{"id":9794,"date":"2004-02-07T19:49:43","date_gmt":"2004-02-07T18:49:43","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9794"},"modified":"2025-06-28T13:47:14","modified_gmt":"2025-06-28T11:47:14","slug":"hebraeer-4-12","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-4-12\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 4, 12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">Sexagesimae, 15. Februar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcber Hebr\u00e4er 4, 12-13, verfa\u00dft von Paul Kluge<\/span><\/b><\/p>\n<p>&#8222;Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und sch\u00e4rfer als jedes zweischneidige Schwert, und durchdringend bis zur Scheidung von Gelenken und Mark der Seele und des Geistes und ein Richter der Gedanken und der Gesinnung des Herzens; und kein Gesch\u00f6pf ist vor ihm unsichtbar, vielmehr ist alles entbl\u00f6\u00dft und aufgedeckt vor seinen Augen, dem wir Rechenschaft geben m\u00fcssen.&#8220;<br \/>\n(Z\u00fcrcher \u00dcbersetzung)<\/p>\n<p>Liebe Geschwister,<\/p>\n<p>als der Bischof zur Sitzung des Redaktionskreises kam \u0096 er hatte sich ein wenig versp\u00e4tet \u0096 war ein reges Gespr\u00e4ch im Gange. Doch es ging nicht um den Brief, an dem sie arbeiten wollten; die Anwesenden ergingen sich in Reiseerinnerungen, lachten \u00fcber das eine Erlebnis, emp\u00f6rten sich \u00fcber das andere, korrigierten oder erg\u00e4nzten einander.<\/p>\n<p>Nun war diese Reise zwar der Ausl\u00f6ser f\u00fcr den zu schreibenden Brief gewesen, doch es sollte kein Reisebericht werden. Die Gemeinden, das war ein Ergebnis der Rundreise gewesen, brauchten St\u00e4rkung und \u0096 im w\u00f6rtlichen Sinne \u0096 Ermunterung. Denn die Gemeinden waren m\u00fcde geworden, zufrieden mit sich selbst und sich selbst genug.<\/p>\n<p>Doch das war leider nur die eine Seite. Die andere war, dass zahlreichen Gemeindegliedern die Schlichtheit christlicher Gottesdienste nicht mehr gefiel: Keine prachtvollen Geb\u00e4ude, keine zwischen Himmel und Erde vermittelnde Priester in kostbaren Gew\u00e4ndern, keine geheimnisvollen Rituale, keine in Trance versetzende Musik \u0096 die Liste lie\u00df sich verl\u00e4ngern. Manche Gemeindeglieder hatten sich deshalb wieder ihrem alten Glauben zugewandt, andere hatten \u0096 und das mit Erfolg \u0096 Elemente anderer Religionen in christliche Gottesdienste eingebaut. Die Reisenden hatten gesehen, dass Prediger des Evangeliums in bunten Gew\u00e4ndern geheimnisvolle Dinge taten; sie hatten Predigten geh\u00f6rt, in denen uralte und auch ganz moderne Ideen verbreitet wurden, die mit Christus nichts zu tun hatten. So hatten unter dem Vorwand, die Gottesdienste \u0084lebendiger, moderner und anschaulicher\u0093 zu gestalten, unchristliches Vorstellungen Einzug in christliche Gemeinden gehalten.<\/p>\n<p>Und dann hatten sie auf ihrer Besuchsreise Christen, Prediger sogar, kennengelernt, die allen Ernstes behaupteten, als ohnehin Erl\u00f6ste k\u00f6nnten sie tun und lassen, was sie wollten. Das kam nat\u00fcrlich bei vielen Leuten gut an, und der christliche Glaube wurde f\u00fcr sie zum Freibrief f\u00fcr ein Leben nach Lust und Laune.