{"id":9813,"date":"2021-02-07T19:49:39","date_gmt":"2021-02-07T19:49:39","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9813"},"modified":"2023-03-12T11:58:00","modified_gmt":"2023-03-12T10:58:00","slug":"hebraeer-10-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hebraeer-10-13\/","title":{"rendered":"Hebr\u00e4er 4, 14-16"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<h3><b><span style=\"color: #000099;\">Invokavit, 29. Februar 2004<br \/>\nPredigt \u00fcber Hebr\u00e4er 4, 14-16, verfa\u00dft von Friedrich-Otto Scharbau<\/span><\/b><\/h3>\n<hr \/>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>darauf kommt es an: Dass wir Christus begreifen! Dass wir begreifen, wer er ist und wer er f\u00fcr uns ist. Dass wir durch ihn Gewissheit erhalten f\u00fcr unser Leben und dass wir keinen Zweifel daran haben, dass am Ende Gottes Gnade und Barmherzigkeit uns erwartet.<\/p>\n<p>Wie in einem Lehrschreiben entfaltet der Hebr das, theologisch h\u00f6chst anspruchsvoll und manchmal auch fremd f\u00fcr uns und unverst\u00e4ndlich. Anderes ist uns vertraut, z. B. <em>Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit <\/em>(13, 8) oder <em>Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anf\u00e4nger und Vollender des Glaubens <\/em> (12, 2) oder <em>Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine gro\u00dfe Belohnung hat <\/em> (10, 35). S\u00e4tze, die das wandernde Gottesvolk, die Kirche, unterwegs durch die Zeiten und in der Welt, braucht, damit sie wei\u00df, wem sie geh\u00f6rt und wohin ihr Weg sie f\u00fchren soll.<\/p>\n<p>Wer das alles geschrieben hat? Dieses R\u00e4tsel zu knacken, daran haben sich Generationen von Theologen die Z\u00e4hne ausgebissen und haben es nicht geschafft. War es Paulus? So w\u00fcrden viele es am liebsten gesehen haben; aber dagegen spricht allerhand. War es \u00fcberhaupt einer der Apostel? Luther sagt: Vielleicht ein J\u00fcnger der Apostel, aber das ist doch sehr allgemein.<\/p>\n<p>Der Verfasser tritt mit seinem Namen nicht aus dem Dunkel der Geschichte heraus, er bleibt ein Anonymus und es scheint, als habe er das ganz bewusst und mit voller Absicht so getan. Weil er nicht wollte, dass auf ihn, den Autor die Aufmerksamkeit sich richtet, sondern dass sie sich auf Christus konzentriert. Dass er damit im Grunde die Verfasserfrage erst richtig interessant gemacht hat, wollen wir ihm gerne nachsehen. Weil ja in der Tat das Entscheidende sein Interesse ist, dass wir Christus begreifen; auf den kommt alles an f\u00fcr den Glauben, der entscheidet \u00fcber ein Leben in Wahrheit, und es ist diese Wahrheit, die uns frei macht zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, wie Paulus das gesagt hat. (Rm 8, 21) Kann denn der Zeuge die Wahrheit verb\u00fcrgen? Und kann er ihr zur Durchsetzung verhelfen? Ist es nicht vielmehr so, dass er selbst getragen wird von der Wahrheit, f\u00fcr die er steht? Weil das Heil mit der Predigt von Jesus seinen Anfang nahm, hei\u00dft es einmal im Hebr (2, 3), ist es n\u00f6tig, immer wieder zu diesem Anfang zur\u00fcckzukehren. Wohl k\u00f6nnen wir das nicht tun ohne die Zeugen, die uns die Wahrheit \u00fcberliefert haben, aber wir bleiben nicht bei den Zeugen h\u00e4ngen, sondern dringen durch zu Christus selbst. Paulus fragt einmal, um dieses Verh\u00e4ltnis des Zeugen zu seiner Botschaft klar zu stellen: Bin ich denn etwa f\u00fcr euch gekreuzigt? Oder seid ihr etwa auf meinen Namen getauft? (1 Kor 1, 13) Und er weist damit die Absurdit\u00e4t der Verwechslung des Zeugen mit der Botschaft zur\u00fcck. Die Glaubw\u00fcrdigkeit des Zeugen h\u00e4ngt nicht an der Integrit\u00e4t seiner Person und seines Redens (selbst Paulus hat sich ja die Frage nach seiner Glaubw\u00fcrdigkeit gefallen lassen m\u00fcssen), sondern Gott best\u00e4tigt den Boten, indem er den Menschen das Herz \u00f6ffnet f\u00fcr die Wahrheit, die ihnen in deren Verk\u00fcndigung begegnet. Es geht um die Wahrheit: dass die uns erreicht, dass sie uns ergreift, dass sie uns erf\u00fcllt und verwandelt.