oder die Lust an hochabstrakter theologischer Reflexion, so sehr das alles auch sein eigenes Recht hat. Darum ist auch eine Predigt etwas anders als eine wissenschaftliche Vorlesung. Sie braucht zwar f\u00fcr ihre Vorbereitung die Theologie, aber sie selbst soll trotzdem nichts anderes sein als Ausdruck der Offenherzigkeit des Glaubens, f\u00fcr jede und jeden zug\u00e4nglich. Das Evangelium ist auch nicht die Kraft des menschlichen Intellekts, sondern bleibt allein die Kraft und die Macht Gottes. Es ist eine Macht, die uns nicht in die Esoterik einer akademischen Elite einschlie\u00dft, sondern im Gegenteil von deren Enge und auch von deren Konkurrenzneid und D\u00fcnkel frei macht. Mir scheint, es ist gerade in unseren akademischen Kreisen besonders notwendig, diese v\u00f6llige Offenheit des Glaubens zu betonen. Denn die heute weit verbreitete Scheu, von religi\u00f6sen Dingen zu reden, ist, wenn nicht alles t\u00e4uscht, gerade an solchen Institutionen wie Universit\u00e4ten besonders ausgepr\u00e4gt. Aber es gibt weder eine Notwendigkeit noch ein Recht, das Evangelium zu verstecken. Denn es ist nicht Eigentum der Theologen, sondern eine Kraft Gottes. Darum wollen auch wir uns seiner nicht sch\u00e4men.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange, G\u00f6ttingen<br \/>\n<a href=\"mailto:Dietzlange@aol.com\">Dietzlange@aol.com <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Epiphanias, 25. 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