{"id":9804,"date":"2021-02-07T19:49:33","date_gmt":"2021-02-07T19:49:33","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9804"},"modified":"2022-10-21T18:05:56","modified_gmt":"2022-10-21T16:05:56","slug":"1-korinther-13-9-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/1-korinther-13-9-12-2\/","title":{"rendered":"1. Korinther 13, 9-12"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><em>unser Wissen ist St\u00fcckwerk, unser prophetisches Reden ist St\u00fcckwerk,<br \/>\n&#8230; wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild <\/em>, schreibt<br \/>\nhier Paulus ganz negativ. Es ist alles St\u00fcckwerk, es ist alles<br \/>\nso beschr\u00e4nkt. Unser Wissen ist so beschr\u00e4nkt; unser Glaube,<br \/>\nunsere Religion ist so beschr\u00e4nkt; unsere Ethik, unsere Moral<br \/>\nist so beschr\u00e4nkt \u0096 St\u00fcckwerk eben. Ja, auch Paulus, dieser<br \/>\nkluge Kopf, der seitenweise gelehrte Briefe schreiben kann, gibt sich<br \/>\nmit diesen Worten erstaunlicherweise selbst als ein Beschr\u00e4nkter<br \/>\nzu erkennen. Weil auch er nur St\u00fcckwerk hervorbringt. Weil auch<br \/>\ner nur ein dunkles Bild von der Wirklichkeit sieht.<\/p>\n<p>Es ist alles St\u00fcckwerk, es ist alles so beschr\u00e4nkt. Und das<br \/>\ngilt auch f\u00fcr uns. Auch wir sind so beschr\u00e4nkt. Beschr\u00e4nkt<br \/>\ndurch die vielen, vielen Schranken, die unser Leben begrenzen. Beschr\u00e4nkt<br \/>\ndurch die Schranken unserer Kultur und unserer Traditionen; beschr\u00e4nkt<br \/>\ndurch die Schranken unserer Sitten und Gewohnheiten; beschr\u00e4nkt<br \/>\ndurch die Schranken unserer Sprache und unseres Lebensumfeldes; beschr\u00e4nkt<br \/>\ndurch die Schranken von Parteigrenzen und Vereinen, durch die Schranken<br \/>\nvon gr\u00f6\u00dferen oder kleineren gesellschaftlichen Gruppierungen<br \/>\nund vielem anderen mehr. Ob wir es glauben m\u00f6gen oder nicht.<\/p>\n<p>Wir sehen von der Wirklichkeit nur ein dunkles Bild. Wir haben ein ungenaues,<br \/>\nverschwommenes Wissen. Und doch halten wir dieses verschwommene Wissen<br \/>\nimmer wieder f\u00fcr die Wahrheit selbst. Weil wir es nur ungern h\u00f6ren<br \/>\nwollen, da\u00df alles so beschr\u00e4nkt ist. Statt dessen halten wir<br \/>\nuns lieber f\u00fcr klug und vern\u00fcnftig oder f\u00fcr besonders<br \/>\nfromme oder besonders moralische Menschen. Statt uns einzugestehen, da\u00df alles,<br \/>\nwas wir sind und tun, St\u00fcckwerk ist, bruchst\u00fcckhaft ist, beschr\u00e4nkt<br \/>\neben &#8211; stattdessen tun wir dann gerne so, als w\u00e4ren Weisheit oder<br \/>\nFr\u00f6mmigkeit oder Moral ausgerechnet und ganz besonders bei uns zu<br \/>\nfinden und bei den anderen eher nicht. Und die anderen behaupten von<br \/>\nsich genau dasselbe mit umgekehrten Vorzeichen.<\/p>\n<p>Sehen Sie sich nur einmal die Politik an: Da hat jede Partei die Vernunft<br \/>\nf\u00fcr sich gepachtet. Oder sehen Sie sich einmal die vielen verschiedenen<br \/>\nKirchen an \u0096 von den nichtchristlichen Religionen ganz zu schweigen:<br \/>\nDa hat jede den wahren Glauben f\u00fcr sich gepachtet. Dagegen sagt<br \/>\nPaulus: Beschr\u00e4nkt ist das. Weil alles beschr\u00e4nkt ist durch<br \/>\nalle m\u00f6glichen Schranken und auch wir.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Nun war Paulus, als er diesen Brief an die Korinther schrieb, gewi\u00df schon<br \/>\nklar, da\u00df solch wenig schmeichelhaften Aussagen nicht nur Gefallen<br \/>\nfinden w\u00fcrden. Da\u00df es da nicht wenige Leute geben w\u00fcrde,<br \/>\ndie auf so etwas entr\u00fcstet entgegnen w\u00fcrden: \u0084Was, wir sollen<br \/>\nbeschr\u00e4nkt sein? Nein, wir sind es doch, die den Durchblick haben;<br \/>\nwir sind es doch, die wirklich wissen, was richtig und was falsch ist;<br \/>\nwir sind es doch, die wirklich wissen, was zu tun ist!