{"id":9809,"date":"2021-02-07T19:49:41","date_gmt":"2021-02-07T19:49:41","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9809"},"modified":"2022-10-03T17:18:27","modified_gmt":"2022-10-03T15:18:27","slug":"lukas-2224-32-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-2224-32-2\/","title":{"rendered":"Lukas 22,24-32"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>(Lukas 22,24-32 &#8211; d\u00e4nische Perikopenordnung)<\/p>\n<p>In der Leitung von Betrieben spricht man heutzutage von &#8222;flachen<br \/>\nStrukturen&#8220;. Damit ist gemeint, da\u00df die altmodische Hierarchie<br \/>\nzwischen Leiter, Mittelbau und Unterbau und den gew\u00f6hnlichen Besch\u00e4ftigten<br \/>\naufgehoben ist und damit auch die Hierarchie zwischen den verschiedenen<br \/>\nFachgruppen.<\/p>\n<p>Um einen guten und modernen Betriebsgeist zu schaffen, m\u00fcssen alle<br \/>\ndas fachliche K\u00f6nnen der anderen respektieren, hei\u00dft es, und<br \/>\nerkennen, da\u00df alle an ein und derselben Sache arbeiten, n\u00e4mlich<br \/>\nder Konkurrenzf\u00e4higkeit des Unternehmens auf dem freien Markt.<\/p>\n<p>Wenn es das einzige Ziel der Fachgruppen w\u00e4re, mit den Gewerkschaften<br \/>\nan der Spitze f\u00fcr ihr eigenes Recht zu k\u00e4mpfen, dann w\u00fcrde<br \/>\ndarunter das gemeinsame Projekt, n\u00e4mlich der Betrieb, Schaden erleiden.<\/p>\n<p>Wenn man in flachen Strukturen, wie man dies nennt, denkt, so aus der<br \/>\nErkenntnis heraus, da\u00df jeder etwas Wichtiges beizutragen hat<br \/>\nund dies in einer h\u00f6heren Einheit aufgeht, n\u00e4mlich der Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Nun sind wir in die Kirche gekommen und nicht zu einem Vortrag \u00fcber<br \/>\nBetriebskultur &#8211; aber das heutige Evangelium handelt davon, in flachen<br \/>\nStrukturen zu <em>leben <\/em>. Auf Macht und Rechte zu verzichten<br \/>\nund statt dessen einander Diener sein, kurz und gut.<\/p>\n<p>Deshalb frage ich nun: Man denke sich, da\u00df diese Einstellung<br \/>\nzu den gegenseitigen Fachgebieten innerhalb der modernen Betriebskultur<br \/>\nsich auf das allt\u00e4gliche Dasein \u00fcbertragen lie\u00dfe: gegen\u00fcber<br \/>\ndem Fremden unter uns, dem Ehepartner, unseren Eltern und all den anderen.<\/p>\n<p>Da\u00df wir offenbar nicht in solchen flachen Strukturen leben, das<br \/>\nbezeugt die Notwendigkeit des Gesetzes. Und dabei denke ich an das Gesetz<br \/>\nim Alten Testament.<\/p>\n<p>Hier steht immer wieder, da\u00df das Volk sich des Fremden annehmen<br \/>\nsoll innerhalb der Stadtmauer, und das wird mit der Erinnerung verbunden:<br \/>\nDenkt daran, da\u00df Ihr selbst einmal Fremde wart in \u00c4gypten.<\/p>\n<p>Und unter den zehn Geboten hei\u00dft das vierte: &#8222;Du sollst deinen<br \/>\nVater und deine Mutter ehren&#8220;, etwas, was offenbar gesagt werden<br \/>\nmu\u00df, damit es auch befolgt wird.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich werden sich einige auch daran erinnern, was sie<br \/>\nbei ihrer Hochzeit versprochen haben: Da\u00df wir unseren Ehepartner<br \/>\nlieben und ehren sollen und mit ihm leben sollen in guten wie in schlechten<br \/>\nTagen, bis da\u00df der Tod uns scheidet.<\/p>\n<p>Auch das mu\u00df uns offenbar gesagt werden und als Versprechen abgegeben<br \/>\nwerden, denn es kommt nicht von selbst.