{"id":9815,"date":"2021-02-07T19:49:35","date_gmt":"2021-02-07T19:49:35","guid":{"rendered":"https:\/\/theologie.whp.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=9815"},"modified":"2022-10-10T09:14:54","modified_gmt":"2022-10-10T07:14:54","slug":"roemer-5-1-11","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-5-1-11\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 5, 1-11"},"content":{"rendered":"<div align=\"left\">\n<p>\u0084Unendliche Verantwortung ruiniert einen Menschen, weil er nur Mensch<br \/>\nist und nicht Gott. Ich denke, es ist das Lachen, das zwischen der Unbegrenztheit<br \/>\nder Aufgabe und der Begrenztheit der Kr\u00e4fte vermitteln kann.\u0093 Noch<br \/>\neinmal: es ist das Lachen, das zwischen der Unbegrenztheit der Aufgabe<br \/>\nund der Begrenztheit der Kr\u00e4fte vermitteln <strong>kann. <\/strong><\/p>\n<p>Dieser Satz des Theologen J\u00fcrgen Moltmann, liebe Gemeinde, geht<br \/>\nmir nach! Und er k\u00f6nnte quasi als Motto f\u00fcr meine Predigt dienen,<br \/>\nweil er eine ganze Menge von dem enth\u00e4lt, was unseren eben geh\u00f6rten<br \/>\nheutigen Predigttext auszeichnet.<\/p>\n<p>Trotzdem will ich nun <strong>nicht <\/strong> damit beginnen, sondern<br \/>\nmit einer Jahreszahl: der Zahl 1619! Sie wird Ihnen wahrscheinlich nicht<br \/>\nsehr viel sagen; sie hat auch mir nichts gesagt, bis ich zuf\u00e4llig<br \/>\ndurch eine Predigt auf sie aufmerksam gemacht wurde. Diese Zahl markiert<br \/>\nein Datum, das man eigentlich erinnern sollte: im Jahre 1619 wurden die<br \/>\nersten Negersklaven in Jamestown, Virginia, von einem holl\u00e4ndischen<br \/>\nSchiff aus an Land gebracht. 385 Jahre ist das nun her. Damit das aber<br \/>\nnicht abstrakt bleibt, rasch ein Bild: das Bild eines Sklavenmarktes!<br \/>\nWie Vieh hat man die Nigger zusammengetrieben, wie Ochsen mit gl\u00fchenden<br \/>\nEisen gestempelt; sie m\u00fcssen sich begaffen und betasten lassen,<br \/>\nm\u00fcssen ihre Muskeln zeigen oder ihr Gebiss; ein Nigger war, wie<br \/>\nein Gesetz des Jahres 1787 feststellte, nur zu 3\/5 ein Mensch und zu<br \/>\n2\/5 ein Tier. Man schlug ihn wie ein Tier, hielt ihn unwissend wie ein<br \/>\nTier, f\u00fctterte ihn, damit er Leistung bringen konnte, trennte ihn<br \/>\nvon seinen Angeh\u00f6rigen, weil der das ja sowieso nicht sp\u00fcrte!<br \/>\nMan bot ihn feil, feilschte um ihn und sein Wert stieg oder fiel nach<br \/>\nden Gesetzen des Marktes: etwa 200 Dollar um 1700, zwischen 1000 und<br \/>\n2000 Dollar einhundert Jahre sp\u00e4ter. Kinder nat\u00fcrlich immer<br \/>\nmit mehr als 50% Erm\u00e4\u00dfigung!<\/p>\n<p>Ich breche hier ab und frage: Warum emp\u00f6rt es uns heute, so etwas<br \/>\nzu h\u00f6ren? Weil das grausam, unmenschlich, unbegreiflich ist? Was<br \/>\nist daran so unmenschlich? Ich meine, dieses: dass da Menschen auf den<br \/>\nMarkt gebracht und eingesch\u00e4tzt wurden, dass man sie zu Dingen erniedrigte,<br \/>\nderen Wert darin bestand, was sie n\u00fctzten! Alles andere ergab sich<br \/>\ndann daraus wie von selbst!<\/p>\n<p>Heute ist die Sklaverei aufgehoben. Offiziell schon l\u00e4ngst! Inoffiziell<br \/>\naber gibt es sie noch immer bis in unsere Tage hinein \u0096 wenn auf deutschen<br \/>\nBaustellen und in deutscher Schwerindustrie ausl\u00e4ndische Arbeiter<br \/>\nverh\u00f6kert werden oder \u0096 wie wir ja immer wieder aus den Nachrichten<br \/>\nh\u00f6ren \u0096 wenn Fl\u00fcchtlinge aus Afghanistan oder anderswoher in<br \/>\nheimlichen Transporten wie Vieh \u00fcber die Grenzen geschmuggelt werden<br \/>\nsollen.<\/p>\n<p>Vom Unrecht, das solchen Menschen immer wieder widerf\u00e4hrt, ist<br \/>\nja \u00f6fter mal die Rede; davon muss auch immer wieder gesprochen werden.