\u0093<\/p>\n<p>Gut, sagt Paulus dazu. Stellen wir uns einfach einmal vor, es w\u00e4re<br \/>\ntats\u00e4chlich so. Stellen wir uns einfach einmal vor, ihr k\u00f6nntet<br \/>\nreden wie die Englein selbst. Stellen wir uns einfach einmal vor, ihr<br \/>\nw\u00fc\u00dftet alle Geheimnisse dieser Welt und jenseits dieser Welt.<br \/>\nStellen wir uns einfach einmal vor, ihr h\u00e4ttet die Weisheit mit<br \/>\nL\u00f6ffeln gegessen, einen Glauben der Berge versetzen k\u00f6nnte<br \/>\nund eure Ethik und Moral w\u00e4re derart, da\u00df ihr f\u00fcr eure<br \/>\nN\u00e4chsten alles geben w\u00fcrdet, selbst euer Leben! Es ist nicht<br \/>\nso, aber stellen wir uns einfach einmal vor, es w\u00e4re tats\u00e4chlich<br \/>\nso. Wenn es so w\u00e4re, und ihr h\u00e4ttet die Liebe nicht \u0096 ihr w\u00e4rt<br \/>\nnach wie vor beschr\u00e4nkt. Und noch schlimmer: ohne die Liebe ist<br \/>\nall das, was ihr macht, was ihr k\u00f6nnt und leistet \u0096 nichts!<\/p>\n<p>Ohne die Liebe ist das alles nichts. Das hei\u00dft nicht: Denkt doch<br \/>\nhin und wieder auch mal an die Liebe. Versucht doch mal die Liebe nicht<br \/>\nganz au\u00dfer acht zu lassen. Das hei\u00dft nicht: Die Liebe ist<br \/>\nein wichtiger Wertma\u00dfstab, den ihr nicht vergessen sollt. Das alles<br \/>\nmag seine Richtigkeit haben, aber Paulus sagt hier viel, viel mehr als<br \/>\ndas: Ohne Liebe ist alles, wirklich alles andere nichts.<\/p>\n<p>Ohne die Liebe ist euer Reden, egal ob mit Menschen- oder mit Engelszungen<br \/>\nnur leeres Wortgeklingel. Und wenn euer Wissen, euer Glauben und eure<br \/>\nMoral auch zur H\u00f6chstform aufgelaufen w\u00e4ren \u0096 ohne die Liebe<br \/>\nist das alles nichts.<\/p>\n<p>Paulus, so stelle ich mir vor, wenn man ihm heute ein bi\u00dfchen<br \/>\nvon unserer Welt erz\u00e4hlen k\u00f6nnte, Paulus w\u00fcrde angesichts<br \/>\nunserer Art und Weise zu leben immer wieder nachfragen, wie das denn<br \/>\nbei uns so mit der Liebe ist. Die Kinder zu flei\u00dfigen und anst\u00e4ndigen<br \/>\nMenschen erziehen&#8230; Ist schon recht, w\u00fcrde Paulus wohl sagen; aber<br \/>\nwie haltet ihr es da mit der Liebe? Regelm\u00e4\u00dfige Gottesdienstbesuche,<br \/>\nregelm\u00e4\u00dfiges Beten und Einsatz f\u00fcr die Kirchengemeinde,<br \/>\nf\u00fcr das Dorf, f\u00fcr die Allgemeinheit&#8230; Ist schon recht, aber<br \/>\nwie haltet ihr es da mit der Liebe? Tolerant sein gegen\u00fcber Menschen,<br \/>\ndie anders leben und denken wie wir, anderen Menschen keinen Schaden<br \/>\nzuf\u00fcgen&#8230; Sch\u00f6n und gut, aber wie ist es da bei euch um die<br \/>\nLiebe bestellt? So w\u00fcrde Paulus heute wohl fragen. Und darauf pochen:<br \/>\nOhne die Liebe bleiben eure wirklichen oder vermeintlichen Leistungen,<br \/>\nohne die Liebe bleiben eure wirklichen oder vermeintlichen Wohltaten<br \/>\nganz und gar hohl und leer.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Es ist alles so beschr\u00e4nkt, sagt Paulus. Und kommt dann nicht von<br \/>\nungef\u00e4hr auf die Liebe zu sprechen. Weil alleine die Liebe schrankenlos<br \/>\nist. Weil alleine die Liebe grenzenlos ist und ohne Ende: <em>Die <\/em><em>Liebe<br \/>\nh\u00f6rt niemals auf <\/em>, schreibt Paulus, <em>sie ertr\u00e4gt alles,<br \/>\nsie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles <\/em>. Das tut die<br \/>\nLiebe und noch mehr, von dem Paulus hier in unserem Text zu berichten<br \/>\nwei\u00df.