<\/p>\n<p>Warum kommt es nicht von selbst? Warum geschieht es nicht von selbst,<br \/>\nda\u00df wir den Fremden annehmen und unsere Eltern respektieren und<br \/>\nunseren Ehepartner lieben und ehren? Warum mu\u00df uns das gesagt werden?<\/p>\n<p>Warum mu\u00df man auf einen Leitungskurs, um zu lernen, die anderen<br \/>\nim Betrieb zu respektieren, und warum mu\u00df man in die Kirche gehen<br \/>\nund in der Bibel lesen, um zu lernen, da\u00df wir H\u00fcter unseres<br \/>\nBruders sein sollen?<\/p>\n<p>Aus dem einfachen Grund, den wir auch in der Bibel finden: Die Wahrheit \u00fcber<br \/>\nden Menschen ist, da\u00df in uns eine grundlegende und fundamentale<br \/>\nBegierde liegt, uns selbst in den Mittelpunkt zu stellen und der Gr\u00f6\u00dfte,<br \/>\nder Beste zu sein &#8211; gern auf Kosten anderer.<\/p>\n<p>Und nun sind wir schon mitten im heutigen Evangelium und den \u00fcbrigen<br \/>\nTexten, die heute an diesem ersten Sonntag der Passionszeit gelesen worden<br \/>\nsind: Die J\u00fcnger streiten sich dar\u00fcber, wer von ihnen der Gr\u00f6\u00dfte<br \/>\nist. Und Kain erschl\u00e4gt seinen Bruder Abel aus Neid dar\u00fcber,<br \/>\nweil der Herr dessen Opfer angenommen hat &#8211; und schlie\u00dflich wird<br \/>\nim Jakobusbrief festgestellt, da\u00df wir durch unsere eigene<br \/>\nBegierde versucht, verlockt und hingezogen werden. Und diese Begierde<br \/>\nbringt die S\u00fcnde in die Welt, sagt der Apostel Jakobus, und wenn<br \/>\ndie S\u00fcnde aufgewachsen ist, gebiert sie Tod!<\/p>\n<p>Die Passionszeit besch\u00e4ftigt sich mit dem, was Macht \u00fcber<br \/>\nuns gewinnt. Und die traditionelle Aufforderung der Passions- und Fastenzeit<br \/>\nwar fr\u00fcher &#8211; als Vorbereitung des bevorstehenden Osterfestes, auf<br \/>\ndie Macht und die Begierde zu verzichten, die uns gerade daran hindern,<br \/>\neinander zu dienen, wie Christus uns gedient hat und wie er es uns im<br \/>\nOstergeschehen gezeigt hat.<\/p>\n<p>Wir werden &#8211; besonders in der Passionszeit &#8211; dazu auf\u00adgefordert,<br \/>\ndagegen zu k\u00e4mpfen, da\u00df wir die Macht <em>wollen <\/em>. Es<br \/>\ngeht wie gesagt um die flachen Strukturen.<\/p>\n<p>Und wir m\u00fcssen uns in der Fastenzeit auch bewu\u00dft machen,<br \/>\nda\u00df wir uns nicht von der Macht unterdr\u00fccken <em>lassen <\/em>.<\/p>\n<p>Fasten, also konkret auf Fleisch verzichten, tat man ja, um zu manifestieren,<br \/>\nda\u00df die grundlegende Begierde nach Essen nicht das Leben bestimmen<br \/>\nsoll.<\/p>\n<p>Vielleicht sollten wir, die wir nicht mehr in der alten mittelalterlichen<br \/>\nWeise fasten, den Anla\u00df wahrnehmen, um dar\u00fcber nachzudenken,<br \/>\nwas Macht \u00fcber unser Leben hat, was unser Leben bestimmt, und wir<br \/>\nsollten dann einen ganz stillen Versuch machen, sich davon nicht leiten,<br \/>\nunterdr\u00fccken und versuchen zu lassen.<\/p>\n<p>Das braucht ja nicht das Essen zu sein oder der Rotwein oder der Lebensgenu\u00df.<br \/>\nDie Wahrscheinlichkeit daf\u00fcr ist freilich gro\u00df. Aber es k\u00f6nnte<br \/>\nin unserer arbeitsw\u00fctigen Kultur ja auch eben der Arbeitsdruck sein,<br \/>\nder Leistungsdruck, der Stre\u00df, die Gier nach Statussymbolen und<br \/>\nMaterialit\u00e4t und all dem, was daraus folgt &#8211; vielleicht ist es eben<br \/>\ndies, was unser Leben heute bestimmt.