<\/p>\n<p>Deshalb hatte die Besuchsgruppe nach ihrer R\u00fcckkehr beschlossen, den Gemeinden zu schreiben. Sie an das zu erinnern, was Christsein bedeutet. F\u00fcr den Redaktionskreis hie\u00df das, sich zun\u00e4chst selber dar\u00fcber klar zu werden und auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Doch die Versammelten schwelgten lieber in Reiseerinnerungen, als dass sie sich an die Arbeit machten. Der Bischof bat um Ruhe, das Gespr\u00e4ch verebbte allm\u00e4hlich und er er\u00f6ffnete die Sitzung mit ein paar S\u00e4tzen aus dem Buch Jesaja: <em>\u0084Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; rufet ihn an, solange er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der \u00dcbelt\u00e4ter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel h\u00f6her ist als die Erde, so sind auch meine Wege h\u00f6her als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.\u0093 <\/em>&#8211; Nach kurzer Pause fuhr er fort: \u0084An Christus, liebe Geschwister, k\u00f6nnen wir Gottes Gedanken und seine Wege erkennen. Christus ist das lebendige und lebendig machende Wort Gottes. Das d\u00fcrfen wir nie vergessen, und daran m\u00fcssen wir die erinnern, die dabei sind, es zu vergessen. Auf Gottes Wort zu h\u00f6ren ist genug, mehr brauchen wir nicht. Keine Priester, denn Christus ist der einzig wahre Priester, keine Opfer, denn Christus hat sich geopfert. Daf\u00fcr k\u00f6nnen wir mit unserem Leben dankbar sein, indem wir Gottes Willen tun.\u0093<\/p>\n<p>Der Bischof sprach ein kurzes Gebet, einige andere erg\u00e4nzten pers\u00f6nliche Gebetsanliegen, dann las der Bischof vor, was er aus den Stichworten der letzten Sitzung formuliert hatte. \u0084Wir sollten jetzt allm\u00e4hlich auf Besonderheit, die Einzigartigkeit unsres Glaubens hinweisen,\u0093 schloss er an und fragte, wie denn ein geschickter \u00dcbergang m\u00f6glich sei; die Leser sollten zu den Kernaussagen quasi hin\u00fcbergleiten. Ein anderer meinte, nach so vielen bekannten Zitaten aus den Psalmen und den Propheten w\u00e4re ein harter Schnitt angebrachter.<\/p>\n<p>Das leuchtete dem Bischof ein, er bat um Formulierungsvorschl\u00e4ge und erntete erst einmal Schweigen. \u0084Ein Hinweis darauf, wie Gottes Wort unser Leben ver\u00e4ndert,\u0093 schlug jemand vor, \u0084vielleicht mit einem drastischen Bild. Also, f\u00fcr mich war die Begegnung mit Gottes Wort wie \u0096 wie ein Blitzstrahl, der mich traf. Und wie war das f\u00fcr euch?\u0093<\/p>\n<p>Stirne legten sich in Falten, Augen schlossen sich, Erinnerungen und Gef\u00fchle wurden wach. \u0084Wie eine Schneeschmelze,\u0093 warf einer ein, \u0084Wie ein Blick von hohem Berg\u0093 ein anderer und \u0084Wie ein Hafen nach st\u00fcrmischer Fahrt\u0093 ein dritter. \u0084F\u00fcr mich ist das einfach wie ein Zuhause,\u0093 sagte der J\u00fcngste aus der Runde, \u0084meine Eltern waren schon Christen, und ich bin da hineingewachsen, habe nichts anderes kennengelernt.\u0093<\/p>\n<p>(Hier k\u00f6nnen die H\u00f6rerinnen und H\u00f6rer aufgefordert werden, ihre eigene Metapher zu finden und evtl. auch zu nennen.)