<\/p>\n<p>Paulus spricht hier von der Liebe als von einer Macht. Von der Liebe<br \/>\nals einer Macht, die einen packt, die einen ergreift und mitnimmt, mitzieht.<br \/>\nPaulus spricht hier von der Liebe als einer Macht, die wir nicht steuern<br \/>\nk\u00f6nnen, sondern die statt dessen uns und den Lauf unseres Lebens<br \/>\nlenken kann. Und schlie\u00dflich: Paulus spricht hier von der Liebe<br \/>\nals einer Macht, die zuletzt allem standh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Was die Liebe nicht alles tut! Da\u00df alles so beschr\u00e4nkt ist,<br \/>\nwei\u00df die Liebe und regt sich trotzdem nicht dar\u00fcber auf. Die<br \/>\nLiebe wird trotz aller Beschr\u00e4nktheit auf dieser Welt nicht fanatisch,<br \/>\nsondern die Liebe hat stets Geduld. Die Liebe ist nie und nimmer schadenfroh,<br \/>\nsie spottet nicht, sondern sie bleibt freundlich und verzeiht Unvollkommenheiten.<br \/>\nWo auch immer etwas schieflaufen mag: die Liebe h\u00e4lt das aus. Und<br \/>\nwo alles so beschr\u00e4nkt ist, da \u00f6ffnet die Liebe Schranken.<br \/>\nDa schl\u00e4gt die Liebe Br\u00fccken und zeigt neue Wege. Das alles<br \/>\ntut die Liebe und noch mehr. Weil die Liebe grenzenlos ist und ohne Ende.<\/p>\n<p>Die Liebe h\u00f6rt niemals auf. Weil dieser Gott, der die Liebe ist,<br \/>\nniemals aufh\u00f6rt. Und so ist die Liebe ein Vorgeschmack des Vollkommenen,<br \/>\nsie ist das g\u00f6ttliche Geheimnis des Guten. Die Liebe ist Gottes<br \/>\nWille und die Erf\u00fcllung seines Willens zugleich.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Wir Menschen, wir Christen sind alles andere als vollkommen. Wir k\u00f6nnen<br \/>\ngar nicht vollkommen sein, denn wir sind ja nicht Gott, sondern nur beschr\u00e4nkte<br \/>\nWesen. Aber wir m\u00fcssen auch gar nicht vollkommen sein. Wo Gott uns<br \/>\nmit Augen der Liebe ansieht &#8211; oder der Partner\/die Partnerin oder irgendein<br \/>\nanderer Mensch \u0096 wo wir mit Augen der Liebe gesehen werden, da sind unsere<br \/>\nFehler verziehen, da sind unsere Unvollkommenheiten nebens\u00e4chlich,<br \/>\nda sind wir trotz aller Beschr\u00e4nktheit in unserem Leben, die ja<br \/>\nauch da ist, mehr als akzeptiert.<\/p>\n<p>Wir Menschen brauchen viel in unserem Leben, um zumindest halbwegs unbeschr\u00e4nkt \u0096 \u0084frei\u0093 sagen<br \/>\nwir dann \u0096 leben zu k\u00f6nnen: Arbeit und Geld; Technik und Kultur;<br \/>\nGesundheit vor allen Dingen; Gerechtigkeit und vieles andere mehr.<\/p>\n<p>Wichtige Dinge sind das alles, w\u00fcrde Paulus sagen \u0096 aber bedenkt:<br \/>\nOhne die Liebe ist das alles nichts. Und deshalb solltet ihr zuerst und<br \/>\nvor allem die Liebe brauchen. Ihr habt sie nicht in der Hand, die Liebe,<br \/>\nso wie ihr vielleicht die vielen anderen Dinge in der Hand haben m\u00f6gt.<br \/>\nUnd ihr k\u00f6nnt sie auch nicht herstellen, die Liebe. Aber es gibt<br \/>\nsie. Und sie ber\u00fchrt auch euer Leben immer wieder. Ohne Ende. Dem<br \/>\nGott, der die Liebe ist, sei Dank.<\/p>\n<p><strong> Michael Fragner<br \/>\n<a href=\"mailto:fragner@michelrieth.de\">fragner@michelrieth.de<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Gemeinde, unser Wissen ist St\u00fcckwerk, unser prophetisches Reden ist St\u00fcckwerk, &#8230; wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild , schreibt hier Paulus ganz negativ. Es ist alles St\u00fcckwerk, es ist alles so beschr\u00e4nkt. 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