<\/p>\n<p>Lasterkataloge kann man wohl immer schreiben. Versuchungen gibt es viele.<br \/>\nHeute aber sagt uns Jesus direkt im Evangelium, da\u00df wir uns gegen<br \/>\ndiese begehrliche Weise, das Leben bestimmen zu wollen, sch\u00fctzen<br \/>\nsollen.<\/p>\n<p>&#8222;So soll es unter euch nicht sein&#8220;, sagt er, &#8222;ihr sollt<br \/>\neuch nicht von etwas unterdr\u00fccken lassen, ihr habe keinen Grund,<br \/>\neuch von eurer Begierde leiten zu lassen&#8220; &#8211; die J\u00fcnger sollen<br \/>\nkurz und gut einander Diener sein.<\/p>\n<p>Und wir k\u00f6nnen hinzuf\u00fcgen: So soll es auch zwischen uns sein.<br \/>\nWir sollen uns selbst und einander als Diener verstehen. Wir sollen jemand<br \/>\nsein, der gibt.<\/p>\n<p>Und eben das wollen wir ja eigentlich auch im Innersten: Geben. Kain<br \/>\nwollte Gott ein Opfer bringen. Deshalb war er entt\u00e4uscht, als Gott<br \/>\nes nicht annahm aus einem Grund, den wir nicht kennen.<\/p>\n<p>Und die J\u00fcnger wollten Jesus gern das geben, da\u00df sie wirklich<br \/>\nan ihn glaubten und deshalb gerne bei ihm bleiben wollten, so nahe wie<br \/>\nm\u00f6glich, am liebsten an seiner rechten und linken Seite.<\/p>\n<p>Das Christentum hebt die Dienerrolle hervor, weil sie das Gleichnis<br \/>\nder Liebe Gottes ist. Der Diener ist der, der den anderen erfreut, der<br \/>\ndie Bed\u00fcrfnisse des anderen befriedigt, der das Leben gut macht<br \/>\nf\u00fcr den anderen.<\/p>\n<p>Wer aber die Schwachheit verh\u00f6hnt, der wird wohl mi\u00df\u00adtrauisch<br \/>\nfragen, warum man sich in dieser verkehrten Weise stark machen soll &#8211;<br \/>\nso da\u00df man die Begierde in sich d\u00e4mpfen kann &#8211; um schwach<br \/>\nzu werden, um ein schwacher Diener zu werden. Kann das wirklich die rechte<br \/>\nWeise sein, ein Mensch zu sein?<\/p>\n<p>Ja, das behauptet das Christentum! Einander Diener sein ist das wahre<br \/>\nMenschsein. Warum? Weil die Lebenseinstellung, die in den flachen Strukturen<br \/>\nihren Ausdruck findet, Leben mit sich bringt. Sie ist ergiebig, produktiv,<br \/>\nsch\u00f6pferisch, dynamisch, erl\u00f6send, erneuernd. Sie schafft Zukunft.<br \/>\nOffenheit. Hoffnung. Der Diener will das Gute. Will nicht sich selbst<br \/>\nund sein eigenes Recht, sondern das Gute um des anderen willen.<\/p>\n<p>Das hier ist keine Utopie. Das Christentum ist nicht Utopie und fern<br \/>\nder Wirklichkeit, auch wenn wir manchmal daran zweifeln, ob es sich praktizieren<br \/>\nl\u00e4\u00dft &#8211; vielleicht weil wir uns selbst kennen, wie wir sind.<\/p>\n<p>Das Christentum gibt seine klare Antwort und sagt, da\u00df die Voraussetzung<br \/>\ndaf\u00fcr, da\u00df dieses Sein m\u00f6glich ist in der Welt und im<br \/>\nMiteinander, die Liebe ist. Und daf\u00fcr ist Gott der Garant.<\/p>\n<p>Nur mit der Liebe im R\u00fccken k\u00f6nnen wir geben und dienen und<br \/>\ntragen und nachsehen und nicht an unser Recht denken. Und diese Liebe<br \/>\nist nicht etwas, was wir einfach haben. Sie setzt sich durch, wenn wir<br \/>\nan sie glauben. Oder wenn wir glauben, dann setzt sie sich durch.<\/p>\n<p>Sie ist die Kraft, die Glauben wirkt. Nicht als etwas Statisches, das<br \/>\nwir entweder haben oder nicht haben. Denn es ist ja kein Zufall, da\u00df Jesus<br \/>\nzu Simon Petrus sagt: &#8222;Wenn du dich einmal bekehrst, dann st\u00e4rke<br \/>\ndeine Br\u00fcder!