<\/p>\n<p>So ging das eine ganze Weile. Der Bischof hatte sich das eine und andere Bild notiert \u0096 er brauchte ja auch Anregungen f\u00fcr seine Predigten, und die holte er sich am liebsten von Menschen aus seiner Gemeinde. Einer, der bis dahin sich kaum zu Wort gemeldet hatte, fragte nun, ob er auch noch etwas sagen d\u00fcrfe.<\/p>\n<p>Er habe lange dar\u00fcber nachgedacht, wie die Begegnung mit dem Wort Gottes f\u00fcr ihn gewesen sei, fing er etwas umst\u00e4ndlich an, und ihm sei zun\u00e4chst nichts eingefallen. \u0084Und so war das auch am Anfang. Ich habe irgendwann einmal eine Predigt geh\u00f6rt, die fand ich ganz interessant. Dann habe ich gelesen, was es so gab, habe Gottesdienste besucht, Leute kennengelernt. Die christlichen Gedanken sagten mir zu, die Leute auch, darum habe ich mich dann schlie\u00dflich taufen lassen. An meinem Leben brauchte ich nicht viel zu \u00e4ndern: Ich neige weder zu Exzessen noch zu Gewalt, und ich w\u00e4re nicht Arzt geworden, wenn ich nicht Menschen helfen wollte. So lief fast alles in gewohnten Bahnen weiter. Erst k\u00fcrzlich \u0096 ich machte ein paar Tage Urlaub in meinem Landhaus an der K\u00fcste \u0096 las ich bei Mose den Satz \u0082Arme soll es bei euch \u00fcberhaupt nicht geben,\u0091 * und ich sp\u00fcrte einen richtigen Stich in meinem Herzen, wie mit einem Skalpell. Der Satz tat mir richtig weh, denn ich hatte sofort all die Armen vor Augen, die es bei uns in der Stadt und \u00fcberall auf der Welt gibt. Armut ist ein Skandal, dachte ich, nein, ich f\u00fchlte es mehr als dass ich es dachte. Dass es Armut gibt, ist eine S\u00fcnde derer, die nicht arm sind.<\/p>\n<p>Mir kam in den Sinn, mein Landhaus zu verkaufen und das Geld an Arme zu geben. Aber auch der Gedanke tat mir weh, denn es ist mein Elternhaus, und auch meine Kinder sind dort geboren; es ist ein St\u00fcck von mir. Ich wei\u00df noch nicht, wie ich aus diesem Dilemma herauskomme. Ich wei\u00df aber wohl, dass Gottes Wort wie ein scharfes Messer ist, dass der Seele ins Mark schneidet, und das die Gedanken trennt wie die Knochen eines Gelenkes. Ich kann nicht mehr daran denken, wie es meiner Familie und mir noch besser gehen k\u00f6nnte, ich kann nur noch daran denken, wie es den Armen besser gehen kann. Gottes Wort schneidet bestimmte Gedanken aus dem Kopf, und damit auch bestimmte Taten. Ja, f\u00fcr mich ist Gottes Wort wie ein Skalpell.\u0093<\/p>\n<p>Der Arzt lehnte sich zur\u00fcck und schwieg, die anderen schwiegen auch, betroffen von der Offenheit dieses Menschen und getroffen von der Ernsthaftigkeit seines Glaubens. \u0084Darf ich dein Bild vom Skalpell f\u00fcr unseren Brief verwenden?\u0093 fragte der Bischof schlie\u00dflich. Ob das nicht etwas zu drastisch sei, wand einer ein, doch der Bischof meinte, das sei dem Wort Gottes durchaus angemessen, das selber oft genug drastisch sei, weil es wecken wolle, wachr\u00fctteln, und nicht einlullen. Dann sagte er eine kurze Pause an, und danach wollten sie \u00fcber Christus als den wahren Hohenpriester nachdenken. Amen<\/p>\n<p>* Deut. 15,4<\/p>\n<p><strong>Paul Kluge, Pastor em.<br \/>\nGro\u00dfer Werder 17<br \/>\n39114 Magdeburg<br \/>\n<a href=\"mailto:Paul.Kluge@t-online.de\">Paul.Kluge@t-online.de<\/a> <\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexagesimae, 15. 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