<br \/>\nAber dennoch wird allzu oft dabei etwas \u00fcbersehen, das weniger deutlich<br \/>\nin Erscheinung tritt, aber dennoch nicht weniger wichtig ist: ich meine<br \/>\ndie Mentalit\u00e4t, die Einstellung des Sklavenmarktes. Sie ist erschreckend<br \/>\nweit verbreitet. Im Grunde findet sie sich ja fast \u00fcberall \u0096 die<br \/>\nVorstellung von der Ware Mensch, auch an Stellen, wo sie keiner vermutet,<br \/>\nweil sie mit dem Beispiel, von dem ich ausging, scheinbar nichts zu tun<br \/>\nhaben. Davon soll nun die Rede sein!<\/p>\n<p>Ein Mensch ist das wert, was er erbringt! Um diese Behauptung geht es!<br \/>\nUnd ich f\u00fcrchte, dass wir alle auf die eine oder andere Weise von<br \/>\nihr beeinflusst sind! Zur Zeit gibt es furchtbar viel Entt\u00e4uschung<br \/>\nund Erm\u00fcdung, Resignation unter uns! Das geistige Klima ist von<br \/>\nM\u00fcdigkeit und Gef\u00fchlen der Minderwertigkeit gekennzeichnet.<br \/>\nAuch davon, dass ganz viele einfach aussteigen aus dem Zwang, etwas leisten<br \/>\nzu m\u00fcssen. Sie suchen nach dem, was ihnen Spa\u00df macht; nicht<br \/>\nmehr Forderung und Leistung spielen f\u00fcr sie eine Rolle, sondern<br \/>\nLustgewinn als Reaktion darauf, dass man st\u00e4ndig \u00fcberfordert<br \/>\nwurde. \u00dcbrigens: das gilt auch f\u00fcr die moralische Forderung,<br \/>\njeder sei f\u00fcr alles verantwortlich. Vielleicht haben wir uns in<br \/>\nder Vergangenheit damit ja tats\u00e4chlich zu viel zugemutet. Das Gesetz<br \/>\nt\u00f6tet, hat Paulus einmal geschrieben; und statt Gesetz k\u00f6nnte<br \/>\nman auch sagen: die Norm, der einer gen\u00fcgen muss, um recht zu sein,<br \/>\num auf den M\u00e4rkten dieser Welt etwas zu gelten. Und wer unter diesem<br \/>\nst\u00e4ndigen Zwang lebt, der muss sich entweder bel\u00fcgen \u00fcber<br \/>\ndas, was an ihm selbst der Norm widerspricht, um umso heftiger andere<br \/>\ndabei zu kritisieren; oder er muss mutlos werden, resignieren. Es sei<br \/>\ndenn, er w\u00fcrde aufbegehren und sich weigern mitzumachen. Aber wer<br \/>\nschafft das denn schon wirklich?<\/p>\n<p>So etwa, liebe Gemeinde, sind die Gedanken, die Paulus in den Kapiteln<br \/>\ndes R\u00f6merbriefs vor unserer Textstelle heute behandelt. Und er kn\u00fcpft<br \/>\ndaran an, indem er von einer vierten M\u00f6glichkeit spricht: er spricht<br \/>\ndavon, dass Menschen aus der Sklaverei des Gesetzes befreit werden k\u00f6nnen,<br \/>\nweil sie erfahren, dass ihr Wert sich von ganz anderen Ma\u00dfst\u00e4ben<br \/>\nher ergibt als sie die geltende Marktordnung vorschreibt; er meint die<br \/>\nMa\u00dfst\u00e4be, die in Jesus sichtbar wurden!<\/p>\n<p>Vielleicht erinnern Sie sich: da ist die stadtbekannte Hure, die Jesus<br \/>\nmit ihren Tr\u00e4nen die F\u00fc\u00dfe wascht. Und er jagt sie nicht<br \/>\ndavon, als die Pharis\u00e4er, jene Bankiers Gottes, dar\u00fcber murren.<br \/>\nOder er kehrt in Jericho bei dem mindestens ebenso stadtbekannten Ausbeuter<br \/>\nZach\u00e4us ein; und er tut dies, um deutlich zu machen, dass Gott den<br \/>\nZusammenhang von Leistung, Lohn und Wert des Menschen sprengt. Und die<br \/>\nEmp\u00f6rung der Rechtschaffenen damals war gro\u00df. Sie d\u00fcrfte<br \/>\nauch heute wohl kaum geringer sein. Was Jesus tat, brachte tats\u00e4chlich<br \/>\ndie zwischenmenschliche Tarifordnung ins Wanken. Aber genau darum geht<br \/>\nes im Evangelium: dass Gott mit keinem nach seinem Marktwert verkehrt;<br \/>\nvor ihm gelten sie alle! Weil er sie nach der Liebe beurteilt, die darin<br \/>\nsichtbar wurde, dass Jesus bereit war, sein Leben hin zu geben. Wenn<br \/>\nPaulus davon redet, dann gebraucht er \u0096 wie in unserem Text \u0096 die Worte<br \/>\nLiebe und Gnade. Und nach dem Sprachgebrauch seiner Zeit meint er in<br \/>\ndiesen Worten, dass da einer sich dem anderen zuwendet, weil er ihm etwas<br \/>\nbedeutet \u00fcber das hinaus, was seine positiven Eigenschaften sind.