{"id":9796,"date":"2004-02-07T19:49:44","date_gmt":"2004-02-07T18:49:44","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9796"},"modified":"2025-06-28T13:48:02","modified_gmt":"2025-06-28T11:48:02","slug":"2-korinther-47-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-47-15\/","title":{"rendered":"2. Korinther 4,7 \u2013 15"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">Estomihi, 22. Februar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcber 1. Korinther 13, verfa\u00dft von Rainer Stahl<\/span><\/b><\/p>\n<p>Liebe Leserin, lieber Leser,<br \/>\nliebe Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>Ihnen allen mag das M\u00e4rchen vom \u0084steinernen Herzen\u0093 ein Begriff sein. Es stammt von Wilhelm Hauff, der es kurz vor seinem Tode 24j\u00e4hrig in seiner M\u00e4rchensammlung im Jahr 1826 ver\u00f6ffentlichte. Vielleicht gibt es Beziehungen zur Erz\u00e4hlung \u0084Das steinerne Herz\u0093 von E.T.A. Hoffmann von 1817. Aber da bin ich mir nicht sicher. Viel eher vermute ich, dass der Theologe Wilhelm Hauff bei seinem M\u00e4rchen auch an das \u0084Hohelied der Liebe\u0093 des Paulus gedacht haben k\u00f6nnte. Ist es nicht so etwas wie eine Auslegung unserer Verse?<\/p>\n<p>Der K\u00f6hler Peter tauscht beim Holl\u00e4nder-Michel sein menschliches Herz in ein steinernes ein und hat von Stund an \u0084Gl\u00fcck\u0093 und Erfolg. Alles wird ihm in seinen H\u00e4nden zu Geld und Reichtum. Sein Unternehmen prosperiert. Er kann expandieren. Er, der vormals arme Sohn einer K\u00f6hler-Witwe, kann sich ein neues und gro\u00dfes Anwesen bauen. Die materiellen Grundlagen f\u00fcr eine gute Zukunft zusammen mit seiner Liebsten und Ehefrau sind gelegt.<\/p>\n<p>Aber: Der Preis ist hoch. Das Wort \u0084Gl\u00fcck\u0093 eben hatte ich nur in Anf\u00fchrungsstrichen verwendet. Harmonie und Verst\u00e4ndnis mit seiner Frau zerbrechen. Denn nur die Gier nach mehr, nach Umsatz, nach Profit bestimmt sein Leben. Ja: Er verbietet seiner Frau, sich der Armen und Bed\u00fcrftigen anzunehmen. Er kann Barmherzigkeit und Solidarit\u00e4t nicht mehr dulden, denn auch mit ihm ist ja niemand barmherzig und solidarisch. Sein neues Herz zwingt ihn, hart zu sein. Und im selben Ma\u00dfe l\u00e4sst es ihn von anderen nur H\u00e4rte erwarten.<\/p>\n<p>Ist das nicht so etwas wie eine negative Auslegung dieses gro\u00dfen Textes des Paulus? Peter ist ungeduldig und harsch. Er ereifert sich wegen der Unf\u00e4higkeit anderer und treibt Mutwillen wegen deren Schulden. Er sucht nichts als das Seine und rechnet nat\u00fcrlich alles Negative bis auf den letzten Cent nach. Peter ertr\u00e4gt nichts. Er glaubt eigentlich an nichts. Er hofft auf nichts. Und er duldet nichts.<\/p>\n<p>Ist dieses M\u00e4rchen nicht auch aktueller, als auf den ersten Blick zu vermuten w\u00e4re? Beschreibt es nicht den harten Kampf unserer Zeit auf dem Geldmarkt, im Bankengesch\u00e4ft, zwischen den Wirtschaftsunternehmungen? Ja: Bietet es nicht eine erz\u00e4hlerische Gestalt der vielf\u00e4ltigen Konkurrenz unserer Zeit, in der nur Menschen mit \u0084steinernen Herzen\u0093 Bestand zu haben scheinen? Beim Kampf um Arbeitspl\u00e4tze? Bei der Auseinandersetzung um Karriere und Ansehen?<\/p>\n<p>Und damit holt diese Auslegung des \u0084Hohenliedes der Liebe\u0093 den alten Text des Paulus noch direkter und unmittelbarer in unsere Zeit hinein. Wir erkennen:<br \/>\nUnser Lied ist ein Protesttext gegen alle Effizienz, gegen alle Herzlosigkeit.<br \/>\nUnser Lied ist ein Werbetext f\u00fcr die Solidarit\u00e4t mit den Mitmenschen, f\u00fcr die Zuwendung zu den Benachteiligten und Bed\u00fcrftigen.<br \/>\nUnser Lied ist eine einzige Einladung zur Liebe, zur Liebe im Sinne eines fleischernen, eines menschlichen Herzens.<\/p>\n<p>An dieser Stelle unseres Nachdenkens f\u00e4llt uns vielleicht auf, dass sich Paulus aber gar nicht mit herzloser Wirtschaftlichkeit, mit kaltem Rechnen, mit liebloser Konkurrenz auseinandersetzt. Paulus benennt ganz gro\u00dfe, ja: \u0084heilige\u0093 Ereignisse in der Welt des Glaubens:<br \/>\ndas Reden mit Menschenzungen und Engelszungen, also: das Predigen des Glaubens;<br \/>\ndie prophetische \u00c4u\u00dferung und die Einsicht in die letzten Geheimnisse, also: die Aufdeckung der Wahrheit;<br \/>\ndas Weggeben und sich selbst Opfern f\u00fcr andere, also: die Kreuzesnachfolge.