<\/p>\n<p>Zur Wahrheit sind wir berufen. Ich bin nicht sicher, ob uns das immer so ganz gegenw\u00e4rtig ist. Wie viel dummes Zeug aus den Scheinwelten einer Spa\u00dfgesellschaft, die sich im australischen Urwald einem Nervenkitzel mit Netz und doppeltem Boden aussetzt, wie viel leere Versprechungen werden uns Tag f\u00fcr Tag an der Wahrheit vorbei angeboten, wie viel \u0084Zukunft\u0093 wird uns Tag f\u00fcr Tag verhei\u00dfen und ist morgen schon wieder \u00fcberholt? Und wenn einer ein neues Weltraumprogramm entwirft, wird das f\u00fcr eine mutige Vision gehalten, so als ginge es darum, neue Wirklichkeiten zu entdecken \u0096 \u0084den Mars und die Welten, die dahinter liegen.\u0093 Aber was bringt uns das? Mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit, neue Chancen f\u00fcr die Elenden dieser Erde? Wohl eher nicht. Und wir verlieren die Wahrheit aus dem Blick.<\/p>\n<p>Was sind das f\u00fcr Perspektiven, wenn man morgens nur einmal f\u00fcr eine Stunde eine ganz normale Magazinsendung im Radio oder im Fernsehen ganz nebenbei verfolgt hat mit dem Politgezeter, den Diffamierungen und Selbstdarstellungen, dem Hochglanztratsch <em>Wer mit wem? <\/em>, dem Kindesraub und Kindesmissbrauch und dem Bankeinbruch usw.! Ist das die Wirklichkeit, in der wir leben? Ist das die Wahrheit, die uns tr\u00e4gt? Und irgendwie infiziert das ja auch uns selbst!<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine andere Welt tut sich auf, wenn man dann in der Bibel liest! Eine befriedete und vers\u00f6hnte Welt. Der Hebr sagt: Haltet fest am Bekenntnis, und d. h. bleibt bei der Wahrheit, um eures Heils willen bleibt bei der Wahrheit, verliert sie nicht aus dem Herzen, es geht um das, was das Herz fest macht und es rein h\u00e4lt. Lasst all den Schmutz und die t\u00f6richten Scheinwelten nicht in euer Herz hinein. Sie binden euch an Verg\u00e4ngliches. Seht auf zu Jesus, den Anf\u00e4nger und Vollender des Glaubens. Haltet fest am Bekenntnis zu ihm, dem Gottessohn. Er ist unser Hoherpriester.<\/p>\n<p>Gegen die Wahrnehmung einer Welt, die keinen Bestand hat, erinnert der Hebr uns immer wieder an die Bibel, das AT, er l\u00e4sst sie zu Wort kommen wie \u00fcberhaupt die Tradition Israels immer wieder durchkommt bei ihm, und er bringt sie zum Sprechen. Und indem er das tut, bringt er zugleich das Zeugnis von Christus neu und \u00fcberraschend zur Sprache. Und die Leute haben hingeh\u00f6rt und sich im Stillen gesagt: so habe ich das ja noch gar nicht gewusst. So geht es mir auch immer, wenn ich mich mit dem Hebr besch\u00e4ftige: Das ist fremd und macht mich neugierig und ich will wissen, wie er das meint.<\/p>\n<p>Zum Beispiel mit der Rede von Jesus, dem Sohn Gottes, und der ist unser Hoherpriester. Das ist neu: Christus, der Hohepriester. Und es ist ungewohnt. Es ist der Versuch, eine neue Antwort zu geben auf die alte Frage: Was ist Christus f\u00fcr uns? Was n\u00fctzt er uns, was haben wir von ihm? Und da nutzt der Hebr die Tradition Israels, das ja den Hohenpriester kannte, und wendet sie auf Christus an; er denkt dabei nicht an das Tempelpriestertum in Jerusalem, sondern er greift weit zur\u00fcck in die Fr\u00fchzeit Israels, in die Zeit der V\u00e4ter, wie man das nannte, als Abraham noch da war, hin zu dem sagenhaften Melchisedek, dem Priester-K\u00f6nig, und wie diese beiden M\u00e4nner sich begegnen: Abraham, der seine Heimat verlassen hat und unterwegs ist zu dem Land, das Gott ihm