<\/p>\n<p>Das alles \u0096 so f\u00fcgt der Apostel sofort hinzu \u0096 ist freilich keine<br \/>\nSache blo\u00df der Vergangenheit, sondern es geht um das, was heute<br \/>\ngeschieht. \u0084Gott hat die Liebe in unsere Herzen ausgegossen durch seinen<br \/>\nGeist!\u0093 hei\u00dft es hier, und was Paulus damit meint, ist, finde ich,<br \/>\neinfach zu verstehen \u0096 auch wenn die Worte aus dem R\u00f6merbrief zun\u00e4chst<br \/>\nso beschwerlich klingen. Er meint n\u00e4mlich, dass Gott sich nicht<br \/>\nnur irgendwann einmal der Menschheit zugewandt hat, sondern er tut dies<br \/>\nimmer noch. Und das kann \u00fcberall dort erfahren werden, wo einer<br \/>\nin den Einflussbereich der noch immer gegenw\u00e4rtig wirksamen Liebe<br \/>\nChristi ger\u00e4t. Denn wo das geschieht, das einer merkt, er sei Gott<br \/>\nwirklich recht, da kann er aufatmen und frei sein. Wir erhalten Frieden<br \/>\nmit Gott, sagt der Apostel. Gemeint ist mit diesem Wort freilich keine<br \/>\nblo\u00dfe Abwesenheit von Streit und ebenso wenig die Behaglichkeit<br \/>\neiner Sofaecke; Friede ist in unserer ganzen Bibel immer die M\u00f6glichkeit,<br \/>\nwirklich zu gedeihen. M\u00f6glich wird das, wo eine Gemeinschaft wieder<br \/>\nheil geworden ist. Und nun wird sicherlich auch klar, warum Paulus am<br \/>\nEnde unseres Textes von der r\u00fchmenden Gewissheit spricht! Denn da<br \/>\nhat dann tats\u00e4chlich das Lachen seinen Platz, von dem ich zu Beginn<br \/>\nsprach: das Lachen der Befreiten! Und ich glaube schon, dass wir das<br \/>\nin besonderer Weise brauchen: die l\u00e4chelnde Z\u00e4higkeit und den<br \/>\nfreudigen langen Atem des Glaubens! Eines Glaubens, der damit rechnet,<br \/>\ndass nicht unsere Entt\u00e4uschungen das letzte Wort haben und nicht<br \/>\ndie Unm\u00f6glichkeiten, die wir um uns herum erleben, sondern eben<br \/>\ndieser Gott!<\/p>\n<p>Wenn ich recht sehe, dann stehen sich heute in unserer Gesellschaft<br \/>\nzwei Extreme gegen\u00fcber: ungeduldiger Aktivismus und dauernder Ver\u00e4nderungswille<br \/>\nauf der einen, resignierende M\u00fcdigkeit auf der anderen Seite. Was<br \/>\nfehlt, ist die F\u00e4higkeit, durch zu halten, die Geduld mit Energie<br \/>\nverbindet. Vielleicht haben wir Christen an dieser Stelle eine besondere<br \/>\nAufgabe! Aber was hei\u00dft hier eigentlich \u0084vielleicht\u0093? Ich bin davon \u00fcberzeugt,<br \/>\ndass wir diese Aufgabe haben und dass dazu die Botschaft der Bibel, der<br \/>\nGlaube, die Hoffnung, die Liebe \u0096 dieser unser Text \u0096 Wesentliches beitr\u00e4gt!<\/p>\n<p>Und der Friede Gottes, der oft genug so anders verstanden wird als er<br \/>\ngemeint ist, der bewahre unsere Gedanken und Taten der Liebe in Jesus<br \/>\nChristus, unserem Herrn. Amen.<\/p>\n<p><strong>Lothar Grigat<br \/>\nPfarrstr. 12<br \/>\n34576 Homberg (Efze)<\/strong><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u0084Unendliche Verantwortung ruiniert einen Menschen, weil er nur Mensch ist und nicht Gott. Ich denke, es ist das Lachen, das zwischen der Unbegrenztheit der Aufgabe und der Begrenztheit der Kr\u00e4fte vermitteln kann.\u0093 Noch einmal: es ist das Lachen, das zwischen der Unbegrenztheit der Aufgabe und der Begrenztheit der Kr\u00e4fte vermitteln kann. 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