&#8220; Also: Wenn du eines Tages, oder an dem Tage<br \/>\noder in dem Augenblick, wo du daran glaubst, da\u00df ich die Liebe<br \/>\nbin, die f\u00fcr dich gebetet hat und dir den Weg bereitet hat, dann<br \/>\nsollst du Diener sein und deine Br\u00fcder st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Das Christentum behauptet, da\u00df die Liebe, die in der Schwachheit<br \/>\nstark ist, Gott ist. Gott ist identisch mit der Liebe, die Ihre Kraft<br \/>\nin der Schwachheit zeigt.<\/p>\n<p>Und Gott hatte offenbar eine Schw\u00e4che f\u00fcr uns Menschen, wo<br \/>\ner doch so viel f\u00fcr uns opferte. Eine Schw\u00e4che, die ihn eben<br \/>\ndazu veranla\u00dfte, sich selbst aufzugeben und ein Diener zu werden.<\/p>\n<p>Und durch diese Umkehr, vom erhabenen Gott zum gedem\u00fctigten Sohn<br \/>\nGottes, setzte sich die Kraft der Liebe durch und siegte \u00fcber all<br \/>\ndas, was mit Tod und Vernichtung endet, mit Schlie\u00dfung, Bankrott<br \/>\nund Konkurs.<\/p>\n<p>Die Geschichte Jesu, sein Leben und sein Tod und seine Auferstehung<br \/>\nsind ein Gleichnis f\u00fcr den Sieg der Schwachheit. Das endete nicht<br \/>\nmit Kreuz und verschlossenem Grab, sondern mit Auferstehung und Licht<br \/>\nund Leben und Hoffnung f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Das h\u00f6ren die J\u00fcnger auch heute. Sie wollen zwar Diener in<br \/>\nder Welt sein, aber eines Tages werden sie mit zu Tische sitzen als die,<br \/>\ndie sich bedienen lassen. Sie werden auf Thronen sitzen und die zw\u00f6lf<br \/>\nSt\u00e4mme Israels richten. Sie werden siegen.<\/p>\n<p>Das ist gewi\u00df ein mythisches Bild, das uns heute nicht viel sagen<br \/>\nkann &#8211; aber wir sollen uns auf die Erh\u00f6hung selbst freuen.<\/p>\n<p>Das ist der &#8222;Siegeskranz des Lebens&#8220;, von dem der Apostel<br \/>\nJakobus sprach, wir werden ihn empfangen, wenn wir die Pr\u00fcfungen<br \/>\nbestehen.<\/p>\n<p>Die Schwachheit vernichtet nicht sich selbst, sie wird nicht zunichte<br \/>\n&#8211; sie wird alles in allem.<\/p>\n<p>Es endet mit Erf\u00fcllung und Sattheit und Genu\u00df und Freude.<br \/>\nEs endet mit einem gro\u00dfen Festmahl, wo wir obenan sitzen.<\/p>\n<p>Bis es so weit ist, d\u00fcrfen wir uns \u00fcber den Tisch freuen,<br \/>\nder uns hier gedeckt wird, und uns st\u00e4rken lassen durch das Brot<br \/>\nund den Wein, so da\u00df wir durch die Kraft seiner Liebe glauben k\u00f6nnen<br \/>\nund umkehren und versuchen k\u00f6nnen, in flachen Strukturen zu leben<br \/>\nals Diener f\u00fcr einander. Amen<\/p>\n<p align=\"left\"><strong>Pastorin Eva T\u00f8jner G\u00f6tke<br \/>\nPlatanvej 10<br \/>\nDK-5230 Odense M<br \/>\nTel.: ++ 45 &#8211; 66 12 56 78<br \/>\n<a href=\"mailto:etg@km.dk\">email: etg@km.dk<\/a> <\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Lukas 22,24-32 &#8211; d\u00e4nische Perikopenordnung) In der Leitung von Betrieben spricht man heutzutage von &#8222;flachen Strukturen&#8220;. Damit ist gemeint, da\u00df die altmodische Hierarchie zwischen Leiter, Mittelbau und Unterbau und den gew\u00f6hnlichen Besch\u00e4ftigten aufgehoben ist und damit auch die Hierarchie zwischen den verschiedenen Fachgruppen. 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