zeigen will, und Melchisedek, was so viel hei\u00dft wie K\u00f6nig der Gerechtigkeit, der Priester, der den Gottessegen \u00fcber Abraham und die Verhei\u00dfung erneuert, er, der K\u00f6nig von Salem, Friedensk\u00f6nig eben, Priester und K\u00f6nig in einem, und er verbreitet Segen in Frieden und Frieden durch Segen. An ihm, an Melchisedek, orientiert sich das Priestertum Jesu, er hat die Verhei\u00dfung Gottes, von ihm geht Segen aus. Christus ist nicht Hoherpriester wie Kaiphas, den wir aus der Passion Jesu kennen, und andere seinesgleichen, Vorsteher einer Religionsbeh\u00f6rde, eines W\u00e4chterrates. Sondern Priester ist er nach der Ordnung Melchisedeks, der den Menschen entgegengeht, und sie ziehen gesegnet und in Frieden weiter.<\/p>\n<p>Es ist diese Gewissheit, die von Jesus ausgeht und die ihn zum Priester macht: Dass wir seine Gesegneten sind, nicht eines Opfers bed\u00fcrftig, das wir bringen m\u00fcssten, sondern er selbst, Christus, hat uns vers\u00f6hnt mit Gott. Der Kultpriester will durch seine kultischen Handlungen die Vers\u00f6hnung zwischen Gott und Mensch bewirken. Christus ist selbst die Vers\u00f6hnung, und wer Vers\u00f6hnung sucht, muss nicht seinen Handlungen folgen, sondern er muss ihm folgen, dem Sohn Gottes. So wie der Hebr das an anderer Stelle sagt: <em>Lasst uns aufsehen auf Jesus, den Anf\u00e4nger und Vollender des Glaubens <\/em>. (12, 2) Das ist es: Dass wir Christus in den Blick kriegen und ihn nicht aus den Augen und aus dem Herzen lassen. An die Stelle der kultischen Vollz\u00fcge tritt die Nachfolge Jesu im Sinne von Glauben, Liebe und Hoffnung, alles an seine Person gebunden. Und wenn wir etwa die Scheinwelten kritisieren, die uns st\u00e4ndig ins Haus geliefert werden, oder die ungedeckten Schecks auf die Zukunft, dann k\u00f6nnen wir das nicht tun, ohne zugleich zu bezeugen, was wir glauben und f\u00fcr wahr halten; und unsere Kritik an Diffamierungen und Verleumdungen ist dann einleuchtend und ehrlich, wenn wir in Liebe einander suchen und begegnen; und \u00fcber allem schulden wir der Welt unsere Hoffnung; nicht Untergang haben wir zu predigen, nicht den Verlust aller Werte haben wir zu beklagen, sondern Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist. (1 Petr 3, 15) Dass wir in der ganzen Kurzatmigkeit und kurzschl\u00fcssigen Getriebenheit den langen Atem der Hoffnung behalten.<\/p>\n<p>Man kann es auch so sagen: An die Stelle des Kultes tritt das Herz. Mit dem Herzen nehmen wir wahr, was da geschieht, und mit dem Herzen nehmen wir es auf. Christus, der Hohepriester, sucht unser Herz und mit dem Herzen will er begriffen sein. Die Vers\u00f6hnung mit Gott findet in unserem Herzen statt. Auf das Herz kommt es an. Und auf den Glauben: <em>Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. <\/em> (Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen, Bornkamm\/Ebeling, Bd. 1, S. 243)<\/p>\n<p>Und nun das andere: <em>Er hat die Himmel durchschritten. <\/em> Ein eindr\u00fcckliches Bild: Christus, wie er die himmlischen R\u00e4ume durchmisst. Teilhabe an der Majest\u00e4t Gottes: Dass er sich den Himmel aneignet, um ihn uns zu schenken. Ist es der Himmel als Wohnung Gottes oder sind damit die Lebensr\u00e4ume der M\u00e4chte und Gewalten gemeint, die ihre Herrschaft \u00fcber uns ausbreiten wollen und die Christus unterworfen hat und die darum ihre Gewalt \u00fcber uns verloren haben? Ich denke, es geht um die Lebenswelten jenseits des Horizonts dessen, was unser Auge wahrnimmt, um das Hintergr\u00fcndige eben, das unser Leben beeinflusst und dem wir uns so schwer entziehen k\u00f6nnen; wir wissen nicht, woher es kommt und wozu es f\u00fchrt, aber es ist da und hat uns im Griff: Lebensschmerz und Todesangst, Einsamkeit und Ausgeliefertsein, Schicksal und Schuld, und immer die bange Frage: wie komme ich frei davon? Gibt es Befreiung? Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p>Ja, es gibt sie. Christus, der die Himmel durchschritten hat, er hat sie sich unterworfen, und das zu wissen, gibt mir die Freiheit, gegen Traurigkeit und Todesangst Christus zu setzen als Bild der Hoffnung und des Lebens; das gibt mir Freiheit, den Menschen zu achten und zu w\u00fcrdigen, wie er wirklich ist und lebt: abseits einer Event-Kultur \u0096 gar nicht fr\u00f6hlich, st\u00e4ndig unter Druck, elend und krank, verzagt, m\u00fcde, schwach. Und den in ihm zu sehen, der seine W\u00fcrde hat, weil Gott ihn liebt und weil ihm Gottes Verhei\u00dfung in Christus gilt. Der hat die Himmel durchschritten und sie stehen nicht mehr zwischen uns und Gott. Es ist einer, der Himmel und Erde zusammenh\u00e4lt, der der Erde den Himmel wiedergibt, der der Erde ein Haus gibt, ein Dach \u00fcber dem Kopf, und der gegen allen Vernichtungswillen Gnade und Barmherzigkeit setzt.<\/p>\n<p>Christus, der Hohepriester, dem der Himmel geh\u00f6rt. Und der doch zugleich ganz von dieser Erde ist, der mitleiden kann mit unseren Schwachheiten und der versucht wurde in allem, weil er uns gleich war. Nicht ein Gott in Menschengestalt, der im entscheidenden Augenblick sein Menschsein verl\u00e4sst und sich zur\u00fcckzieht auf seine Gottheit. Sondern: \u0084wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren\u0093, sagt Luther im Kleinen Katechismus in der Erkl\u00e4rung zum 2. Artikel des Glaubensbekenntnisses. Nicht scheinbar Mensch ist er. Dagegen wendet sich der Hebr. Sondern: \u0084wahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von S\u00fcnd und Tod.\u0093 (EG 30, 3) Die Lehrauseinandersetzungen der alten Kirche scheinen durch: Wie geht das zusammen, Gottheit und Menschheit in einem? Muss das nicht doch nach der einen nach der anderen Seite hin entschieden werden?<\/p>\n<p>Diese Spannung m\u00fcssen wir aushalten. Ohne das Menschsein Jesu w\u00fcrde unser Leiden nicht bei Gott ankommen. Und ohne das Gottsein Jesu w\u00fcrde die Vers\u00f6hnung nicht bei uns ankommen.<\/p>\n<p>Darum ist es so wichtig: Dieser Jesus, dieser Hohepriester, dem der Himmel geh\u00f6rt, der ist leidensf\u00e4hig, der ist versucht worden in allem wie wir: von Gott zu lassen, an sich selbst zu denken, seinem Auftrag auszuweichen. Er h\u00e4tte sich, weil er Gott war, davonstehlen k\u00f6nnen, als es eng wurde. Aber er hat ausgehalten, ist geblieben, ist nicht davongelaufen. Gott sei Dank!<\/p>\n<p>Vielleicht war das seine gr\u00f6\u00dfte Versuchung: sich seiner Sendung zu entziehen. Der Gebetskampf im Garten Gethsemane beschreibt das. Wie er mit Gott ringt und wie er sich schlie\u00dflich f\u00fcgt. Er bleibt. Und er leidet nicht nur mit, sondern er leidet, so, wie einer nur leiden kann, nimmt teil am Leid der Erde, an unserem Leid. Und <em>das <\/em> ist sein Mitleiden mit uns. Nicht Herablassung, sondern Sich-Hineinbegeben. Und wie er den Himmel durchmessen hat, so hat er auch die Erde durchmessen, d. h. er kennt sie, er kennt sich aus auf ihr, kennt das versteckte, verborgene Leid, das sich selbst nicht \u00e4u\u00dfern kann, tr\u00e4gt es, d. h. es wird leichter; und er tr\u00e4gt es vor Gott. Da ist es aufgehoben.