<br \/>\nAll das \u0096 was wollten wir mehr erreichen bei uns, in unseren Gemeinden und Kirchen? \u0096, all das bedarf noch etwas anderem, etwas zus\u00e4tzlichem! Paulus benennt dies: Es bedarf eines fleischernen Herzens, es bedarf der Liebe.<\/p>\n<p>Wir sollen also nicht nur in unsere Umwelt schauen. Die Probleme, die wir dort finden, sollen schon gemeistert werden. Aber: Auch bei uns selbst, auch in der Mitte unseres Christseins, auch im Zentrum unserer Kirche droht dieselbe Gefahr.<\/p>\n<p>Ich will es einmal so sagen: Solange wir auf der rein sachlichen Ebene bleiben, solange wir nur um Effizienz und Korrektheit bem\u00fcht sind, solange wir ausschlie\u00dflich die inhaltliche Seite des Glaubens sehen, solange greifen wir zu kurz. Wir m\u00fcssen immer auch den direkten Menschen sehen, mit dem wir es zu tun haben. Die Person, der wir den Glauben nahe bringen. Die Gruppe, mit der wir zusammen praktische Konsequenzen des Glaubens leben wollen.<\/p>\n<p>Jetzt m\u00f6chte ich von meiner direkten Berufserfahrung ausgehen:<br \/>\nIch arbeite f\u00fcr das Diasporawerk der evangelisch-lutherischen Kirchen, f\u00fcr den Martin-Luther-Bund. Wir engagieren uns f\u00fcr evangelisch-lutherische Minderheitskirchen z.B. in Osteuropa.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil der t\u00e4glichen Arbeit ist die eindeutige Rechenschaft \u00fcber die Verwendung jedes einzelnen Euros. Wir selbst m\u00fcssen vor uns und vor unseren Partnern eindeutig und klar sein. Und wir m\u00fcssen unsere Partnerkirchen bitten, genauso klar und transparent zu berichten:<br \/>\n\u00dcber den Erhalt eines Unterst\u00fctzungsbetrages,<br \/>\n\u00fcber die genaue Verwendung in einem Projekt zusammen mit den anderen Hilfen und den eigenen Leistungen,<br \/>\n\u00fcber den Abschluss aller Arbeiten und Investitionen.<br \/>\nAber: Wo und wenn nur in diesem Sinne miteinander umgegangen wird, fehlt etwas. Es bedarf der geistlichen Gemeinschaft, es bedarf des pers\u00f6nlichen Bekanntwerdens, es bedarf des gegenseitigen Vertrauens. Es bedarf \u0096 um das von Paulus verwendete Wort aufzugreifen \u0096 der \u0084Liebe\u0093. Wo sie fehlt, verliert das gr\u00f6\u00dfte Projekt an Wert.<\/p>\n<p>Paulus gibt gerade f\u00fcr die Diasporaarbeit ganz gro\u00dfartige Hilfestellungen, indem er umschreibt, was er meint, wenn er von \u0084Liebe\u0093 redet:<br \/>\nTrotz aller der genannten technischen Notwendigkeiten \u0096 wenn ich das mal so sagen darf \u0096 braucht es die freundliche Toleranz im Umgang miteinander,<br \/>\nbraucht es die Kraft, von sich und den eigenen Interessen abzusehen und wirklich das zu ge-stalten helfen, was die Partner ben\u00f6tigen,<br \/>\nbraucht es die Freude \u00fcber das, was die Partner selbst\u00e4ndig schaffen.<br \/>\nMit anderen Worten:<br \/>\n\u0084Die Liebe ist langm\u00fctig und freundlich,<br \/>\ndie Liebe \u0085 sucht nicht das Ihre\u0085,<br \/>\nsie freut sich nicht \u00fcber die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit.\u0093<\/p>\n<p>Bei Wilhelm Hauff gelingt es letztlich dem Peter, sein eigenes Herz wieder zu erlangen. Am Ende ist er wieder ein Mensch, ein Mensch mit einem fleischernen Herzen, ein Mensch mit der F\u00e4higkeit zur Liebe. M\u00f6ge dieses gro\u00dfe Lied des Paulus in uns die Erinnerung an die Kraft der Liebe, an die Gestaltungsf\u00e4higkeit des Menschlichen erneuern und bewahren. Wir brauchen dieses Wissen auch als kirchliche Gemeinschaft. Denn selbst bei uns drohen die Gefahren der Herzlosigkeit.<\/p>\n<p>Gehen wir in diese neue Woche mit dem \u0096 ich darf es vielleicht so sagen \u0096 \u0084Pfahl in unserem Fleisch\u0093, dass alle Effizienz, alle Korrektheit, alles Machen die \u0084Liebe\u0093 brauchen, dasjenige ben\u00f6tigen, was ein Herz aus Fleisch ist:<br \/>\n\u0084Liebe, die du Kraft und Leben, Licht und Wahrheit, Geist und Wort\u0085<br \/>\nLiebe, die mich hat gebunden an ihr Joch mit Leib und Sinn\u0085<br \/>\nLiebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.\u0093 Amen.<\/p>\n<p>Lied: EG 401,1-5.<\/p>\n<p><strong>Dr. Rainer Stahl<br \/>\nGeneralsekretaer des Martin-Luther-Bundes<br \/>\n<a href=\"mailto:gensek@martin-luther-bund.de\">E-Mail: gensek@martin-luther-bund.de <\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi, 22. Februar 2004 Predigt \u00fcber 1. 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