<\/p>\n<p>Wer war Jesus? Wer ist er; wer ist er f\u00fcr uns? Dass wir nicht an der Unlogik des Verh\u00e4ltnisses von Gott und Mensch in seiner Person scheitern, sondern dass wir begreifen: Wir brauchen die Gottheit Jesu und wir brauchen seine Menschheit, weil wir anders die N\u00e4he Gottes nicht erfahren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>In allem versucht, doch ohne S\u00fcnde. Das ist ungewohnt und taucht erst in den sp\u00e4ten Schriften des NT auf. Es gibt eine Grenze des Menschseins Jesu, die von Gott gezogen wird. Weil Gott ohne S\u00fcnde ist, muss auch der Mensch Jesus ohne S\u00fcnde sein. Nur um dieser Logik willen? Ich denke, es geht um mehr. Nicht eine Idealgestalt wird hier beschrieben: Jesus, der S\u00fcndlose. Der die S\u00fcnde nicht an sich herankommen l\u00e4sst und der sie meidet. Jesus kennt die S\u00fcnde und er kennt ihre zerst\u00f6rerische Wirkung. Seine Heilungen sind Heilungen von den Wirkungen der S\u00fcnde, und wenn er S\u00fcnde vergibt, ist das zugleich Heilung von ihren Folgen. Aber er kennt sie nicht in sich selbst: die S\u00fcnde als Gottesferne, als mangelndes Gottvertrauen und Mangel an Gottesfurcht und Gottesliebe. S\u00fcnde ist ja mehr als eine moralische Verfehlung. S\u00fcnde, das ist Verzicht auf Gott. Ich bin ganz auf mich konzentriert und komme immer wieder auf mich zur\u00fcck. Und darum verfehle ich Gott. Und genau an dieser Stelle \u0096 und das stellt der Hebr zu Recht heraus \u0096 an dieser Stelle war Jesus uns nicht gleich: er verzichtete auf sich selbst und stellte Gott \u00fcber alles. Und deswegen hatte die S\u00fcnde keinen Raum bei ihm.<\/p>\n<p>Und nun geschieht im letzten Vers das Erstaunliche: Der Hohepriester Jesus hat den Weg frei gemacht zum Thron der Gnade. Er steht nicht f\u00fcr uns vor diesem Thron, sondern wir haben selbst den Zugang im Vertrauen auf ihn, und er ist es, der uns auf dem Thron erwartet. Denn der Thron der Gnade, das ist Jesu Kreuz. Anders ist von Gottes Gnade nicht zu reden, anders ist Gottes Barmherzigkeit nicht zu empfangen, als dass wir zum Kreuz Jesu gehen und da entdecken: Das Mitleiden mit uns, von dem der Hebr spricht: Es ist sein Leiden, sein Sterben, sein Tod. Aber es ist auch sein Dabeibleiben: gegen alle Versuchung, gegen allen Spott derer, die vorbeigingen, sich nicht davon gemacht zu haben. Er hat es ausgehalten, ist bei uns geblieben, und sein Kreuz ist uns der Ort, wo wir die Liebe Gottes und seine Gnade und Barmherzigkeit entdecken. Und Hilfe finden. Der Christus, der im Leiden bleibt, wird uns zum Zeugen Gottes, der uns in Leid und Angst h\u00e4lt. Wir fallen nicht in unendliche Tiefen, sondern die Ewigkeit nimmt uns auf.<\/p>\n<p>Ohne, dass wir offenbar werden, geht es freilich nicht. Das steht ja hinter diesem Bild von dem Thron, dem wir uns nahen. Wir kennen das aus dem Gleichnis vom Weltgericht: Da wird der Menschensohn (ein anderes Pr\u00e4dikat f\u00fcr Jesus) auf dem Thron der Herrlichkeit sitzen und die V\u00f6lker richten. (Mt 25) Der Hebr hat eine andere Vision: Es geht nicht eigentlich mehr um Gericht in dem Sinne, dass offenbar wird, was wir getan und nicht getan haben, Schuld und Vers\u00e4umnisse (2 Kor 5, 10). Sondern hier geht es darum, dass offenbar wird, wer wir um Christi willen sind: in Gottes Gnade und Barmherzigkeit aufgehoben und darum voller Zuversicht und Vertrauen zu Gott.<\/p>\n<p>Es ist erstaunlich, dass gerade der Hebr, der sonst so streng mit seinen Leuten redet, dieses so sagt. Aber er hat Recht. Denn das ist ja um Christi willen die Wahrheit \u00fcber uns: Am Ende erwartet uns der gn\u00e4dige und barmherzige Gott. Und auf ihn gehen wir zu, ein ganzes Leben lang.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Friedrich-Otto Scharbau<br \/>\n<a href=\"mailto:F.O.Scharbau@t-online.de\">F.O.Scharbau@t-online.de <\/a><\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Invokavit, 29. Februar 2004 Predigt \u00fcber Hebr\u00e4er 4, 14-16, verfa\u00dft von Friedrich-Otto Scharbau Liebe Gemeinde, darauf kommt es an: Dass wir Christus begreifen! Dass wir begreifen, wer er ist und wer er f\u00fcr uns ist. 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